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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Hilfe und Beistand für Eltern sterbender Kinder
Ahasveru Offline

Administration Forum
Beiträge: 6.581

18.10.2005 13:57
Das Thema "Tod und Sterben" in der Kinderliteratur antworten

Das Thema "Tod und Sterben" in der Kinderliteratur

An verschiedenen Stellen ist bereits angeklungen, daß die Kinderliteratur eine durchaus hilfreiche Rolle in der Sterbeerziehung spielen kann. Wie im Umgang mit allen anderen Medien, ist der medienpädagogische Einsatz der Kinderliteratur jedoch von der Begleitung und Unterstützung einer Erziehungsperson abhängig, zu der das Kind Vertrauen hat.

Für die Entwicklung eines Verständnisses vom Tod besteht für das Kind die Notwendigkeit, Erfahrungen mit Sterben und Tod machen zu können. Daraus läßt sich zum einen ableiten, daß es ein Fehler sei, Kinder von Sterbe- und Trauerprozessen fernzuhalten, weil man sie "schützen" will. Daher sollten gegebene Anlässe - und seien es Gespräche unter Gleichaltrigen - genutzt werden, um mit dem Kind über die Thematik ins Gespräch zu kommen und seine Fragen zu klären. Sofern jene Anlässe konkret nicht gegeben sind, können in der präventiven Sterbeerziehung z. B. "mit Kinderbüchern Anlässe (geschaffen werden), um mit Kindern über Sterben und Tod offen zu sprechen" . Dieser Möglichkeit gehe ich in diesem Teil der Diplomarbeit nach und stelle in diesem Zusammenhang eine Auswahl an Kinderbüchern vor, die ich für die Sterbeerziehung beachtenswert finde.

Im Zuge eines zielgerichteten Einsatzes der Kinderliteratur in der Sterbeerziehung sollte man sich zunächst ihre medienpädagogische Funktion verdeutlichen. Ein kritisches Literaturverständnis beinhaltet demnach v. a. vier grundlegende Aspekte, die für die Sterbeerziehung von Bedeutung sind:

· Literatur bemüht sich um Aufrechterhaltung und Wiedergewinnung von Sprache an den Punkten, an denen die Erfahrung des Todes kaum noch zur Sprache kommt (vgl. Teil 3). Der bewußte Umgang mit der Sprache macht es dem Schreibenden möglich, Selbst- und Welterfahrung als reflektierte Erfahrung anderen zugänglich zu machen. Werden Erfahrungen mit Sterben, Tod und Trauer jedoch ins Abseits des gesellschaftlichen Bewußtseins geschoben, verliert sich auch die Sprache, um diese Erfahrungen zu bewältigen. Der Umgang mit Sterben, Tod und Abschied in der Literatur nutzt Sprache also dermaßen, daß diese Erfahrungen und Gefühle kommunikabel werden. "Eine Literatur, die sensibel und kritisch auf die heutige Zeit und die bestehenden gesellschaftlichen Umstände reagiert, wird sich nicht damit abfinden können, daß das Sterben, der Tod und die Trauer einfach spurlos aus der Sprache verschwinden. Sie wird vielmehr versuchen, diese Erfahrungen als menschliche Grunderfahrungen zu reklamieren und sie zur ‘Sprache’ zu bringen."

· Literatur versucht dem Prozeß der schwindenden existentiellen Auseinandersetzung mit dem Tod entgegenzuwirken, indem ein Prozeß kommunikativer Auseinandersetzung initiiert wird. Der Schreibende entdeckt folglich zunächst für sich die Thematik "Sterben, Tod und Trauer", holt sie aus der gesellschaftlichen Tabuzone und stellt seine persönlichen Erfahrungen und Gedanken dem gesellschaftlichen Denken gegenüber, wobei der entstehende Text den Status des Spiels, des Entwurfs und des Modells hat. Im zweiten Schritt wird durch die Veröffentlichung der innere Kommunikationsprozeß nach außen erweitert, da sich nun der Leser selbst mit der Thematik beschäftigt. Im dritten Schritt beinhaltet der kommunikative Aspekt der Literatur schließlich die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

