ich möchte gerne wissen, wie viel Zeit man in der Woche für eine Betreuung aufbringen sollte. Wie viel wäre gerade genug für den Sterbenden? Muss man jederzeit erreichbar sein, d.h. auch nachts? Wie intensiv sind normalerweise Betreuungen? Welche Beziehung baut sich zwischen Hospizhelfer und Betreutem auf?
Hallo Jana, erst einmal muss du dich nicht rund um die Uhr dem Sterbenden unterordnen. In der Regel reicht eine Begleitung 2 mal in der Woche a ca. 2 Stunden. Kommt immer auf die Situation an. Wichtig ist eben, dass man dabei auf sich selbst achtet. Ein ICH MUSS gibt es bei einer Begleitung nicht. Es zählt nicht wie oft und wie lange man da ist, sondern nur die Intensität des Augenblicks. Heisst, wenn ich da bin, bin ich da und wenn ich nicht da bin, bin ich eben nicht da. Ansonsten ist es kein Problem dem zu Begleitenden oder dessen Angehörigen seine Telefon- oder Handynummer für den Notfall zu hinterlassen. Es hat sich in der Praxis gezeigt, dass diese Nummern nicht mißbraucht wurden, heisst es wurde nur angerufen wenn es wirklich dringend war.
Zu den Beziehungen: Es ist unterschiedlich, kommt ja u.a. auch drauf an wie lange man sich kennt. Es kann eine sehr innige Beziehung werden oder eine normal freunschaftliche. Man kann im Vorfeld nicht wirklich sagen, wie es sein wird, es entwickelt sich einfach.
In Antwort auf:ich möchte gerne wissen, wie viel Zeit man in der Woche für eine Betreuung aufbringen sollte.
Deine Frage kann man nicht definitiv beantworten, aber in der Woche sollten es in der ehrenamtlichen Sterbebegleitung mindestens 4 Stunden sein, welche man nach und durch Absprache mit dem / der zu betreuenden Patienten / in oder den Angehörigen aufgrund deren Bedürfnisse und Wünsche auf die Wochentage aufteilen kann. So können es z.B. an 4 Tagen in der Woche jeweils 1 Stunde sein, oder an zwei Tagen in der Woche jeweils 2 Stunden. Auch eine stundenweise Mehrbetreuung geschieht nach Absprache der Koordinatoren des Hospizdienstes, der zu betreuenden Menschen wie den Angehörigen. In der Regel kommt man aber als Begleiter mit 4 Stunden in der Woche aus.
Auch das Betreuen von Angehörigen richtet /orientiert sich vorrangig an den Bedürfnissen und Wünschen des zu betreuenden Menschen.
In Antwort auf:Wie viel wäre gerade genug für den Sterbenden?
Es sollte kein Zuwenig oder Zuviel sein, sondern auch hier richtet sich das Betreuen nach den Wünschen und Bedürfnissen des Patienten. Es geht darum, seine Autonomie, Würde und Selbstständigkeit zu achten, zu respektieren, zu fördern, zu erhalten. Bei nichtansprechbaren Patienten reicht es schon aus, einfach da und anwesend zu sein, die Hand zu halten und damit zu vermitteln, das der betreute Mensch nicht allein ist. Das Betreuungsmass, wenn es das denn überhaupt gibt, richtet sich also zuallererst auch nach der Situation und der körperlich / psychischen Lage des Patienten.
In Antwort auf:Muss man jederzeit erreichbar sein, d.h. auch nachts?
Ich kann das jetzt nur von dem Malteser Hospizdienst beschreiben, wo ich tätig bin. Hier ist es so, das Ehrenamtliche in der Regel nicht Nachtwachen abhalten müssen oder jederzeit erreichbar sein müssen, das wird von Hauptamtlichen so gehandhabt. Ich kann mich aber freiwillig als Ehrenamtlicher dafür zur Verfügung stellen. Wie das bei anderen Diensten aussieht, kann ich nicht beantworten.
In Antwort auf:Wie intensiv sind normalerweise Betreuungen?
Das ist sehr unterschiedlich, denn genau wie jeder Mensch ein individuelles Wesen ist, ist es auch sein Sterben wie sein Tod. Als ehrenamtlicher Sterbebegleiter ist man zuallerersteinmal für die alltäglichen Bedürfnisse da, vorrangig in der psychosozialen Betreuung. Man arbeitet ja in einem interdisziplinären Team, wo unterschiedliche Professionen und Dienste ihre jeweilige Aufgabe haben.
