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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Spirituelles zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

12.10.2005 20:53
Spiritualität - eine menschliche Sehnsucht? antworten

Spiritualität - eine menschliche Sehnsucht?

by Carmen Dietrich, HP, Krankenschwester - Hospiz Forum - Münster, Germany

Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennen lernen.
Aber wie werdet ihr es finden,
wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht?
Wenn ihr wirklich das Mysterium des Todes schauen wollt,
öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens.
Denn Leben und Tod sind eins,
so wie der Fluß und das Meer eins sind.
In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche
liegt euer stilles Wissen um das Jenseits;
und wie Samen, der unter dem Schnee träumt,
träumt euer Herz vom Frühling.
Traut den Träumen,
denn in ihnen ist das Tor zur ewigkeit verborgen.

Denn was heißt Sterben anderes,
als nackt im Wind zu stehen
und in der Sonne zu schmelzen?
Und was heißt nicht mehr Atmen anderes,
als den Atem von seinen rastlosen Gezeiten zu befreien,
damit er emporsteigt
und sich entfaltet
und ungehindert Gott suchen kann?

Nur wenn ihr vom Fluß der stille trinkt,
werdet ihr singen.
Und wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt,
dann werdet ihr anfangen zu steigen.
Und wenn die Erde eure Glieder fordert,
dann werdet ihr wahrhaft tanzen.


Dieser wunderbare Text von Khalil Gibran vermittelt in seiner poetischen Sprache eine sehr hoffnungsvolle Sicht des Todes. Für die meisten von uns ist das Empfinden zunächst ein anderes. Wer verbindet mit Sterben und Tod nicht Gefühle der Ohnmacht, der Angst und der Hoffnungslosigkeit? Und das ist nicht verwunderlich – immerhin geht es darum, unser Leben zu verlieren und alles loszulassen, was zu diesem Leben gehört und mit dem wir uns – mehr oder weniger – identifizieren.


Angesichts dieses immensen Verlustes erscheint es schwierig, davon zu sprechen, dass wir im ganzheitlichen Sinne einen Kreis vollenden und der Tod der Übergang zu etwas Neuem sei. Und – wir wissen so wenig über die Realität oder Nicht-Realität dieses Neuen.Und doch wird etwas in uns berührt.


Sicher – es berührt unser Herz, aber erklärt das dieses Sehnen? Sind unsere Gefühle bezüglich des Todes doch tatsächlich zunächst eher von Erschrecken und Angst bestimmt; oder neigen wir umgekehrt dazu, alle Ängste zu verdrängen und uns der Hoffnung hinzugeben, dass alles so einfach sein möge, wie es dieser Text beschreibt?

Diejenigen, die Sterben und Tod begegnen, wissen, dass es so einfach nicht ist. Unser Körper ist es wohl auch nicht, der hier angesprochen wird, handelt der Text doch von der Auflösung der materiellen Ebene unseres Seins; und auf der Ebene des Verstandes können wir die Botschaft kaum erfassen, da sie die Vorstellungskraft unseres momentanen Bewusstseins übersteigt.

Aber es bleibt ein Gefühl des Verstehens – vielleicht nur ein Ahnen – und vielleicht kann man es am ehesten dem spirituellen Teil unseres Wesens zuordnen.

Über Spiritualität zu schreiben, diesen Teil unseres Wesens zu benennen und spirituelles Tun in Worte zu fassen, ist ein nicht einfaches Projekt – im Grunde unmöglich. Das hängt einerseits damit zusammen, dass wir etwas beschreiben, das sich teilweise dem Medium der Sprache entzieht, zum anderen handelt es sich nach meinem Verständnis um etwas sehr persönliches, das von jeder und jedem unterschiedlich und sehr individuell erfahren wird.


Was wir tatsächlich beschreiben können, sind Erfahrungen, die wir machen, indem wir uns auf den eigenen Weg begeben. So möchte ich diesen Beitrag verstanden wissen als Teil meiner persönlichen Auseinandersetzung, die geprägt ist von meinem eigenen Weg durch dieses Leben, von meiner Arbeit als Pflegefachkraft in einem Hospiz, von einer Ausbildung in „spiritual care / spiritueller Begleitung“ bei Christine Longaker und einer Ausbildung in schamanischer Heilarbeit bei S. Alexander Alich.

