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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Allgemeines zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

18.10.2005 13:50
Interdisziplinäre Überlegungen zu Tod und Sterben antworten

Interdisziplinäre Überlegungen zu Tod und Sterben

1.1. Historisch - Philosophische Aspekte des Todes

1.1.1. Historisch - philosophische Erklärungen der griechischen Antike

1.1.2. Historisch - philosophische Erklärungen der römischen Antike

1.1.3. Der Tod im Mittelalter und der frühen Neuzeit

1.1.4. Moderne Gedanken zum Tod


1.2. Theologisch - Christliche Aspekte des Todes

1.2.1. Das Todesverständnis des AT

1.2.2. Das Todesverständnis des NT


1.3. Psychologische Aspekte von Tod und Sterben


1.4. Soziologische Aspekte von Tod und Sterben

1.4.1. Die Frage nach einer Thanatosoziologie

1.4.2. Der gesellschaftliche Umgang mit Sterben und Tod

1.4.2.1. Der verbotene Tod

1.4.2.2. Der akzeptierte Tod


1.5. Tod und Sterben in der sozialarbeiterischen Praxis


1.1. Historisch - Philosophische Aspekte des Todes

1.1.1. Historisch - Philosophische Erklärungen der griechischen Antike

In der griechischen Antike hat es zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Antworten zu den Fragen nach dem Tod gegeben. Die Angst vor dem Tod herrschte im 8. - 6. Jahrhundert v. Chr. vor; geprägt wurde dies durch das homerische Epos und die Vorstellung, die Toten müßten als leblose Wesen ein ruheloses Schattendasein führen. Da es keine Verbindung mehr zu den Lebenden gäbe und sich die Seelen der Toten vor einem gnadenlosen Richter (Minos, Aikos und Rhadamanthys) zu verantworten hätten , fürchteten viele Menschen den Tod, "der keineswegs als friedlicher Schlaf oder als Durchgangsstufe zu einem glücklichen Leben aufgefaßt wurde", sondern dem "vielmehr etwas Bedrückendes und Furchterregendes" anhaftete.

Die philosophischen Auseinandersetzungen mit dem Tod hatten in den folgenden Jahrhunderten demnach zumeist das Ziel, dem Tod seinen Schrecken und den Menschen die Angst zu nehmen. Sowohl bei Pythagoras (572 - 497 v. Chr.) als auch bei Sokrates (469 - 399 v. Chr.) findet sich die Zweiteilung in Körper und Seele, wobei der Leib als Hülle für das Diesseits dient. Die Seele aber wird entweder im Kreislauf der Geburten gereinigt (Pythagoras), um mit dem Göttlichen wiedervereinigt zu werden, oder sie geht an einen anderen, jenseitigen Ort über (Sokrates). Unabhängig davon, ob die Seele nach dem Tod den Körper verläßt oder der Tod gar nur ein traumloser Schlaf sei, gibt es aus Sicht Sokrates’ keinen Grund, den Tod zu fürchten, da es demgegenüber die Hoffnung gäbe, daß der Tod besser sei als das Leben . Pythagoras als Vertreter der orphischen Lehre sah die Seele göttlichen Ursprungs gar gefangen im diesseitigen Körper, von dem sie erst im Tod wieder befreit wird.

Platon ( 427 - 347 v. Chr.), ein Schüler von Sokrates, unternahm den Versuch, die unterschiedlichen Todesvorstellungen in einer schlüssigen Systematik zu
vereinen. Die Zweiteilung in einen vergänglichen Körper als Sitz des Bösen und der Begierde und in eine unzerstörbare Seele göttlichen Ursprungs, die in diesem Leib gefangen ist, ist konstitutiv für Platons Philosophie. Das Leben des Menschen sei nur eine Vorbereitung auf die Vollendung durch die Befreiung der Seele in der Welt des Göttlichen, so daß für Platon der Tod ein erstrebenswertes Ziel ist. Platon "verstand den Tod als Befreier, als Erlöser des Menschen" .

Sein Schüler Aristoteles dagegen überwindet den Leib - Seele - Dualismus, indem er den Menschen als geschlossenes Ganzes in der untrennbaren Verbindung von Körper und Seele versteht. Daher ist auch ein Überleben der Seele nach dem Tod des menschlichen Körpers nicht vorstellbar, sondern lediglich der Geist bzw. der reine Verstand kann als göttliches Element unsterblich sein. Der Tod ist demnach nichts weiter als ein notwendiges Übel der menschlichen Existenz.

Epikur (341 - 271 v. Chr.) reagiert ebenfalls auf den platonischen Dualismus; für ihn hat der Tod weder für die Lebenden noch für die Toten eine Bedeutung, denn "Seele und Körper vergehen ... also zur gleichen Zeit, damit war alle Furcht vor Drangsal und Leid der Seele nach dem Tode als unbegründet bewiesen" . Die Seele stellt sich Epikur als runde, feuerartige Atome in der menschlichen Brust vor, die gleichzeitig mit dem Körper im Tod zerfallen.

Im Weltbild der Stoiker (4. Jahrhundert v. Chr.) gab es eine enge Verbindung zwischen den Menschen und dem göttlichen Prinzip, so daß die Welt von universalen Gesetzen regiert wird. Die menschliche Seele ist Teil des göttlichen Lebensatems und kann daher niemals vergehen; in der frühen Philosophie der Stoiker glaubte man an periodisch auftretende Weltenbrände, nach denen die Seelen in neuen Körpern wiederkehren würden. Später verwarf man diese Lehre von der persönlichen Unsterblichkeit und den Weltenbränden und vertrat die Ansicht, "die Seele des Verstorbenen steige aus dem Körper in die höchsten Regionen des Himmels auf, wo sie sich nach einiger Verweildauer in ihre Bestandteile auflöse. Seele und Körper werden als freischwebende Energien verstanden, die nach dem Tod wieder ins All zurückkehren und von Gott aufgenommen werden."

