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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Tod durch Suizid
ingoborm Offline

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Beiträge: 937

15.10.2005 15:36
Theorien zum Suizid antworten
Es können verschiedene Theorien zur Erklärung von Suizidhandlungen herangezogen werden. Diese Theorien sollen dazu beitragen, das Verständnis für Suizidhandlungen zu fördern. Es gelingt aber keiner dieser unterschiedlichen Theorien, eine allgemeingültige Erklärung zu finden. Zwar haben sich schon viele Wissenschaftler, Kliniker und Theoretiker mit Erklärungsmodellen für dieses Phänomen beschäftigt, doch es konnte keiner letztendlich feststellen, warum manche Menschen sich das Leben nehmen wollen und andere, die sich in der gleichen Situation befinden, damit umzugehen wissen.

Die Erklärungsmodelle, die im folgenden vorgestellt werden, sind leider nur in begrenztem Umfang empirisch bestätigt, und sie können auch nicht alle Arten suizidaler Handlungen erklären.
Die folgenden Theorien erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sind von unterschiedlicher Bedeutung und Wichtigkeit.

Medizinische Theorie

Die medizinische Theorie ist die wohl bedeutsamste und wird in vielen Fällen von Suizidhandlungen herangezogen. Sie geht vor allem auf Erwin Ringel zurück (1953).
Eine Suizidhandlung ist nach dieser Theorie eine Krankheit oder ein Symptom einer Krankheit.
In den vorausgegangenen Kapiteln wurde schon erwähnt, daß suizidale Handlungen besonders häufig bei depressiven Menschen und bei Süchtigen vorkommen, also bei Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabhängigen. Haenel geht davon aus, daß man solches Verhalten ebenso häufig bei schweren Neurosen und Psychosen beobachten kann. Menschen, die in diese Sparte fallen, gelten als medizinisch krank.
Außerdem können bestimmte Medikamente bei Patienten, die diese einnehmen müssen, depressives Verhalten hervorrufen. Aufgrund der Einnahme dieser Medikamente und der daraus folgenden Depressionen können suizidale Handlungen entstehen.
(vgl. Haenel, 1989, S. 89)

Aggressionstheorie

Die Aggressionstheorie hat in der Praxis eine nicht unbedeutende Rolle, da im Gespräch mit Suizidanden der Umgang und die Kanalisation von Aggressionen ein wichtiges Thema ist.

Der erste Vertreter dieser Theorie war Wilhelm Stekel im Jahr 1910 bei einer Konferenz in Wien. Er behauptete, daß ,, niemand sich selbst tötet, der nicht einen andern hat töten wollen oder zumindest den Tod eines anderen wünschte,, (Shneidman, 1979). Einige Jahre später beschäftigten sich Sigmund Freud und Karl Abraham ebenfalls mit diesem Aspekt.
Die nun beschriebene Aggressionstheorie ist ein psychoanalytisches Modell und geht auf Freud und Abraham zurück.
Die Suizidhandlung wird als Umkehr von Agressionen gesehen, d.h. Aggressionen werden also gegen sich selbst gewendet. Freud und Abraham vermuteten, daß bei einem Verlust, ob realer oder symbolischer Art spielt dabei keine Rolle, die verlorene oder auch gehaßte Person mittels Identifikation einverleibt wird. Es entsteht ein Zwiespalt zwischen Liebe und Haß. Negative Gefühle, die früher der anderen Person entgegengebracht wurden, werden nun als Selbsthaß erlebt. Dies führt dann zu einer depressiven Reaktion. Der Suizid ist dann ein weiterer Ausdruck und eine Fortführung dieses (Selbst-)Hasses. Beim Suizid bringt sich also nicht nur die betroffene Person selbst um, sondern auch den anderen. Der eigene Tod wird als gerechte Strafe empfunden, denn oft fühlt der Suizidant sich wegen seines Hasses schuldig und hat das Bedürfnis sich selbst deswegen bestrafen zu müssen.
In einem späteren Werk (1909) beschreibt Siegmund Freud den Suizid als grundlegenden menschlichen Todestrieb, der dem Lebenstrieb entgegenwirkt. Der Lebens- und der Todestrieb sind primäre Triebe des Menschen, mit deren Hilfe der Mensch zu einer inneren Spannungslosigkeit zurückfinden will, die er als Fötus erlebte. Die meisten Menschen können mit diesem Todestrieb umgehen, indem sie ihn neu ausrichten und auf andere umlenken. Suizidale Menschen richten diesen Trieb gegen sich selbst, da sie in ihrem Selbsthaß gefangen sind und damit nicht umgehen können. Mit dem Suizidversuch zeigt sich, daß der Todestrieb die Oberhand gewinnt.
Soziologische Befunde stimmen mit Freuds Theorie überein. Als Beweis dafür sah man Kriegszeiten, in denen die nationale Suizidrate deutlich sank. Man erklärte das damit, daß die Menschen ihre selbstzerstörerisch Energie in diesen Zeiten konkret auf ihr Feindbild umlenken konnten. Außerdem fand man heraus, daß in Staaten und Gesellschaften mit hohen Mord- und Tötungsraten die Suizidraten tendenziell niedriger waren und umgekehrt.
(vgl. Comer, 1995 und Haenel, 1989, S. 89f)