Welche Tradition wir auch betrachten, sie alle beschreiben einen spirituellen Teil unseres Seins – und über diesen Wesensteil sind wir mit etwas verbunden, das größer ist, als wir selbst; das größer ist, als das, was wir sehen und größer, als wir es auch nur erahnen. Das zu erfassen ist nicht einfach, handelt es sich doch um ein Mysterium, das wir niemals ganz verstehen.


Ein grundlegender Aspekt unseres Erdenlebens ist, dass wir die Verbindung zu diesem Größeren mehr oder weniger verloren haben und damit die Vorstellung, was unsere spirituelle Dimension bedeutet; nämlich Verbundenheit mit allem, was ist und die einzigartige Erfahrung und Wahrnehmung der Lebensenergie und Göttlichkeit. Stattdessen fühlen wir uns abgetrennt und entwickeln ein Gefühl der Einsamkeit. Manchmal spüren wir schmerzhaft eine Sehnsucht, die wir nicht einordnen können und manchmal liegt in dieser Sehnsucht ein Ahnen, wie wir es vielleicht gerade beim Lesen des Textes von Khalil Gibran erfahren haben.

Auf der Grundlage dieser Sichtweise möchte ich zwei Aspekte benennen, von denen ich glaube, dass sie der Hintergrund aller spirituellen Bedürfnisse sind.

- Wir alle sehnen uns nach Zugehörigkeit, Verbundenheit und Liebe
- Wir alle wünschen uns, dieses Leben und uns selbst zu verstehen

Wir entwickeln also eine große Sehnsucht nach etwas, dass uns fremd geworden ist. Wir suchen Antworten auf unsere Fragen:

Was ist das Leben? Wer bin ich? Kann ich vertrauen, dass die Dinge die geschehen einen Sinn haben? Ist Hoffnung möglich? u. v. a.

In allen Krisen, die wir erleben, besonders aber, wenn wir mit Sterben und Tod in unserem eigenen Leben oder im Leben naher Menschen konfrontiert sind, tauchen diese Fragen auf und es ist hilfreich, Menschen zu begegnen, die uns verstehen und unterstützen.

Betrachten wir diese Bedürfnisse, ergibt sich daraus, was spirituelle Begleitung sein kann:

-Einen anderen Menschen mit Offenheit auf seinem individuellen Weg zu begleiten
-Einen anderen Menschen zu unterstützen, die eigene Verbindung und die eigene Quelle des
Vertrauens zu leben, zu erinnern und zu entdecken.
-Einen anderen Menschen mit Offenheit auf seinem individuellen Weg zu begleiten

Jede und Jeder geht einen ureigenen Weg durch dieses Leben und ebenso durch das Sterben. Die Themen und Herausforderungen, die auf diesem Weg liegen, sind uns unbekannt. Begegnen wir einem anderen Menschen mit offenem Herzen, begegnen wir ihm mit Respekt und ohne Wertung in allen Bereichen seines Lebens.

Der/dem Anderen aus einer solchen Haltung von Offenheit zu begegnen, kann uns nach meiner Erfahrung helfen, die eigenen Konzepte loszulassen. Das heißt, wir lassen die Vorstellung los, wie Dinge sind oder sein könnten, womöglich sogar sein sollten. Das ermöglicht uns einen sehr direkten und unmittelbaren Kontakt und das individuelle Eingehen auf eine Situation und einen Menschen. Die Geschichte von Hr. L. handelt von Hoffnung, von Konzepten und dem Loslassen von Konzepten. Deshalb möchte ich sie hier erzählen.
Eine Frage, die mir als Hospiz-Mitarbeiterin immer wieder begegnet, ist die nach der Hoffnung. Haben die Menschen noch Hoffnung? Oder geben sie alle Hoffnung auf? Man braucht doch Hoffnung! Oder aber: Wie geht man damit um, wenn jemand noch soviel Hoffnung hat, damit verdrängt er doch die Realität?! Müssen wir die Hoffnung aufgeben, um dann endlich die Realität anzunehmen?...

