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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Jana78 ( Gast )
Beiträge:

21.10.2005 08:17
Lebensräume im Alter: Pflegekosten als Armutsfalle für Angehörige? antworten
Und plötzlich scheint ein ganzes Leben in Scherben zerbrochen

Von heute auf morgen stimmen gute Erinnerungen traurig.
Vom 21.10.2005

Überraschungen stehen Menschen mit zunehmender Lebenserfahrung skeptischer gegenüber. Dass selten was Gutes nachkomme, ist eine ihrer Weisheiten. Muss dann der Lebensgefährte in ein Heim, sieht sich der Zurückbleibende in seinen Ängsten grausam bestätigt. Und zu all den seelischen Problemen einer Kostenlawine ausgesetzt, die ihn zu ersticken droht.


Der Mann wird zu Weihnachten 82 Jahre alt, seine Frau ist drei Monate jünger. Vor eineinhalb Jahren wurde sie mit seiner Zustimmung in einem Pflegeheim untergebracht. Später befand der Medizinische Dienst der Pflegekasse, anstelle von Leistungen der Pflegestufe 1 seien solche der Stufe 2 angemessen. Der Differenzbetrag wurde rückwirkend berechnet und gleich fällig.

Doch schon bis dahin hatte beider Rente zusammen nicht gereicht, was die Pflegeversicherung nicht zahlt, selbst aufzubringen. Kinder haben sie nicht. "Wir haben es immer wieder versucht, aber es lag halt kein Segen darauf."

Annähernd 100 Euro sind im Schnitt der Heime in Stufe 2 pro Tag fällig, macht alle vier Wochen fast 3000 Euro. Etwa ein Drittel übernimmt die Pflegeversicherung. Dazu ist noch Taschengeld nötig, wird das "Eigengeldkonto" aufgefüllt, aus dem Friseur, Toilettenartikel und dergleichen Notwendigkeiten bezahlt werden.

"Wir haben nie viel ausgegeben", berichtet der Mann. "Meine Frau hat mich immer gebremst." In der Tat hat das Ehepaar in seinem langen Zusammenleben nie große Sprünge riskiert. Doch, ein Mal, als es genug gespart hatte, sogar ein kleines Haus zu kaufen, Baujahr 1902, für sich und die alte Mutter. Stolz waren sie aus der Mietwohnung in einem Block dorthin umgezogen.

"Aus der Traum", stellt der Mann nun fest. Seine Frau ist dement, altersverwirrt. Beim dritten einer Reihe von Klinikaufenthalten, die nötig wurden, weil ihr mal eine neue Hüfte, mal ein Herzschrittmacher "eingebaut" werden musste, hatten die Ärzte vor 15 Monaten dringend geraten, die Frau unmittelbar in ein Pflegeheim zu geben. Die gekannte Welt schien eingestürzt. "Das erste Vierteljahr ist das schlimmste. Gut, dass mir eine Freundin von uns beistand."

Dann bekam er einen Brief. "In dem das Amtsgericht mir mitteilte, ein Anwalt aus Groß-Gerau sei künftig für meine Frau zuständig, als gerichtlich eingesetzter Betreuer", erzählt der Mann. Der Gedemütigte eilte flugs zum Gericht und fragte den Richter, warum er nicht einmal dazu gehört worden war. "Der Richter fragte ein paar Mal ungläubig nach."

Er hob seine erste Entscheidung auf und setzte nun den Ehemann als das ein, was man früher Vormund nannte. Damit kann er, der seine Frau und ihre Bedürfnisse besser als jeder andere kennt, zwar nun auch mit juristischem Segen für sie wirken, doch ist den beiden noch nicht geholfen. Bevor das Sozialamt mit Zuschüssen zur Seite steht, muss alles versilbert werden, was sich das Paar dann doch mal geleistet hat, glaubt er. Und hat damit begonnen, in Ermangelung der weg gegebenen Rentengelder vom Erlös gelebt. Ein paar Münzen, Schmuckteller... Im Alter muss jetzt wohl abgeräumt werden, als wären die beiden Alten schon tot, kommt es ihm vor.

Dass sie ihm das Haus nehmen, in dem so viele gute Erinnerungen stecken und in dem schließlich er selbst noch lebt, fürchtet der Mann. Bei seiner Bank hat man seinen Kreditwunsch angehört und abgelehnt, unter Hinweis auf sein Alter, die neuerdings großen Abbuchungen bis zum Verschwinden des letzten Notgroschens und die spätestens mit Pflegestufe 3 absehbar weiter steigenden Belastungen. Den Wert des Hauses beziffert die Bank auf 150 000 Euro, doch werde er vermutlich höchstens 120 000 bekommen. Ja, wenn man schnell verkaufen muss...

Während der Mann all das erzählt, ist er sehr tapfer. Erst dann kullern ihm immer wieder Tränen herunter. Mehr noch als all das Materielle und mehr noch als alle plötzlich seltsam traurig erscheinenden Erinnerungen an viele gemeinsame, glückliche Jahre macht ihn das Erscheinungsbild seiner geliebten Frau fertig. Jeden Tag besucht er sie im Heim. Wenn er wieder die Haustür aufschließt, mehr als zwei Stunden, nachdem er losgezogen war, seine Frau zu besuchen, hat er sie oder besser das, "was von ihr noch da ist", nur eine Viertelstunde gesehen. "Länger halte ich es nicht aus."

Er liebt sie wirklich, aber gerade das ist es ja. Er möchte nicht, dass sie ihn weinen sieht, will ihr Wärme geben, Kraft, nicht Grund sein, ihre Sorgen und ihr zunehmendes Unverständnis für die Welt noch zu vermehren. Ein Mal pro Woche büchst er aus. Dann fährt er nach Mainz. Dort sitzt er in einem Weinlokal. "Da kennt mich keiner." Die Menschen reden dort von Fußball, Politik und sonstwas. Manches davon hat ihn früher auch interessiert. Heute ist es einfach mal "was anderes". Mit jemandem über seinen Kummer reden kann er dort nicht. "Will ich auch nicht." Behauptet er.

Quelle: http://www.main-spitze.de

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