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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Altenpflege
ingoborm Offline

Webmaster und Administration Technik
Beiträge: 937

10.10.2005 13:08
Ursachen für eine Nahrungsverweigerung antworten

Körperliche Ursachen

Die "Kunst" die Ursachen für eine Nahrungsverweigerung zu ergründen, besteht zunächst in der Beantwortung der Frage: Kann der Patient nicht essen oder will er nicht essen? Dies hört sich zwar sehr einfach an, ist es aber nicht. Je weniger man mit dem Dementen noch kommunizieren kann, um so genauer muss man ihn beobachten und einfühlsam sein Problem zu bestimmen versuchen.

Zunächst können körperliche Ursachen der Grund für Nahrungsverweigerung sein. Möglicherweise liegt es daran, dass dem Patienten das Essen einfach nicht schmeckt und daraufhin sein ablehnendes Verhalten als Nahrungsverweigerung gedeutet wird. Dies spielt natürlich eine große Rolle, wenn die Betreuten im Heim oder in einem Krankenhaus versorgt sind, da hier durch das eingeschränkte Essensangebot nicht immer die Möglichkeit besteht, auf jeden Essenswunsch einzugehen. Gerade dann ist man auf die Hilfe der Angehörigen angewiesen, welche dann zu Hause die Speisen zubereiten und diese mitbringen.

Außerdem spielt die Geschmacksempfindlichkeit eine große Rolle bei Essstörungen. Jeder gesunde Mensch kann bestätigen: Wenn das Essen schmeckt, isst man gerne und viel. Wie ist das aber im Alter? Untersuchungen ergaben, dass sich in einem Lebensalter von 75 Jahren die Geschmacksknospen um 65% reduziert haben [1]. Somit wird das Essen nicht mehr als so "schmackhaft" empfunden, wie bei einem jüngeren Menschen. Hierbei spielen auch Zahnprothesen eine große Rolle, denn Träger von Zahnprothesen müssen oft Einbußen in der Geschmacksempfindlichkeit hinnehmen, wobei Vollprothesenträger stärker betroffen sind als diejenigen mit Halbprothesen [2]. Daneben treten andere Probleme bei Gebissträgern auf:
"Die im Alter herabgesetzte Kaufähigkeit ist im wesentlichen durch Gebissschäden und Prothesen bedingt. Geäußerte Klagen wie, das Brot oder das Fleisch sei zu hart, oder die Speisen seien zu schlecht gewürzt, legen die Überlegung nahe, dass altersbedingte Veränderungen des Geschmacksinnes, sowie gebissbedingte Einschränkungen, Empfindlichkeiten und Probleme beim Essen hervorrufen" [3].

Krankhafte Störungen im Mund/Rachenraum sind sehr häufig die Ursache für Probleme bei der Nahrungsaufnahme. Als Beispiele sind hier zu nennen: Entzündungen der Mundschleimhaut oder des Halses, Verletzungen der Zunge, eine schlecht angepasste Zahnprothese oder die scharfe Kante eines beschädigten Zahnes. Ebenso können auch krankhafte Störungen im Magen-Darm Trakt oder auch Verlegungen der Verdauungswege, zum Beispiel durch Tumore, das Essverhalten negativ beeinflussen. Übelkeit und Erbrechen sind eine weitere Ursache für Essstörungen. Häufiger Auslöser sind dabei vor allem die Nebenwirkungen von Medikamenten. Viele Medikamente können Übelkeit sowie "Unwohlsein" verursachen.

Der Schluckvorgang selbst, welcher für den Gesunden bzw. Jungen ganz selbstverständlich abläuft, kann im Alter langsamer vonstatten gehen. Bei über 80jährigen ist eine Reduzierung der Peristaltik des Schlund-Rachenbereiches und ein leicht verzögertes Eintreten des Schluckreflexes festzustellen [4]. Dies gilt natürlich besonders für Demenzpatienten, welche bedingt durch den degenerativen Abbau des Nervengewebes im Gehirn ganz besonders unter solchen neurologischen Störungen leiden können. Schluckstörungen im Endstadium der Erkrankung sind fast immer zu erwarten. Aber auch hier können Nebenwirkungen von Medikamenten wieder eine Rolle spielen. Besonders Psychopharmaka, die bei der Behandlung von Dementen sehr häufig eingesetzt werden, verursachen Schluckstörungen.

