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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Religiöses zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

14.10.2005 18:27
Sterben, Tod und Totenwelt im alten Israel/Palästina antworten

Sterben, Tod und Totenwelt im alten Israel/Palästina

Lasst euch nicht verführen, es gibt keine Wiederkehr!

Obwohl ich mich beruflich mit den Texten des Ersten (Alten) Testaments beschäftige, bin ich immer wieder aufs Neue beeindruckt, bisweilen sogar ergriffen, mit welcher Gradlinigkeit die gesamte alttestamentliche Tradition bis zum hellenistisch beeinflussten Buch Kohelet (Prediger) daran festgehalten hat, dass der Tod die radikale Grenze eines Menschenlebens ist und keine Hoffnung auf ein anderes, neues Leben in irgendeinem Jenseits besteht.

Im Menschenbild Israels ist keine Trennung von unsterblichen Seelenanteilen und dem Körper vorgesehen. Der Mensch ist eine atmende, begierige , d.h. Kehle oder Lebewesen, solange er lebt, aber eben nur so lange. Dass dieses Credo Bestand hatte, ist um so erstaunlicher, als in Ägypten, einer Kultur, mit der Palästina/Israel in regem Austausch stand, seit dem 3. Jahrtausend die gesamte Ökonomie auf Investitionen der Menschen in das ewige Leben nach dem Tod aufbaute (vgl. Text «Das Fest nach dem Gericht»). Man wohnte in materieller Bescheidenheit und sparte alles für die Bestattung, das Grab, Grabbeigaben, die Grabversorgung, den Totenkult. Die Totenwelt Ägyptens war bewohnt, von Menschen wie Gottheiten. Gefährliche Gegner und das Totengericht mussten bestanden werden, aber nach diesen Prüfungen wartete ein angenehmes, durchaus dem irdischen Leben vergleichbares Dasein, mit Arbeit und Freuden auf die verklärten Verstorbenen.

Nicht so in Israel. Dort hat man sich offenbar nie intensiver mit der Ausgestaltung von Jenseitsvorstellungen befasst, was sowohl durch die biblischen Texte als auch durch die Archäologie der Bestattungskultur bezeugt ist. Die Totenversorgung beschränkte sich auf die Beigaben von einigen Öllämpchen, Gefässen und ein wenig Reiseproviant für den Weg in die andere Welt. Die bescheidenen Grabbeigaben zeugen eher vom Wunsch der Lebenden, den Toten einen letzten Segen, ein Zeichen der Verbundenheit mitzugeben, als von der Notwendigkeit, sie für längere Zeit mit Dingen, die sie brauchen, auszustatten. Die Grabanlagen – soweit archäologisch greifbar, da viele Leute in spurenlosen Erdgräbern bestattet worden sind – eigneten sich nicht für den Vollzug von regelmässigen Ritualen. Mit dem Tod verbanden sich in Israel kaum je angenehme Vorstellungen oder gar Hoffnungen. Nur die ganz Verzweifelten (vgl. Ijob [Hiob] 3) klammerten sich an die Überzeugung, dass das Jenseits ihnen wenigstens Ruhe schenken werde. JHWH, Israels Gott, ist zudem immer eher ein Gott der Höhen und des Himmels geblieben. Viele seiner Herkunft fremde Ressorts hat sich dieser Gott im Laufe der Zeit angeeignet, aber die Totenwelt lag nie in seinem Territorium oder Zuständigkeitsbereich. Vielfach hat man sich mit der alten Vorstellung getröstet, dass die Verstorbenen in den Mutterschoss der Erde zurückkehren (Ijob [Hiob] 2,21; Koh [Pred] 5,14). So endet an der Todesgrenze sogar die Gottesbeziehung der Israelitinnen und Israeliten. Ihre Religion konzentriert sich ganz auf das Leben vor dem Tod. Zaghaft wird erst in späten Psalmen (49; 73) die Hoffnung formuliert, dass sie über diese Grenze hinaus dauern könnte, dass Gott auch im Tod seinen Verehrerinnen und Verehrern treu bleibe. Es ist kaum zu begreifen, wie sich auf dieser Basis später eine christliche Religion entwickeln konnte, in der das Leben und die Gottesbeziehung über Jahrhunderte sehr weitgehend auf das Jenseits orientiert waren.

