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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Bestattung
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

09.10.2005 19:39
Zur Geschichte der Trauerkultur vom 18. Jahrhundert bis heute antworten

Zur Geschichte der Trauerkultur vom 18. Jahrhundert bis heute:

Zwischen Ritual und Individualität

Vortrag auf der Tagung “Totengedenken und Trauerkultur” Kloster Irsee,
19. - 21. Nov. 1999

Von Norbert Fischer (Hanstedt/Nordheide)

1. Pragmatische Routine heute

Bestattung und Trauer scheinen heute nur noch selten über pragmatische Routine hinauszugelangen. Es sind eingespielte funktionale Abläufe, die unseren Umgang mit dem Tod weitgehend bestimmen. Überall auf den städtischen Friedhöfen werden anonyme Urnenhaine mit weiten, namenlosen Rasenflächen ausgewiesen. In aller Deutlichkeit führen sie vor Augen, was Sozialwissenschaftler wie Zygmunt Bauman und Historiker wie Eric J. Hobsbawm diagnostizieren: den gesellschaftlichen Verlust, zumindest aber den Wandel der klassischen Formen von Erinnerung und Gedächtnis.

Mit den Grabsteinen und der Erinnerung scheint auch die Trauer aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden. Aufwendige Zeremonien wirken wie Relikte aus vergangenen Epochen, die allenfalls noch bei Staats- oder Prominentenbegräbnissen ihre Wirkung entfalten. Der “einfache Abtrag” wird immer häufiger, wie die Bestattung ohne Feier im Branchenjargon heißt. Am Arbeitsplatz wird schwarze Kleidung mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Das heißt aber: Menschen, die Trauer zeigen, fühlen sich gesellschaftlich ausgegrenzt. Es scheint zumindest in den Städten zum guten Ton zu gehören, daß man seine Trauer verbirgt. Unübersehbar sind im Verlauf des 20. Jahrhunderts jene Formen feierlicher Trauerkultur immer weiter zurückgedrängt worden, die im bürgerlichen 19. Jahrhundert entfaltet worden waren.

Ich möchte zum Schluß des Vortrags zeigen, daß es dennoch keinen Anlaß zum Pessimismus gibt. Im Gegenteil: Gerade in den letzten Jahren mehren sich die Zeichen eines neuen Aufbruchs, die Zeichen, daß man heute zu neuen Ausdrucksformen in der Trauerkultur findet. Aber lassen sie mich zunächst einen ausführlichen Blick zurück werfen, zurück in die Geschichte der Trauerkultur in der Moderne, also seit dem 18. Jahrhundert. Wir werden in diesem Rückblick all jene Traditionslinien wiederfinden, die die Muster der Trauerkultur bis ins 20. Jahrhundert hinein mit geprägt haben.

2. Traditionen bürgerlicher Trauerkultur

Die nach der Reformation einsetzende Individualisierung des Todes hatte sich auch auf die Bestattungs- zeremonien ausgewirkt. Die auf ein individuelles Leben bezogene Leichenpredigt war zumindest in der protestantischen Bestattung zu einem wichtigen liturgischen Element geworden. Zur Aufwertung der einzelnen Person gehört aber auch, daß die Lebenden bei den Zeremonien stärker in den Vordergrund rückten: Bestattungen im 18. Jahrhundert waren von der öffentlichen Entfaltung gesellschaftlichen Prunks gekennzeichnet. In der Art und Weise der Teilnahme am Begräbnis äußerte sich der jeweilige soziale Rang. Leitbild waren hier die adligen Begräbnisse. Aber auch die führenden bürgerlichen Kreise in den Städten demonstrierten ihren Reichtum und ihre Macht mit den Begräbniszeremonien. So stellten die Hamburger Leichenbegängnisse des 18. Jahrhunderts ein bedeutendes Ereignis im gesellschaftlichen Leben der Hansestadt dar.

Nach 1750 kamen im Adel die sogenannten Nachtbeerdigungen auf. Sie fanden als exklusiver Festakt im kleinen Kreis bei Dunkelheit statt, ohne daß sich an der luxuriösen Gestaltung etwas änderte.