Die Auseinandersetzung mit dem Problem des Todes bedeutete für die griechischen Philosophen der Antike die Suche nach dem Sinn des Todes und damit auch nach dem Sinn des Lebens. Ihre Antworten reichten von der völligen Verdrängung des Todesgedankens (Epikur) über den Dualismus bei Platon, der das diesseitige Leben als Vorbereitung für eine jenseitige Existenz sah, bis zu der Annahme der Stoiker, es gäbe eine Wiedergeburt der unsterblichen Seele. Einige Elemente dieser Todesvorstellungen sind später übernommen worden und haben selbst heute noch Bedeutung. So findet sich z. B. der Leib - Seele - Dualismus in der christlichen Theologie wieder; die Verdrängung des Todesgedankens Epikurs wiederholt sich in der heutigen, rational denkenden Welt, die sich ebenfalls nur schwer vorstellen kann, Körper und Seele würden nicht gleichzeitig im Tod vergehen. Und hinsichtlich der späteren Vorstellung der Stoiker über das Aufsteigen der Seele in den Himmel und die spätere Vereinigung mit dem Göttlichen ist ebenso eine deutliche Parallele zu einem Bild der christlichen Lehre erkennbar ("Der Herr Jesus nun wurde ... in den Himmel emporgehoben und setzte sich zur Rechten Gottes." Evangelium nach Markus 16, 19). Somit wird der große Einfluß der philosophischen Überlegungen zum Tod in der griechischen Antike bis heute erkennbar.

1.1.2. Historisch-Philosophische Erklärungen der römischen Antike

Nicht nur in der griechischen, sondern auch in der römischen Antike setzten sich die Philosophen mit dem Tod auseinander. Aufgrund der zeitlichen Verzögerung zu den Überlegungen der griechischen Philosophen ist deren Einfluß auf die römischen Todesvorstellungen erklärbar. M. Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.) z. B. glaubte wie Platon an die Unsterblichkeit der Seele. Nach dem Tod seiner Tochter ging es ihm vor allem darum, die positiven Seiten des Todes deutlich zu machen, und die Sorge der Menschen über den Tod und ein mögliches Weiterleben über diesen Zeitpunkt hinaus erschien ihm "als der sicherste Beweis, daß die Natur stillschweigend für die Unsterblichkeit der Seele eintritt" .

L. Annaeus Seneca (55 v. Chr. - 40 n. Chr.) bemühte sich ebenfalls um die Überwindung der Todesfurcht, wobei er ausschließlich die Beschäftigung mit der Philosophie als angemessene Lösung erachtete. Lediglich die Philosophie mache dem Menschen deutlich, daß er so leben müsse, daß er in der Stunde des Todes keinen Teil seines Lebens bedauern oder bereuen müsse, sondern sein Leben gelebt habe, als sei er ‘sich nur geliehen’. Seine Lebensweisheit lautete demzufolge: "Denke stets an den Tod, um ihn nicht zu fürchten."

Marc Aurel (121 - 180), römischer Kaiser und Philosoph, schließlich führte diesen Gedanken weiter, indem er postulierte, das ständige Denken an den Tod und an die eigene Vergänglichkeit führe zu einer vernünftigen und moralischen Lebensgestaltung, insbesondere wenn jeder bedächte, daß seine nächste Handlung seine letzte sein könnte. Für Marc Aurel war die Vergänglichkeit aller Dinge, einschließlich der Menschheit, und die Unbeständigkeit irdischer Dinge ein wesentliches historisches Gesetz. Allerdings war auch Marc Aurel, trotz dieses starken Bewußtseins des Übergangscharakters aller Dinge, nicht frei von Todesfurcht und "ruft zwar die Götter um Hilfe an, ist sich aber nicht sicher, ob es sie gibt" .

Trotz dieser Einstellungen zum Tod, die ein bewußtes Hinleben auf den Tod andeuten, und auch entgegen der Verehrung der Grabstätten, gab es eine strikte Trennung zwischen Lebenden und Toten. Man legte Wert auf eine deutliche räumliche Trennung der Stätten der Toten von den Stätten der Lebenden, weniger aus hygienischen Gründen denn aus der Überzeugung, die Toten könnten wiederkehren, die Lebenden belästigen oder deren Stätten verunreinigen. Daher legten die Römer ihre Friedhöfe immer außerhalb der Städte an den Ausfallstraßen an.

In Rom war dies dementsprechend die Via Appia (vgl. Bild 1), die ausgehend vom Circus Maximus Richtung Süden aus der Stadt führte. Dort wurden die Verstorbenen zu Grabe getragen, denn trotz der Angst vor einer Rückkehr der Toten, "sollte doch jeder Tote seine eigene Grabstätte haben, bezeichnet mitdem Namen, die Identität über den Tod hinaus bezeugend und die Erinnerung an den Toten bewahrend" .

Es bleibt also auch für die römische Antike festzustellen, daß die These, die Einstellungen zum Problem des Todes reflektierten auch stets die Einstellungen zum Leben, durchaus zu verifizieren ist. Denn trotz der Akzeptanz des Todes als Teil des Lebens und der Pflege der Erinnerung an die Verstorbenen, blieb die römische Gesellschaft auf das diesseitige Leben konzentriert. Charakteristisch ist hierfür insbesondere das Denken Marc Aurels, der zwar versuchte, sich mit seiner persönlichen Vergänglichkeit zu arrangieren und daraus verhaltensnormierende Konsequenzen für sein Leben zieht, sich jedoch nicht von der Furcht über das ungewisse Schicksal nach dem Tod freimachen konnte.