· Literatur ist bemüht fehlende konkrete Erfahrungen durch modellhafte zu ersetzen. Das Bemühen vieler Erzieher, Kinder von der Thematik des Todes fernzuhalten, ist bereits angesprochen worden; es führt zu einem kindlichen Erleben des Todes durch die mediale Verzerrung in den Massenmedien. Der Aufbau eines realistischen Todesbildes wird den Kindern ebenso erschwert wie die Entwicklung einer befreienden Trauerarbeit. "Gegen diesen grassierenden Erfahrungsschwund, gegen die Eindimensionalität und Klischeehaftigkeit des Sprechens, Denkens und Fühlens setzt sich Literatur zur Wehr, indem sie auf der einmaligen und unableitbaren Erfahrung besteht, Erfahrungen in verdichteter Form zum Ausdruck bringt, Erfahrungsmuster gestaltet und transparent macht und so eigene Erfahrungen vorbereitet und provoziert."

· Schließlich versucht Literatur, angesichts möglicher Grenzsituationen Identität zu stabilisieren und zu entwickeln. "Indem sie auch die Schattenseiten, die Schwierigkeiten, Nöte und Ängste von Menschen schildert und zugleich deren Träume, Hoffnungen und Freuden nicht verschweigt, ermutigt sie den Leser, diejenigen Erfahrungen aufzugreifen und in sein Selbst zu integrieren, für die er bisher keine Sprache hatte und die nicht in sein Selbstkonzept paßten. Literatur kann auf diese Weise dem Menschen zu einer neuen Sicht seiner Selbst verhelfen und macht ihm Mut, seine Identität nicht als etwas Statisches, sondern als etwas Dynamisches zu begreifen."

Für die Sterbeerziehung stellt die Kinderliteratur also in symbolischen oder realistischen Geschichten Sprach- und Handlungsmuster zur Verfügung, liefert Entwürfe zur Realitätsbewältigung, dient der Informations-, Erfahrungs- und Wissenserweiterung, fördert die Phantasie, durchkreuzt tabuisiertes Denken und eingefahrene Sprachmuster und ermöglicht neue Sichtweisen von Realität und kommunikative Prozesse. "Auf diese Weise unterstützt sie die Subjektwerdung des Menschen" ; dazu zählt jedoch auch die Entwicklung eines Todesverständnisses und der Trauerfähigkeit.

Auch wenn die "neuen Medien" in unserer Zeit zunehmend auf dem Vormarsch sind, so hat die Literatur durchaus nicht an Bedeutung verloren. Gerade im Kindesalter bietet sie unzählige Möglichkeiten, pädagogisch eingesetzt zu werden. Im folgenden beschäftige ich mich daher näher mit Kinderliteratur, die einen Beitrag zur Sterbeerziehung leisten kann. Der Bereich der (Volks-) Märchen wird deshalb berücksichtigt, weil diese Literatur aufgrund ihrer Präsenz von unmittelbarer Bedeutung für das Denken des Kindes ist. Obwohl Märchen ursprünglich nicht für Kinder geschrieben worden sind, so sind diese doch deren größte Leserschaft geworden. Daher ist ein kurzer Überblick über den Umgang mit der Thematik in Märchen notwendig. Die Vorstellung einzelner Titel aus der neueren Kinderliteratur soll praktische Anregungen für deren medienpädagogischen Einsatz in der Sterbeerziehung geben.

4.2. Tod und Sterben in Kindermärchen

Wenn man die verschiedenen Quellen untersucht, über die Kinder an ihr Wissen über Sterben und Tod gelangen, kommt man um die Märchen nicht herum, denn sie gehören zu den Geschichten, die am häufigsten erzählt oder vorgelesen werden. Dabei dominieren die Erzählungen aus der bedeutendsten Märchensammlung des deutschsprachigen Raums, die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.

Die Brüder Grimm haben darin nicht allein alte Volksmärchen gesammelt und niedergeschrieben, sondern auch alte Sagen, Erzählungen und Legenden in Märchenform umgeschrieben und festgehalten. So finden sich an vielen Stellen, insbesondere im Umgang mit Sterben und Tod, alte Brauchtümer wieder . In allen Kulturen der Welt versuchten die Mythen eine Antwort darauf zu geben, warum der Mensch sterblich sei. Und in der Vorstellung vieler Menschen in verschiedenen Kulturen gab es eine Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten, die nach den Mythologien vieler Völker in einem unterirdischen Totenreich wohnten . Märchen haben diese Motive oftmals aufgenommen. "Die Beispiele aus den ‘ Kinder- und Hausmärchen ’ zeigen die Ungeschiedenheit der Welt der Lebenden und der Toten ... Im Gegensatz zu den Gestalten der Volkssage besitzt der Umgang der Märchenfiguren mit dem Jenseitigen und den Toten keinen Schrecken; sie alle bewegen sich in derselben Dimension. Die Gestalten der ‘anderen Welt ’ sind nicht qualitativ andere als die Gestalten dieser Welt, und das Jenseits wird im Märchen nur durch örtliche Ferne signalisiert."