Narzißmustheorie

In der griechischen Mythologie verliebt sich ein schöner junger Mann, Narziß, in sein eigenes Spiegelbild. Siegmund Freud griff 1914 diesen Begriff (Narziß) auf.
Auch diese Theorie hat einen psychoanalytischen Ansatz. In neuerer Zeit beschäftigte sich vor allem Henseler mit dieser Theorie.
Henseler geht davon aus, daß jeder Mensch eine Vorstellung der Realität hat, die er als eine Art Idealvorstellung ansieht. Bei suizidgefährdeten Menschen ist das narzißtische Gleichgewicht zwischen dieser Idealvorstellung und der Realität gestört. Das Selbstwertgefühl einer Person kann durch negative Erlebnisse und Erfahrungen (z.B. im Beruf, in der Familie oder einer Partnerbeziehung) so empfindlich gestört und/oder gekränkt werden, daß als einziger Ausweg der Suizid erscheint. Diesen Personen ist es nicht mehr möglich, ihr eigenes Ich und ihre Umwelt narzißtisch zu besetzten und sie sind daher schon bei der kleinsten Kränkung in ihrem Selbstwertgefühl verletzt und am Boden zerstört.
(Haenel, 1989, S. 90)
Viele suizidale Menschen haben eine schwierige Kindheit hinter sich, haben eine sogenannte ,,Broken-home-Situation" erlebt. Unter einer äußeren Broken-home-Situation wird zum Beispiel eine Scheidung der Eltern verstanden, der Tod eines Elternteils oder beider. Unter der inneren Broken-home-Situation versteht man eine beeinträchtigte Kindheit dadurch, daß sich das Selbst des Kindes nur ungenügend entwickeln konnte, beispielsweise weil das Kind einengend und lieblos erzogen wurde. Die Familie ist nach außen hin durchaus intakt, aber die Eltern nehmen sich beispielsweise keine Zeit für ihre Kinder, die Kinder sind also ,,Waisenkinder mit Vater und Mutter". Den Kindern fehlt später die Erfahrung einer liebevollen Familie, die sie umsorgt und von der sie Liebe und Zuneigung erhalten. Sie können dann Größenvorstellungen entwickeln, die der Realität nicht standhalten. Dadurch werden die Betroffenen depressiv und verzweifelt, sie finden keinen Ausweg mehr und neigen zum Suizid. Viele suizidale Personen haben die Vorstellung, nach dem Suizid noch am Leben teilhaben zu können. Dies entspricht der Persönlichkeit der Personen: Größenideen und Idealvorstellungen sind für narzißtisch gestörte Menschen typisch; während der Suizidhandlung stellt sich das so dar, daß sich diese Menschen als Herr über Leben und Tod fühlen.
(vgl. Käsler/Nikodem, 1996, S.62ff)

,,Suizidhandlungen sind fast immer als Reaktionen selbstunsicherer Menschen auf Kränkungen zu verstehen, die durch Verleugnung und Idealisierung nicht mehr zu kompensieren waren", so Henseler in Haenel , 1989, S. 90.