1.1.3. Der Tod im Mittelalter und in der frühen Neuzeit


1.1.4. Moderne Gedanken zum Tod


1.2. Theologisch - Christliche Aspekte des Todes

1.2.1. Der Tod im Verständnis des Alten Testaments

Im AT spielt der Tod keine zentrale Rolle, sondern wird als vorgegebener Teil des Lebens hingenommen. Der Tod des Menschen wird gleichgesetzt mit der Rückkehr zu seinem Schöpfungsursprung: "Du lässest die Menschen zum Staube zurückkehren, sprichst zu ihnen: ‘Kehret zurück ihr Menschenkinder!’ " (Psalm 90, 3) "... nimmst Du ihren Odem hin, so verscheiden sie und werden wieder zu Staub" (Psalm 104, 29), "Fährt sein Odem aus, so kehrt er wieder zur Erde ..." (Psalm 146, 4). Diese Bibelstellen machen eine weitere Auffassung des AT zum Tod deutlich; das Leben ist nicht Eigentum des Menschen, sondern von Gott geliehen. Gott allein entscheidet über Leben und Tod: "Der Herr tötet und macht lebendig, er stößt in die Grube und führt herauf" (1. Samuel 2, 6).

Der alttestamentliche Mensch kann also nur in Beziehung und im Vertrauen zu Gott leben. Er ist abhängig vom Schöpfer und muß sich seiner Sterblichkeit bewußt sein: "Wo lebt der Mann, der den Tod nicht sieht, der seine Seele vor dem Totenreich rettet ?" (Psalm 89, 48) Dennoch bejaht der Israelit das Leben, denn Gott ist lebendig und gibt Leben. Als Segen Gottes wird ein langes erfülltes Leben gesehen, während der frühe, unerwartete Tod als Strafe Gottes verstanden wurde (vgl. Kapitel 1.1.3.). Der gläubige Mensch widersteht dem Tod jedoch nicht, sondern nimmt ihn genauso an wie das Leben. "Das Gute nehmen wir an von Gott, und das Böse sollten wir nicht annehmen ?" (Hiob 2, 10) Er ist sich aber auch bewußt, das sein Verhältnis zu Gott auf das irdische Leben beschränkt ist und mit dem Tod eine Trennung von Gott für den Einzelnen vollzogen wird. "Unter den Toten muß ich wohnen, Erschlagenen gleich, die im Grab liegen, deren du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hilfe geschieden sind" (Psalm 88, 6).

Diese Trennung von Gott kann aber bereits vor dem Tod durch Sünde vollzogen werden. Der Tod wird als direkte Folge der Zerstörung des Verhältnisses zu Gott verstanden. "Der Tod ist nicht selbständig, sondern der Macht Gottes untergeordnet." Trost angesichts des Sterbens bietet den Israeliten daher der Glaube in die Güte und Gnade des Herrn. Sie kennen zwar auch ein Totenreich (vgl. u. a. Hiob 7, 9 f.; 10, 21; 26, 6; 28, 22), aber nicht im Sinne eines jenseitigen Lebens. Die Auferstehung der Toten bzw. ihre Form galt vielmehr als umstritten : "Schon zähle ich zu denen, die zur Grube fuhren, ich bin geworden wie ein kraftloser Mann ... Wirst du an den Toten Wunder tun ? Können Schatten auferstehen, dich zu preisen ?" (Psalm 88, 5. 11).

Die Todesvorstellungen des AT spiegeln sich in den Begräbnisriten wider, entsprechen aber zugleich der Zeit (vgl. Kapitel 1.1.2.). Die Toten wurden außerhalb der Siedlungen ohne Särge und Grabinschriften in Totenstädten begraben und Trauerbräuche halfen über die Zeit der Trauer hinweg. Da der Tod als Symbol der Sünde bzw. der Zerstörung der Beziehung zu Gott verstanden wurde, galt der Tote als unrein, so daß Reinigungsriten Teil der Loslösung von den Toten war.

1.2.2. Das Todesverständnis des Neuen Testaments

Das Leben und Sterben sowie die Lehren Jesu Christi in der neutestamentlichen Glaubensgeschichte lassen ein neues Verhältnis zum Tod entstehen, das sich im wesentlichen an seiner Person orientiert. Im folgenden sollen die charakteristischen Merkmale zum Verständnis dieses neuen Todesverständnisses erarbeitet werden, ohne das Ziel zu verfolgen, Tod und Sterben exegetisch aufzuarbeiten.

Der anthropologische Hintergrund des NT ist nicht vom griechischen, sondern vom jüdischen Denken beeinflußt, so daß es kein dualistisches (vgl. Kapitel 1.1.1.), sondern ein ganzheitliches, monistisch und schöpfungstheologisch geprägtes Menschenbild gibt. Wie bereits erarbeitet, gibt und nimmt Gott das Leben im AT, während Jesus gegen die Todesmacht durch Heilung von Kranken oder durch die Auferweckung der Toten zum Ewigen Leben kämpft, sich für das Leben entscheidet und so den Tod überwindet. Aber nicht sein Tod allein befreit die gläubigen Christen vom Tod, sondern erst der Glaube an das

Ostergeschehen, an die Auferstehung Jesu Christi durch Gottes Auferweckung verspricht die Überwindung der Todesherrschaft. Diese neue Beziehung zwischen Leben und Tod bildet die Hoffnung für die Glaubenden.

