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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Wissenswertes zum Hospiz und zur Hospizarbeit
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

16.10.2005 02:16
Die Arbeit im Hospiz antworten

Die Arbeit im Hospiz (Teil 1)

Die Patienten sollen in das Hospiz kommen, wenn es ihnen noch verhältnismäßig gut geht.

Christian Klein

Ein Hospiz - was ist das eigentlich genau? So ähnlich war meine Reaktion, als ich auf der Suche nach einer Zivildienststelle über das Rostocker Hospiz am Klinikum Süd gestolpert bin. Ich wusste zwar, dass dort schwerstkranke Menschen mit infausten Prognosen betreut werden, aber eine genaue Vorstellung hatte ich leider nicht. Aus diesem Grund beschloss ich, mir diese Einrichtung zunächst anzuschauen und mir etwas über den Ablauf und die Menschen im Hospiz erzählen zu lassen.

Übersicht

* Mehr Wärme als im Krankenhaus
* Die Begleitung in den Tod - eine große Aufgabe
* Die Aufgaben in einem Hospiz sind vielfältig
* Menschliche Zuneigung und die Schmerzlinderung stehen im Vordergrund
* Die Hospizbewegung benötigt mehr Engagement
* Die Arbeit im Hospiz (Teil 2)


Mehr Wärme als im Krankenhaus

Schon beim ersten Betreten des Hauses fiel mir auf, dass das Hospiz keinerlei Ähnlichkeit mit einer normalen Krankenhausstation hatte. Dort arbeiteten zwar Schwestern und Ärzte, die auch kranke Menschen betreuten, aber das Haus glich eher einem ganz normalen Wohnhaus. Es gab Teppiche, Gardinen und einen Gemeinschaftsraum, der wie ein ganz normales Wohnzimmer aussah - mit Klavier, Sofaecke und einem großen Tisch für ein gemütliches Beisammensein auch in großer Runde.
Eine Küche für die Bewohner - so wurden die Patienten genannt - und deren Angehörigen existierte ebenfalls.
Die Zimmer der Bewohner waren in warmen Farben eingerichtet. Neben einem elektrischen Pflegebett aus Buchenholz gab es Schränke, Kommoden und Bilder mit mediterranen Landschaften oder Früchten. Einige der Zimmer hatten einen direkten Zugang zum Innenhof des Hospizes, wo sich der Garten befand, in dem die Bewohner in der Sonne sitzen und die Natur genießen konnten.
Bei den lichtdurchfluteten Zimmern, die alle mit Fernseher, einem Entspannungssessel, großen Fenstern und wohnlichen Buchenmöbeln ausgestattet waren, handelte es sich ausschließlich um Einzelzimmer mit eigenem Bad. Wenn man bedenkt, dass sich bei fast allen Patienten auch früher oder später eine Verschlechterung des Zustandes einstellt, wird klar, dass es auch notwendig ist, dass die Bewohner eine Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen und für sich allein zu sein. So können auch Angehörige bei den Bewohnern schlafen und sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten, ohne irgendwen zu stören.

Damals, vor knapp 2 Jahren hatte das Rostocker Hospiz noch 6 Betten. Inzwischen ist das Haus um einen Anbau erweitert worden, sodass jetzt 10 Einzelzimmer für Schwerstkranke aller Altersklassen zur Verfügung stehen. Außerdem wurde inzwischen auch ein Gästezimmer für Angehörige eingerichtet.

Die Begleitung in den Tod - eine große Aufgabe

Beeindruckt von der familiären Atmosphäre ließ ich mir von der Leiterin des Hospizes das Konzept erklären, das der Hospizbewegung zugrunde liegt.
Sie erzählte mir, dass die schwerkranken Bewohner, ihre letzten Tage, Wochen oder Monate in Würde und so angenehm wie möglich verbringen sollen, bevor sie dann meist in dieser Einrichtung in familiärer Atmosphäre und unter guter Betreuung versterben.
Rund um die Uhr stehen Pflegepersonal, Stationshilfen und Ärzte aus der Onkologie des benachbarten Südstadtklinikums den Bewohnern hilfreich zur Seite. Bei der psychischen Bewältigung der für die Patienten extremen Situation des Sterbeprozesses helfen weiterhin ein Krankenhausseelsorger und eine Sozialarbeiterin. Das ist besonders wichtig, da bei den Patienten meist sehr viel Redebedarf besteht. Verständlicherweise überwiegt bei ihnen die Unsicherheit über die neue und sicher auch beängstigende Situation. Viele Bewohner befassen sich auch zum ersten Mal mit dem Thema Tod und Sterben. Dabei tun sich ihnen viele Fragen auf, so dass die Patienten dankbar nach jeder unterstützenden Hand greifen.