Herr L. war bereits vor einiger Zeit im lebensHAUS eingezogen. Er lebte, wie sein ganzes Leben lang, recht selbstbestimmt und bewegte sich innerhalb und manchmal auch außerhalb des Hauses nach seinen Wünschen. Hin und wieder begleitete ich ihn zu einem Ausflug in die Stadt. Manchmal sprach er kurz offen über seine Situation, weniger aber über seine Gefühle. Mit der Zeit verschlechterte sich sein Zustand, er wurde schwächer und irgendwann musste er die Ausflüge einstellen. Die Krankheit schritt rasch fort und sein Körper wurde schwächer. Kurze Zeit später konnte er auch sein Bett kaum noch verlassen. Bevor ich einige Tage frei hatte, ging ich zu ihm. Ich wusste nicht, wie viel Zeit ihm noch blieb und ob wir uns wieder sehen würden. Ich setzte mich zu ihm und sagte, dass ich ein paar Tage frei hätte und mich gerne verabschieden wolle. Wir schauten uns sehr direkt an. Er nickte und schloss die Augen. Dann schaute er mich wieder an, lachte und seine Augen strahlten. Er sagte: „Bald kommt der Frühling, gehen wir dann zusammen im Garten spazieren?“ Ich zögerte einen Moment, was sollte ich sagen? Ging es darum, behutsam seine Situation anzusprechen, die Wahrheit auszusprechen? Wollte er das von mir hören? Aber seine Augen sagten mir, dass er sehr wohl um seine Situation wusste, - und - dass es diese Hoffnung, diesen Wunsch gab. Beides war gleichzeitig da; seine Hoffnung verdrängte nicht die Wahrheit seiner Erkrankung und seines Sterbens. Das glaubte ich zu erkennen und deshalb sagte ich: “ Ja, möglicherweise würden wir das im Frühling zusammen tun“.
Mit tiefem Einverständnis und einem Gefühl von großem Respekt gaben wir uns die Hände und verabschiedeten uns schweigend. - Er verstarb kurze Zeit danach.

Monate später, es war Frühling geworden, war ich draußen und ging durch den Garten. Ich hatte lange nicht an Hr. L. gedacht. Jetzt erinnerte ich mich an ihn und an dieses Gespräch und mir war, als gingen wir zusammen im Garten spazieren

Was ich lernte ist, dass Hoffnung kein linearer Prozess ist. Ebenso wenig wie alle Abschnitte der Auseinandersetzung mit dem Tod in einer bestimmten Reihenfolge ablaufen, sondern vielmehr in einer individuellen Dynamik durchlebt werden, so hat auch die Hoffnung für jede und jeden eine eigene Dynamik.


Manchmal führt sie dazu, die Realität zu verdrängen; manchmal hilft sie, die Realität auszuhalten; sie kann hinderlich sein und uns festhalten lassen, aber ebenso kann sie helfen beim Loslassen. Manchmal ist sie eine Frage nach Wahrheit und die Bitte um ein Gespräch, in der auch alle Hoffnungslosigkeit Raum haben darf. Meine Erfahrung ist, dass sich das nicht immer an der Oberfläche erkennen lässt, sondern dass es gilt, hinter und durch die formulierte Hoffnung zu schauen und auch zu erspüren, worum es gehen könnte.

In diesem Teil beschreibe ich eine sehr grundlegende Sicht von Spiritualität, die wir, wie
Dr. Daniela Tausch-Flammer es in einem ihrer Bücher ausdrückt „häufig schon allein in der Unmittelbarkeit und Echtheit der Begegnung mit einem sterbenden Menschen erleben“. Sowie Spiritualität auch in unserem eigenen Leben nicht abgetrennt vom Rest des Lebens stattfindet, sondern alle Bereiche durchdringt, so kann auch spirituelle Begleitung in allen Bereichen stattfinden. Das heißt, egal, in welchem Kontext wir einem Sterbenden begegnen, immer können wir auch eine spirituelle Komponente einbeziehen, die sich vielleicht vor allem in unserer Haltung ausdrückt.

-Einen anderen Menschen zu unterstützen, die eigene Verbindung und die eigene Quelle des
Vertrauens zu leben, zu erinnern und zu entdecken.

Jede und Jeder kennt für sich eine Möglichkeit der Zuflucht, etwas, was uns Frieden in unserem Herzen schenkt. Diese Zuflucht, diese Quelle des Vertrauens kann uns in Zeiten großer Veränderung, wenn alles zusammenbricht, Halt und Geborgenheit vermitteln. Wenn wir einen Menschen begleiten, kann es hilfreich sein, um seine individuelle Quelle des Vertrauens zu wissen und ihn oder sie an diese Verbindung zu erinnern. Vielleicht ist diese Quelle eine bestimmte Musik, vielleicht die Erinnerung an eine bestimmte Zeit des Lebens, vielleicht ist es ein Foto oder ein Kunstwerk, das das Herz berührt. Vielleicht ist es ein Gebet oder eine andere spirituelle Praxis. Vielleicht fühlt sich dieser Mensch einer Religion zugehörig und wünscht die Begleitung durch eine Seelsorgerin oder einen Seelsorger der christlichen Kirchen oder durch eine Vertreterin oder einen Vertreter einer anderen Religion; oder wir erfahren, dass Spiritualität für ihn oder sie einen anderen Rahmen hat. Vielleicht spürt ein Mensch seine Verbindung am ehesten im Kontakt mit der Natur.