War die Urchristenheit noch davon überzeugt, daß der ganze Mensch die Erlösung durch Christus erfahren wird, führt die Ausbreitung des Christentums später zur Übernahme des dualistischen Menschenbildes der griechischen Philosophie . Außerdem glaubte man nicht mehr an das Ende der Beziehung zu Gott mit dem Eintritt des Todes; Teil des neutestamentalichen Glaubens und Todesverständnisses war die Hoffnung, im Tod dem gleichen liebenden Gott zu begegnen, der schon das diesseitige Leben begleitet hat. "Denn ich bin dessen gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unsrem Herrn." (Römerbrief 8, 38). Der neutestamentliche Gott ist nicht mehr allein ein Gott der Lebenden, sondern auch ein Gott der Toten, und das Sterben und die Auferweckung Jesu Christi sollen den Glaubenden Hoffnung für dessen eigene Auferweckung nach dem Tod sein. "Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt." (Römerbrief 8, 11)

Das "neue" Leben, auf das der Glaubende nach seinem Tod hofft, darf aber nicht als Verlängerung oder Rückkehr in seine irdische Existenz verstanden werden; "es wird eine wesensidentische, leiblich - geistige Existenz sein, aber mit einer andersartigen Leiblichkeit" . Die Auferweckung bedeutet also Teilhabe am Leben Gottes, nicht nur eine Hoffnung der glaubenden Christen, sondern auch ein Trost angesichts der Unausweichlichkeit des Sterbens. Somit ergaben sich aus dem NT für die christliche Theologie "drei verschiedene Bedeutungen des Begriffes Tod. Einmal wurde damit der physische Tod bezeichnet, das Ende des biologischen Lebens. Zum anderen, als geistiger Tod, das Leben derjenigen Menschen, die außerhalb des christlichen Glaubens stehen. Und schließlich, als mystischer Tod, jene Teilhabe am Göttlichen - noch während dieser irdischen Existenz und trotz des physischen Todes - die Jesus den Menschen ermöglicht hat ... Dieser mystische Tod aber bedeutet den Sieg über den physischen Tod. Die Auferstehung ist nur eine zweite Phase des mystischen Todes, und sie bringt den Menschen das ewige Leben."

Diese neue Hoffnung der Christen auf Auferweckung von den Toten und auf das Ewige Leben spendet glaubenden Menschen seit Jesus Christus Trost angesichts des Todes und gibt ihnen Kraft im diesseitigen Leben . Auch wenn es keine Beweise für diese Hoffnung gibt - sie entzieht sich völlig dem menschlichen Erfahrungsbereich und der menschlichen Vorstellungskraft - so ist der christliche Glaube dennoch das wichtigste Hoffnungsbild der abendländischen Gesellschaft geworden. "Denn für mich ist das Leben Christus und das Sterben ein Gewinn ... indem ich Lust habe, abzuscheiden und bei Christus zu sein" (Philipperbrief 1, 21. 23). Trotz aller fortschreitenden Abkehr in unserer Gesellschaft von Kirche und Christentum, bleibt diese Hoffnung weiterhin in vielen Menschen erhalten, vielleicht nicht immer als christlicher Auferstehungsglaube bezeichnet, aber doch als Teil menschlicher Vorstellungen und Hoffnungen auf kein abruptes Ende durch den Tod. Für das Verständnis kindlicher Todeskonzepte ist dieser Glauben wichtig, da er in unserer abendländischen bzw. christlichen Kultur tief verwurzelt ist.

1.3. Psychologische Aspekte von Tod und Sterben

Bereits in der Auseinandersetzung mit historischen Entwicklungslinien menschlicher Todeskonzepte wird erkennbar, daß diese entweder geprägt sind von Furcht vor dem Tod oder zumindest die Angst vor dem Sterben lindern sollen. Wie die bisherigen Ausführungen zeigen, ist der Motor allen Nachdenkens über das Sterben und den Tod die Furcht vor der Ungewißheit und die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Seins.

Zunächst einmal muß grundsätzlich unterschieden werden zwischen Furcht vor dem Tod und Furcht vor dem Sterben. Die Furcht vor dem Sterben bezieht sich weitestgehend auf den biologischen Ablauf des Sterbeprozesses; hier ist historisch betrachtet ein wesentlicher Unterschied der heutigen Zeit zu früheren Jahrhunderten festzustellen. Während die Menschen früher den plötzlichen Tod fürchteten (vgl. Kapitel 1.1.) und den Tod über sich kommen spürten, hoffen heute viele Menschen, eben jenen überraschenden und schnellen Tod zu erleben. Hintergrund ist v. a. der medizinische Fortschritt und die Verlagerung des Sterbens in Krankenhäuser o. ä., in denen Ärzte versuchen, das Leben bis an die Grenze ihres Könnens zu verlängern. Die Furcht vor dem Sterben bedeutet heute für viele Menschen die Angst vor Schmerzen und Qualen, eine Vorstellung, mit der sich die meisten Mitglieder der Konsumgesellschaft, in der alles Positive verfügbar scheint, nicht anfreunden können. In einer Gesellschaft, in der wahllos Mittel gegen allerlei Schmerzen verfügbar sind (Stichwort "Selbstmedikation"), niemand ernsthafte gesundheitliche Probleme "ertragen" muß und sich das Gesundheitswesen darum bemüht, den Gesundheitswahn der Öffentlichkeit zu fördern und zu nutzen, sind sowohl das eigene Erleben als auch das "Miterleben" von Schmerzen und Leid unerwünschte Erfahrungen.

Daneben gibt es aber zudem die Furcht vor dem Tod, vor der Ungewißheit über die Zeit nach dem Sterben. Dahinter steht zum einen wohl seit Jahrhunderten die Angst der Menschen, das irdische Leben sei mit dem physischen Tod unweigerlich beendet und würde keinerlei Fortsetzung finden. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit läßt viele Menschen erschrecken, nur wenige können sich in ihrer Einstellung zum Leben damit arrangieren, daß dieses eine Leben die einzige Existenz ist, die dem Menschen zur Verfügung steht. Bezogen auf das Thema dieser Diplomarbeit muß man zu dem Schluß kommen, daß jemand, der selbst nur Furcht vor dem Tod und keine ehrlichen Antworten kennengelernt hat, dies auch zwangsläufig entsprechend weitergibt. Solange sich soziale Systeme, in denen Kinder heranwachsen, davor scheuen, den Tod als solchen zu bezeichnen und ehrlich zu der eigenen Unwissenheit und der Furcht davor zu stehen statt ihn mit Euphemismen (entschlafen, einschlafen, von uns gehen etc.) zu verharmlosen, können Kinder diese Furcht nur übernehmen. Daher sollte noch einmal darauf verwiesen werden, daß "Vorstellungen, die Kinder zu Sterben und Tod entwickeln, ... ein Licht auf entsprechende Sozialisationsprozesse in unserer Gesellschaft werfen (dürften)" .