Nach dem ausführlichen Gespräch, habe ich begonnen, intensiv darüber nachzudenken, ob ich die Stelle im Hospiz annehme oder mich weiter auf die Suche nach einer Stelle als Rettungssanitäter, die ich ursprünglich anstrebte, begebe. Letztendlich fiel die Entscheidung zugunsten des Hospizes, da ich sehen wollte, ob das Medizinstudium, um das ich mich bei der ZVS beworben hatte, wirklich das Richtige für mich ist. Ich wollte testen, ob ich auch in psychischen Extremsituationen in der Lage bin, offen mit Menschen umzugehen und meinen späteren Job vernünftig und mit Freude ausüben zu können, ob ich fähig bin, Grenzen einzusehen und mit diesen angemessen umgehen zu können.

Die Aufgaben in einem Hospiz sind vielfältig

So trat ich meinen Dienst in der Erwartungshaltung an, dass es für einen Mediziner wahrscheinlich mit das Schlimmste sein muss, einen Menschen nicht mehr heilen zu können, sondern mehr oder weniger hilflos zu versuchen, das Beste aus der gegebenen Situation zu machen.
Ähnlich waren dann auch meine ersten Gefühle bei der Arbeit. Die ersten Tage im Hospiz spürte ich eine gewisse Unsicherheit, sicherlich resultierend aus der Ungewissheit über das, was mich erwartet. In der Schulzeit hat man schließlich nicht mit sterbenden Patienten zu tun, weiß nicht, ob diese deprimiert oder gefestigt sind, ob sie sich Begleitung oder Alleinsein wünschen. Ich fragte mich, ob ich in der Lage sein würde, ihre Signale zu deuten oder ob ich mit einer ungeschickten Bemerkung tiefe Trauer auslösen würde.
Unter diese Zweifel mischte sich aber auch eine gewisse Neugier, was mich erwartet. Die anfängliche Unsicherheit verschwand dann mit Hilfe des Pflegepersonals auch sehr schnell. Sie führten mich sehr behutsam in die Arbeit ein, erklärten mir in den ersten Tagen das Haus und ihre Arbeit und zeigten mir meine Aufgaben, ohne dass ich gleich ins kalte Wasser geworfen wurde. So hatte ich in den ersten Tagen noch keinen Kontakt zu den Patienten, sondern folgte vor allem den Stationshilfen, bereitete das Essen für die Bewohner zu, kaufte ein, putzte, kümmerte mich um den Garten und gewöhnte mich an die Organisation.
Aus den Erzählungen der Schwestern, Stationshilfen und Ehrenamtlichen konnte ich eine genaue Vorstellung entwickeln, wie die Arbeit mit den Bewohnern genau aussah. Nach gut einer Woche kam dann auch schnell der Patientenkontakt zustande. Ich half den Schwestern beim Pflegen und Betten, unterhielt mich mit den Bewohnern, ging oder fuhr (mit dem Rollstuhl) mit ihnen spazieren und las ihnen aus der Zeitung vor. Schon beim ersten Kontakt waren alle Barrieren gefallen und ich begann, an der Arbeit Freude zu empfinden. Wider Erwarten waren die Bewohner alles andere als traurig - ganz im Gegenteil: sie erfreuten sich schon an Kleinigkeiten wie einer leckeren Suppe, Kaffeetrinken mit Freunden oder Verwandten im Garten oder an einem schönen Gespräch.

