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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Religiöses zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

14.10.2005 18:37
Der ewige Kreislauf des Lebens antworten

Der ewige Kreislauf des Lebens

Seelenwanderung
im Hinduismus

Als typisch für die hinduistische Religion wird in unseren Breitengraden oft der Glaube an die Seelenwanderung genannt. Dies impliziert Vorstellungen von einer unvergänglichen und wohl auch unveränderlichen Seele, die in immer neue Körper schlüpft. Doch hat eine derartige Vorstellung kaum etwas mit dem hinduistischen Gedankengut zu tun.

Wie der Beitrag von Nathalie Peyer zeigt, zählt in gewissen Gebieten und sozialen Schichten des heutigen Indien, deren Religion durchaus einer Form des Hinduismus zuzurechnen ist, der Glaube an die Wiedergeburt nach dem Tod keineswegs zu den religiösen Überzeugungen. Indessen ist in den Werken des heutigen Hinduismus, deren Texte den oberen Kasten als Glaubensrichtlinien dienen, der Samsara, der Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt, fest verankert.

Die ältesten indischen Jenseitsvorstellungen

Den ältesten indischen Texten ist allerdings der Glaube an eine Wiedergeburt als irdisches Lebewesen ebenfalls fremd. Im Rigveda, jener Sammlung von Hymnen, die den Indern auch heute noch als heilig gelten und deren älteste wohl in der zweiten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends entstanden sind, erfahren wir, dass die Verstorbenen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Dadurch werden sie aber nicht völlig zerstört, sondern werden vielmehr zu sogenannten Pitaras, zu «Vätern». Diese sind zwar tot und verbrannt, in irgendeiner Weise aber dennoch vorhanden. Sie gehen nämlich in das Reich des Todesgottes Yama ein, wo sie offenbar ein recht angenehmes Dasein erwartet, von wo aus sie aber auch den Lebenden beistehen und zu den Opfern herbeikommen. Es heisst von ihnen: «Die Väter sitzen beim süssen Soma [dem heiligen Rauschtrank], Kraft verleihend, die Zuflucht in der Gefahr, kraftvoll, unergründlich, über ein ausgezeichnetes Heer verfügend, pfeilstark, unermüdlich, [alle] gleich heldenhaft, stämmig, Heere bezwingend.» Sie entsprechen dem Idealbild der Indoarier, die zu jener Zeit allmählich in den indischen Subkontinent eindringen und ihn erobern. Verbindungen zu den Lebenden haben sie insofern, als sie zum Opferritual geladen werden und die Opferspeisen geniessen

Erste Erwähnung von mehrmaliger Existenz

In den folgenden Jahrhunderten, als die ursprünglichen Eroberer, die sich selbst als Arier bezeichneten, langsam sesshaft wurden, änderten sich ihre Vorstellungen vom Tod und den Dingen danach. In einem Werk über Opferrituale, das ungefähr im 9. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist, im Shatapatha-Brahmana, wird geschildert, wie einst die Götter dank ihrer Kenntnisse über die richtige Aufschichtung des Opferaltars unsterblich geworden waren. Das aber machte dem Tod Angst.

«Der Tod sprach zu den Göttern: Auf diese Weise werden alle Menschen unsterblich werden. Wer wird dann mein Anteil sein? Sie sprachen: Von nun an soll kein Zukünftiger mehr mit dem Leib unsterblich sein. Wenn aber du diesen Anteil ergreifst, dann soll, nachdem er mit seinem Körper gestorben ist, derjenige unsterblich werden, welcher unsterblich ist aufgrund seines Wissens oder seiner Tat. … Diejenigen, welche dieses so wissen, und diejenigen, welche diese Handlung ausführen, werden (zwar) nachdem sie gestorben sind, wiederum geboren. Geboren werdend aber werden sie zur Unsterblichkeit geboren. Diejenigen aber, welche solches nicht wissen oder diejenigen, die diese Handlung nicht ausführen, werden, nachdem sie gestorben sind, wiederum geboren; sie aber werden wieder und wieder seine Speise.»

Hier zeichnet sich bereits ab, was auch heute noch wesentlich ist: Die immer neuen Geburten werden keineswegs positiv gewertet, da eine neue Geburt eben immer wieder einen neuen Tod bedeutet.