Eine Folge des Gehirnabbaus ist auch, dass Alzheimerpatienten während den Mahlzeiten vergessen, dass sie essen. Selbst wenn sie einen Bissen im Mund haben, denken sie nicht mehr daran diesen hinunter zu schlucken. Dies führt dann häufig dazu, dass die Nahrung aspiriert wird. Die Folge ist eine sogenannte Aspirationspneumonie.

Körperliche Ursachen können auch Schmerzzustände sein, besonders chronische Schmerzen, welche bedingt durch die evtl. fehlende Kommunikationsfähigkeit nicht erkannt werden. Hier liegt es an der Erfahrung der Pflegenden, solche Schmerzen anhand von nonverbalen Äußerungen zu erkennen.

Informationsquelle: http://www.nahrungsverweigerung.de

ingoborm Offline

Webmaster und Administration Technik
Beiträge: 937

10.10.2005 13:13
#2 RE: Ursachen für eine Nahrungsverweigerung antworten

Seelische Ursachen

Nahrungsverweigerung ist oft das Symptom einer tieferen seelischen Ursache. Wenn es möglich ist diese Ursache zu finden und zu beseitigen, kann häufig geholfen werden. Allerdings muss aber auch erwähnt werden, dass seelische Probleme oft sehr vielschichtig sind und manchmal kein erkennbarer Grund zu ermitteln ist. Dadurch sind sie oft nur durch eine Medikamententherapie behandelbar. Wenn hinter den seelischen Problem der Wunsch steht, dass der Patient sterben will, ist es natürlich sehr schwer ihn zum Essen zu animieren. Zu den psychisch auffälligen Verhaltensweisen zählen motorische Unruhe, aggressives Verhalten, häufiges Rufen oder auch starke Rückzugstendenzen, welche fast immer auf seelischen Stress zurückzuführen sind [1].

Einige weniger drastische Motive sollen hier nun aufgezeigt und genauer beleuchtet werden.

Heimweh

Wenn alte Menschen in ein Heim kommen, müssen sie ihre gewohnte Umgebung verlassen, in der sie sich sicher und geborgen gefühlt haben. Sie sind gezwungen sich in einer völlig neuen und fremden Umgebung zurechtfinden. Dieses Problem gilt für gesunde Senioren ebenso wie für Demente. Aber gerade bei Dementen, welche sich aufgrund ihrer Erkrankung nur schwer auf neue Situationen einstellen können, kann ein Umgebungswechsel schwere seelische Auswirkungen haben. Sie haben das Gefühl, dass sie die Kontrolle verlieren, da sie sich in der neuen Umgebung nicht zurechtfinden.

Eine Heimunterbringung als einschneidendes Erlebnis ist aber gerade bei Dementen nur schwer zu umgehen, da der Pflegeaufwand mit Fortschreiten der Erkrankung oft zu Hause nicht mehr gewährleistet werden kann.

Eine Möglichkeit, um den Dementen das Gefühl einer heimischen Umgebung innerhalb einer Pflegeeinrichtung zu geben, bietet die Milieutherapie.

Unangenehme Umgebung

Eine angenehme und den Bedürfnissen der Demenzkranken angepasste Umgebung ist sehr wichtig für das körperliche und seelische Wohlbefinden. Wenn der Kranke zuhause versorgt wird, spielt dieser Punkt meist nur eine untergeordnete Rolle. Leider sind noch zu wenig Heime auf die Bedürfnisse von Demenzkranken abgestimmt. Zum einen haben viele Demente - vor allem Alzheimerkranke - einen enormen Bewegungsdrang. Dieser dient dem Abbau innerer Spannungen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, diesen ungehindert auszuleben. Aber auch die Gestaltung des Heimes und der Räume sollte freundlich und offen sein, da die Kranken viel Licht und Luft benötigen. In dunklen Zimmern reagieren sie leicht ängstlich oder aggressiv. Vor allem bedrohlich wirkende Schatten können bei den dementen Menschen Fehldeutungen hervorrufen. Eine unfreundliche und dunkle Umgebung, wirkt sich somit natürlich auch negativ auf den Appetit aus.

Eine sinnvolle Einrichtung sind Wohnküchen, in denen die Bewohner zusammen mit den Betreuern ihr Essen selbst zubereiten können. Durch den Essensduft wird der Appetit der Patienten gesteigert.