Menschliche Zuneigung und die Schmerzlinderung stehen im Vordergrund

Das Wichtigste für die Patienten war meist eine wirksame Schmerztherapie und die Bekämpfung der Übelkeit, die die Therapie einiger Krebsarten begleitet. Sofern diese Symptome in den Griff zu bekommen waren, konnten die Patienten jeden neuen Tag genießen.
Bei den Patienten handelte es sich meist um Menschen, die an Krebserkrankungen litten. Dabei gab es keine Altersgrenzen. Während meiner 10 Monate im Hospiz, wohnten dort Leute zwischen 21 und knapp 100 Jahren. Die meisten von ihnen verstarben dann auch im Haus, was allerdings nicht heißt, dass das Hospiz eine Einbahnstraße ist!
Diese Betonung ist besonders wichtig, weil viele Menschen sich davor scheuen, in das Hospiz zu ziehen, wenn sie denken, dass das auch definitiv ihr letzter Weg ist. Schließlich hat jeder Mensch noch die Hoffnung auf Besserung und womöglich auf Heilung. Während meiner Zivi-Zeit sind mehrere Bewohner, deren Zustand sich verbesserte oder zumindest stabilisierte nach einiger Zeit auch wieder nach Hause zurückgekehrt und leben dort womöglich immer noch.
Allerdings ist es schon so, dass die überwiegende Mehrzahl der Patienten im Hospiz verstirbt. Ein Grund dafür sind sicher auch die Krankenkassen, die ihre Zustimmung über die Aufnahme von Patienten ins Hospiz nur sehr zögerlich geben. Die Genehmigung der Krankenkassen ist notwendig, weil diese die Finanzierung übernehmen. Da Krankenkassen aber im Allgemeinen eher an der Heilung von Kranken interessiert sind, was im Hospiz nicht der Fall ist, und da humanes Sterben in Begleitung und mit individueller Betreuung teurer als die Pflege auf einer Normalstation ist, wird die notwendige Genehmigung oft entweder gar nicht oder viel zu spät erteilt.
Eigentlicher Sinn der Hospizbewegung ist, dass Patienten, deren Prognose infaust ist, die also nicht mehr geheilt werden können sondern nur noch eine begrenzte Lebenszeit haben, in das Hospiz kommen, wenn es ihnen noch verhältnismäßig gut geht. Angestrebt sind von der Deutschen Hospizstiftung mehrere Monate, damit sie ihre letzte Zeit angemessen verbringen können und auch noch Zeit haben, wichtige Dinge zu regeln und Freunden und Verwandten Dinge zu sagen, die sie bedrücken. Nebenbei sollen sie trotzdem in den Genuss einer umfassenden medizinischen Betreuung kommen. Die Menschen sollen eine Möglichkeit haben, ihr noch verbleibendes Leben zu genießen und sich langsam auf ihren Tod vorzubereiten. Dazu ist es notwendig, dass die Patienten in einem Zustand in das Hospiz kommen, wo sie noch in der Lage sind, zu gehen, sich fortzubewegen und noch einmal wohin zu fahren, statt nur noch im Bett zu liegen.

Die Hospizbewegung benötigt mehr Engagement


Viele Krankenkassen haben allerdings kein Verständnis für diese Definition der "letzten Lebensphase". Sie können nicht verstehen, dass man den Tod nicht kalkulieren oder vorhersagen kann. Aus diesem Grund und leider manchmal auch aus noch mangelndem Engagement der Hausärzte kommt es immer wieder vor, dass Patienten erst überwiesen werden, wenn sie bereits in die finale Phase eingetreten sind, wenn sie bettlägerig sind, meist unfähig zu reden, wegen eines Lungenödems nach Luft schnappen und brodeln. In dieser Phase, wo auch die Wahrnehmung bereits stark eingeschränkt ist, ist es unsinnig, einen Patienten ins Hospiz zu bringen, wo er dann nach wenigen Stunden oder Tagen verstirbt. Vielmehr bedeutet der Krankentransport in dieser Phase eine ungeheure Anstrengung für den Patienten, dem man damit sicher keinen Gefallen mehr tut. Glücklicherweise gibt es aber auch Hausärzte, die in Fällen akuter Verschlechterung abwarten und den Patienten gegebenenfalls in Ruhe zu Hause sterben lassen.
Solche Ärzte mit Weitblick sind wichtig für die Hospizbewegung, die leider immer noch mit einem Akzeptanzproblem zu kämpfen hat. Viele Betroffene verschließen sich davor, weil sie es als ersten Schritt in den Tod sehen.
Negative Beispiele und Erzählungen über Patienten, die innerhalb weniger Stunden verstorben sind, weil die überweisenden Ärzte das Hospiz als reine "Sterbestation" missverstanden und darum zu spät überwiesen haben, stützen diese ablehnende Haltung und die Skepsis in der Bevölkerung.
Darum müssen die Ärzte sicher mehr Aufklärungsarbeit leisten.
Allerdings ist es während meiner Zeit sogar immer wieder vorgekommen, dass sowohl Patienten, als auch Angehörige mit dem Begriff Hospiz nichts anfangen konnten und geschockt reagierten. Manchmal sollte auch auf Wunsch der Angehörigen dem Patienten nichts Genaueres über seine Erkrankung und die Prognose erzählt werden. So etwas darf nicht sein und ist immer wieder ein Hinweis auf unzureichende Aufklärung der zuvor behandelnden Ärzte, die sich leider immer wieder vor unangenehmen Gesprächen scheuen und diese nicht gründlich und einfühlsam vornehmen.