Kreislauf und Karma

Was im Shatapatha-Brahmana bereits im Ansatz vorhanden war, erfuhr in den Upanishaden eine Verfeinerung und Systematisierung. Am kürzesten und eindeutigsten ist dies in einer Passage aus der Chandogya-Upanishad (Übersetzung s.Kasten) dargestellt. In ihr finden sich jene Grundsätze, die im Hinduismus bis in die heutige Zeit gültig sind:

Oberstes Ziel einer jeden Existenz ist es, aus dem Samsara, dem Zyklus von Geburt, Tod und erneuter Geburt, zu entkommen und Erlösung und Auflösung zu finden in der Brahma-Welt, der Welt des einen Absoluten. Der Weg, der dorthin führt, ist ebenso wie derjenige, der eine Wiedergeburt bringt, eng verbunden mit dem wichtigen Begriff des Karma.

Karma, dessen Grundbedeutung ‹Tat, Handlung› ist, darf keinesfalls, wie dies im Westen oft geschieht, mit ‹Schicksal› gleichgesetzt werden. Karma ist vielmehr die Summe der guten und schlechten Handlungen – und der damit verbundenen geistigen Einstellung –, die ein Lebewesen während seiner Existenz anhäuft. Auf Grund dieses Karmas entscheidet sich nach dem Tod, ob das, was vom Toten bleibt, nachdem sein Körper verbrannt ist, ganz im Brahma aufgehen kann oder ob es in höherer oder niedrigerer Form ein neues Leben beginnen muss.

Chandogya-Upanishad 5.9.1-5.10.7
5.9.1 Nachdem das Embryo, von einer Membrane bedeckt, während zehn oder neun Monaten, oder wie lange auch immer im Innern gelegen hat, wird er (d.h. der Mensch) geboren.

5.9.2 Nachdem er geboren ist, lebt er so lange als sein Leben dauert. Den Toten tragen sie an den vorbestimmten Ort, von da in das Feuer, aus dem er gekommen ist, aus dem hervorgegangen er existiert.

5.10.1 Diejenigen aber, welche über das (richtige) Wissen verfügen, und diejenigen, welche im Walde ihre Religion ausüben in Form von Askese und Glaube – diese gehen zuerst in die Flamme (des Totenfeuers), aus der Flamme in den Tag, aus dem Tag in die Zeit der zunehmenden Mondhälfte, aus der zunehmenden Mondhälfte in das Halbjahr, in dem die Sonne sich nach Norden wendet;

5.10.2 aus dem Halbjahr in das Jahr, aus dem Jahr in die Sonne, aus der Sonne in den Mond, aus dem Mond in den Blitz. Dort gibt es einen Purusha, der nicht wie ein gewöhnlicher Mensch ist, welcher sie zum Brahman führt. Dieser Pfad wird der Pfad der Götter genannt.

5.10.3 Andererseits gehen diejenigen, welche in den Dörfern ihre Religion ausüben in der Form von Opfern, Almosen und Gaben, zuerst in den Rauch (des Totenfeuers), aus dem Rauch in die Nacht, aus der Nacht in den abnehmenden Mond, aus dem abnehmenden Mond in die Jahreshälfte, da die Sonne sich nach Süden wendet; diese erreichen das Jahr nicht,

5.10.4 sondern aus dem Halbjahr gehen sie in die Welt der Pitaras, aus der Welt der Pitaras in den Äther, aus dem Äther in den Mond; der Mond ist der König Soma und er ist die Speise für die Götter; die Götter essen ihn.

5.10.5 Nachdem sie dort so lange verweilt haben, wie ein Rest (ihrer guten Handlungen besteht), kehren sie auf dem gleichen Wege zurück, auf dem sie gekommen sind: in den Äther, aus dem Äther in den Wind. Nachdem einer zu Wind geworden ist, wird er zu Rauch; nachdem er zu Rauch geworden ist, wird er zu Dunst;

5.10.6 nachdem er zu Dunst geworden ist, wird er zu einer Wolke; nachdem er zu einer Wolke geworden ist, fällt er als Regen. Hier unten werden diese (Pflanzen) geboren als Reis, Gerste, Heilkräuter und Bäume, als Sesam und Bohnen. Daraus aber herauszukommen, ist in der Tat schwierig. Denn nur wenn einer es isst als Nahrung und es von sich gibt als Samenflüssigkeit, kann ein solches (pflanzliches Wesen) sich weiter entwickeln.

5.10.7 Aus einem wohlgefälligen Lebenswandel folgt, dass man in einen guten und angenehmen Mutterschoss eingeht, den Schoss einer Brahmanin, einer Kshatriya-Frau oder eine Vaishya-Frau; aus einem üblen Lebenswandel folgt, dass man in einen üblen Mutterschoss eingeht, in den Schoss einer Hündin, einer Sau oder einer Tchandala-Frau.