Der Tod ist im Märchen weitestgehend zu einer Metapher verblaßt; er verbreitet keine Furcht und keinen Schrecken, ebensowenig wie das Auftreten der Toten, denen nichts Dämonisches umgibt. Das Märchen tut sich vielmehr recht leicht im Umgang mit dem Tod: Dornröschen erweckt ein Kuß wieder zum Leben, Schneewittchen wird wieder lebendig, als ihr der vergiftete Apfelbissen aus dem Mund fällt, drei Schlangenblätter vermögen einen Toten wieder lebendig zu machen usw. Der Tod selber wird aus vielen Märchen ausgeklammert, so wie z. B. bei Schneewittchens Scheintod oder durch den häufigen Schlußsatz "... und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute." "Nichts charakterisiert den schwerelosen Schwebezustand des Märchens zwischen Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit besser als diese Schlußformel. Sie weist nicht nur auf die Zeitlosigkeit des Märchens hin, sondern mehr noch auf den glückseligen Zustand des Märchenhelden, für den es eben keinen Tod gibt. Zumindest ist der Tod für ihn nichts Endgültiges; allenfalls ein vorübergehender Zustand."

Die Brüder Grimm machen die Ausklammerung des Todes besonders dort deutlich, wo ein Märchen, das mit dem Tod der Hauptperson, wie z. B. "Rotkäppchen" , in ein Happy - End - Märchen verwandelt wird. Oftmals ist der Tod im Märchen Wandel, Verwandlung, Verwunschensein, wobei die Aufhebung einer bösen Verwünschung oder einer Verzauberung Erlösung im Verständnis des Märchens bedeutet. Der Tod ist im Märchen somit eine Wandlungsmetapher, er ist eingekleidet in Bilder und er dient als Gleichnis. Dabei spielen durchaus christliche Ideen eine Rolle: "Nur der kommt zum ewigen Leben, der erst einmal durch den Tod hindurch gegangen ist. Das Märchen hat jedenfalls ein tiefes Wissen um das Leben als unzerstörbare Kraft. Und das Märchen hat ein untrügliches Bewußtsein, daß der Mensch in der Abhängigkeit von einem Drüben lebt. Mit seinen Erlösungsvorstellungen und seinem grundsätzlichen Erlösungsbedürfnis, den Tod zu überwinden und ihn letztlich als einen ‘Wandel’ zu begreifen, der durch die Erlösung zu einem dauernden ewigen Leben in Glückseligkeit führt."

Auf Nebenfiguren oder Gegenspieler des Helden läßt sich die Irreversibilität des Todes im Märchen jedoch nicht anwenden. Diese können durchaus zu einem Ende kommen, das dem realistischen Vorstellungen über den Tod gleichkommt. Da "der weitaus größte Teil der Grimmschen Zaubermärchen ... seine weltanschauliche Heimat im sogenannten Animismus (hat), für den der Gedanke der Seelenwanderung grundlegend ist", sich "die Seele eines Menschen (also) nacheinander in verschiedenen Wesen verkörpern" kann, dürften die Märchenerzählungen durchaus zur kindlichen Vorstellung über eine Seelenwanderung nach dem Tod (vgl. Kapitel 2.1.1.) beitragen.

