...schon wieder eine Frage. Mir ist noch nicht ganz klar, was es bedeutet, spirituellen Beistand zu leisten. Was ist das genau? Richtet sich das nach der Religion des Patienten oder hängen meine Antworten auf seine möglichen Fragen von seiner Einstellung zum Tod ab? Kann ich meine Gedanken zum Tod und das danach äußern ( Leben nach dem Tod...)?
In Antwort auf:Richtet sich das nach der Religion des Patienten oder hängen meine Antworten auf seine möglichen Fragen von seiner Einstellung zum Tod ab?
Sowohl als auch. Das Wichtigste auch hier ist, das die spirituellen Bedürnisse des sterbenden Menschen im Vordergrund stehen. Das bedeutet weit weniger, eigene spirituelle Ansichten und Äusserungen zu liefern, weil die Gefahr besteht, diese auf den zu betreuenden Menschen zu projizieren oder im schlimmsten Falle zu missionieren. Ich persönlich tendiere dazu wie dahin, den sterbenden Menschen, wenn er spirituelle Themen von sich aus anspricht, durch Fragen zu motivieren, das er seine spirituelle Sicht der Dinge offen und ohne Angst aussprechen wie besprechen kann. Wenn ich mit im Sinne eines solchen Besprechens in Kommunikation wie einem Dialog trete, gehe ich auf seine Sicht der Dinge ein, um durch ein solches Gespräch sein Vertrauen, seine Hoffnung, seine Bereitschaft, dadurch loslassen zu können, zu begleiten wie zu stärken. Ich spreche aber keineswegs Dinge von mir aus an, welche nicht in ihm liegen oder zu welchen er gar keinen eigenen, persönlichen Bezug hat.
Das bedeutet: Auch in spirituellen Dingen begleiten wir, wir führen nicht!!
In Antwort auf:Kann ich meine Gedanken zum Tod und das danach äußern ( Leben nach dem Tod...)?
Wenn Dich ein zu betreuender, sterbender Mensch dazu ermuntert und darum bittet, ja natürlich, allein von der eigenen Motivation würde ich persönlich nicht so verfahren. Der schwerstkranke, sterbende Mensch gestaltet sein eigenes Sterben in Autonomie und Würde selbst, das müssen wir achten und respektieren, also stehen eigene Ansichten und das Bedürfnis, diese zu äussern und darzulegen, ersteinmal nachrangig an zweiter Stelle.
Also: Darauf achten und wahrnehmen, was der schwerstkranke und sterbende Mensch von Dir erbittet und wünscht, wenn Du ihm dieses, auch in spiritueller Hinsicht, in und mit Deiner Liebe erfüllst, zeigst Du ihm schon vor dem Tod den Himmel.
Vielen Dank für die schnelle Antwort. Der letzte Satz ist besonders schön geschrieben.
Jetzt aber noch etwas. Gestern kam im TV ein Bericht bezüglich der aktiven Sterbehilfe, die ja bei uns noch verboten ist. Ist es denn in eurer täglichen Arbeit als Hospizhelfer/-in schon einmal vorgekommen, dass ein Patient den Wunsch äußerte, durch aktive Sterbehilfe zu versterben (z.B. Medikament)?
In den Leitsätzen der Hospizarbeit wird gesagt, der Mensch sollte würdig und selbstbestimmt sein Lebensende gestalten. Ist es denn nicht selbstbestimmt, wenn er die aktive Sterbehilfe wünscht?
Natürlich kommt es schon mal vor, das schwerstkranke und sterbende Menschen an Suizid denken. In der Hauptsache beruht das aber zumeist darauf, das sie aufgrund ihrer Krankheitssymptomatik an unaussprechlichen Schmerzen leiden, was ihnen ihre ganze Lebensqualität vermindert. Hier kommt aber die Palliative-Care ins Spiel, welche nicht mehr kurativ (heilend) behandelt, sondern lindernd. Durch das Einstellen auf eine optimale Schmerztherapie wie eine ebensolche regelmässige Symptomkontrolle kann man die Schmerzen des Patienten annähernd lindern, die Lebensqualität steigt wieder und der Wunsch nach Suizid tritt ganz zurück.
Hospizbewegung und Palliativmedizin arbeiten Hand in Hand zusammen und ermöglichen, das auch ein schwerkranker, sterbender Mensch die Zeit seines Sterbens als lebenswertes, würdiges Leben empfindet.
Die Hospizbewegung lehnt Sterbehilfe strikt ab: Es kommt nicht darauf an, das Leben eines schwerstkranken sterbenden Menschen künstlich zu verkürzen und auch nicht mit dem Einsatz aller möglichen Mittel zu verlängern. Es kommt darauf an, einem zu betreuenden Menschen bis zu seinem letzten Atemzug seine Lebensqualität soweit zu erhalten, das er ohne Schmerzen sterben kann und nicht allein, also einsam, sterben muss. Sterben heisst in der Hospizbewegung: Leben bis zuletzt, denn solange man noch nicht gestorben ist, lebt man immer noch!!