Da allerdings das Karma aus der vorausgehenden Existenz die Stufe bestimmt, auf der ein neues Leben beginnt, versteht sich von selbst, dass nicht alle Lebewesen den Weg der Erlösung gehen können. All jenen, die nicht den obersten drei der vier Hauptkasten angehören, ist der Zugang zum richtigen Wissen, das eine der Voraussetzungen für die Erlösung ist, zum vornherein verwehrt. Alles, was sie tun können, ist, sich im Rahmen ihrer sozialen Stellung in jeder Beziehung richtig zu verhalten, um dann in einer späteren Existenz die Chance zu haben «in einen guten und angenehmen Mutterschoss» einzugehen.

Wandel der Vorstellungen

Die Chandogya-Upanishad ist wohl noch in vorbuddhistischer Zeit, d.h. vor dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, entstanden. Über viele Jahrhunderte hinweg hat sich die damalige Religion hin zum klassischen und zum modernen Hinduismus entwickelt und gewandelt.

Bestehen blieb indessen der Glaube an den ewigen Kreislauf, dem zu entkommen nur wenigen vergönnt ist. Allerdings kamen ganz neue Vorstellungen hinzu über die Stationen, die ein Lebewesen nach seinem Tod bis zum neuen Geborenwerden durchwandert.
In manchen jüngeren religiösen Texten ist nun die Rede von Höllen, in denen jemand für sein schlechtes Karma büsst. So ergeht sich beispielsweise das Bhagavata-Purana, ein Hauptwerk der Krishna-Verehrung, in geradezu ausschweifenden Schilderungen. Da muss einer in der einen Hölle der Sünder Hunger und Durst leiden und wird mit Keulen geprügelt; in einer anderen wird er in siedendem Öl gesotten, in anderen mit Speeren oder Pfeilen durchbohrt und schliesslich in Stücke geschnitten – und was der grauslichen Dinge mehr sind. Für gewisse hervorragende Taten kann ein Mensch allerdings auch in den Himmel kommen und dort mit den Göttern wohnen.

Doch weder im Himmel noch in der Hölle bleibt ein Lebewesen ewig. Alle – selbst die Götter – kehren von da nach der ihnen bestimmten Zeit zurück in eine neue Lebensform.

Kasten und Dharma

Die Stellung, in die jemand geboren wird, ist wie zur Zeit der Upanishaden die Folge des Karmas des vorangegangenen Lebens. Eines der typischen Merkmale des Hinduismus ist das Kastenwesen, eine Gesellschaftsordnung, die im Laufe der Zeit immer rigider wurde. Neben den Angehörigen der vier Hauptkasten existierten und existieren aber auch Menschen, die ausserhalb dieses Systems stehen, deren niedrigste Gruppe, die von allen verachteten Tchandalas, zusammen mit Hunden und Schweinen auf einer Ebene steht.

Die Kaste, in die man hineingeboren ist, kann man in seinem gegenwärtigen Leben nicht wechseln. Jede noch so hervorragende Lebensweise verhilft einem nicht dazu. Vielmehr kann und muss sich einer nur so verhalten, wie es seiner Kaste entspricht.

Das wesentliche Prinzip in diesem Verhalten wird als Dharma bezeichnet. Der Dharma ist ein ausgeklügeltes Gebäude religiöser und allgemein sittlicher Vorschriften, durch welches das Leben jedes einzelnen Hindus von der Geburt bis zum Tod bestimmt wird. Jede Kaste hat ihren eigenen Dharma, oder anders gesagt: Um die Chance zu haben, im nächsten Leben auf einer höheren Stufe geboren zu werden, muss ein jeder genau diejenigen Vorschriften beachten, die für seine Kaste gültig sind. So gelten für die oberste Kaste, die Brahmanen, sehr viel strengere Vorschriften, was das Essen, die Reinheitsgebote oder die religiösen Handlungen anbelangt, als dies etwa bei den Shudras – den Angehörigen der untersten der vier Hauptkasten – der Fall ist. Andererseits sind diese nicht berechtigt, die Veden, d.h. die alten heiligen Schriften zu lernen und zu rezitieren. Und es hilft nichts, wenn etwa ein Shudra den Dharma eines Brahmanen einhält, im Gegenteil: Wenn er sich nicht an den seiner Kaste eigenen Dharma hält, wird seine nächste Geburt auf einer noch niedrigeren Stufe erfolgen. So lehren es die alten religiösen Lehrbücher.