Scheol, die Totenwelt, und ihre Schatten

Zunächst erscheint es als Widerspruch, dass sich in Israel trotz der radikalen Diesseitsbezogenheit Vorstellungen von Scheol, der Unterwelt, finden lassen. Im ganzen Mittelmeerraum und in Mesopotamien gab es die Vorstellung, dass in dieser Unterwelt, dem griechischen Hades, die Toten als Schattenwesen existieren. Mit der jammervollen Existenz im Totenreich verbanden sich weder in Israel noch in Griechenland irgendwelche positiven Erwartungen. Existieren bedeutet nach antiker Überzeugung eben nicht «Leben», allenfalls ein schwaches Dahinvegetieren, unfreiwilliges Bewusstsein, Unruhe, Elend.

Die Tore zur Totenwelt liegen nach israelitischer Vorstellung im Bereich von Wüste und Meer. Zu ihnen führte zum Beispiel schwere Krankheit oder Not (Ps 107,18). Das Grab vermittelte Tiefe, Staub, Verwesung, Dunkel, Schweigen, Vergessenheit – Eigenheiten, die auch der Scheol zugeschrieben wurden. Jedes einzelne Grab ist ein kleines Totenreich bzw. die Scheol ein ins Riesenhafte gesteigertes Urgrab. Dieses Grab ist zugleich ein Gefängnis (Ps 88,9c; 107,10), eine Zisterne (vgl. Jer 37,16 und 38 passim), aus der niemand zu fliehen vermag. In Israel stellte man sich die Totenwelt als grossen Raum in der Tiefe vor (Ez 32,22–26). In diesen Bereich der Finsternis und des Schweigens, der festungsartig abgeschlossen ist, so dass es keine Wiederkehr gibt, gehen die Toten ein. Es gibt dort keine Aktivität und kein Bewusstsein (Koh [Pred] 9,10), aber die Ränge und Stände des Lebens gelten weiterhin. Die Könige thronen mit ihren Insignien (Jes 14,9ff.), die Krieger sind noch in Rüstung (Ez 32,27), auch Samuel trägt noch seinen Mantel (1Sam 28,14). Die weniger ehrenvoll Bestatteten erhalten in der Totenwelt schlechte Plätze (Jes 14,19; Ez 31,17f.; 32,19ff.), Doch in ihrer Schwäche sind sie alle gleich (Jes 14,9f.; vgl. auch Ijob [Hiob] 3,19). Nach dem israelitischen Weltbild liegt Scheol unter dem unterirdischen Ozean, auf dem die Erdscheibe schwimmt (vgl. Ijob [Hiob] 26,5, 38,16f.). Weil man also durch tiefe Wasser dahingelangt, wird gerne auch bôr «Zisterne, Wassergrube» an Stelle von Scheol verwendet oder synonym. Daneben kann auch s¹ah.at, «Grube und Fanggrube» synonym gebraucht werden. Scheol ist mit Toren verschlossen (Jes 38,10), die auch Tore des Todes (Ps 9,14; 107,18) oder der Finsternis (Ijob [Hiob] 38,17) genannt werden. Die Unterwelt ist ein unersättliches Monster (Num [4Mo] 16,28ff.; Ps 141,7; Jes 5,14).

Während in Babylonien Ereschkigal und Nergal, in Ugarit Mot in der Unterwelt herrschen, die Toten also in Gottesbeziehung leben, ist die israelitische Unterwelt weitgehend gottlos (Ps 88 u.a.). Nur sehr selten wird gesagt, dass JHWHs Macht sich bis zur Unterwelt erstrecke (Am 9,2; Ps 139,8). Wohl aber kann das Gericht und der Zorn JHWHs in die Unterwelt hinabstossen (Dtn [5Mo] 32,22; Ez 26,19–21).

Kontakt zu den Verstorbenen – Totenbeschwörung in Israel

Obwohl die Toten nicht in ein neues Leben eingehen, sind sie weiterhin personenhaft existent und können den Menschen nützen oder schaden. Wie in Ägypten hat man sich auch in Israel an Verstorbene gewandt, um von deren Wissen zu profitieren, um Rat zu erhalten für die Lebenden. Tote zu konsultieren war neben dem Gang zum Propheten, der Einholung eines Orakels beim Priester oder der Traumdeutung ein wichtiges Mittel, um Gottesoffenbarungen und Weisungen zu erhalten. Es gab die Terafim, wahrscheinlich hölzerne Ahnenstatuetten oder Ahnenmasken, durch deren Befragung sich der pater familias im Alltag, möglicherweise über ein weibliches Medium, Rat von seinen Vorfahren holen konnte.