Der adlige Begräbnispomp wurde jedoch von aufklärerischen bürgerlichen Kreisen kritisiert. Ihnen wurde das bürgerliche Verständnis von Verdienst und Tugend entgegengehalten. Bescheidenere Bestattungsformen wurden gefordert. Immer wieder wurde mit Appellen und Verboten versucht, die kosten- und zeitaufwendigen städtischen Begräbniszeremonien einzudämmen – meist ohne viel Erfolg. Viel wirksamer als alle Restriktionen waren jedoch die Verlegungen der Friedhöfe vor die Stadttore. Sie nahmen den Leichenbegängnissen viel von ihrer öffentlichen Wirkung.

Zunächst hatten auch aufklärerisch-bürgerliche Kreise die Gepflogenheit der Nachtbeerdigungen übernommen, sie jedoch als “stilles Begräbnis” ohne großen Aufwand praktiziert. An diesem “stillen Begräbnis” waren oft nur Leichenträger und Totengräber beteiligt, während sich die Trauernden häufig im Haus des Verstorbenen versammelten.

Aber schon bald verloren die “stillen Begräbnisse” ihre Leitfunktion, weil sie dem Prestigebedürfnis des Bürgertums nicht mehr genügten. Zugleich begannen sich jene Formen der Trauerkultur zu entfalten, die aus einer Mischung von christlichen Elementen, privater Emotionalität und gesellschaftlichem Prestigedenken bestehten. Im Zentrum stand dabei die Feier der individuellen Lebensleistung des – meist männlichen - Verstorbenen.

Dieser Einstellungswandel wurde im Skandal um die Bestattung von Friedrich Schiller 1805 öffentlich, also zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Schiller war zunächst nachts und ohne großen Aufwand auf dem Weimarer St. Jakobskirchhof beigesetzt worden. Was bisher dem Leitbild des stillen Begräbnisses durchaus entsprochen hatte, wurde nun einem öffentlichen Skandal. Der Publizist Johann Wilhelm Archenholz verglich in seiner Zeitschrift “Minerva” Schillers letzten Weg mit einem Pestbegräbnis, andere bezeichneten den Vorgang als Schandfleck deutscher Kultur. Noch Jahrzehnte später klagte Conrad Ferdinand Meyer über die Bestattung seines berühmteren Dichterkollegen: “Mit keinem Kranz, dem kargsten nicht, und kein Geleit!/Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab”. In den 1820er Jahren dann erhielt Schiller dann sein standesgemäßes Grab in der Weimarer Fürstengruft, wo sein Sarg heute zusammen mit dem Goethes von Tausenden Touristen bestaunt wird.

Was hatte sich aber nun geändert? Die aufklärerische Kritik am adligen Bestattungspomp war allmählich überformt worden vom Bedürfnis des städtischen Bürgertums, das gestiegene gesellschaftliche Prestige auch im Tod zu demonstrieren. Folgerichtig verlangte man nach repräsentativen Zeremonien. Nicht zufällig wurde die Rede am offenen Grab, in der das Leben des Verblichenen noch einmal gefeiert wurde, zu einem Phänomen, das im 19. Jahrhundert zu voller Blüte gelangte.

Tod und Trauer wurden damit zu bedeutenden Elementen jener Feierkultur, die das Bürgertum des 19. Jahrhunderts so vollendet gesellschaftlich zelebrierte. Diese neue, aufwendige Trauerkultur beruhte auf einer Mischung aus christlichen Traditionen, privater Emotionalität und gesellschaftlichem Prestigedenken.

Klassische Orte der Trauer waren das Haus des Verstorbenen mit dem Aufbahrungszimmer, die Kirche, die Grabstätte. Als schmückende Elemente dienten Pflanzen, Leuchter, schwarzer Flor. Sie bildeten ebenso speziell bürgerliche Trauersymbolik wie der Blumenschmuck, dessen extensive Verwendung bei Begräbnissen ein charakteristisches Merkmal bürgerlicher Trauer wurde So erschien im Jahr 1867 eine Schrift unter dem Titel “Die Pflanze als Todtenschmuck und Grabeszier”. Der letzte Abschied fand traditionell mit dem Sarg-Einlassen ebenso an der Grabstätten statt wie die Traueransprachen.