Zum anderen kann die Todesangst verstanden werden als Reaktion auf die Geburt. Die Geburt des Menschen bedeutet für ihn die Trennung vom warmen, beschützenden Mutterleib; dieser brutale Akt der Loslösung und des Hereinstoßens in eine fremde und kalte Umgebung ist ein Schockerlebnis jedes Menschen, an welches er nur mit Angst zurückdenkt und an das er sich daher nicht erinnern kann. Der Tod, verstanden als "zweite Geburt", wird als ebensolches Schockerlebnis, das mit Gefühlen des Verlustes und eines kampfähnlichen Übergangs ins neue Leben verbunden wird, erwartet. Das sich ausbildende rationale Bewußtsein des Menschen zu Geburt und Tod läßt ihn - angesichts der gespeicherten Erfahrungen mit der Geburt - Angst vor dem Tod entwickeln.

Hinsichtlich der Furcht vor dem Tod und des Umgangs damit möchte ich in der psychologischen Betrachtung die Thesen Sigmund Freuds (1856 - 1939) über die Abwehrmechanismen des Ich aufgreifen. An dieser Stelle soll nicht der Ansatz der Psychoanalyse umfassend erläutert und aufgearbeitet werden, zumal psychodynamische Theorien nur eine Möglichkeit der Erklärung zur Entstehung und Entwicklung von Persönlichkeit sind.

Auch wenn man die Theorien Freuds eher skeptisch betrachtet, so bieten sie doch für die Angst vor dem Tod adäquate Erklärungen. Grundlage der Psychoanalyse ist die Dreiteilung in Ich, Über - Ich und Es. Die unbewußten, triebhaften Anteile der Persönlichkeit stellen das Es dar, in dem sich alle vererbten sexuellen, aggressiven und andere Impulse befinden, die nach Befriedigung streben. Die psychische Energie des Es, das nach dem Lustprinzip handelt, ist unbewußt und steht somit nicht in Verbindung mit der Außenwelt. Es gibt jedoch Impulse und Energien an das Ich weiter, das z. T. bewußt ist und in Verbindung mit der Außenwelt steht. Das Ich, das nach dem Realitätsprinzip arbeitet, übernimmt im wesentlichen die Aufgabe, die Bedürfnisse des Es zu befriedigen und gleichzeitig den Organismus vor Gefahr zu schützen. Im Laufe der Entwicklung der Persönlichkeit eines jeden Menschen

bildet sich nach Freuds Theorie zudem das Über - Ich, das auch als "Gewissen" bezeichnet werden kann. Es enthält die Belehrungen der Sozialisationsinstanzen und der Kultur eines Individuums über Ethik, Moral und Werte, d. h. es gibt vor, wie man sich verhalten sollte. Das Über - Ich funktioniert somit als eine Art internalisierter Repräsentant der Gesellschaft, der versucht, uns zu beeinflussen, so daß wir uns auf sozial akzeptable Weise verhalten.

Die dreiteilige Struktur der Persönlichkeit, in der das Ich an den meisten intrapsychischen Konflikten teilnimmt, da es einen Weg zur Vereinbarung der Impulse des Es und den Forderungen des Über - Ich und den Erfordernissen der Außenwelt finden muß, wird in der folgenden Abbildung noch einmal optisch verdeutlicht.

Die Abbildung macht die drei Bewußtseinsebenen sichtbar, auf denen die psychischen Prozesse ablaufen. Wichtig für die Untersuchung der Todesangst nach diesem Modell der Persönlichkeitsstruktur ist die Feststellung, daß das Es und die entsprechenden natürlichen Anteile der Persönlichkeit im unbewußten Teil zu lokalisieren sind. Demgegenüber wird der bewußte Teil vom Über - Ich und der Außenwelt dominiert.


1.4. Soziologische Aspekte von Tod und Sterben

1.4.1. Die Frage nach einer Thanatosoziologie

In der Soziologie ist der Forschungsbereich der Thanatosoziologie im Vergleich zu anderen soziologischen Teilbereichen unterentwickelt. Während in anderen Humanwissenschaften der Tod nicht unbedingt als Randproblem bezeichnet werden kann (vgl. Thanatopsychologie), findet er in der Soziologie kaum Beachtung. In der Philosophie z. B. führt die Beschäftigung mit dem Problem des Todes auch zu möglichen Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Die Soziologie setzt sich aber nicht zum Ziel, sinnstiftende Antworten auf Fragen der Menschen zu geben, sondern versucht vielmehr den Ursprung, die Entwicklung und die Struktur der menschlichen Gesellschaft zu beschreiben.

Für den Soziologen ist der Tod somit ein eher abstraktes Faktum jenseits von Geschichte u. ä. Soziologische Betrachtungen des Todes finden sich zumeist in der Sozialmedizin als medizinische Soziologie, die u. a. die Mortalität bestimmt. Wesentlich aufschlußreicher sind jedoch qualitative soziologische Ergebnisse, die Auskunft geben über den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod. Der Versuch einer Thanatosoziologie findet sich z. B. in "Tod und Gesellschaft. Eine soziologische Betrachtung von Sterben und Tod" von Klaus Feldmann. Antworten auf die Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod sind jedoch nur partiell oder rudimentär zu finden, so daß ich im wesentlichen auf die Aussagen anderer Autoren und anderer Wissenschaften zurückgreifen muß. Dabei handelt es sich selten um empirisch ermittelte Ergebnisse zu dieser Fragestellung im Sinne der Soziologie ("Es hat in der Tat den Anschein, als machten sich die heutigen Soziologen für den Tod und das ihm auferlegte Redeverbot das Vorbild des Freudschen Verfahrens im Bereich der Sexualität und der ihr auferlegten Versagungen zu eigen." ), sondern mehr um die Feststellung des Status quo bzw. die Beschreibung der erfahrbaren Wirklichkeit.