Von einer Totenbeschwörung ist ausführlich in einer Erzählung über die früheste Königszeit in Israel die Rede (1Sam 28). Vor der entscheidenden Schlacht gegen die Philister lässt sich König Saul, beunruhigt, weil er von Gott auf den üblichen Wegen keine Zeichen mehr empfängt, zu einer «Herrin des Totengeistes» im kleinen Ort En-Dor führen. Verkleidet und bei Nacht geht er zur Spezialistin und veranlasst sie, durch die Heraufbeschwörung eines Totengeistes die lebenswichtigen Auskünfte einzuholen. In der vorliegenden Fassung der Geschichte, die zu einer Zeit entstand, als Nekromantie in Israel schon problematisiert wurde (vgl. Dtn [5Mo] 18,1ff.), ist der Tote, der heraufsteigt, Samuel, der Prophet, der zu seinen Lebzeiten Saul zum König gesalbt, ihm nachher aber auch seine Verwerfung durch JHWH mitgeteilt hatte. Der Totengeist fühlt sich in seiner Ruhe gestört und teilt verärgert mit, was längst bei Gott beschlossen ist, dass nämlich Saul mitsamt seinen Söhnen in der Schlacht bei Gilboa umkommen wird. Als der Häuptling daraufhin zusammenbricht, bereitet ihm die Mantikerin in ihrem Haus sein letztes Mahl zur Stärkung. Die Geschichte ist in vielfacher Hinsicht interessant, u.a. weil sie die wohl engste literaturgeschichtliche Parallele zur zentralen Szene in Aischylos’ Tragödie «Die Perser» darstellt. Dort wendet sich die Mutter des Xerxes in schlimmsten Vorahnungen und grosser Verzweiflung an ihren verstorbenen Gatten, den König Dareios, um seinen Rat zu erlangen. Auch dieser Totengeist erscheint unwillig, für die Fragenden hat er nur schlechte Nachrichten, keinen Trost und keine Rettung. Interessant ist die Erzählung von der Frau von En-Dor darüber hinaus für die feministische Rekonstruktion der israelitischen Religionsgeschichte, da sie Zeugnis gibt für religiöses Fachexpertinnentum in einer Tradition, die die Frauen sehr weitgehend an den Rand der kultisch bzw. in den Heiligtümern vollzogenen Religion gedrängt hat.

Todesängste

Die Lebenssehnsucht der Menschen im Alten Orient war gross, der Wunsch nach dem Tod kam höchstens in extremer Ausweglosigkeit und Erschöpfung auf. Zwar wird das Altwerden realistisch als leidvoll betrachtet (Koh [Pred] 12,1–8), aber man hoffte sehr darauf, alt und lebenssatt sterben zu dürfen, wie eine reife Ähre geerntet zu werden (Ijob [Hiob] 5,26). Dem Erreichen eines langen Lebens diente das Bemühen um Weisheit, Gottesfurcht und Einhaltung der Tora. Doch stand dem Ideal eine schockierend harte Realität gegenüber, die wir uns beim Lesen biblischer und anderer antiker Texte wohl meistens viel zu wenig vor Augen halten. Während einzelne Menschen durchaus damals schon achtzig Jahre alt werden konnten (Ps 90,10), lag nach Ausweis von Archäologie und Texten die mittlere Lebenserwartung von Männern bei vierzig, die der Frauen gar nur bei dreissig Jahren. Hilflos werden sehr viele Eltern dem Sterben ihrer Säuglinge und Kleinkinder zugesehen haben (2Sam 12,15–25; 2Kön 4). Der Tod griff ständig ins Leben, und er konnte jederzeit zuschlagen, bei Kleinen und Grossen, sei es durch Krankheiten, Hunger in Zeiten der Dürre oder durch kriegerische Ereignisse. Eine Haupttodesursache bei den Frauen waren die lebensgefährlichen Schwangerschaften und Geburten. Nicht nur Rahel ist bei der Geburt eines Kindes gestorben (Gen [1Mo] 35,16-20; vgl. 1Sam 4,19–22). Wer damals krank wurde, musste nicht nur Schmerzen und Siechtum fürchten, sondern auch den sozialen Tod, das Ausgeschlossenwerden aus dem Alltag der Lebenden. Viele Psalmen beschreiben die Todesängste erkrankter Beterinnen und Beter. Sie flehen Gott an, sie vor dem Tod zu erretten und jubilieren, wenn sie gerettet werden. Sie scheuen sich nicht, Gott in die Pflicht zu nehmen, ihn auch darauf hinzuweisen, dass ihm ein toter Verehrer, eine tote Verehrerin nichts mehr nütze, da in der Totenwelt kein Gotteslob mehr angestimmt werden könne. Auch Ijob (Hiob), der grosse Rebell gegen Gott, der sich keiner Schuld bewusst ist und sein schweres Schicksal als ungerecht erlebt, beklagt vor allem seinen sozialen Tod, sein «lebendig Begrabensein» und erkämpft sich das Recht, von Gott dafür eine Erklärung zu bekommen.

