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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Religiöses zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

14.10.2005 18:31
Buddhistische Todes- und Jenseitsvorstellungen antworten

Buddhistische Todes- und Jenseitsvorstellungen

Befreiung im Bar do oder Höllenqualen

Im Buddhismus stellen Geburt und Tod nicht die Anfangs- und Endpunkte menschlichen Seins dar, sondern lediglich Veränderungen eines Zustands. Tod und Jenseits sind eng mit der Vorstellung der Wiedergeburt verknüpft, die als Möglichkeit immer neuer Todeserfahrung gefürchtet wird.

Der Buddhismus hat im Laufe seiner Geschichte eine Ausdifferenzierung erfahren, die es uns zwar immer noch erlaubt, von einer den verschiedenen «Buddhismen» gemeinsamen Vorstellung vom Tod zu sprechen, nicht mehr jedoch von einer einzigen Jenseitsvorstellung. In den Ländern Asiens, in denen der Buddhismus zur wichtigsten Religion geworden ist, reichen die buddhistischen Jenseitskonzepte vom Wunschtraum einer besseren Wiedergeburt in einem Götterhimmel oder einem der «Buddhafelder» bis zu sehr differenzierten Schreckensszenarien buddhistischer Höllen. Nach einigen einführenden Bemerkungen zum buddhistischen Verständnis vom Tod möchte ich im folgenden zwei Beispiele buddhistischer Konzepte von Tod und Jenseits vorstellen, einmal das in Europa als «tibetisches Totenbuch» berühmt gewordene Kompendium zum Geleit des Bewusstseins durch die «Zwischenbereiche», zum anderen tibeto-mongolische budddhistische Höllenvorstellungen.

Buddhistische Vorstellungen vom Tod

Im Buddhismus wird das Wesen menschlicher Existenz in ihrer Leidhaftigkeit gesehen. Menschliches Leben bedeutet vor allem Verfall und Tod. Der Tod wird hier nicht als definitives Ende der körperlichen Existenz gesehen, sondern zeigt seinen Schrecken gerade in einer neuen Wiedergeburt, da diese erneutes Sterben und erneuten Tod impliziert.

Nach buddhistischer Vorstellung ist alles in ständigem Wandel begriffen, nichts ist permanent. Dies betrifft auch die menschliche Person. Das, was man «Selbst» oder «Ich» nennt, existiert in Wahrheit gar nicht, sondern setzt sich zusammen aus einem Strom physischer und psychischer Elemente, die in jedem Augenblick sterben und neu geboren werden, d.h. sich wieder neu zusammensetzen. Da die relativ konstante Konstellation der Elemente, die eine Person bildet, sich ständig verändert durch äussere Einflüsse und Alterungsprozesse, erscheint der Tod zuerst als eine massive Störung dieses kontinierlichen Stroms. Es ist jedoch so, dass der Strom von psychischen Elementen nach dem Tod weiterexistiert, sich nun aber feinere als die grobstofflichen Elemente mit den psychischen Elementen mischen und einen feinstofflichen Körper bilden, der einen Zwischenzustand durchlebt, um sich schliesslich wieder in sichtbarer Materie zu manifestieren. Der Tod erscheint somit nicht mehr als ein singuläres Ereignis, das die physische Existenz des Menschen vernichtet, sondern lediglich als einer von vielen Zustandswechseln.

Obwohl das Erlangen des «todlosen» (Pali amatam) Zustands im Buddhismus unterschiedlich beschrieben wird, ist ein Aspekt allen Verbalisierungen des höchsten Heilszustands gemeinsam: stets handelt es sich um ein Durchbrechen des ewigen Kreislaufs der Wiedergeburten, in denen die Lebewesen aufgrund ihres Karma gefangen sind. Das Karma wird verursacht durch die «Befleckungen», deren wichtigste Gier, Hass, Nichtwissen, Stolz und Neid sind. Diese das Bewussstsein trübenden Leidenschaften führen die Lebewesen zu unheilsamen Handlungen, die sich entweder in schlechten Taten oder in schlechten Gedanken äussern. Das Karma der Lebewesen, das allein schon durch den Willen zu einer Tat geformt wird, bestimmt ihr Schicksal nicht nur im jetzigen Leben, sondern auch in den nächsten Existenzen. Es kann zu einer Existenz in einem der drei positiven Existenzbereiche der Götter, Halbgötter und Menschen führen, oder in die drei negativen Existenzbereiche als Tier, Hungergeist und Höllenlebewesen. Alle sechs Existenzformen sind dem Leiden unterworfen, denn sogar die Götter müssen sterben, wenn ihr positives Karma aufgebraucht ist. Daher gilt es, den Existenzenkreislauf ein für allemal zu beenden, um das Heilsziel, Nirvana, zu erreichen.