Für einen dementen Menschen, der schwerst pflegebedürftig ist, ist es wichtig, dass er mit "Reizen" versorgt wird. Wenn er die meiste Zeit des Tages im Bett verbringt, sich selber nicht mehr drehen kann, wenn sein Blick stundenlang nur auf eine weiße Wand oder Decke gerichtet ist, so wird er sich immer mehr in sich "zurückziehen". Um dem entgegenzuwirken, bietet die Basale Stimulation eine Reihe von Möglichkeiten.

Häufig erlebt man im Krankenhaus, dass betagte Patienten eine gewisse Zeit der Eingewöhnung benötigen, bis sie sich im Krankenhaus zurechtfinden. Die sterile Krankenhausatmosphäre trägt nicht dazu bei, dass ein verwirrter Mensch sich wohl fühlen kann. Schon allein durch die Hygienevorgaben ist es schwierig ein angenehmes Milieu zu schaffen. Die Intimsphäre des Patienten wird oft durch die durchzuführenden Untersuchungen gebrochen. Deshalb ist es bereits im Vorfeld ratsam, Sinn und Nutzen jeder einzelnen Untersuchung genau abzuwägen. Im Krankenhaus gibt es aber auch noch andere Faktoren, welche sich nicht immer günstig auf die Psyche, bzw. auf den Appetit des Dementen auswirken. Sei es die Geruchsbelästigung durch Mitpatienten oder auch das unbekannte Pflegepersonal. Auch hier ist die Unterstützung durch die Angehörigen bei der Pflege besonders wichtig, damit der Patient den Krankenhausaufenthalt möglichst komplikationslos übersteht.

Depressionen

Essensverweigerung kann Ausdruck einer Depression sein. Zum einem können Depressionen mit Medikamenten behandelt werden. Es gibt aber auch psychotherapeutische Methoden, bzw. Betreuungskonzepte, welche eine positive Auswirkung auf die Stimmung der Dementen haben, vor allem das Konzept der Validation ( siehe Kapitel "Validation") hat sich in der Praxis bewährt. Hierzu gibt es zwar nur wenige Studien, welche eine Effektivität der Validation wissenschaftlich belegen können. Diese Methode wird aber von vielen Pflegenden sehr positiv aufgenommen. Sie schätzen vor allem den menschlichen Aspekt der Validation[2].

Aggressionen

Ursache für eine Nahrungsverweigerung kann auch ein Angriff gegen sich selbst sein. Manche verwirrte Menschen nehmen dies ganz bewusst in Kauf, wenn sie den Gegner, den sie treffen wollen, nicht mehr treffen können[3]. Meist ist also die Verweigerungshaltung die einzige Möglichkeit ihren Willen bzw. Protest gegen eine Person oder Umstände auszudrücken. Aggressionen sind meist eine Bewältigungsstrategie durch Projektion, um mit den eigenen Defiziten, welcher der Betroffene nicht wahrhaben will, fertig zu werden. Aggressionen können bei Dementen sehr schnell entstehen, weil sie die Situationen oft ganz anders wahrnehmen als Gesunde.

Wichtig ist es deshalb, dass die Gefühle des Dementen wahrgenommen und beachtet werden. Oft erlebt man, dass Betreuende mit dementen Patienten streiten. Sie versuchen die Auseinandersetzung auf rationelle und "vernünftige" Art und Weise zu lösen. Wenn dies nicht den Konflikt löst, versuchen sie ihre intellektuelle Überlegenheit auszuspielen, um so den Patienten zum Einlenken zu bewegen. Dies ist "ein Kampf gegen Windmühlen". Die Aggression des Dementen bleibt unbeachtet und somit bleibt sie erhalten. Der Betreuende ist unzufrieden, weil er den Streit nicht versöhnlich enden konnte. Dies kann dann so weit führen, dass der Demente versucht sich mit "Gewalt" zu wehren, denn durch "Argumente" kann er nicht mehr überzeugen. Den einzigen, den er noch angreifen kann ist seine eigene Person: "Er" ist es nicht mehr Wert Nahrung zu bekommen.
Angst

Wen ein gesunder Mensch Angst hat, gibt es viele Möglichkeiten dieser zu begegnen. Eine Möglichkeit ist, dass man mit anderen darüber spricht, eine andere, dass man versucht den Situationen, die einem Angst machen aus dem Weg zu gehen.