Diese und andere Signaturen bürgerlicher Trauerkultur wurden von Kunst und Literatur gern aufgegriffen. Theodor Fontane beschrieb sie in seinen Romanen, Thomas Mann in den “Buddenbrooks”. Aber vom kulturellen Leitbild einer gesellschaftlichen Elite läßt nicht unbedingt auf die Verbreitung im Volk schließen die Masse der Bevölkerung wurde nämlich ohne derlei Zeremonien und sepulkrale Symbolik beerdigt.

Langfristig jedoch wurde die bürgerlich geprägte Trauerkultur in ihren zeremoniellen Elementen, in ihrer Farbsymbolik, mit ihrer Blumen- und Pflanzensprache zu jenem normativen Leitbild, dem man zumindest im Ansatz genügen wollte und das bis heute nachwirkt (wenn auch in reduzierter Form).

Vor allem der gefühlsbetonte Abschied am offenen Grab wirkt bis heute nach. Schon der Schriftsteller Frank Wedekind notierte in seinen “Tagebüchern” unter dem 14. August 1889 folgende Begegnung mit einem Trauerzug auf einem Münchner Friedhof: “Ich schließe mich rasch an und gelange mit den Leidtragenden bis zum Grab, einem Familiengrab, das nur um weniges aufgeworfen. ... Der Priester verliest einige Gebete und unterbricht sich, um eine Schaufel Erde auf den Sarg zu werfen, um den Sarg zu besprengen, um die Gruft zu beräuchern..” Sein Schriftstellerkollege Wolfgang Koeppen berichtet in seinem autobiographischen Werk “Jugend” aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: “Wir waren vom Tod und Leichenschmerz und Abschied und Geißelung und dem Blick in das offene Grab, dem Seilfall des Sarges erschöpft, daß wir nicht mehr weinten.” Wie gesagt, derartige Szenen sind bis heute noch allgemein geläufig.

Ein ganz besonderes Element der Trauerkultur, wie sie sich im 19. Jahrhundert entfaltete, sind die Todesanzeigen in der Tagespresse. Auch sie sind ja bis heute ein klassisches öffentliches Medium der Trauer geblieben. Der älteste Beleg einer Todesanzeige stammt bereits aus dem 18. Jahrhundert. Aber zunächst bildeten eher ein Mittel von Geschäftsleuten, notwendige gewerbliche Veränderungen mitzuteilen. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Todesanzeige im Bürgertum auch zum Ausdrucksmittel privater Trauer.

In einer Zeit, in der das Ideal des bürgerlichen Individuums propagiert wurde, kamen natürlich auch immer stärker porträthafte Darstellungen auf Grabsteinen zum Tragen. Ja, die Grabmalkultur des 19. Jahrhunderts entwickelte sich geradezu zur "Feier des bürgerlichen Individuums": Fabrikanten, Professoren, Beamte sie alle wollten ihre Lebensleistung auch auf ihrem Grabstein gewürdigt sehen. Das Bild vom Tod wurde dabei personalisiert, d.h. in lebensnahe, identifizierbare Porträts überführt. Daß die Frau bei diesen Darstellungen nur eine Nebenrolle spielte, war Bestandteil dieser bürgerlichen Lebenswelt mit ihrer männlichen Vorherrschaft. Wenn Frauengestalten auf Grabmälern auftauchten, dann nur höchst selten als identifizierbare Person, sondern in der anonymisierten, Gestalt der "Trauernden", als typisierte, gleichwohl gefühlsbetonte Verkörperung von Trauer und Abschied.

Auf diese Weise also entstanden jene üppig ausgestatteten, gelegentlich monströs wirkenden Grabstätten, die im 19. Jahrhundert so sehr Besitz und Reichtum, Macht und Ansehen der hier bestatteten Persönlichkeiten und ihrer Familien widerspiegeln. Gesellschaftliches Prestige schlug sich auf den Friedhöfen in einem wahren Grabdenkmal-Kult niederschlug - ein Kult, der übrigens parallel lief zur Welle öffentlicher Denkmäler auf städtischen Straßen und Plätzen. Besonders in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, in der Zeit des Kaiserreiches, sind viele dieser immer üppiger ausfallenden Grabdenkmäler überliefert, deren Stil dem vielfältigen Arsenal des Historismus entstammte: Neobarocke Formen wechselten sich ab mit neogotischen und neoklassizistischen. Zum Höhepunkt des bürgerlichen Grabmalkults wurden, vor allem um 1900, die Mausoleen. Als aufwendigste Grabbauten insgesamt – und ursprünglich dem Adel vorbehalten - künden sie von Feudalisierungstendenzen im wohlhabenden Bürgertum.

