|
Kinderlähmung (Poliomyelitis) Die Kinderlähmung ist eine hochansteckende, durch Viren übertragene Infektionskrankheit, die häufig zu bleibenden Lähmungen oder gar zum Tod führt. Durch die Durchimpfung der Bevölkerung ist sie in unseren Breiten seit etwa 1960 sehr selten geworden, obwohl die Durchimpfung der Bevölkerung eine abnehmende Tendenz zeigt. Die Krankheit beginnt mit allgemeinen Krankheitssymptomen, die meist nach ca. 14 Tagen abklingen. In wenigen Fällen, und zwar etwa in 1% der Fälle, kommt es in der Folge zu Lähmungserscheinungen oder zur Gehirnhautentzündung, die mangels adäquater Medikamente nur symptomatisch behandelt werden können und meist bleibende Schäden hinterlassen. Die Diagnose erfolgt durch Virusisolierung aus Stuhl, Liquor oder Rachensekret. Definition Die Poliomyelitis ist eine akute fieberhafte Viruskrankheit, deren Erreger bevorzugt die Vorderhörner des Rückenmarks befallen, die die Bewegungen kontrollieren. Dies kann im ungünstigsten Fall zu Lähmungen und Tod führen. Eine spezifische Behandlung der Polio ist nicht bekannt; wichtig ist die prophylaktische Schutzimpfung. Im Jahr 1952 wurden vor allem die USA durch eine Epidemie mit geradezu katastrophalen Ausmaßen heimgesucht. Dabei wurden rund 58.000 Fälle von Polioinfektionen gemeldet. Dabei waren 3.145 Todesfälle zu beklagen und 21.259 Personen, also nahezu 37%, trugen bleibende Lähmungserscheinungen davon. Im gleichen Jahr wurden in der Bundesrepublik Deutschland, einschließlich dem damaligen Westberlin, 9.728 Erkrankungen bekannt gegeben. Von den Erkrankten verstarben 777 Menschen, also rund 8%. Ein prominentes Opfer der Polioinfektion war zum Beispiel der 1921 daran erkrankte spätere (ab 1933) US-amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt (1882-1945), der danach zeitlebens auf einen Rollstuhl angewiesen war. Übertragung Die Erreger der Poliomyelitis sind RNA-Viren aus der Gruppe der so genannten Picornaviren. Die Viren besitzen mit rund 7.000 Basenpaaren eine relativ einfache Struktur und können mittlerweile ohne allzu großen Aufwand sogar im Labor künstlich erzeugt werden! Sie besitzen eine Größe von 25-30 nm (1 nm = 10-9 m). Die Polioviren sind sehr ansteckend. Die Infektion erfolgt vor allem fäkal-oral, also durch Aufnahme kontaminierter Nahrungsmittel oder Getränke, vergleichbar der Übertragung von Hepatitis A. Eine Infektion über Tröpfchen also durch Niesen, Husten, Küssen gilt als eher unwahrscheinlich. Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Erkrankung, beträgt etwa 5 bis 14 Tage, in seltenen Fällen sogar bis zu 35 Tage. Nach der Infektion mit dem Virus kommt es im Körper zur Virusvermehrung und zu unspezifischen Krankheitssymptomen (1. Krankheitsphase). Nach einem darauffolgenden symptomfreien Intervall dringt der Erreger in das zentrale Nervensystem (ZNS) ein und löst dann die 2. Krankheitsphase aus. Diese ist durch Beeinträchtigung von motorischen Systemen gekennzeichnet. Es kommt hierbei zu Muskellähmungen und zur Hirnhautentzündung. Vorkommen In Ländern mit hohem Durchimpfungsgrad tritt die Poliomyelitis nur bei Impflücken durch eingeschleppte Erreger sporadisch auf. Vor Einführung der Schluckimpfung (1962) gab es in den Industrienationen regelmäßig verheerende Epidemien. Es gab zu der Zeit viele Krankheitsverläufe mit Tod, Atemlähmung und zurückbleibenden Defekten. Diese Verhältnisse finden sich auch heute noch in den Entwicklungsländern. Besonders gefährdet sind Indien, Teile Afrikas und Teile Südostasiens. Symptome 1. Krankheitsphase * Kopf- und Gliederschmerzen * Appetitlosigkeit * Durchfall * Fieber * Schluckbeschwerden 2. Krankheitsphase * Hirnhautentzündung * Lähmungen * Rückenschmerzen * Muskelschmerzen * Erhöhte Sensibilität auf äußere Reize Diagnose * Klinische Beobachtung der auftretenden Lähmung * Virusisolierung und -nachweis aus Stuhl, Rachensekret und aus dem Liquor Differentialdiagnose Während der 1. Krankheitsphase kommen fast alle fieberhaften Infektionen in Frage. Die auftretenden Lähmungen können auch durch Coxsackie- und ECHO-Virus-Infektion, Frühsommermeningoenzephalitis, Diphtherie, Neuritis und Guillain-Barre-Syndrom verursacht werden. Laborbefunde Mit Beginn der 2. Krankheitsphase lässt sich im Liquor also die Hirnsubstanz umgebende Flüssigkeit, eine Entzündung nachweisen. Dies zeigt sich unter anderem an erhöhten Eiweißwerten und normalen Glucosewerten. Therapie
Strenge Bettruhe, auch schon bei Verdacht auf eine Polioinfektion. Muskelentspannende, wechselnde Lagerung des Patienten bei auftretenden Lähmungen; langdauernde Krankengymnastik, Beatmung und intensivmedizinische Betreuung. Eine kausale Therapie, also eine direkte Bekämpfung des Virus mit Medikamenten ist (noch) nicht möglich. Komplikationen Zusätzliche bakterielle Infektionen der Luftwege führen zu Atemlähmung. Weiterhin kann es zu einer Herzmuskelentzündung kommen, die später zu einer Herzschwäche führen kann. Prognose Die Verlaufsformen, die mit Lähmungen einhergehen haben eine Letalität (Todesrate) von 2 - 20%. Etwa 50% der anfangs vollständig Gelähmten behalten unterschiedlich schwere Restlähmungen. In vielen Fällen ist mit dem Auftreten des Post-Polio-Syndroms (PPS) zu rechnen Post-Polio-Syndrom (PPS) Unter dem Post-Polio-Syndrom versteht man die nach einer durchgemachten Polioinfektion auftretende Schwäche, und meist mit Schmerzen und völligen Erschöpfungszuständen einhergehenden Beschwerden. Diese Beschwerden sind relativ unabhängig von den möglicherweise gleichzeitig vorhandenen Lähmungserscheinungen. Besonders fatal ist, dass diese Beschwerden oft erst Jahrzehnte nach der Polioinfektion auftreten und weder mit bildgebenden Verfahren noch labordiagnostisch nachweisbar sind. Außerdem ist dabei zu berücksichtigen, dass nur ca. 1% der Polioinfizierten überhaupt die Symptome einer Polioerkrankung ausbilden bzw. ausgebildet hatten. Aber auch dieser Personenkreis kann von dem Post-Polio-Syndrom betroffen werden. Da zur Zeit (Stand 2003) rund 160.000 Menschen allein in der Bundesrepublik Deutschland eine Polioinfektion mit nachfolgenden Lähmungserscheinungen durchgemacht haben, sind rund 100 mal so viele, also ca. 16.000.000 Menschen, potenziell davon betroffen. Da die Polio-Erkrankung seit etwa 1960 in Deutschland als nahezu ausgerottet gilt, betrifft diese Zahl alle im Jahr 2003 über 43 jährige Menschen. Möglicherweise liegt in dem Post-Polio-Syndrom die wirkliche Ursache für viele Erkrankungen, deren Ursachen weitgehend noch im Dunklen liegen, wie z.B. das Chronische Erschöpfungs-Syndrom (CFS). Die unter dem Post-Polio-Syndrom leidenden Menschen müssen vor allem den Mangel des in den Muskeln wirksamen L-Carnitin (Gamma-Trimethylamino-beta-Hydroxybuttersäure) substituieren. Carnitin dient vor allem als Transportprotein von Acetylgruppen durch die Membran der Mitochondrien. Die Mitochondrien gehören als Unterstruktur einer Zelle zu den so genannten Zellorganellen und sind für die Energiegewinnung der Zelle und damit des Organismus verantwortlich. Es sei kurz erwähnt, dass das Carnitin in einer L- und einer D-Form vorkommt. Das ist deswegen von Interesse, da nur das L-Carnitin biologisch aktiv ist, während das D-Carnitin nicht nur biologisch inaktiv