Für die Soziologie dürfte es in Zukunft interessant sein, dieses Forschungsfeld weiter zu erschließen und mit den Methoden der empirischen Sozialforschung wissenschaftliche Ergebnisse und Antworten zu ermitteln. Für die Sozialarbeit sollte es genügen, die beschreibbare Wirklichkeit zu kennen und zu verstehen. Dabei sollen die bisherigen Kenntnisse aus anderen Wissenschaften ausreichen zum Verständnis der Entwicklung und der Charakteristika heutiger Todeskonzepte. Diese werde ich nachfolgend so umfassend wie möglich beschreiben; mir ist jedoch bewußt, daß dies dennoch nur eine fragmentarische Darstellung dessen sein kann, was den heutigen gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod ausmacht. Auch an dieser Stelle stoße ich einmal mehr an die Grenzen dessen, was in diesem Rahmen darzulegen ist, und muß auf die entsprechende Literatur verweisen.

1.4.2. Der gesellschaftliche Umgang mit Sterben und Tod

Die heutigen Einstellungen zum und Konzepte vom Tod sind das Ergebnis der geistesgeschichtlichen, gesellschaftlichen und sozialpsychologischen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Die bisherigen Ausführungen dienten dazu, den Hintergrund zu verstehen, auf dem sich die heutigen Todeskonzepte entwickelt haben. Darüber hinaus sollten sie Phänomene (z. B. die Todesangst), Hoffnungen (s. Theologie) sowie Bräuche und Riten erläutern, die heute Grundzüge des gesellschaftlichen Umgangs mit Sterben und Tod ausmachen.

In der Literatur der 80er Jahre findet man nahezu einhellig die These von Philippe Ariès über den "Verbotenen Tod" aufgegriffen. Ohne daß diese These grundlegend abgelehnt wird, kann man in der jüngeren Literatur jedoch zunehmend eine Gegenbewegung feststellen; ich werde daher beide Thesen - auch im Hinblick auf die Soziale Arbeit - darstellen und erläutern.

1.4.2.1. Der verbotene Tod

Mehr und mehr hat sich der gesellschaftliche Umgang mit Sterben und Tod in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Während sich in früheren Zeiten die Einstellungen zum Tod meist nur minimal veränderten, sich langsam entwickelten und verschiedene geistesgeschichtliche Haltungen einander beeinflußten (vgl. Kapitel 1.1.), haben sie sich in der Moderne, insbesondere in diesem Jahrhundert derart rasch verändert, daß Philippe Ariès darin eine "brutale Revolution der traditionellen Gefühle und Vorstellungen" sieht. " ... Das ist ein neues, wirklich absolut beispielloses Phänomen. Der früher so gegenwärtige und derart vertraute Tod verliert sich und verschwindet. Er wird schamhaft ausgespart und zum verbotenen Objekt."

Es ist nicht ganz deutlich zu kennzeichnen, welches Phänomen Ursache und welches Folge ist: die Verlagerung des Ortes des Sterbens und die Weigerung der modernen Gesellschaft, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren. Die wenigsten Menschen sterben heute noch zu Hause ; der Großteil stirbt im Krankenhaus oder z. B. in Altenpflegeheimen , zumeist isoliert in einem einsamen Asyl. Dem biologischen Tod geht meist der soziale Tod voraus. In der jüngeren Geschichte ist somit eine Veränderung des Umgangs mit dem Tod festzustellen, die sich mit einer beginnenden Individualisierung der früheren Öffentlichkeit des Todes zu Beginn dieses Jahrhunderts bis hin zu einer Institutionalisierung des Todes beschreiben läßt. Es ist um den Tod und das Sterben herum ein Dienstleistungsgewerbe mit Pflegeeinrichtungen und -kräften, Bestattungsunternehmen, Friedhofsgärtnereien usw. entstanden, in dem auch die berufliche Sozialarbeit eine Rolle spielt. Sie ist in Krankenhäusern oder (privaten) Pflegediensten tätig und trägt zur Verwaltung des Sterbens bei.

Philippe Ariès begründet diese Verlagerung des Ortes des Sterbens mit einer gewandelten Einstellung zum Tod. Der Tod wird tabuisiert und löst die Sexualität als früheres gesellschaftliches Tabu ab. Heute seien die Kinder in frühen Jahren bereits über Sexualität aufgeklärt, während sie gleichzeitig fern von Tod und Vergänglichkeit gehalten werden. Dahinter steht das Streben, "nicht mehr

dem Kranken, sondern der Gesellschaft, der Umgebung selbst die Belästigung und die allzu starke, unerträgliche gefühlsmäßige Belastung zu ersparen, wie sie die Widerwärtigkeit des Todeskampfes und die einfache Präsenz des Todes inmitten des vollen Lebens mit sich bringt, denn man hält es für ausgemacht, daß das Leben glücklich ist oder wenigstens den Anschein haben soll."