Frank Ostaseski, der Leiter eines Hospizes in San Fransisco, hat dies auf einfache Weise in einem Seminar beschrieben. „Find a place of rest in the middle of things – Finde einen Platz der Ruhe in der Mitte der Dinge“. Wenn wir helfen können, diesen individuellen Ort der Ruhe zu finden, dann kann das dazu beitragen, in all den Veränderungen, die das Sterben mit sich bringt, Frieden zu finden.

Was wir brauchen, ist die oben beschriebene Offenheit und die Bereitschaft, uns auf einen anderen Menschen einzulassen; ihm oder ihr zuzuhören, mit all unseren Sinnen.

Spiritualität ist ein sehr sensibles Thema und meiner Erfahrung nach äußerst intim. Es ist nicht einfach, das miteinander zu teilen. Aber ich erlebe immer wieder, dass es wichtig ist, in diesem Bereich Unterstützung anzubieten: Vor kurzem begleitete ich im Nachtdienst Frau A., die einige Tage vorher im lebensHAUS eingezogen war. Es ging ihr sehr schlecht und sie hatte schon am Nachmittag sehr große Angst geäußert.

Als ich zu ihr kam, sprachen wir noch einmal über die Angst und auch über das Sterben. Da ich wusste, dass sie sich der katholischen Kirche zugehörig fühlte und durch die Seelsorgerin Sr. Imelda begleitet wurde, fragte ich sie, ob es für sie hilfreich sei, zu beten. Als sie das bejahte, fragte ich nach, ob sie es gerne allein tun wolle, da ich nicht selten die Erfahrung mache, dass Menschen lieber für sich alleine beten. Fr. A. aber sagte, dass sie es alleine gar nicht schaffen würde und dass sie das Angebot gerne annehmen würde. So zündeten ihr Sohn und ich nach ihrem Wunsch eine Kerze an und beteten gemeinsam mit ihr das Gebet, das sie ausgewählt hatte. Im Laufe der Nacht wiederholten wir das, sooft sie es wollte.

Und manchmal wird spirituelle Begleitung sehr pragmatisch:

Ich erinnere mich an eine Bewohnerin, die sich, nachdem sie nicht mehr zum Gottesdienst gehen konnte, wünschte, einen eigenen kleinen Altar im Zimmer zu haben. Also machte sich ihre ehren-amtliche Begleiterin auf den Weg, ein geeignetes Tischchen zu kaufen und eine Kollegin übernahm die Gestaltung nach den Wünschen von Fr. K. Dann sorgten wir alle für die Pflege dieses heiligen Ortes, auf dem z.B. immer eine Kerze brennen sollte. Für Fr. K. war dieser Altar sehr wichtig. Er wurde zum Mittelpunkt ihres Zimmers und ihrer Aufmerksamkeit. Hier konnte sie Trost finden.

Einen Platz der Ruhe zu finden, erleben manche schon allein dadurch, im lebensHaus anzukommen und einen Ort für sich gefunden zu haben, an dem sie sein dürfen – so, wie sie sind. Das ist besonders berührend, weil es dafür spricht, welch wunderbarer Ort hier aufgebaut wurde, wenn allein das Spüren dieses Raumes einem Menschen das Herz öffnet und er oder sie sich angenommen fühlt.


In einer letzten Geschichte möchte ich auf etwas eingehen, was in beiden beschriebenen Bereichen bereits angeklungen ist, bzw. in das beide beschriebenen Bereiche einfließen. Immer geht es darum, den oder die Sterbende auf seinem oder ihrem Weg zu begleiten und ebenso die Angehörigen. Wir begleiten sie durch den Prozess des Sterbens mit all seinen einzelnen Schritten. Unter spiritueller Begleitung verstehe ich auch, zu erkennen, wo in diesem Prozess sich jemand bewegt und was gerade jetzt an diesem Punkt hilfreich sein könnte.