3. Technisierung, Spezialisierung, Professionalisierung

Leichenhallen

Daneben waren es aber ganz andere Entwicklungen, die die Entwicklung der Trauer- und Bestattungskultur prägen sollten. Es waren Entwicklungen eher technischer Art, die – zunächst fast unbemerkt, später immer deutlicher – die Abläufe von Bestattung und Trauer sozusagen als Sachzwang determinierten. Die beiden wichtigsten Innovationen des 18. und 19. Jahrhunderts waren hier die Einführung von Leichenhallen und die Einführung der modernen Feuerbestattung.

Der Bau der ersten Leichenhallen läutete eine Entwicklung ein, die den Umgang mit dem Leichnam einer bürokratischen Reglementierung unterwarf. Die Leichenhallen sollten die als bedenklich betrachtete Hausaufbahrung ablösen. Damit wurden sie zum architektonischen Ausdruck einer neuartigen, technisch-hygienischen Rationalität im Umgang mit den Toten. Die staatliche Bürokratie bemächtigte sich nun eines Bereiches, der bisher den Kirchen und den Privatfamilien vorbehalten geblieben war - in den Leichenhallen lagen die Toten sozusagen unter öffentlicher Aufsicht.

Ursprünglich allerdings lag dem Bau von Leichenhallen ein Phänomen zugrunde, das aus heutiger Sicht merkwürdig erscheint: die Furcht vor dem Scheintod, also vor dem Lebendig-begraben-werden. Dieses Phänomen wurde im 18. Jahrhundert und danach in der Öffentlichkeit lebhaft diskutiert. Auch wenn die angeführten Fälle einer Überprüfung in der Regel nicht standhielten: Man sorgte für Wächter und installierte ausgeklügelte technische Signalvorrichtungen, um dem Scheintod ein Schnippchen zu schlagen.

Im 19. Jahrhundert gewann die hygienische Argumentation immer mehr an Gewicht, vor allem angesichts des rapiden Anstiegs der städtischen Bevölkerung im Zug von Industrialisierung und Urbanisierung. Dies verhalf den Leichenhallen in den Städten zum allgemeinen Durchbruch. In München beispielsweise wurde die Aufbahrung in städtischen Leichenhallen ab 1862 zwingend vorgeschrieben.

Diese Leichenhallen waren dem industriellen Zeitalter entsprechend ausgestattet. Auf dem Münchener Ost-Friedhof beispielsweise sorgte ein Gebläse, das an das Drucksystem der städtischen Wasserleitung angeschlossen war, für die notwendige Kühlung der Leichen. Charakteristisch ist auch die funktionale Unterteilung in Einbringung, Aufbahrung und Besuch - bis in die Gegenwart hinein sind jene Glaswände bekannt, die den Besucher von den Verstorbenen trennen.

Krematorien und Feuerbestattung

Noch stärker als durch die Leichenhallen wurde die Trauerkultur aber durch den Bau von Krematorien und die Einführung von Feuerbestattung verändert. Mit dem Bau der ersten Krematorien in Deutschland vollzog sich jene Technisierung im Umgang mit den Toten, die grundlegend in die traditionellen, immer noch christlich geprägten Abläufe einer Bestattung eingriff.

Wie kam es im späten 19. Jahrhundert zum Bau der ersten Krematorien? Allgemeiner Anlaß für die Einführung der modernen Feuerbestattung waren Kritik an den hygienischen Zuständen auf Friedhöfen, aber auch die Forderung nach einer platzsparenden, preisgünstigen Bestattungsart. Vorkämpfer waren zunächst Mediziner und Hygieniker, denen sich dann andere Vertreter des aufgeklärten protestantischen Bürgertums anschlossen. Dadurch entstand eine regelrechte, in Vereinen organisierte Feuerbestattungsbewegung.