Dabei sind für die Aufnahme in das Hospiz diverse Kriterien zu erfüllen, die lauten:
� Es muss der eigene Wunsch des Patienten (bzw. gegebenenfalls seines bevollmächtigten Vertreters) sein, in das Hospiz aufgenommen zu werden.

� Es muss eine Befürwortung des Arztes vorliegen.
� Pflege und Begleitung zu Hause können nicht mehr sichergestellt werden.
� Es müssen umfassende Palliativmaßnahmen (ganzheitliche Linderung) erforderlich sein.

Wenn die Patienten nicht aufgeklärt sind, trifft bereits der erste Punkt nicht zu, so dass eine Aufnahme ins Hospiz eigentlich nicht möglich ist.
Ein Großteil der Patienten ging in das Hospiz in Folge eines Krebsleidens. Allerdings muss übrigens nicht unbedingt eine Krebserkrankung vorliegen, um ins Hospiz aufgenommen zu werden. Auch andere unheilbar Kranke in ihrer letzten Lebensphase (z.B. AIDS-Kranke oder Menschen mit chronischen Erkrankungen, die tödlich verlaufen) finden im stationären Hospiz die Betreuung, die ihnen zu Hause nicht mehr zuteil werden kann.

Viele Angehörige fühlen sich mit der Situation einen Schwerstkranken zu pflegen einfach überfordert. Der Prozess des Sterbens stellt für sie eine Zeit der Krise, der Angst und der Unsicherheit dar. Kaum jemand hat bereits Erfahrungen gesammelt, und weiß, was im Sterben geschieht und wie er helfen kann.
Zusätzlich muss man wissen, dass unheilbar Kranke oft eine Wesensveränderung durchmachen, die für nahestehende Personen nicht nachvollziehbar ist. Viele Kranke ziehen sich in dieser Zeit zurück und suchen das Alleinsein oder den Kontakt zu sehr wenigen Vertrauten. Für nahestehende Personen ist dieses Nach-Innen-Wenden oft schwer zu deuten und zu verstehen. An dieser Stelle helfen der ambulante Hospizdienst oder eben das Hospiz.


Übersicht Teil 2

* Die Begegnung mit dem Tod
* Man wächst mit seiner Aufgabe
* Mitfühlen und nicht mitsterben - wie man die Distanz bewahrt
* Sterbehilfe und Sterbebegleitung
* Literaturempfehlung:


Die Begegnung mit dem Tod.