Denn sterben müssen wir ...

Trotz dieser Todesnähe haben sich die Israelitinnen und Israeliten nie ganz grundsätzlich gegen das Sterbenmüssen aufgelehnt. Sie nahmen die Staubexistenz menschlichen Lebens als gegeben hin und entwickelten eine «ars moriendi». Sogar in der ersehnten Heilszeit wird noch gestorben, dann aber erst mit über hundert Jahren (Jes 65,20ff.). Das Leben galt als unwiederbringliches Gottesgeschenk. Nach dem Wort der weisen Frau von Tekoa in 2Sam 14,14 ist das Menschenleben wie Wasser, das auf die Erde geschüttet wird und das man nicht wieder fassen kann. Während der tote Baum neues Leben hervorbringen kann, kehrt der Mensch nie zurück aus dem Tod (Ijob [Hiob] 14,7–12). Die Scheol ist unerbittlich, sie lässt niemanden wieder frei (Ps 49,8ff.). In der Tradition ägyptischer Harfnerlieder und griechischer Symposien wurde angesichts dieser Unausweichlichkeit des Todes auch in Israel zum «carpe diem», zur Freude am täglichen Leben, am Essen in Gemeinschaft, an der Liebe, an den Kindern, aufgerufen, wovon noch das Buch Kohelet (Prediger) Zeugnis abgibt.

Der Tod von Angehörigen setzte eine Vielzahl von Ritualen in Gang, deren Ausführung weitgehend in der Hand der Familien oder Sippen lag. Zur Totenklage wurden ausser den Verwandten besondere Klagefrauen aus der Nachbarschaft gerufen, die unter lauten Schreien, vielleicht auch Gesängen den Übertritt des Verstorbenen in die Erinnerung der Gemeinschaft begleiteten. Die Klage hatte eine eminent öffentliche Dimension, sie hob die Bedeutung des oder der Toten, vielleicht auch seiner Sippe, hervor. Sie konnte unter Umständen politisch sogar recht brisant sein. Wenn Rizpa, eine Nebenfrau Sauls, nach den politischen Morden Davids an ihren Söhnen, bei den Leichen Wache hält und David am Ende dadurch bewegt, die Toten wenigstens anständig zu bestatten, so wird beispielsweise deutlich, dass die Totenklage durchaus keine private Angelegenheit war (2Sam 21,8–14). Am wichtigsten war es für einen Israeliten, im Kreis seiner Vorfahren ordentlich bestattet zu werden und im Gedächtnis der Lebenden zu bleiben. Normalerweise erreichte man das durch eine zahlreiche Nachkommenschaft, die den Namen des Vaters weitertrug. Auch die Israelitinnen setzen sich, manchmal mit riskanten Tricks, dafür ein, dass der Name ihres Vaters oder ihres verstorbenen Ehemannes erhalten wird. Tamar erschleicht sich von ihrem Schwiegervater Juda, weil er ihr als Witwe die für solche Fälle vorgesehene Ehe mit einem ihrer Schwager nicht gestattet, einen Nachkommen (Gen [1Mo] 38). Auch die Töchter Lots trotzen dem vorhersehbaren sozialen Tod ihres Vaters durch den Inzest mit dem Vater neues Leben ab (Gen [1Mo] 19,30–38).