Konnten die Menschen in früheren Zeiten den Tod noch kommen spüren, sich darauf vorbereiten und von ihrer Umwelt Abschied nehmen, sind heute die Ärzte die neuen Herren über Leben und Tod. Allein von ihnen hängt ab, wann ein Mensch sterben kann und darf, und gäbe es keine medizinischen Grenzen, würden viele Ärzte sicherlich geneigt sein, das menschliche Leben unendlich zu verlängern. Der modernen Apparatemedizin geht es nur in seltenen Fällen um ein menschenwürdiges Sterben, sie bemüht sich vielmehr um einen "acceptable style of facing death" . Sowohl dem Sterbenden als auch seinen Angehörigen wird oftmals die Wahrheit über den kommenden Tod verschwiegen, "Sterben wird verdrängt, Sterbende sterben einen technisierten, fremden Tod" . So soll zudem erreicht werden, daß Gefühle und Gefühlsausbrüche möglichst außerhalb der Institutionen des Todes bleiben, denn "Emotionen sind das, was im Krankenhaus genauso wie überall sonst in der Gesellschaft vermieden werden muß. Das Recht, seine Erschütterung zu zeigen, hat man nur privat, d. h. im Verborgenen." Und selbst im Privaten scheint es inzwischen Grenzen des Erlaubten zu geben, denn Ariès stellt weiter fest: "Allzu augenfälliger Schmerz erweckt nicht Ehrerbietung, sondern Widerwillen: er ist ein Zeichen von geistiger Verwirrung oder von schlechter Erziehung; er ist morbide. Innerhalb des Kreises der Familie ist man noch unschlüssig, ob man sich gehen lassen darf oder nicht, aus Angst die Kinder zu verstören. Das Recht zu weinen hat man nur, wenn einen niemand hört oder sieht: Die einsame und verschämte Trauer ist die einzige Zuflucht ..."

Bei einer Analyse von Todesanzeigen findet man diese Phänomene wieder. Die ersten Todesanzeigen wurden Ende des 18. Jahrhunderts veröffentlicht und gaben ausführlich Auskunft über Krankheitsverlauf, familiäre Situation und

Leid der Familie etc.. Im Laufe des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Ton der Anzeigen nüchterner und der Tod wurde zunehmend mit Euphemismen beschrieben (vgl. Kapitel 1.3.); "langsam verschwand der Tod aus dem Blickfeld." Der Rückzug der Trauer um den Toten wurde daran deutlich, daß nicht mehr jedermann über die Todesanzeigen zur Trauerfeier eingeladen wurde, sondern bewußt die nähere Verwandtschaft von der Außenwelt abgeschirmt wurde. Seit etwa 1960 ist es zudem üblich, den Leichnam nicht mehr wie in früheren Zeiten zu Hause, sondern in der Leichenhalle des beauftragten Beerdigungsinstituts aufzubahren.

Durch mangelnde Konfrontation mit dem Tod ist es im Verlauf dieses Jahrhunderts zur Ausbildung folgender Charakteristika im Umgang mit Sterben und Tod gekommen:

· Sterben ist immer mehr privatisiert worden, da immer weniger Menschen das fremde Sterben solidarisch ertragen konnten und wollten.

· Der Tod ist im Laufe des medizinischen Fortschritts und durch strukturelle Veränderungen der Gesellschaft (Verkleinerung der Familien ® verminderte personelle, psychische, physische und ökonomische Ressourcen) weitestgehend institutionalisiert worden.

· Fehlende Möglichkeiten der Todeserfahrung führen zu einem mangelnden Todesbewußtsein.

· Der Tod wird selten menschlicher gemacht und das Sterben und die Trauer werden nicht in das Leben einbezogen, da Kommunikationshemmungen das Gespräch über den Tod, die Gefühle und Trauer, über Hoffnungen und Ängste usw. immer schwieriger gestalten oder es gar verhindern.

· Durch Konzentration auf die Gegenwart und das jenseitige Leben verliert die Gesellschaft allmählich die Symbolik des Sterbens und des Todes. Dies drückt sich einerseits in der Sprache aus. In der bildlichen Darstellung allerdings gibt es die Möglichkeit, sich mit Metaphern auszudrücken und gleichzeitig zu schützen. Ein Beispiel dafür ist das Selbstbildnis von Käthe Kollwitz (1867 - 1845), in dem der Anruf des Todes als eine aus dem Nichts hereingreifende Skeletthand symbolisiert wird.

Diese Veränderungen haben ganz konkrete Auswirkungen auf das Denken und Fühlen des Sterbenden wie auch der Angehörigen. Der Sterbende selbst scheut sich davor, "Todesängste gegenüber seiner sozialen Umgebung zu äußern, da er das gesellschaftliche Tabu, das Sterben und Tod umgibt, deutlich zu spüren bekommt." Es "wird ihm jedoch oft wenig Hilfe und Unterstützung zuteil. Die Umgebung des Sterbenden reagiert mit Angst, Hilflosigkeit und einem Gefühl der eigenen Bedrohtheit, was dann in zunehmendem Maße einen sozialen Rückzug zur Folge hat."

Doch nicht allein die Sterbenden sind mit diesen Veränderungen und negativen Auswirkungen betroffen. Abgesehen davon, daß Einstellungen zum Tod seit jeher eng verbunden gewesen sind mit den entsprechenden Einstellungen zum Leben, lernen wir darüber hinaus " als Kinder ... nichts über den Tod, da ein allgemeiner Konsens darüber besteht, der Tod sei nichts für Kinder." Damit wird es für die moderne Gesellschaft schwieriger, den Kindern und Jugendlichen einen Sinn für ihr Leben vor dem Tod zu vermitteln. Viele junge Menschen sehen den Sinn nicht mehr allein darin, exzessiv nach materiellen Gütern zu streben. Aber angesichts des Todes müssen sie dennoch die Sprachlosigkeit der Erwachsenen übernehmen; falls sie Antworten hören, sind diese oftmals ein Konglomerat aus euphemistischen Metaphern und Bruchstücken früherer Todeskonzepte - insbesondere aus dem, für viele "moderne" Menschen anachronistischen, christlichen Auferweckungsglauben. Viele Erwachsene, aber auch junge Menschen sind den oben angeführten Veränderungen ausgesetzt, müssen jedoch im Laufe ihres Lebens die Todesangst, die so alt ist wie der denkende Mensch, bewältigen oder sehen sich ihrer zumindest konfrontiert. Angesichts der Unausweichlichkeit des Todes entwickelt jeder denkende Mensch irgendwann einmal eine Vorstellung von dem, was ihn möglicherweise nach dem Tod erwartet und muß sich dann seine eigene Wirklichkeit, seinen eigenen Glauben davon bilden. Die in den Kapiteln 1.1. und 1.2. erläuterten Konzepte spielen dabei eine mehr oder weniger prägende Rolle.