Ähnlich wie die Angehörigen fühlte auch ich mich zunächst ein wenig hilflos, als ein Patient dann in die finale Phase eintrat.
Es war die zweite Woche meines Zivildienstes, als ich mich das erste Mal mit einem Sterbenden konfrontiert sah. Während ich in der ersten Woche mit den Patienten noch Spaziergänge machen oder mich mit ihnen unterhalten konnte, saß ich jetzt einem Bewohner gegenüber, der im Bett lag, schwer und brodelnd atmete und relativ starr an die Decke blickte.
Ich bemerkte, dass sich die Gesichtszüge merklich verändert hatten und spitzer wurden und dass der Patient scheinbar durch mich "durchguckte", mich also nicht mehr fixierte.
In dieser für mich neuen Situation habe ich mich gefragt, wie ich ihn bei seinem letzten Weg begleiten und ihm helfen kann. Die Schwester riet mir damals, mich einfach ohne Scheu neben das Bett zu setzen, ihm die Hand zu halten und ihm etwas vorzulesen oder einfach still da zu sitzen, um Geborgenheit zu demonstrieren. Das habe ich dann auch getan. So durfte ich bemerken, dass der Patient deutlich ruhiger wurde, während ich ihm die Hand streichelte und ihm etwas erzählte. Als ich am nächsten Morgen wieder zum Dienst erschien, war der Patient dann verstorben.
Wie es im Hospiz Brauch war, wurde er nach seinem Tod gewaschen, neu gebettet und aufgebahrt, sodass die Angehörigen, die ja auch vom Tod betroffen sind, Abschied nehmen können. Auch ich habe am nächsten Morgen die Gelegenheit dazu genutzt und bin in sein Zimmer gegangen, in dem eine Kerze brannte und sanfte Musik spielte. Während ich die Zeit mit dem Bewohner in meinem Kopf noch einmal Revue passieren ließ, bemerkte ich, dass sein Bett mit Blumen geschmückt war und der Patient wirklich friedlich dort lag, fast als würde er schlafen. Auf jeden Fall sah er sehr ruhig, gefasst und entspannt aus, sodass ich sicher sein konnte, dass es ihm nicht schwergefallen ist, loszulassen. Nachdem alle Angehörigen dann Abschied genommen haben, wurde der Bestatter, den der Bewohner oder dessen Angehörigen zuvor ausgesucht hatten informiert. Natürlich muss auch im Hospiz ein Arzt den Tod des Patienten feststellen - er wird von den Schwestern informiert, nachdem der Patient eingeschlafen ist.

Man wächst mit seiner Aufgabe

Im Nachhinein betrachtet, war es nicht schwer, den Patienten ein Stück auf seinem Weg zu begleiten. Mit der Zeit lernt man auch kleine Zeichen der Kommunikation zu interpretieren, sodass man auch in einer Phase, in der der Patient vielleicht nichts mehr sagen kann, noch deuten kann, ob der Patient seinen Weg lieber alleine gehen möchte, ob er es genießt, einfach jemanden still neben dem Bett sitzen zu haben, oder ob er etwas erzählt bekommen möchte. Viele Patienten kommunizieren in dieser Phase mit den Augen (gezielte Augenbewegungen) oder durch leichten Händedruck. Auf jeden Fall sind die Zeichen zu bemerken, sodass man keine Scheu haben muss, Menschen in dieser letzten Phase ihres Lebens zu begleiten.
Vieles von dem, was ich lernen durfte, verdanke ich dem Team des Hospizes, die sich immer wieder mit bewundernswerter Hingabe um die Bewohner kümmern und sich individuell auf sie einstellen, um das Leben noch so angenehm und das Sterben so human wie möglich zu machen.
Egal, ob es einfache Gespräche über den letzten Urlaub der Patienten sind, besonderes Essen, welches sich die Bewohner wünschen, Ausflüge, spezielle Besorgungen oder Blumen, ein Spaziergang, der Besuch des Haustieres oder das vermittelnde Gespräch mit den Angehörigen, beinahe nichts wird unversucht gelassen.

Dabei brauchen nicht nur die Bewohner, sondern auch deren Angehörige besondere Zuwendung. So darf man nicht übersehen, dass auch die Angehörigen und Freunde unter der Situation leiden und einen immensen Verlust zu beklagen haben. Immerhin liegt dort ihr geliebter Mitmensch im Sterben, meist das Teuerste, was viele Leute haben - allein wenn man daran denkt, das der geliebte Ehepartner stirbt oder das Kind womöglich vor den Eltern, ist es nachvollziehbar, dass viele Angehörige mit ihrem Schicksal hadern. Es handelt sich um schwer zu verarbeitende Ereignisse für die Nahestehenden. Sie brauchen ebenfalls besonderen Trost und großen Halt, denn schließlich bleiben sie zurück und müssen mit dem Verlust weiterleben, ihn bewältigen und damit klarkommen.