Wenn Du das einem schwerstkranken, sterbenden Menschen in seinem Sterben schenken kannst, dabei auf seine Wünsche und Bedürfnisse eingehst, schenkst Du Dich ihm selbst in all Deiner hingebenden Liebe. Mehr kannst Du nicht tun, weil Du in Deiner Liebe schon alles schenkst, was möglich ist: Das Paradies im Herzen wie die Aussicht auf den Himmel!!
In Antwort auf:Ist es denn in eurer täglichen Arbeit als Hospizhelfer/-in schon einmal vorgekommen, dass ein Patient den Wunsch äußerte, durch aktive Sterbehilfe zu versterben (z.B. Medikament)?
Natürlich kommt es schon mal vor, wobei meistens nicht von aktiver Sterbehilfe sondern eher von Suizid geredet wird. Hier gilt es darauf einzugehen. Generell wird dabei nicht versucht es auszureden sondern es wird versucht die Hindergründe heraus zu finden. Wenn jemand davon redet, dann stecken u.a. Ängste dahinter. Es gibt ja immer einen Grund für solch ein Anliegen. Manchmal ist es das Gefühl anderen eine Last zu sein, meistens aber eben die Angst qualvoll zu sterben. Dies gilt es heraus zu finden um dann gemeinsam eine Lösung zu finden.
Ein Beispiel: Wir hatten mal jemanden, bei dem klar war, dass er ersticken würde, da auf Grund seiner Krankheit am Ende der ganze Körper gelähmt sein wird, einschliesslich der Atmung. Er sprach ganz offen von Suizid und er hätte es auch jederzeit tun können, da in seiner Wohnung genug Morphine herum lagen. Er tat es nicht, da in Gesprächen er seine Angst vor dem ersticken beim vollen Bewusstsein aussprach. Die Lösung war dann, dass er am Ende narkotiesiert wird. Dies konnte er akzeptieren. Nach diesem Lösungsweg hat er seine letzte Zeit noch genossen und es wurde auch noch ein Wunsch von ihm erfüllt. Soweit ich weiß, fuhren sie noch zu einem Ärzte-Konzert.
Hallo Jana, für mich steht bei so spirituellen Fragen, wie Deine Frage ja auch eine darstellt, das Annehmen des Gegebenen im Vordergrund. Der Mensch, bei dem ich bin, gibt und ich nehme was er gibt und gebe wieder, damit er nehmen kann. Das beinhaltet auch die Vorstellung, daß ich erspüren kann, was jemand hören will. Es ist ein Portion Erfahrung und Vertrauen in die wohltuende Wirkung des eigenen Wortes dabei, wenn man sich auf ein Gespräch einläßt, in dem man eigene Botschaften hintenan stellt und nur auf Botschaften des Sterbenden reagiert. Vielleicht ist eine eine Art unbedingten Wertschätzens. Ganz bei dem sein, der jetzt noch da ist und bald nicht mehr. Denn viel mehr Augenblicke gibt es nicht. Es gibt im tibetischen Buddhismus- einer Religion, die sich in ihren Lehren eingehend mit den Phänomenen Leben, sterben und Tod auseinandersetzt, eine Praxis, den Geist des Sterbenden im Tod zu begleiten. Der Geist wird dabei durch verschiedene Stufen der Wahrnehmung begleitet, während derer sich der Geist vom Körper ablöst. Die wenigen Menschen, die diese Tätigkeit heute noch ausführen (tibet ist ja bald "gehimmelt") würden vielleicht über uns moderne Sterbebegleiter lachen, die wir nur unser Gegenüber haben, das wir wahrnehmen, annehmen und auf das wir reagieren können. Für sie ist Sterbebegleitung eine wissenschaft, die sich aus Jahrtausendelanger Beobachtung des Lebens, des Sterbens und des Todes ableitet. Ich glaube, daß das heute anders ist, daß die natürliche und offene Begegnung von Mensch zu Mensch die Botschaft ist, die wir heute brauchen. Die Hand halten, wenn sie gehalten werden will, den Geist lenken, wenn er in seinen Gedanken durch ein inneres oder stattfindendes Gespräch gelenkt werden will, ein Gebet sprechen, wenn beiden eigene Worte fehlen und sich doch Worte als Ausdruck eines gemeinsamen Begleitungsabschnittes bilden wollen. Sei einfach natürlich, sei Du selbst, Du hast alles in Dir und bist wunderbar. Warum? Weil Du Sterbebegleitung machst!