Die Leichenverbrennung - wie es früher hieß - an sich war allerdings keine Erfindung der bürgerlichen Industriegesellschaft. Abgesehen von außereuropäischen Kulturen war die Einäscherung auf offenem Holzstoß in der Antike eine durchaus übliche Bestattungsart. Erst das aufkommende Christentum tabuisierte sie, ja stellte sie sogar als heidnische Sitte unter Todesstrafe. Reliquienkult und Glaube an die leibliche Auferstehung spielten hier eine zentrale Rolle.

So kam denn auch von den Kirchen der entscheidende Widerstand gegen den Krematoriumsbau, vor allem von der katholischen. Nicht zu Unrecht verbanden die Kirchen mit der Feuerbestattung eine mechanistisch-materialistische Vorstellung vom menschlichen Körper, in der dieser als bloßes Räderwerk natürlicher Funktionselemente galt. Zusammen mit weiteren Vertretern des konservativen Bürgertums polemisierten sie gegen die Feuerbestattung, die sie als unchristlichen und pietätlosen Akt menschlicher Willkür angriffen. 1885 verbot der altpreußische Evangelische Oberkirchenrat jede Beteiligung von Geistlichen an einer Feuerbestattung, während andererseits einzelne Landeskirchen eine liberalere Haltung zeigten. Die römisch-katholische Kirche erließ 1886 ein Verbot der Feuerbestattung (das bis zum 1962 einberufenen Zweiten Vatikanischen Konzil bestehen blieb). Katholiken, die eine Feuerbestattung wünschten oder auch nur Mitglied in einem Feuerbestattungsverein waren, wurden die Sterbesakramente verweigert.

Wie dem auch sei: Aufgeklärtes Denken und Säkularisierung auf der einen Seite, Industrialisierung und Bevölkerungswachstum auf der anderen den Boden bereiteten jedenfalls für die Einführung der technischen Feuerbestattung. Bei Siemens in Dresden wurden die technischen Voraussetzungen für den Krematoriumsbau durch die Entwicklung der Heißluft-Verbrennungstechnik geschaffen - denn eines war klar: Eine Verbrennung in offenem Feuer, wie zu Zeiten der Antike, kam aus hygienischen und ästhetischen Gründen nicht mehr in Frage.

1878 ging das erste deutsche Krematorium im thüringischen Gotha in Betrieb, Heidelberg folgte 1891, Hamburg 1892. All diese frühen Krematorien wurden in der Regel von den Feuerbestattungsvereinen privat finanziert und betrieben.

Vor allem wegen des hartnäckigen Widerstands der Kirchen blieb die Feuerbestattung bis zum Ersten Weltkrieg Angelegenheit einer verschwindend kleinen Minderheit aus der Bevölkerung. Noch im Jahr 1895 fanden etwa im Hamburger Krematorium lediglich 41 Einäscherungen statt (1900: 147; 1910: 678), und 1913 erreichte die Zahl der Einäscherungen in Hamburg lediglich einen Anteil von 2,8% an den Gesamt- bestattungen. Erst in der Zeit der Weimarer Republik, nach der Kommunalisierung vieler Krematorien und den damit verbundenen Gebührensenkungen, nahm die Feuerbestattung auch quantitativ erheblichen Aufschwung. Nun erreichte sie auch die breite Arbeiterschaft - einfach, weil sie die mit Abstand billigste Bestattungsart war, in jenen Jahren der Wirtschaftskrisen ganz gewiß nicht ohne Bedeutung. Das Bild vom Tod war also in der Zeit der Industrialisierung auch technisch geprägt.

Lassen mich noch kurz auf den architektonischen Aspekt eingehen, weil er bezeichnend für den Umgang mit Trauer bei der Feuerbestattung ist: Als ebenso kurios wie die propagandistischen Auseinandersetzungen muten heute die ersten Krematoriumsbauten an. Mit allerlei schmückendem historistischem Dekor wurde versucht, den eigentlichen technischen Zweck des Gebäudes zu verdecken. Die Bauten in Gotha und Heidelberg waren zwar noch von einem relativ schlichtem Klassizismus geprägt. Aber in Hamburg und vielen anderen Städten vor dem Ersten Weltkrieg zeigte sich dann ein bunter Stilpluralismus, der nur das eine Ziel kannte, nämlich von der eigentlichen Funktion des Gebäude abzulenken. Es gab sogar Krematorien, die eine kirchenähnliche Architektur aufwiesen - was natürlich angesichts der beschriebenen Konflikte nur als übertriebener Opportunismus gewertet werden kann in einer Zeit, als man um gesellschaftliche Akzeptanz kämpfen mußte.