In Antwort auf:Welche Beziehung baut sich zwischen Hospizhelfer und Betreutem auf?
Auch das ist sehr unterschiedlich und richtet sich danach, die eigene Balance zwischen Nähe und Distanz zu wahren. Diese in sich selbst zu finden, ist nicht leicht, aber auch nicht unerreichbar. Die Balance sollte so aussehen, das man sich nicht durch zuviel Nähe und Hingabe selbst aufopfert und damit auspowert, und auch nicht so distanziert, das man die Bedürfnisse und Wünsche eines Patienten nicht wahrnimmt, denn dann wäre dieses keine Betreuung mehr. Also ist es sehr wichtig, diese Balance durch eigene Reflektionen wie aber auch durch Teambesprechungen zu finden und zu leben.
also seriöserweise muß man sagen, daß jede Begleitung vom Wunsch des zu Begleitenden einerseits und vom Vermögen des Begleitenden andererseits abhängig gemacht werden muß. Es ist keinesfalls gut, wenn Du dich in Deiner eigenen Lebensfreiheit beschränkst. du mußt selber absolut so bleiben dürfen wie du bist. Nur: die Stunden, in denen Du als Sterbebegleiterin tätig bist, werden Dich auch in der restlichen Zeit "befruchten". Du mußt also einen guten Überblick über Dich bewahren und wissen, wann Du geben kannst und wann Du nicht geben kannst. Wir haben alle ja viele Verpflichtungen, nicht nur die Sterbebegleitung. Und unser Leben muß stabil sein, sonst können wir uns nicht wirklich zentrieren, wenn wir als Sterbebegleiter tätig sind und bringen mehr Unruhe als daß wir auf das Ziel der Ruhe im Tod zusteuern. es muß also immer ein Ausgleich stattfinden in uns selber, sonst brennen wir aus.
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich selber merke, wann ich "kann" und wann ich nicht "kann". Und wenn ich mir keine Gedanken mache, ob ich "kann", dann "kann" ich meist mehr, als ich für möglich hielt. Nur kommen dann immer später. nach dem Tod, Zeiten, in denen ich merke, daß ich eigentlich doch nicht soviel hätte "können" sollen, verstehste? Deshalb: Du bist die, die auf den Sockel der Beobachtung gehört, Du bist der Fokus Deiner Wahrnehmung. Der Sterbende ist es nur, wenn Du bei ihm bist. Denn Du bist sein Begleiter. Du wirst da über kurz oder lang auch entdecken, daß Sterbende nur eines wollen: leben. Und darin mußt du ihnen nacheifern und darfst nicht zuviel von Dir mit hinübergehen lassen. Dafür ist es wichtig, für sich selber sicher zu werden als mensch, der Sterbende begleitet. Man muß mit der Situation vertraut werden und die Angst verlieren vor dem, was passieren wird. Aber das kommt schon. Eigentlich ist ja diese angst das energieraubende, findet ihr nicht?
hallo, mir ist in den letzten Stunden immer wieder der Satz in den Sinn gekommen, den ich oben geschrieben habe: Sterbende wollen vor allem eines: Leben. Ich habe mich gefragt, wie ich das gemeint habe und mir ist eingefallen, daß ich eigentlich gar nicht mehr erlebe, daß wirklich jemand weggeht, ich erlebe eher, daß jemand woanders hingeht und viele Menschen scheinen auch zu wissen, daß es ein "Jenseits" gibt. Und in diesem Jenseits wollen natürlich auch viele Sterbende leben, gerade alte Menschen oder Schwerkranke können für sich diese Ruhe und Gelassenheit vor der Zukunft entwickeln. Und so endet für mich eigentlich das Leben nicht mit dem Tod, der Tod ist für mich nur ein Übergang ins Leben.
So ist es vielleicht verständlich, was ich meinte. Nicht daß jemand denkt, Sterben sei immer ein wehrhafter Prozeß.
In Antwort auf:und viele Menschen scheinen auch zu wissen, daß es ein "Jenseits" gibt.
Eben, und Schein ist nicht Sein, somit ist das oder ein Jenseits nur ein Glaube und eine Hoffnung im Menschen aus der Angst und Furcht heraus, das im Tode nichts mehr ist. Leben und Tod sind nichts anderes als So-Sein.