Ein Ausweg kann allein die eigene und persönliche Auseinandersetzung mit

dem Tod sein, denn sie "ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, andern - gerade auch Kindern und Jugendlichen - ‘ helfen ’ zu können, das unausweichliche Ende des Lebens zu verarbeiten und menschenwürdig zu bewältigen." Ziel muß die Abkehr von der Verdrängung und Verleugnung des Todes in der modernen Gesellschaft sein, um Kindern in einer vom kollektiven Tod durch Selbstvernichtung (s. ökologische und militärische Bedrohung) bedrohten Welt den Tod als natürlichen Bestandteil des Lebens erfahrbar zu machen.

Diesem Ziel soll auch diese Diplomarbeit dienen; die Arbeit daran regt zum einen mich persönlich an, all diese geforderten Schritte zu tun, nachzudenken, zu suchen, zu (hinter-) fragen - und z. T. zu finden. Zum anderen soll sie aber auch andere anregen, dies zu tun und daher ist die Darstellung der Gegenbewegung zum "verbotenen Tod" unabdinglich.

1.4.2.2. Der akzeptierte Tod

1.5. Tod und Sterben in der sozialarbeiterischen Praxis

Bereits im vorangegangenen Kapitel ist angeklungen, daß die professionelle Sozialarbeit in und an der Institutionalisierung des Sterbens und des Todes mitarbeitet.

Nach Peter Lüssi ist Sozialarbeit "das professionelle Lösen sozialer Probleme", deren Merkmale Not, subjektive Belastung und Lösungsschwierigkeiten der Betroffenen sind. Aufgrund der angesprochenen Tabuisierung des Todes agiert die Sozialarbeit innerhalb des Systems des institutionalisierten Todes zumeist in diffizilen Randbereichen, denn Probleme mit dem Sterben, Todesangst, Trauergefühle etc. können durch ihre zunehmende Privatisierung oftmals nicht mehr thematisiert werden. Das soziale Problem des Todes soll es augenscheinlich nicht mehr geben, zumindest lassen die Erkenntnisse über den verbotenen Tod den Schluß zu, die Gesellschaft ist bemüht, die Merkmale dieses Problems als nicht existierend erscheinen zu lassen. Darüber hinaus gibt es für die Sozialarbeit in diesem Bereich kaum Möglichkeiten der Reflexion, da ihr Auftrag meist in der Verwaltung, denn in der Begleitung des Sterbens verstanden wird.

Die berufliche Sozialarbeit bekommt erst durch den akzeptierten Tod wieder eine sinnstiftende Aufgabe; der Tod wird wieder als soziales Problem erkannt, denn die Betroffenen können zunehmend eingestehen und auch artikulieren, daß sie die Situation des Sterbens als persönlich belastende Not erfahren und Schwierigkeiten haben, dieses Problem allein zu lösen. Sozialarbeit in einem ambulanten Hospiz kann z. B. dazu beitragen, daß soziale Netzwerke um die

betroffene Familie herum entstehen oder verstärkt werden, um sie in der Trauer und im Verlust zu stärken. Zudem kann sie die Versorgung des Sterbenden

koordinieren, indem sie seinen Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen entsprechend seine pflegerische und psychosoziale Versorgung organisiert.

Die Person der Sozialarbeiterin / des Sozialarbeiters muß sich jedoch deutlich machen, daß sie mit ihrer eigenen Person immer auch ihr eigenes Handwerkszeug ist. Es bedarf also auch in der beruflichen Sozialarbeit einer stärkeren Auseinandersetzung mit Sterben und Tod, um ein Bewußtsein für die eigene Sterblichkeit und für die Zeit und Qualität des eigenen Lebens zu entwickeln.

Sozialarbeit ist nicht allein Ausdruck, Konsequenz und Spiegelbild gesellschaftlicher Mechanismen, sondern kann (und muß) gesellschaftliche Prozesse auch entscheidend prägen oder initiieren. Der Besetzung des Themas Sterben und Tod durch die Soziale Arbeit könnte daher eine ganz entscheidende Rolle für die Entwicklung des akzeptierten Todes spielen. Tod und Sterben als soziales Problem zu benennen, aber auch zu thematisieren, zu ermutigen, zu stärken usw. müssen die Ziele in diesem Feld sein.

Janusz Korczak (1872 - 1942) hat das Grundrecht des Menschen auf den eigenen Tod und das Recht des Kindes auf Tod benannt; greift man die Vorschläge der International Federation of Social Workers und der International Association of Schools of Social Work aus dem Jahre 1992 zur Strategie der Professionalisierung Sozialer Arbeit auf, die die Soziale Arbeit von ihrem selbstbestimmten Auftrag her als "Human Rights Profession" definieren, bekommt diese Feststellung eine besondere Bedeutung für berufliche Sozialarbeit. Will sich Sozialarbeit in der Zukunft weiter professionalisieren und den beruflich Tätigen eine Identität vermitteln, bedarf es einer erfahrungswissenschaftlichen Theorie menschlicher Bedürfnisse als Begründungsbasis für universalisierbare Werte und zu vergesellschaftende Normen. Beziehend auf Janusz Korczak bietet sich durch die vorliegende Thematik die Möglichkeit, diesen Auftrag anzunehmen.

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Stand: 26.01.02

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