Soziologische Theorie

Diese Theorie geht auf Emil Durkheim zurück. Durkheim bezeichnet den Selbstmord als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse (1897). Durkheims Theorie war jahrelang die meist zitierte und erforschte. Auch heute noch ist sie einflußreich.
Durkheim ging davon aus, daß soziale Einbettung in die Gesellschaft, in der ein Mensch lebt, wichtig für ihn ist. Die Wahrscheinlichkeit eines Suizids wird somit dadurch bestimmt , wie stark eine Person in diese sozialen Institutionen (beispielsweise Familie, Kirche und Gemeinde) integriert ist. Je mehr sich ein Mensch zugehörig fühlt, desto geringer ist das Suizidrisiko bei dieser Person. Allerdings wirkt eine zu starke Bindung an eine Gruppe wiederum suizidfördernd.
(vgl. Haenel, 1989, S. 90f)

Nach Durkheim gibt es drei Suizidkategorien:
¬ Egoistische Suizide: (egoistisch = ichsüchtig, selbstsüchtig)
Die Großfamilie existiert weitestgehend nicht mehr in unserer Gesellschaft. Kinder sind oft Einzelkinder, die nicht lernen, was es bedeutet, Geschwister zu haben, mit ihnen Konflikte auszutragen oder auch zu Teilen. Moderne Medien sind die Babysitter der heutigen Zeit. All dies trägt dazu bei, daß eine Entfremdung stattfindet. Die Gesellschaft hat wenig oder sogar gar keine Kontrolle über diese Menschen. Sie sind keinen gesellschaftlichen Regeln oder Normen unterworfen und somit auch nicht in das gesellschaftliche Beziehungsnetz integriert. Es herrscht ein Mangel an Gemeinschaftssinn. Durkheim zufolge kommt diese Art von Suizid vor allem bei Menschen vor, die isoliert, entfremdet und nichtreligiös sind.
¬ Altruistische Suizide: (altruistisch = selbstlos)
Diese Art von Suizid betrifft Menschen, die besonders gut in die Sozialstruktur integriert sind. Sie opfern sich bewußt für das Wohlergehen der Gesellschaft. Beispiele hierfür sind Soldaten, die sich über eine scharfe Granate werfen, um andere zu retten, japanische Kamikaze-Piloten oder auch buddhistische Mönche und Nonnen, die mit Selbstverbrennung gegen den Vietnamkrieg protestierten.
Ebenso kann (im Gegensatz zum egoistischen Suizid) die Familie eine Person so sehr einengen, daß es zu einem Suizid führt. Ein eigenständiges Ich konnte dann nicht entwickelt werden.
¬ Anomische Suizide: (anomisch = gesetzlos)
Diese Art von Suizid begehen Menschen, die keine stabilen Strukturen in ihrer Umgebung finden. Dieser Zustand verhindert, daß diese Personen ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können, ihnen fehlt die Unterstützung und der Sinn. Auch eine tiefgreifende persönliche Veränderung in der näheren Umgebung einer Person kann zu einem anomischen Suizid führen. Beispielsweise können Menschen, die plötzlich einen größeren Geldbetrag erben, eine Phase der Anomie durchmachen, da ihr soziales, wirtschaftliches und berufliches Beziehungsgeflecht gestört wird, bzw. sich umstrukturiert.

Durkheims Suizidtheorie betrachtet die sozialen und gesellschaftlichen Dimensionen, diese werden von Klinikern manchmal übersehen.
Andererseits kann auch diese Theorie nicht erklären, warum manche Menschen, die sich in einer der hier beschriebenen Situationen befinden, sich das Leben nehmen, die meisten anderen aber nicht. Durkheim erklärt dies durch die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen und individuellen Faktoren.
(vgl. Comer, 1995, S.379ff sowie Haenel, 1989, S.90f und Käsler/Nikodem, 1996, S. 62ff)

Lerntheorie

Dieser Theorie zufolge sind Suizidhandlungen erlernte Verhaltensweisen. Depressionen sind beispielsweise Verhaltensweisen, die (z.B. durch Beobachtung) erlernt wurden, mit denen der Mensch seine Hilflosigkeit ausdrücken will. Ein bestimmtes Verhalten wird in das eigene Repertoir übernommen.
Die Erfahrung beweist, daß Suizidanden oft schon bestimmte Suizidmethoden und -fälle im Bekannten- oder Verwandtenkreis erlebt haben. Die Symptome einer Depression sind also die Voraussetzung dieser psychischen Störung und nicht etwa ihre Folge. Depressive Situationen werden von Suizidgefährdeten herausgefordert, solche Menschen nehmen ihre Umwelt oft nur in ganz bestimmten Stücken wahr und sehen die Gesamtheit nicht mehr.
Wenn aber etwas erlernt wurde, dann kann es theoretisch auch wieder rückgängig gemacht werden.
(vgl. Käsler/Nikodem, 1996, S. 65ff und Haenel, 1989, S. 91)

Depression und Tendenz zum Suizid werden daher nicht als Krankheit oder Symptom einer Krankheit interpretiert, sondern als erlerntes Verhalten, das man korrigieren muß.