Genau, und diesen Glauben kann man mitfühlen und lernen, wertfrei über Glaubensdinge zu kommunizieren- unabhängig vom Individuum und seinen Vorstellungen. Was man nicht machen soll ist, vor dem Sterben Denkprozesse anzustoßen. Bei Lebenden ist das aber durchaus sinnvoll.
In Antwort auf:und diesen Glauben kann man mitfühlen und lernen, wertfrei über Glaubensdinge zu kommunizieren- unabhängig vom Individuum und seinen Vorstellungen
Diskurs für Christian:
Einen Glauben kann man nicht erlernen, weil und da Glaube in keinster Weise auch nur irgendetwas mit Prozessen des Verstandes zu tun hat. Glaube ist per definitionem ein Für-Wahr-Halten von Dingen, welche man nicht sieht. Ein Führ-Wahrhalten ist auf der Gefühlsebene begründet und auch angesiedelt. Glaube und somit ein Für-Wahr-Halten impliziert gleichzeitig und somit ein Hoffen auf etwas Bestimmtes, was Grundlage eines Glaubens ist. Aus diesem Hoffen entsteht ein Sehnen, das diese erhofften Dinge sind. Damit begründet sich der Wert des Erhofften und Ersehnten. Damit ergibt sich eine Un-möglichkeit, wert-frei über Glaubensdinge zu kommunizieren, da eine Wertfreiheit einem Glauben die Grundlage des Geglaubten, damit Erhofften und letztendlich Ersehnten entzieht.
Glaube kann in keinster Weise unabhängig vom Individuum existieren, denn Glaube manifestiert sich im Sinne eines Für-Wahr-Haltens der Glaubenswerte in diesem selbst. Das Individuum selbst ist somit die grundlegende Voraussetzung für einen Glauben, denn in diesem kristallisieren sich die Werte, an welches es letztendlich glaubt, indem es sie Für-Wahr hält. Wer Glaube somit losgelöst vom Individuum als Glaubenden setzt, negiert ihn als Glaube und setzt damit reine Vorstellungen im Sinne eines Dogmas, für welches allein der Intellekt zuständig ist. Und erst in diesem Falle kannst Du, wie Du es hier postulierst, über Glaube als ein künstlich hergestelltes, als ein dem Verstande zugrundeliegendes, kommunizieren und diskutieren. Das geht nicht mit Glauben, denn Glaube ist als ein Für-Wahr-Halten, Hoffen und Sehnen nach Dingen, welche man nicht sieht, der Verstandesebene entzogen, da durch ein Nichterkennen und damit Nichtwissen der Dinge, welche man nicht sieht, dem Intellekt der Gegenstand entzogen ist, über welchen man kommunizieren und diskutieren könnte. Daher existieren die mannigfaltigsten Meinungen und Ansichten, welche fiktiv im Intellekt als Vorstellungen des Individuums begründet liegen, aber mit der Wahrheit eines Für-Wahr-Gehaltenen Glaubens nichts gemein haben, denn dieser wird nicht gewusst, sondern erkannt. Das begründet ein Erkennen im Sinne von Erkenntnis durch Erfahren und Erleben, nicht durch Vor-stellen, denn Vor-stellen stellt sich somit einem Erfahren und Erleben voran, was ein Erkennen im Sinne von Erkenntnis bewussten Erfahrens wie Erlebens zuwider läuft.
Und Mitfühlen im Sinne von Mit-gefühl umfasst den Menschen in seiner Ganzheit als Menschen und ist mehr als eine Summe von Teilaspekten, welchen es übergeordnet ist. Damit erst wird Mitfühlen zum Einfühlen in einen Menschen, indem ich diesen in seiner Ganzheit respektiere, achte und würdige. Mitgefühl ist somit als übergeordnete Instanz losgelöst von der Summe von Teilaspekten und somit ein umfassendes Ganzes an sich. Dieses Übergeordnete eines Mit-fühlens kristallisiert sich als Liebe, und zwar zu einer Liebe zu meinem Nächsten, damit zur Nächstenliebe.
In Antwort auf:Denkprozesse anzustoßen. Bei Lebenden ist das aber durchaus sinnvoll.
Exakt, vielleicht erkennst Du für Dich, das Du in Deinen Worten nicht von erleb- und erfahrbarem, gefühlten Glauben sprichst, sondern von künstlich, vom Verstande begründeten, Dogmatismen.