Die Feuerbestattung führte, wie gesagt, nicht nur zu einer Technisierung des Todes, sondern auch zu neuen Formen der Trauerzeremonie und zu neuen Beisetzungsformen. Die zeremoniellen Elementewurden durch die Feuerbestattung reduziert. Die zentrale Feier fand im Krematorium statt, das ja überkonfessionell war. Vorangehende kirchliche Feiern waren zwar prinzipiell möglich, blieben aber die Ausnahme. Im Krematorium wurde der blumengeschmückte Sarg auf einem Katafalk aufgebahrt, der sich zum Abschluß der Feier hydraulisch hinabsenkte - eine Szene, die dem bisher üblichen Abschied am offenen Grab auf dem Friedhof nachgebildet war. Letzteres entfiel nun nämlich - die eigentliche Aschenbeisetzung auf dem Friedhof wurde zum reinen Verwaltungsakt (und ist es teilweise bis heute geblieben).

In der Feierhalle der Krematorien war man stets um eine besonders weihevolle Stimmung bemüht – schon, um möglicher Kritik wegen der vermeintlich pietätlosen Technik entgegenzuwirken. Auch Fedor von Zobeltitz, Schriftsteller und bedeutender Chronist der wilhelminischen Gesellschaft, konnte sich dem Reiz solcher Stätten nicht entziehen, wie folgende Passage seines Romans “Beutezug der Liebe” zeigt:

“In der Kuppelhalle des Krematoriums lag die Stille der Feier über einer großen Trauerversammlung. Zahlreiche Berufsgenossen des Geheimrats hatten sich eingefunden, auch Herren der Regierung und die Vertreter gemeinnütziger Vereine, des Gerichts, des Magistrats, der Parlamente - sie standen stumm vor ihren Plätzen, die Zylinderhüte in den Händen, und zwischen sie schoben sich die dunkel verschleierten Gesichter der Damen, meist Freundinnen Reginas, die ganz allein auf einem Sessel, von Zwergpalmen und Rhododendron umgeben, vor dem Sarge saß. .... Dann hub wieder Orgelspiel und Gesang an, und langsam versank der Sarg in die Tiefe ...”

Der Sarg wurde also per modernster Technik in den Verbrennungstrakt ins Untergeschoß gelassen – so, wie es letztlich heute noch geschieht. Damit entfiel, wie gesagt, bei der Feuerbestattung einer der zentralen Momente bisheriger Trauerkultur – der Abschied am offenen Grab und die Grabrede. Das Hinablassen des Sarges in das Grab war und ist häufig auch der Moment, wo den Emotionen am ehesten freien Lauf gelassen wird.

So wie die zeremoniellen Elemente bei der Feuerbestattung reduziert wurden, so wies auch das Aschengrab auf dem Friedhof bescheidenere Formen als das Erdgrab auf. Allein der Platzbedarf ist ja um ein Vielfaches geringer, und entsprechend schlichter waren die Grabmalformen. Insgesamt erwies sich die Feuerbestattung also als die am wenigsten aufwendige Beisetzungsart. Damit wurde sie auch zur Etappe auf dem Weg zur heutigen Anonymen Bestattung.