Wege zur endgültigen Erlösung

Da jede erneute Geburt mit Mühsal verbunden ist und unvermeidlich mit dem Tod endet, muss es letztlich das Ziel eines jeden sein, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Während dies aber in ältester Zeit zumindest den Brahmanen möglich war durch Askese, die genaue Kenntnis der heiligen Schriften und die strikte Befolgung religiöser Rituale, tritt später anderes in den Vordergrund. Es geht nun darum, eine geistig höhere Stufe zu erklimmen, und nur derjenige, dem dies vollkommen gelingt, braucht nach seinem Tod nicht in den Zyklus zurückzukehren.

Um diese Vollkommenheit zu erlangen, gibt es Wege und Methoden, und diese werden im Sanskrit mit dem Begriff Yoga bezeichnet. Bereits in einer der Upanishaden heisst es: «Dies ist die Anordnung für die Erreichung (der Vereinigung mit dem Brahman): Atemkontrolle, Rückzug der Sinnesorgane, Meditation, Konzentration des Geistes, Geisteskontrolle, in Trance versinken – dies wird der sechsfache Yoga genannt.»
Eine eigentliche Systematisierung aber erfährt der Yoga erst in nachchristlicher Zeit, als er sich als eines der sechs orthodoxen, d.h. auf dem Veda basierenden Systeme der indischen Philosophie etabliert.

Dieses System trägt den Namen Yoga-Darshana, ‹Yoga-Lehre›. Als sein Begründer gilt Patañjali, der Verfasser des Yogasutra, eines Werks, das wahrscheinlich zwischen dem 3. und dem 5. nachchristlichen Jahrhundert entstanden ist. Beinahe alles, was heute in Indien und bei uns unter dem Namen Yoga gelehrt wird, beruft sich letztlich auf dieses Werk oder versteht sich als dessen Weiterentwicklung.

Nach diesen Lehren besteht ein menschliches Wesen einerseits aus dem Körper und seinen Funktionen, welche alle – einschliesslich des Denkvermögens – dem Materiellen angehören. Daneben aber existiert in ihm ein Purusha, der Anteil des Individuums am einen Absoluten. Solange dieser nicht gewahr ist, dass er nicht zum Materiellen und seinen Aktivitäten gehört, kann er sich nicht aus dem Kreislauf lösen.

Die acht Stufen des Yoga
1. yama (Selbstbeherrschung), bestehend aus Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Keuschheit, Nicht-Gier

2. niyama (Disziplin), bestehend aus Reinheit, Zufriedenheit, Askese, Vedenstudium, Hingabe an Gott

3. asana (Sitzhaltung)

4. pranayama (Atembeherrschung)

5. pratyahara (Ausschaltung der Sinneswahrnehmungen und -funktionen)

6. dharana (Konzentration)

7. dhyana (Meditation)

8. samadhi (Versenkung)

Die Methode – der Yoga eben – besteht aus acht Stufen (s. Kasten), deren beide ersten die Vorbereitung und eigentliche Voraussetzung für die Praxis des Yoga sind, während die letzte, genannt Samadhi, schliesslich das Aufhören jeder materiellen Aktivität und des Denkvermögens ermöglicht. Dadurch wird der Purusha von der Materie frei und vereint sich endgültig mit dem Brahman.
Nur ganz wenigen ist es indessen vergönnt, diese Vollkommenheit zu erlangen. Die übrigen sind im endlosen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt gefangen. Für sie gibt es keine Hoffnung auf eine Erlösung, sei es am Ende dieses Lebens, sei es in einer der nächsten Existenzen.

Kein Entrinnen

Neben dem klassischen Yoga werden heute viele andere Wege erwähnt, die zu einem besseren Karma führen können. Gottesverehrung, besondere Rituale, Freigebigkeit, gute Taten, Askese – sie alle fallen in die Wagschale des Positiven für das nächste Leben. Ob und wann er je dem ewigen Kreislauf zu entrinnen vermag, ist für einen gewöhnlichen Hindu selbst der höheren Kasten nicht absehbar.

Prof. Dr. Annemarie Etter
Stelle für Öffentlichkeitsarbeit /
Institut für Religionswissenschaft
UNIPRESS - Heft 118

Stelle für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Bern
Simon Schreiber

E-Mail: press@press.unibe.ch

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