Es zeigt sich in der Gesamtbetrachtung jedoch ein recht uneinheitlicher Umgang mit dem Tod, denn er "kann in Form einer Gestalt oder eines Zustandes auftreten, er kann Auslösesituation oder Endziel eines Märchens bestimmen und seine Bedeutungsinhalte können von Reifezeit über Verwandlung zu Nichtexistenz variieren" . Der Tod tritt als Schicksalsbestimmung auf, z. B. in der Kinderlegende "Das alte Mütterchen"; der Märchenheld versucht den Tod zu überlisten wie im Märchen "Der Gevatter Tod" und muß am Ende dessen Überlegenheit akzeptieren ; der Tod taucht im Kinderspiel auf, z. B. im Märchen "Das Kinderschlachtspiel", worin die Brüder Grimm nüchtern und sachlich vom Tod einer ganzen Familie berichten; manche Märchen beschäftigen sich mit dem Leben nach dem Tod, so "Das Totenhemdchen", "Das eigensinnige Kind" (s. Kapitel 2.4.1.) und "Der gestohlene Heller", in denen es keine klare Trennungslinie zwischen Leben und Tod gibt und die gestorbenen Kinder erlöst werden müssen; diese fehlende Abgrenzung zwischen Leben und Tod zeigt sich auch in den Märchen "Aschenputtel", "Die Gänsemagd" und "Die beiden Wanderer", in denen den Lebenden durch die Toten geholfen wird, oder in den Märchen "Von dem Machandelboom" und "Bruder Lustig", in denen Wiederbelebungsriten aus Leichenteilen dargestellt werden; der Tod wird als Symbol der Reifung besonders im Märchen "Schneewittchen" deutlich, die nach ihrem todähnlichen Schlaf in einer höheren Stufe der Reife und des Verständnisses aufwacht . "Hier ist also der Tod oder der totenähnliche Schlaf Vorbereitung zum verständigeren Weiterleben. Es entsteht ein Kreislauf zwischen Leben und Tod. Der Tod ist hier nicht ein endgültiger Zustand, sondern notwendiger Bestandteil des Lebens."

Aufgrund dieser vielschichtigen Darstellungen des Todes in den (Volks-) Märchen wird es für Kinder nicht immer leicht sein, eine klare Vorstellung über dessen Wesen zu entwickeln. Es zeigen sich jedoch einige Fragmente aus den Märchenerzählungen in den kindlichen Todeskonzepten wieder, so daß der Rückschluß, daß Märchen einen Erfahrungsfaktor in der Entwicklung einer Vorstellung vom Tod beim Kind darstellen, durchaus legitim erscheint. Daher ist die Kommunikation in Sprache und Spiel zwischen Erzieher und Kind auch im Hinblick auf die scheinbar ungefährlichen Kindermärchen durchaus notwendig und angemessen.

4.3. Ausgewählte Kinderliteratur

In der Kinderliteratur des 18. Und 19. Jahrhunderts spielte die Thematik des Todes eine bedeutende Rolle, da der Tod zu den Alltagserfahrungen der Menschen zählte. Die Darstellung des Todes war von einer Mischung aus autoritärer und zugleich sentimentaler Grundhaltung geprägt. "So wurde der Tod von autoritärer Seite vor allem als Warnung vor Ungehorsam und als Strafe für Auflehnung und sonstige Vergehen hingestellt." Der Tod "wurde so in seiner Angst suggerierenden Wirkung zu einem bequemen Erziehungsmittel, wobei die geforderte unterwürfige Gehorsamshaltung den Eltern gegenüber ihre Entsprechung in einem gleich strukturierten Gottesbild fand." Die bekanntesten Beispiele sind "Der Struwwelpeter", "Max und Moritz", "Der Suppenkaspar" usw.

Seit den 70er Jahren finden sich jedoch immer mehr Kinder- und Jugendbücher, die die Thematik des Todes, des Sterbens und des Abschieds aus seiner gesellschaftlichen Tabuzone holen wollen. Sie thematisieren Abschieds- und Trauerprozesse ebenso wie die kindlichen Ängste und stellen damit die von Erziehern vielfach aufgebaute heile Welt in Frage, indem sie eine auch für das Kind konfliktvolle, individuelle und gesellschaftliche Wirklichkeit darstellten.

Im folgenden möchte ich eine Auswahl an Kinderbüchern vorstellen, die auf höchst unterschiedliche Weise diesen Themenkreis behandeln. Dementsprechend sind die Titel auch unterschiedlich in der Sterbeerziehung einsetzbar und müssen aus medienpädagogischer Sicht kritisch hinterfragt werden. Die Autoren verfolgen durchaus unterschiedliche Zielsetzungen, die das jeweilige Buch für unterschiedliche Situationen einsetzbar machen. Nicht alle Titel tragen streng genommen zu einer Sterbeerziehung bei, wie sie aus dem zweiten Teil dieser Arbeit hervorgeht, doch entsprechen sie alle den Kriterien, die ich in Kapitel 4.1. dargelegt habe. Vor allem bieten sie die Möglichkeit für Kinder, Eltern und Erzieher, gemeinsam ins Gespräch zu kommen.