Das «tibetische Totenbuch»

Nach buddhistischer Auffassung bietet sich zu bestimmten Zeiten im Leben eines Menschen eine besonders günstige Gelegenheit, das Heilsziel zu erreichen. Der Tod stellt eine solche Gelegenheit dar. Im Augenblick des Todes hat der Mensch die einzigartige Möglichkeit, die Befreiung zu erlangen und dem Kreislauf der Wiedergeburten für immer zu entkommen. Diese Vorstellung hat in Tibet dazu geführt, Anweisungen zu entwickeln, die dem Menschen im Augenblick des Todes und in dem anschliessenden, 49 Tage währenden Zustand zwischen Tod und erneuter Geburt, Wege zur Befreiung oder zumindest zu einer Wiedergeburt in einem positiven Existenzbereich aufzeigen. Diese Anweisungen wurden in dem in Europa wohl bekanntesten Werk der tibetischen Literatur, dem «tibetischen Totenbuch», niedergelegt.

Im Tibetischen lautet der Titel allerdings völlig anders, nämlich «Grosse Befreiung durch Hören der Erklärungen über den Zwischenzustand, aus der tiefgründigen Lehre über die Eigenbefreiung durch Meditation über die friedlichen und zornvollen Gottheiten», oder kurz «Die grosse Befreiung durch Hören im Zwischenzustand», tib. Bar do thos grol. Der Bar do thos grol ist kein Einzeltext, sondern ein Konvolut von Texten, zu denen ausser dem in Europa bekannten Text eine grosse Zahl weiterer Texte gehören, die alle dem Schrifttum der «Alten» (tib. rNying ma pa) angehören, der Lehrtradition, die auf die «frühe Verbreitung» des Buddhismus in Tibet im 7. bis 9. Jh. zurückgeht. In anderen tibetisch-buddhistischen Lehrtraditionen sind die Texte des «Totenbuchs» nahezu unbekannt. Der tibetische Begriff Bar do bedeutet wörtlich «zwischen beiden» und bezeichnet ganz allgemein einen Zwischenzustand. Von den insgesamt sechs Zwischenzuständen, die in den berühmten «sechs Lehren des Naropa» genannt werden, sind nur die drei letzten, der Bar do des Todesaugenblicks, der Bar do der Dharmata und der Bar do der Existenzbereiche nachtodliche Zwischenzustände.

Das «tibetische Totenbuch» ist eine Begleitung des Toten durch die Bar do-Bereiche, die durch einen Lama und weitere Mönche vollzogen wird. Sie bemühen sich um die Führung des feinstofflichen Körpers, des Yid kyi lus, der Träger des Bewusstseins in den nachtodlichen Bar do-Zuständen ist. Während der im Idealfall 49 Tage dauernden Lesung sind in dem Haus des Verstorbenen Verwandte und Bekannte versammelt, die der Lektüre zuhören. Auf diese Weise machen sich die Lebenden vertraut mit den Inhalten des «Totenbuchs», was ihnen bei ihrem eigenen Tod zugute kommen wird. Denn das, was das Bewusstsein im Bar do erblickt, sind letztlich die Projektionen seines eigenen Bewusstseins, die durch sein Karma gebildet sind. Wird dies erkannt, ist der Weg zur Befreiung offen.

Die Belehrung des «Totenbuchs» setzt im Todesaugenblick ein. In der kurzen Zeitspanne zwischen dem Aussetzen der äusseren Atmung und dem «Aufhören des inneren Atems», d.h. des Pulsschlags, scheint der Bar do des Todesaugenblicks auf, der sich durch ein strahlendes helles Licht auszeichnet. Dies ist das Licht der Dharmata, der allem Seienden zugrundliegenden Soheit, die in ihrer Eigennatur leer ist. Erkennt der Verstorbene das klare Licht als seine eigene wahre Natur, so hat er die Buddhaschaft erlangt. Erkennt er es jedoch aufgrund der Befleckungen seines Karma nicht, so zeigt es sich noch einmal. Wird es nun erkannt, zerstört es das Karma des Toten und führt zur Buddhaschaft.

Dieser erste Bar do währt dreieinhalb Tage. Wenn der Tote das klare Licht in seiner Eigennatur nicht erkennt, wandert er weiter in den Bar do der Dharmata. Während 14 Tagen erscheinen ihm nun die fünf Buddhas und ihr Gefolge, insgesamt 42 friedvolle Gottheiten, die ihn an die tantrischen Lehren des Buddhismus und zugleich an die fünf Befleckungen Gier, Hass, Nichtwissen, Stolz und Neid erinnern. Von den Befleckungen, die sein schlechtes Karma verursachen, muss der Tote sich befreien, indem er erkennt, dass die fünf Buddhas und das strahlende Licht, das aus ihnen emaniert, nichts anderes als das Licht der Dharmata sind. Verfällt er statt dessen dem sanften Licht der sechs Existenzbereiche, das zugleich mit dem gleissenden Licht der Buddhas aufscheint, muss er weiter durch den Bar do wandern.