Herr W. hat eine lange Zeit im lebensHaus verbracht. Er lag im Wachkoma und für seine Familie war die Situation sehr schwer auszuhalten. So schwer, dass sie nur selten kamen und auch die Angebote zur Unterstützung unsererseits nicht annehmen konnten. Nach 14 Monaten verschlechterte sich sein Zustand so, dass wir damit rechneten, dass er bald sterben würde. Die Familie wurde informiert und kam am darauf folgenden Tag, um ihn noch einmal zu besuchen und auch, um sich zu verabschieden.

Dieses Abschiednehmen ist ein wichtiger Teil des Sterbeprozesses, sowohl vom Sterbenden als auch von Angehörigen aus betrachtet. Manchmal ist es genau der Schritt, der für die oder den Sterbenden noch fehlt, damit er oder sie loslassen kann. Ich wusste nicht, ob das in dieser Situation so war, aber ich hatte das Gefühl, das das bewusste Abschiednehmen Hr. W. hilfreich sein könnte. Ebenso wichtig kann es für die Angehörigen sein. Viele Menschen tun dies intuitiv und im Bewusstsein, dass jeder Abschied vielleicht der letzte ist, andere brauchen Begleitung und Unterstützung, um das zu erkennen.


Als die Familie von Herr W. kam, sprach ich sie an und erzählte ihnen von der aktuellen Situation und den sich abzeichnenden Veränderungen, dann begleitete ich sie ins Zimmer zu Hr. W. Dort standen wir eine Weile um sein Bett. Ich ermutigte die Angehörigen in Kontakt mit ihm zu gehen, mit ihm zu sprechen, ihm alles zu sagen, was ihnen wichtig erschien. Eigentlich wollte ich sie dann allein lassen, aber ich hatte das Gefühl, dass ihnen als Gruppe der Zugang zu dieser Ebene schwer fallen würde und dass insbesondere für Fr. W. ein eigener Kontakt zu ihrem Mann wichtig sein würde. Ich fragte sie, ob sie allein mit ihrem Mann sein wolle, und als sie das bejahte, bat ich ihre Kinder (17 und 20 Jahre), sowie den Vater von Hr. W., das Zimmer zu verlassen und Fr. W. die Zeit zu geben, die sie brauchte. Fr. W. ermutigte ich darin, alles auszusprechen, was für sie wichtig wäre; auch die Dinge, die vielleicht im Kontakt schwierig geblieben waren, auch die Verletzungen, die sie vielleicht erlitten hatte oder aber selbst zugefügt hatte; und, wenn es ihr möglich wäre und sie es wollte, auch zu formulieren, dass sie ihn gehen lassen würde. Dann verließ ich das Zimmer. Draußen wandte ich mich an die beiden Söhne und den Vater von Hr. W. und sprach mit ihnen über das Abschiednehmen, über den Schmerz und die Verzweiflung, den Vater/ den Sohn so leiden zu sehen. Einer der Söhne formulierte dann den Wunsch, auch alleine mit seinem Vater sein zu wollen; und so ergab es sich, dass alle Angehörigen sich einzeln diese Zeit mit Hr. W. nahmen, um ganz persönlich Abschied zu nehmen. Ich selbst war erstaunt, wie selbstverständlich ihnen das plötzlich fiel und wie wichtig es ihnen war.

In allem Leid und aller Schwere tauchte plötzlich auch etwas Erleichterung auf, etwas war in Bewegung gekommen. Als alle ihren Abschied genommen hatten, schlug ich vor, noch einmal gemeinsam ins Zimmer zu gehen und ein Gebet für Hr. W. zu sprechen. Die Familie gehörte der Katholischen Kirche an und war in ihrer Heimatgemeinde sehr aktiv, das hatte Fr. W. mir erzählt; und so beteten wir abschließend gemeinsam das Vater unser für Hr. W.

Nachdem die Angehörigen gegangen waren, setzte ich mich eine Weile zu Hr. W. und sprach noch einmal über das Erlebte und dass ich hoffte, dass es hilfreich für ihn sein möge. Hr. W. verstarb in der folgenden Nacht im Beisein meines Kollegen.

Ich habe hier eine sehr persönliche Sicht spiritueller Begleitung aufgeschrieben, ich habe viele Geschichten erzählt, von Menschen, die wir im Hospiz lebensHAUS begleitet haben, von Menschen, die ihren ganz eigenen Weg mit Mut gegangen sind und von denen ich in unterschiedlicher Weise gelernt habe. Im Schreiben habe ich viel Inspiration erfahren. Möge dieser Text auch für alle, die ihn lesen, Inspiration sein.

Carmen Dietrich

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