ist, sondern das L-Carnitin in seiner Wirksamkeit sogar hemmt. Es hat sich gezeigt, dass von den unter dem PPS leidenden Menschen täglich etwa 4 g der Substanz benötigen, die am preiswertesten als Nahrungsergänzungsmittel erworben werden kann. Vorbeugen Die beste Prophylaxe besteht in einer Impfung. Auf Grund der konsequenten Massenimpfungen konnte die Kinderlähmung beispielsweise in Europa und Amerika nahezu vollständig ausgerottet werden. Im Folgenden ist ein kurzer Abriss der Geschichte der Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gegen das Polio-Virus dargestellt: Im Jahre 1949 gelang es den US-amerikanischen Wissenschaftlern John Franklin Enders (1897-1985), Frederick Chapman Robbins (* 1916) und Thomas H. Weller (* 1915), den Poliovirus in verschiedenen Geweben zu kultivieren, wofür die drei 1954 mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet wurden. Diese Entdeckung machte Salk bei seinen Experimenten an der Universität von Pittsburgh (Pennsylvania) weitgehend von Tierversuchen unabhängig und beschleunigte seine Forschung. Auf seiner Suche nach einem wirkungsvollen Medikament gegen die Polio wurde er seit 1947 mit Forschungsgeldern der US-amerikanische Nationalstiftung "National Foundation für Infantile Paralysis", die 1938 vom US-Präsidenten Roosevelt zur Bekämpfung der Polio gegründet hatte, unterstützt. Ab dem Jahr 1952 begann der amerikanische Bakteriologe/Biologe Jonas Edward Salk (1914-1995) mit ersten experimentellen Impfversuchen. Zunächst probierte er das Vakzine (Impfstoff aus Krankheitserregern) an sich selbst und anschließend an seiner Familie aus. Bis zum Jahr 1954 wurden in den USA auf diese Weise insgesamt 1,8 Millionen Kinder geimpft. Die "Salk-Impfung" erfolgt durch dreimalige Injektion aus inaktiven (abgetöteten) Polioviren der Erregertypen I, II und III. Die ersten beiden Injektion erfolgen im Abstand von 4 bis 6 Wochen, die dritte frühestens nach 7 Monaten; in Zeiträumen von ca. 10 Jahren waren bzw. sind Auffrischungen erforderlich. Seine Impfungen wurden von Albert Bruce Sabin (1906-1995) zu der jahrelang praktizierten Schluckimpfung, die mit Hilfe eines Stückchen Zuckers verabreicht wurde, weiter entwickelt. Und am 12. April 1955 wurde der Impfstoff durch die amerikanische Zulassungsbehörde FAD (Food and Drug Administration) zur allgemeinen Anwendung freigegeben. Der gegen die Poliotypen I, II, und III wirksame Lebendimpfstoff wurde in Deutschland in der DDR seit 1960 und in der Bundesrepublik seit 1962 als "Sabin-Schluckimpfung" (OPV = Orale Polio Vakzine) verabreicht. Die Schluckimpfung ist naturgemäß einfacher als die Injektion nach Salk durchzuführen und ist etwa um ein Drittel preiswerter als eine Injektion. Sie wird im 4., 6. und 18. Lebensmonat verabreicht; auch hier sind Auffrischungen nach etwa 10 Jahren notwendig. Seit dem Jahr 1998 werden in Deutschland jedoch von der "Ständigen Impfkommission" (Stiko) als Polio-Impfstoff "Inaktivierte Polio-Vakzine" (IPV = Inaktivierte Polio-Vakzine) empfohlen und auch verwendet. In der Schweiz geschieht dies seit dem Jahr 2003. Dieser Impfstoff ist ein zu injizierender Impfstoff, der also nicht als Schluckimpfung verabreicht wird. Er verfügt über eine hohe Wirksamkeit und verursacht keine Vakzine-assoziierte paralytische Poliomyelitis (VAPP). Auch Menschen, die unter einer Immunschwäche (Aids) leiden, können ohne Risiko mit diesem Impfstoff geimpft werden. Man ist also zu der alten, aber mittlerweile verbesserten, Impfungsart von Salk zurückgekehrt. Informationsquelle: http://www.onmeda.de/krankheiten/kinderlaehmung.html
© OnVista Media GmbH
|