Nun erscheinen die fünf Buddhas in ihren zornvollen Manifestationen mit ihrem ebenfalls schrecklich anzusehenden Gefolge, insgesamt 58 zornvolle Gottheiten. Dies ist die letzte Chance für den Toten, dem Herabstieg in den Bereich der sechs leidvollen Existenzen zu entgehen. Erkennt er die zornvollen Gottheiten nicht als Projektionen seines eigenen Bewustseins und damit letztlich als leer, bar jeder Eigennatur, steigt er endgültig in den Bar do der Existenzbereiche hinab, der ihn seiner Wiedergeburt immer näher bringt. Sein Bewusstsein treibt durch den dritten Bar do und wird dabei von einer Reihe schrecklicher Erscheinungen gejagt, die nichts anderes sind als die drei Befleckungen Gier, Hass und Nichtwissen. Die Sehnsucht nach einem neuen Körper erwacht in dem Toten. Wenn er nun erkennt, dass diese Sehnsucht immer neues Anhaften am Leiden hervorbringt, hat er sich befreit. Erkennt er dies nicht, muss er sich dem Totengericht unter der Leitung des Totengottes Yama, tib. gShin rje, stellen.

Schliesslich wird der Tote, durch die Macht seines Karma getrieben, eine Geburt in einem Mutterschoss annehmen. Wenn er einsichtig ist, wird er die Wiedergeburt in einem kostbaren menschlichen Körper wählen, da nur die menschliche Existenz die Grunderkenntnis der Leidhaftigkeit der Welt ermöglicht, die auf den Pfad der Befreiung führt.
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Buddhistische Höllen

Phantasie und Ängste des gläubigen Buddhisten wurden besonders durch die Vorstellung von den Höllenbereichen angeregt. Die Höllen drohen nicht mit ewigen Strafen, sondern entstehen wie die restlichen fünf Existenzbereiche durch das Karma der Lebewesen. Die Erschöpfung des Karma bedeutet auch das Ende der Höllenqualen und die Wiedergeburt in einem anderen Existenzbereich. Im tibeto-mongolischen Kulturraum erfreuten sich «Höllenfahrtsgeschichten» grosser Beliebtheit. Schon im ausgehenden 16. Jahrhundert wurde eine mongolische Übersetzung der tibetischen Version einer solchen Höllenfahrtsgeschichte unter dem Titel «Wie der heilige Molon toyin seiner Mutter die Wohltaten zurückerstattete» von dem berühmten Übersetzer Siregetü güsi corji angefertigt. Sie erzählt von Molon toyin, dem Lieblingsjünger des Buddha, der auf der Suche nach seiner Mutter, die aufgrund ihres schlechten Lebenswandels nach ihrem Tod eine Existenz in der tiefsten Hölle fristet, die acht heissen und acht kalten Höllen mit ihren Nebenhöllen durchquert. Der Text schildert die Qualen der Höllenbewohner sehr anschaulich:

«Als [Molon toyin] … in die erste der acht heissen Höllen … kam, war da der Boden mit Feuergräben wie von rotflüssigem Eisen durchzogen. … Die darin geborenen Wesen brannten in dem grossen Feuer, bis Haut und Knochen barsten und zu Stücken zerfielen. Und sie nahmen auch Messer in die Hände und hieben aufeinander hierhin und dahin, bis sie bewusstlos zu Boden fielen. Wenn dann eine Stimme … ertönte: «Beginnt von neuem!», erlitten sie ohne Änderungen die gleichen Qualen wie zuvor.»

Die Höllenfahrt des Molon toyin wurde von den (mong.) badarci, den Wandermönchen, in der Mongolei verbreitet. Hiervon legen die Manuskripte, die entgegen den Gepflogenheiten mongolischer erzählender Literatur häufig reich illustriert sind, beredtes Zeugnis ab. Es soll sogar ein mongolischer «Molon toyin-Comic» existiert haben, in dem die gesamte Geschichte in Bildern ohne Begleittext erzählt wird. Auf diese Weise konnten auch die illiteraten mongolischen Nomaden von der Notwendigkeit eines den buddhistischen ethischen Grundsätzen verpflichteten Lebenswandels überzeugt werden.

Prof. Dr. Karénina Kollmar-Paulenz
Institut für Religionswissenschaft
UNIPRESS - Heft 118

Stelle für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Bern
Simon Schreiber

E-Mail: press@press.unibe.ch

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