aus: Othmar Keel/Silvia Schroer, Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen, Freiburg CH/Göttingen 2002, 168 Abb. 136

Stark wie der Tod ist die Liebe

Im Hohenlied wird in einem programmatischen Vers die Liebe von den Liebenden als Widersacherin des Todes gefeiert. Die Frau bittet ihren Geliebten, das lebenspendende Siegelamulett an seinem Herzen sein zu dürfen

denn so stark wie der Tod (ist) Liebe,
so unerbittlich wie Scheol (ist) Leidenschaft (Hld 8,6)

Im Kontext der israelitischen Liebeslieder ist dieser Vers auf die konkrete Liebe der Frau zu beziehen, aber er hat einen mythischen Hintergrund, dem er seine Grundsätzlichkeit und Intensität verdankt. In Kanaan kämpfen Baal, der Herr des fruchtbaren Landes, und Mot, der Gott der Dürre, um die Herrschaft. Baal wird besiegt. Doch bevor er von Mot ins Totenreich verschleppt wird, zeugt er mit der Göttin Anat noch einen Stier, den neuen Baal. Ähnliche Züge trägt der jüngere Mythos von Adonis und Aphrodite, in dem klagende Frauen um die Lebenskraft des zu früh verstorbenen Jünglings ringen (vgl. die Frauen, die den Tammuz beweinen, in Ez 8,14f.). In Ägypten ist es Isis, die in Gestalt eines Falkenweibchens vom bereits verstorbenen Osiris den Samen empfängt, aus dem dann Horus, der Rächer des Osiris, hervorgehen wird.

Von Christinnen und Christen wird der genannte Vers oft falsch zitiert, denn «stärker als der Tod» ist die Liebe nun einmal nicht. Die Gegner sind gleich stark, weshalb es keinen Sieg, weder des einen noch der anderen, geben kann, aber eine Art Balance der Mächte. In dieser Sichtweise steckt m. E. eine sehr beachtliche Weisheit, die auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Statt in fragwürdiger Weise altgriechische bzw. neue fernöstliche Reinkarnationsvorstellungen in eine Hoffnung auf ein weiteres irdisches Leben umzumünzen, ist es doch unsere individuelle und gesellschaftliche Aufgabe, dem sinnlosen Tod in allen seinen Formen zu trotzen und ihm nicht das letzte Wort zu lassen.

In seiner einmaligen Kenntnis der biblischen, vor allem der alttestamentlichen Tradition, hat Bert Brecht das Gedicht geschrieben, das ich hier an den Schluss stellen möchte, als Aktualisierung einer Überlieferungskette, die für unsere diesseitsbezogene moderne Gesellschaft von höchstem Wert ist.

Gegen Verführung
1
Laßt euch nicht verführen!
Es gibt keine Wiederkehr.
Der Tag steht in den Türen;
Ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt kein Morgen mehr.

2
Laßt euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in schnellen Zügen!
Es wird euch nicht genügen
Wenn ihr es lassen müßt!

3
Laßt euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zuviel Zeit!
Laßt Moder den Erlösten!
Das Leben ist am größten:
Es steht nicht mehr bereit.

4
Laßt euch nicht verführen
zu Fron und Ausgezehr!
Was kann euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt mit allen Tieren
Und es kommt nichts nachher.

Bertolt Brecht (1918) zitiert nach: Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band, suhrkamp 1981, S. 260

Prof. Dr. Silvia Schroer
Institut für Bibelwissenschaft

Literaturhinweise:
• Schroer, Silvia / Staubli, Thomas, Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998, bes. 61–83.231–246.

• Schroer, Silvia, Häusliche und außerhäusliche religiöse Kompetenzen israelitischer Frauen – am Beispiel von Totenklage und Totenbefragung: http://www.lectio.unibe.ch (1/2002)

• Tropper, Josef, Nekromantie. Totenbefragung im Alten Orient und im Alten Testament (AOAT 223), Kevelaer/Neukrichen-Vluyn 1989.

UNIPRESS - Heft 118

Stelle für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Bern
Simon Schreiber

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