Kommunikationstheorie

Diese Theorie geht auf Bernhard Mitterauer zurück. Mitterauer stellte folgende Hypothese auf:
,,Im Selbstmordversuch manipuliert der Patient nicht bewußt oder (und) bewußt seine mitmenschliche Umgebung in ein Zuwendungsverhalten, beim Selbstmord hingegen in ein Abwendungsverhalten."(Mitterauer nach Haenel, 1989, S. 92). Die Gesellschaft mit ihrem Beziehungsgefüge bedeutet einem typischen Suizidanden kurz vor seinem Suizid nichts mehr. Er möchte in dieser Situation dann keine Hilfe von außen mehr annehmen. Ein Suizidversucher dagegen versucht Beziehungen aufrecht zu erhalten. Der Suizidversuch ist dann als Hilfeschrei zu werten.
Beiden Verhaltensweisen liegt eine Veränderung der Person zu Grunde. Es kann eine positive Veränderung stattfinden, bei der die Umwelt den Suizidanden als sehr ausgeglichen erlebt und nicht auf die Idee kommt, daß sie es mit einer suizidgefährdeten Person zu tun hat. Es kann aber auch sein, daß ein Gefährdeter seine Umwelt mit seinen Suizidgedanken so zermürbt und überbeansprucht, daß im wirklichen Ernstfall niemand mehr reagiert.
(vgl. Haenel, 1989, S. 92)

Biologische Theorie

Diese Theorie beruht hauptsächlich auf Untersuchungen von Familienstammbäumen. Die Forscher fanden wiederholt höhere Raten suizidalen Verhaltens bei nahen Verwandten suizidaler Menschen als bei nichtsuizidalen Menschen. Dies legt die Vermutung nahe, daß genetische und somit biologische Faktoren hier eine Rolle spielen.
Natürlich könnte man diese Befunde auch nicht-biologisch interpretieren. Eine rein biologische Schlußfolgerung ist vermutlich unangemessen, aber in den letzten Jahren lieferten verschiedene Laboruntersuchungen Belege für eine biologisch orientierte Auffassung des Suizids.
Vor allem ein niedriger Serotoninspiegel (Neurotransmitter) wird für aggressive Gefühle und impulsives Handeln verantwortlich gemacht. Bei klinisch depressiven Menschen kann eine niedrige Serotoninaktivität aggressive und impulsive Handlungen auslösen, die besonders anfällig für suizidales Denken und Handeln machen.
Eine Studie, die 1976 von Marie Asberg und Mitarbeitern durchgeführt wurde, zeigt, daß die 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIAA) im Gehirn bei depressiven Menschen meist erhöht ist. Dies läßt vermuten, daß der Serotoninspiegel niedrig ist, da 5-HIAA ein Nebenprodukt des Serotonins ist. Dies läßt den Schluß zu, daß Menschen mit niedrigem Serotoninspiegel mehr suizidgefährdet sind als andere. Außerdem unternehmen Personen mit niedrigem 5-HIAA-Spiegel mit zehn mal größerer Wahrscheinlichkeit einen erneuten (erfolgreichen) Suizidversuch, wenn ihr erster nicht geklappt hat, als suizidale Menschen mit hohem 5-HIAA-Spiegel.
Bei einer Untersuchung stellte man fest, daß hohe oder niedrige Serotoninaktivität, Depression und Suizid nicht unbedingt zusammenhängen müssen. Man fand bei Menschen, die nicht depressiv waren, aber einen Suizid versucht hatten, eine ungewöhnlich niedrige Konzentration von 5-HIAA.

Die meisten Forscher sind sich jedoch einig, daß ein niedriger Serotoninspiegel aggressives Verhalten und impulsives Handeln fördert. Dies wiederum macht tendenziell anfälliger für Suizidgedanken und Suizidhandlungen.
(vgl. Comer, 1995, S. 378f)

Allgemein gesehen, können Suizidhandlungen weder rein biologisch, noch rein medizinisch oder psychologisch betrachtet und interpretiert werden. Vielmehr sind wahrscheinlich viele komplexe Zusammenhänge verantwortlich für dieses Phänomen, die miteinander verknüpft werden müssen.

Informationsquelle: http://www.altenpflege-tod-und-sterben.de/ausloesefaktoren%20fuer%20suizid.htm

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