Beginnen möchte ich mit einem etwas älteren Werk, "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint - Exupéry, dem auch der Leitsatz dieser Arbeit entnommen ist. Die weitere Reihenfolge ist mehr oder weniger willkürlich und beinhaltet keinerlei Wertung oder Gewichtung.

4.3.1. Antoine de Saint - Exupéry: Der Kleine Prinz

Wie der Ich - Erzähler, der mit einem Motorschaden in der Sahara landet, den kleinen Prinzen kennenlernt, ist von dem Satz "Du siehst nur mit dem Herzen gut..." geprägt, da des Prinzen Phantasie Dinge in den Bildern des Ich - Erzählers sehen kann, die den Erwachsenen unsichtbar wären.

Im Laufe der Erzählung erfahren der Ich - Erzähler und der Leser mehr und mehr über den kleinen Prinzen, seine Herkunft und seine Reise bis zur Erde. Am Ende der Geschichte stirbt der kleine Prinz und kehrt zu seinem Planeten zurück. Auch wenn viele Bilder, mit denen Saint - Exupéry arbeitet, für Kinder vielleicht noch nicht in vollem Umfang verständlich sind, so verdichtet sich doch das Buch an den Stellen, an denen der kleine Prinz Abschied nehmen muß bzw. sein Sterben thematisiert wird. "Vor allem zwei Aspekte rücken dabei ins Blickfeld: zum einen, daß Sterben immer auch und wesentlich mit dem schmerzlichen Prozeß des Abschiednehmens zu tun hat, was wiederum die Konstitution und die Existenz von Beziehung voraussetzt, und zum an-deren, daß Sterben letztlich ein Akt bleibt, den man nur alleine vollziehen kann." Diesen zwei Aspekten soll im folgenden besondere Beachtung geschenkt werden, da sie zu den wichtigsten Gesichtspunkten zählen, die man aus diesem Buch lernen kann.

In der Begegnung und der Beziehung mit dem Fuchs erlernt der kleine Prinz die Bedeutung und den Wert von Beziehungen bzw. Freundschaften, wobei diese durch einen Prozeß des gemeinsamen Wachstums und des wechselseitigen "Sich - Zähmens" bestimmt werden:

" ‘Nein’, sagte der kleine Prinz, ‘ich suche Freunde. Was heißt "zähmen"?’

‘Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache’, sagte der Fuchs.
‘Es bedeutet, sich "vertraut machen" ... Noch bist du für mich nichts als

ein kleiner Junge, der hunderttausend kleinen Jungen völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt ... Man kennt nur die Dinge, die man zähmt’, sagte der Fuchs. ‘Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!’ "

Somit lernt der kleine Prinz den Wert einer Freundschaft bzw. eines Individuums kennen; die Rose, die er auf seinem Heimatstern gepflegt hat, besitzt für ihn einen hohen individuellen Wert, obwohl er auf der Erde einen Rosengarten mit vielen äußerlich ähnlichen Rosen entdeckt. Der kleine Prinz und der Leser erfahren aber auch, daß zur Grundstruktur von Beziehungen auch Tränen, Trauer und Schmerz als Folge von Abschiednehmen oder Beziehungsverlusten gehören:

"Und als die Stunde des Abschieds nahe war: ‘Ach!’, sagte der Fuchs, ‘ich werde weinen.’

‘Das ist deine Schuld’, sagte der kleine Prinz, ‘ich wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, daß ich dich zähme.’ "

Trotz eines Abschieds bleibt jedoch die Verantwortung füreinander bestehen, sei es in diesem Fall gegenüber dem Fuchs oder gegenüber der vertrauten Rose. Die Bedeutung einer Beziehung erwächst aus der Intensität der Gefühle, der Zeit, der Persönlichkeit, die man investiert hat. Daraus ergibt sich eine ganz wesentliche Hoffnungsstruktur für den Prinzen wie auch für den Leser, die im Geheimnis des Fuchses verdeutlicht wird:

" ’Adieu’, sagte der Fuchs. ‘Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.’ "

Aus diesem Geheimnis läßt sich der Schluß ziehen, daß sich der Kern einer gemeinsamen Beziehung erst mit deren Auflösung erschließen läßt.