Mitfühlen und nicht mitsterben - wie man die Distanz bewahrt

Damit sich bei dieser doch sehr schweren Arbeit keine unverarbeiteten Ereignisse aufstauen, beispielsweise wenn junge Leute sterben oder eine besondere Geschichte dahinter steht, ist es für das Team sehr wichtig, dass auch untereinander das Klima stimmt.
So frühstückt das ganze Team morgens beispielsweise sehr ausgiebig zusammen. Dabei werden belastende Erlebnisse besprochen, an schöne Dinge erinnert und gemeinsam gelacht und geweint. Nur so ist es möglich, nach Feierabend abzuschalten und die Arbeit immer wieder aufs Neue gut und unbelastet zu machen. Eine große Rolle spielen dabei auch Supervisionen, die in regelmäßigen Abständen stattfinden. Dank dieser Veranstaltungen und der sehr vertrauten Atmosphäre im Team herrscht nur eine sehr geringe Mitarbeiterfluktuation.
Auch ich habe die Zeit dank des Teams, aber auch dank der Bewohner sehr genossen und einiges aus dem Zivildienst mitnehmen können. Nicht nur, dass ich einige spezielle Patienten nie vergessen werde, ich durfte auch vieles über Pflege und Betreuung in einem vielseitigem Gebiet lernen. Die 10 Monate haben für einen großen Reifeschub bei mir gesorgt.
Während des Dienstes habe ich mehr Offenheit gewonnen und Mut gefasst, auch in Extremsituationen auf Menschen zuzugehen und zu reagieren. Der Zivildienst half mir, die Fähigkeit zu entwickeln, eigene Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren.
Nach der Zeit im Hospiz hatte ich die Gewissheit, dass das Medizinstudium das Richtige für mich ist. Ich wusste auch medizinisch und menschlich schwierige Situationen zu meistern und dennoch Freude an der Arbeit zu haben.
Durch die Zeit im Hospiz durfte ich eine angenehme Art der Pflege kennen lernen, bei der Zeit keine Rolle spielt, wo Gelegenheit besteht, auf Patienten einzugehen. Vieles konnte ich für das Krankenpflegepraktikum verwenden und einiges wird mir sicher auch später noch von Nutzen sein, wie beispielsweise die Einsicht, wie wichtig Gespräche sind und was selbst kleinste Gesten (Hand halten, durchs Gesicht streichen...) im Umgang mit Menschen und im Zugang zu ihnen bringen können.

Sterbehilfe und Sterbebegleitung

Im Rahmen einiger Seminare, die mit der Stelle verbunden waren, hatte ich die Gelegenheit mich mit medizinethischen Themen wie Sterbehilfe und Sterbebegleitung auseinander zu setzen und dazuzulernen.
So sollte ein möglichst humanes und begleitetes Sterben ermöglicht werden, nach dem sich viele todkranke Patienten mehr sehnen als nach aktiver Sterbehilfe. Viele Patienten wollten einfach nicht in der Anonymität eines Krankenhauses in der Umgebung einer sterilen Station aus dem Leben treten, sondern umgeben von Angehörigen in einer warmen Umgebung. Dabei habe ich auch einen Spruch gehört, der mich zu Hospizzeiten sehr geprägt hat und in dem eine ganze Menge Wahrheit steckt. Dieser eine Satz schafft es, die gesamte Hospizidee in wenigen Worte zu reflektieren und soll darum hier als Schlusssatz dienen:

"Menschen wollen nicht durch, sondern an der Hand eines Menschen sterben!"

Dr. Daniela Tausch-Flammer
Die letzten Wochen und Tage
Eine Hilfe zur Begleitung in der Zeit des Sterbens

Es handelt sich dabei um eine kleine, aber unglaublich gute Broschüre, die für Angehörige geschrieben wurde, die einen geliebten Menschen leider schon auf seinem letzten Weg begleiten müssen.
Allerdings lohnt sich dieses kleine Heftchen, was für weniger als einen Euro über die Diakonie beziehbar ist, auch für alle interessierten Medizinstudenten.
Sehr gefühlvoll beschreibt Frau Dr. Tausch-Flammer die Prozesse und Veränderungen beim Sterbenden in den letzten Wochen und Tagen, schafft Verständnis und spendet Trost auf eine Weise, die von jedem zu verstehen ist. Sollte von jedem, der in der Palliativmedizin tätig ist gelesen werden!

(Artikel vom 20.06.2005)

Informationsquelle: http://www.thieme.de/viamedici/studienor...les/hospiz.html

© Georg Thieme Verlag 2005

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