Aber wie ist das für einen dementen Menschen? Wie kann ein dementer Mensch, der jeden Tag grundpflegerisch betreut wird, weil er nicht mehr selbst in der Lage ist sich zu waschen, der Harn und Stuhlgang nicht mehr kontrollieren kann - wie soll dieser verhindern, dass er jeden Tag an seinen intimsten Stellen berührt wird? An Stellen, die vorher nur seine engsten Freunde, Verwandte und Lebenspartner berühren durften? Besonders, wenn er von fremden Personen versorgt wird, hat er keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren.

Wenn ein gesunder Mensch mit einem anderen kommuniziert, so haben beide eine gemeinsame Realität als Grundlage. Verwirrte leben häufig in einer anderen Welt, die sich der Kommunikation mit anderen verschließt.

Wenn ihnen dann nicht geholfen wird, sich in ihrer Welt zurechtzufinden, so kann sich diese Angst steigern. Hierzu ein Zitat von Carl Gustav Jung: "Gefühle, die ausgedrückt und dann von einem vertrauten Zuhörer bestätigt und validiert (beachtet, geschätzt) wurden, werden schwächer, ignorierte oder geleugnete Gefühle stärker. Aus einer nicht beachteten Katze wird ein Tiger."
Wahnvorstellungen

In ihrer Welt entwickeln Demente sehr häufig Wahnvorstellungen. Ein Beispiel ist der Vergiftungswahn: Die Patienten bilden sich ein, man würde sie vergiften wollen.

Solche Vorstellungen können durch Handlungen von Pflegepersonen entstehen, welche für den Verwirrten zweideutig sind. Oft versucht man bei Patienten, welche sich weigern die Medikamente einzunehmen, diese im Essen zu "verstecken". In der Regel merken es aber die Patienten, was zu einem Vertrauensverlust beim Dementen führt. Aus seiner Sicht wurde ohne sein Wissen versucht ihm "etwas" zu verabreichen. Die Annahme, dass dies Gift sein müsse, ist nicht ganz unverständlich. Deshalb ist es besonders wichtig, durch offene und einfach nachvollziehbare Handlungen und Kommunikation das Vertrauen des Dementen wieder zurückzugewinnen, bzw. zwielichtige Handlungen zu vermeiden, um es gar nicht erst zu dieser Problematik kommen zu lassen. Man darf sich vor allem durch die Wahnvorstellungen nicht kränken lassen, auch wenn diese gegen die pflegende Person gerichtet sind ("Du willst mich vergiften").

Hinter einem Wahn verbirgt sich oft ein Kontaktwunsch und das Bemühen, eigenes Versagen zu verleugnen.

Informationsquelle: http://www.nahrungsverweigerung.de

ingoborm Offline

Webmaster und Administration Technik
Beiträge: 937

10.10.2005 13:14
#3 RE: Ursachen für eine Nahrungsverweigerung antworten

Ursachen nach Borker

Mögliche Ursache einer Nahrungsverweigerung, welche Borker in seiner Promotionsarbeit herausgearbeitet hat

Quelle: Borker S., Nahrungsverweigerung in der Pflege, Huber, 2002, S. 328-334

Schlüsselereignisse

• Es tritt ein Ereignis auf, das einen nachhaltigen Einfluss auf das Ess- und Trinkverhalten hat.

Beispiele:

• Häuslicher Unfall
• Erstickungsanfall
• Umzug ins Altenheim oder ein Krankenhausaufenthalt

Hospitalhopping

• Häufige Einweisungen in Gesundheitseinrichtungen (z.B. Krankenhaus, Kurzzeitpflege)
• Wechselnde Bezugspersonen

Körperlicher und geistiger Verfall

• Multimorbidität
• Bettlägerigkeit
• Kau und Schluckprobleme
• Müdigkeit und fehlende Kraft
• Schmerzen
• Gestörte Nahrungs- und Flüssigkeitsregulation
• Angst
• Verminderte Wahrnehmung

Verluste

• Verlust des sozialen Umfelds
• Verlust von Bezugspersonen
• Verlust von Zuwendung
• Verlust der Kommunikationsfähigkeit
• Verlust der Privatsphäre
• Autonomieverlust
• Machtverlust
• Vertrauensverlust
• Verlust der Ästhetik beim Essen und trinken
• Verlust von Freude
• Verlust von Lebenskraft, -sinn und -mut
• Verlust des lustbetonten Essens
• Hoffnungslosigkeit und Resignation


Informationsquelle: http://www.nahrungsverweigerung.de

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