"Äußerlichkeiten treten in den Hintergrund, Körperlichkeit verliert seine Bedeutung. ‘Man sieht nur mit dem Herzen gut’ - diese Wahrheit erschließt auch über den Tod hinaus das, was den Kern dieser Beziehung ausmachte, das, was man in und durch die Beziehung an Wirklichkeitserfahrung dazugewonnen hat und was die Sichtweise von Welt und des eigenen Selbst erweitert, bereichert und verändert hat. Dieser Kern der im Eingehen von Verhältnissen konstituierten Identität wird im Verhalten und Handeln des kleinen Prinzen als auch angesichts des Todes unzerstörbar behauptet."

Für die Sterbeerziehung lassen sich daraus zwei Aspekte ableiten; zum einen wird die Forderung, Kinder bezüglich Sterben und Tod zunächst emotional und dann rational anzusprechen, unterstrichen. Zum anderen läßt sich eine Hoffnung angesichts des Abschiednehmens und der folgenden Trauer vermitteln. Trotz einer körperlichen Trennung lebt die aufgebaute Beziehung in den Menschen weiter und erschließt ihre Bedeutung aus der Wertschätzung.

Da verlorene oder gestörte Beziehungen immer wieder Themen der beruflichen Sozialarbeit sind, läßt sich das Geheimnis des Fuchses über die Sterbeerziehung hinaus auf weitere Bereiche der Sozialen Arbeit übertragen. Die Ermutigung, neue Beziehungen ehrlich einzugehen und seine Persönlichkeit einzusetzen, sprich sich "zähmen" zu lassen, aber auch den Wert gestörter oder verlorener Beziehungen anzuerkennen, ist oftmals Inhalt der professionellen Sozial-arbeit, z. B. in der Arbeit mit Suchtkranken.

Die Beziehung des kleinen Prinzen zum Ich - Erzähler ist gleichsam geprägt von dem Prozeß des gegenseitigen Abschiednehmens. Obwohl der kleine Prinz selbst Angst und Trauer angesichts seines nahenden Todes empfindet, gilt seine Sorge dem Erzähler, dem er den Anblick seines Sterbens ersparen möchte, der sich jedoch weigert, den kleinen Prinzen allein zu lassen:

" ‘Diese Nacht ... weißt du ... komm nicht!’

‘Ich werde dich nicht verlassen.’

‘Es wird so aussehen, als wäre ich krank ... ein bißchen, als stürbe ich. Das ist so. Komm nicht das anschauen, es ist nicht der Mühe ...’

‘Ich werde dich nicht verlassen.’ "

Das Sterben des kleinen Prinzen kann er dennoch nicht verhindern. Diesen letzten Schritt tut der kleine Prinz letztlich ganz allein. Dem Erzähler verspricht er jedoch zuvor Trost angesichts der nahenden Trauer:

" ‘Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich immer), wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. Du wirst immer mein Freund sein. Du wirst Lust haben, mit mir zu lachen. Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen, gerade so, zum Vergnügen ... Und deine Freunde werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, daß du den Himmel anblickst und lachst. Dann wirst du ihnen sagen: Ja die Sterne, die bringen mich immer zum Lachen! Und sie werden dich für verrückt halten. Ich werde dir einen hübschen Streich gespielt haben ...’ "

Diese zwei erläuterten Aspekte machen die Aussagen dieses Buches so wichtig für die Sterbeerziehung. "Der kleine Prinz" eignet sich sowohl zum präventiven, medienpädagogischen Einsatz zur grundsätzlichen Erfahrung bzw. Bewußtmachung der Bedeutung von Beziehungen als auch zur Unter-
stützung in der Trauerarbeit aufgrund der vermittelten Hoffnungsstruktur.


4.3.4. Astrid Lindgren: Mio, mein Mio / Die Brüder Löwenherz

In der ersten Hälfte der 70er Jahre veröffentlichte Astrid Lindgren die Märchen "Mio, mein Mio" und "Die Brüder Löwenherz". In beiden Büchern thematisiert sie den Tod, jedoch auf höchst unterschiedliche Weise.

Das Märchen "Mio, mein Mio" erzählt vom Königssohn Mio, der vom Land der Ferne in das Land Außerhalb auszieht, um gegen den Ritter Kato zu kämpfen, der Herzen zu Stein verwandelt und alles Leben mit seiner Boshaftigkeit vernichtet. Am Ende findet Mio den Mut zum entscheidenden Kampf und erlöst mit der Vernichtung Katos seine Opfer, u. a. Kinder aus dem Land der Ferne.

Hinsichtlich der Todesthematik arbeitet Lindgren in diesem Märchen durchgängig mit dem Ritter Kato als Verkörperung des Todes und seinem Land Außerhalb als Symbol für das Jenseits. Die von ihr aufgebauten Bilder können für Kinder jedoch leicht hinter der spannenden Geschichte über die Entwicklung Mios verschwinden. Sofern man jedoch den symbolisierten Tod thematisiert, also Kinder auf die verborgenen Aussagen Lindgrens hinweist, erscheint gleichsam die Hoffnung auf Erlösung von den Qualen des Todes. Wie in einigen anderen Märchen (s. Kapitel 4.2.) wird der Eindruck vermittelt, der Tod sei besiegbar oder zumindest verhinderbar. Viel wichtiger ist die Aussage des Märchens, man könnte mit Vertrauen in sich selbst und Überwindung des Gedankens, man sei "so klein und einsam", viele Schwierigkeiten im Leben meistern.

Sehr viel deutlicher tritt die Thematik des Todes in dem bis heute umstrittenen Märchen Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz" in Erscheinung, wenngleich der Tod der Brüder Jonathan und Karl Löwe lediglich die Rahmenhandlung zu einem Märchen über den Freiheitskampf gegen Tengil und seinen Drachen Katla bildet. Zu der Begegnung mit ihnen kommen die Brüder nach ihrem Tod. Sie treffen sich in Nangijala wieder, worüber Jonathan seinem kranken Bruder aus Trost vor ihrem Tod berichtet hat. Ihr irdischer Tod ist die Grenzüberschreitung in dieses Nangijala, in dem sie fortan als die "Brüder Löwenherz" wohnen. Der Tod ist folglich auch in diesem Märchen nichts Endgültiges; das Gegenteil ist eher der Fall, denn selbst der Tod in Nangijala führt in ein neues Reich, Nangilima genannt, dessen Beschreibung der Vorstellung vom Paradies sehr nahe kommt. Diese märchenhafte Vorstellung erinnert ein wenig an das buddhistische bzw. hinduistische Glaubensbild, wonach die Menschen nach dem Tod eine Reihe von Wiedergeburten durchleben müssen, um schließlich das Nirwana zu erreichen.

Während Karl und Jonathan Löwe ihre irdische Existenz durch Unfall bzw. Krankheit verloren, setzen sie ihrem Leben in Nangijala selbst ein Ende. Aus diesem Grund sowie durch die strenge Einteilung in Gut und Böse in der jenseitigen Welt, ist Astrid Lindgrens Buch bis heute nicht unumstritten.. Lindgrens Sprache ist im Vergleich zu "Mio, mein Mio" deutlich differenzierter, wie auch die Handlung und die Charakterisierung. Trotz dieser literarischen Leistung kam jedoch immer wieder die Frage auf, ob "Die Brüder Löwenherz" ein lebensverneinendes Buch sei oder den Selbstmord verherrlichen oder gar zur Nachahmung reizen würde. Bedenkt man, daß bereits seit Jahrhunderten tröstliche Ideen und Gedanken über eine jenseitige Welt existieren, hätte es auch früher schon Selbstmordwellen geben müssen.

Als Trostbuch habe sich Lindgren ihre Geschichte vielmehr gedacht, und so scheint sie auch von den Kindern verstanden worden zu sein. Denn sehen die erwachsenen Kritiker auf der einen Seite die vermeintliche Gefahr, die von Lindgrens Märchen ausginge, so berichtete die Autorin in der Vergangenheit selbst über Briefe, die sie von Kindern erhalten habe, in denen ihr für das glückliche Ende gedankt wird (s. Oetinger Almanach "Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel", Nr. 12 / 1974 und Nr. 13 / 1975). Die kindlichen Leser sehen das Ende "mit dem Herzen" statt mit den Augen und freuen sich, daß Jonathan und Karl das Glück haben, zusammenbleiben zu können. Sie sehen das durchweg Positive und Tröstliche am Schlußsatz des Märchens: "Oh, Nangilima! Ja, Jonathan, ich sehe das Licht! Ich sehe das Licht!" Sie hat den Tod als Teil des Lebens thematisiert, weil sie festgestellt hat: "Ich habe oft gemerkt, daß Kinder gern über den Tod grübeln und meinen, daß es grauenhaft und langweilig sein müsse, in der kalten Erde zu liegen. Wir glaubten, als wir Kinder waren, daß wir schließlich im Himmel vereint und glücklich sein würden. Diesen schönen Trost haben aber die Kinder von heute nicht mehr." Das Märchen über Nangijala bzw. Nangilima soll den Kindern statt dessen Hoffnung und Ermutigung zur Bewältigung ihrer (Todes-) Angst geben.

Trotz des spannenden Ablaufs der Geschichte steht der Tod stets im Mittelpunkt des Märchens, und Eltern und Erzieher haben dementsprechende Fragen der Kinder zu der jenseitigen Welt zu erwarten. "Die Brüder Löwenherz" bietet jedoch vielfältige Erklärungsmuster an und vermittelt die Hoffnung auf eine Fortexistenz der Seele:

"Jetzt wollte er mich wieder allein lassen, ich wußte es! Schon einmal war er ohne mich davongegangen, nach Nangijala ...

‘In dem Augenblick, wo wir dort unten ankommen, sehen wir schon das Licht von Nangilima. Wir sehen die Morgensonne über Nangilimas Tälern leuchten, denn dort ist jetzt Morgen ... Und du auch, Krümel, auch du bist dann froh ... Sie schlafen nicht, Krümel! Sie sind tot. Durch Katlas Feuer. Was du da drüben siehst, ist nur ihre äußere Hülle.’

‘Oh, Nangilima! Ja, Jonathan, ich sehe das Licht! Ich sehe das Licht!’ "

4.3.5. Peter Härtling: Alter John

Mit seinem Kinderroman "Alter John" ist Peter Härtling bemüht, das Alter und die damit verbundenen Schwierigkeiten bis hin zum Tod anzunehmen und in unser Leben zu integrieren, statt es auszuschließen oder in Altenheime zu verlagern.

Härtling erzählt die Geschichte einer schwäbischen Familie, die den Großvater in ihr Haus aufnimmt und ihn dort - anfangs weniger, später mehr - betreut. Trotz aller Probleme, die durch das Zusammenleben mit dem älteren Mann entstehen, wächst ein Familiengefühl zwischen den Generationen heran. Bis zur Erkrankung des Großvaters, "Alter John" genannt, ist der Roman ein Plädoyer für mehr Toleranz gegenüber dem Alter und die Ermutigung, ältere Menschen nicht vereinsamen zu lassen.

Im Verlaufe des Zusammenlebens erkrankt der Großvater schwer und wird pflegebedürftig. Auch diese Herausforderung nimmt die Familie gemeinsam mit der neuen Freundin des Großvaters an und pflegt ihn Zuhause bis zu seinem Tod. An einigen Stellen spricht Härtling dabei die Probleme an, die sich aus der häuslichen Pflege und der Erkrankung des Mannes ergeben, wie Vergeßlichkeit, Inkontinenz, Aggressivität etc. Dennoch arrangieren sich beide Seiten miteinander und der Großvater wird zum Sterben nicht in ein Krankenhaus geschickt. Er stirbt zwar im Kreise der Familie, jedoch allein in der Nacht. So klammert Härtling die Erfahrung des Todes im wesentlichen aus seinem Kinderroman aus.

Im Mittelpunkt steht vielmehr das Alter und die Probleme, die aus der Annahme der Herausforderung, dieses Phänomen nicht abzuschieben oder zu institutionalisieren, entstehen. Der Tod wird dementsprechend als Teil des Lebensabschnitts "Alter" dargestellt und manifestiert kindliche Vorstellungen über den Tod und seine Beschaffenheit (vgl. Kapitel 2.1.1 und 2.1.2.). "Alter John" ist daher ein Roman, der Kindern sehr anschaulich vermittelt, daß Menschen trotz ihres äußeren Alters innerlich noch jung sein können. Sie lernen, daß ältere Menschen durchaus eine Bereicherung für ihr Leben darstellen können und nicht aufgrund ihrer Gebrechen oder Eigenarten in Institutionen abgeschoben werden müssen. Zur Todesthematik trägt der Roman aber relativ wenig bei und vermittelt nur rudimentäre Eindrücke über dieses Phänomen.


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Stand: 26.01.02

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