Heute, rund hundert Jahre nach Einführung der Feuerbestattung, sorgt der rasch anwachsende Trend zur Anonymen Bestattung, für eine weitere Zäsur im Bestattungswesen. Häufig wird nämlich bei anonymen Beisetzungen auch der zeremonielle Aufwand reduziert. An konkreteren Gründen dafür werden genannt: Die Anonyme Bestattung ist preiswert, sie verlangt keine Grabpflege durch Hinterbliebene (die womöglich weit weg wohnen). Eine Rolle spielt sicher eine pragmatische "Entsorgungsmentalität", die sich auch auf den Umgang mit den Toten ausgewirkt hat. Andere, aber teilweise damit zusammenhängende Aspekte verweisen stärker auf gesellschaftliche Veränderungen: nachlassende familiäre Bande lassen das traditionelle Familiengrab als überholt erscheinen, der Zusammenhang von Tod und Erinnerung existiert in seiner bisherigen grabstättenorientierten Form nicht mehr - all' dies muß eine vorläufige Aufzählung bleiben, denn eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung dieses Phänomens wird gerade erst vorbereitet. Die Anonyme Bestattung jedenfalls ist jetzt schon Bestandteil einer neuen Trauerkultur, die anonymen Urnenhaine zu einem neuen, kollektiven Ort der Trauer geworden.

Bestattungsunternehmen

Schon lange ist die Bestattung nicht mehr allein Sache der Hinterbliebenen oder des sozialen Verbandes, sei es das Dorf, die Zunft o.ä. beruflihe Verbände. Im späten 19. Jahrhundert kam nämlich jenes Gewerbe auf, das bis heute den Ablauf einer Bestattung maßgeblich in seinen Händen hat: das Bestattungsunternehmen (oder “Institut”, wie es vornehmer heißt). Es hat sich seit dem späten 19. Jahrhundert zur entscheidenden Instanz im Umfeld der Beisetzung entwickelt.

Die ersten kommerziellen Bestattungsunternehmen gingen meist aus Sargtischlereien oder Fuhrbetrieben hervor – also jenen Handwerken, die die Bestattungen zuvor als Nebengeschäft besorgt hatten. Schon damals gab es übrigens ein ziemlich pietätloses Gerangel um die besten Kunden, wie ein zeitgenössischer Bericht über die Sargtischler-Branche dokumentiert: “Der Konkurrenzkampf in unserer Branche spielt sich in eigentümlichen Formen ab. Es kommt nicht darauf an, einander zu unterbieten, sondern man sucht sich gegenseitig durch möglichst große Schnelligkeit die Kunden wegzukapern; deshalb unterhalten die meisten Sargtischler in einem oder mehreren Krankenhäusern mit den Wärtern oder dem Bureaupersonal Beziehungen, um auf diese Weise die Adressen der Gestorbenen zu bekommen. Diese Leute arbeiten so prompt, daß die Angehörigen die Todesnachricht bisweilen zuerst vom Sargtischler erhalten.”

Auslöser der Spezialisierung waren nicht zuletzt die immer zeit- und kostenaufwendigeren Leichentransporte zu den damals weit vor den Städten angesiedelten neuen Großfriedhöfen. Auf pietätvolles Ambiente legte man trotz dieser Entfernungen großen Wert. Beispielsweise boten die Leichenautos, die noch vor dem Ersten Weltkrieg die Pferdekutschen abzulösen begannen, ein ganzes Kaleidoskop an sepulkralem Schmuck. Gelegentlich wurde das Äußere mit schwarzem Tuch so gründlich verhüllt, daß man vom Motorblock gar nichts mehr sah - für die Zeitgenossen bewegte sich der Leichenwagen wie von Geisterhand.

Neben der rein logistischen Abwicklung übernahmen die Bestatter allmählich auch zeremonielle Funktionen, die zuvor von anderen gesellschaftlichen Gruppen - vor allem der Kirche, aber auch den ehemaligen Zünften oder anderen Berufsverbänden - ausgeübt worden waren.

4. Säkularisierung

Damit wird auch deutlich, daß die Kirchen zu den großen Verlierern im Bestattungswesen gehören. Schon die Einführung der Feuerbestattung zeigte, daß sie im späten 19. Jahrundert – zumindest in den Städten - in die gesellschaftiche Defensive gedrängt wurden. Die allgemeinen Säkularisierungstendenzen führten dazu, daß städtische Friedhöfe immer mehr in kommunale Hände übergingen. Die Anlage von Zentralfriedhöfen weit vor den Toren der Metropolen hatte die alten Beziehungen zwischen Kirchengemeinde und Begräbnisplatz schon aufgrund der kilometerlangen Entfernungen

endgültig abgeschnitten. Der neu installierte Friedhofsgeistliche, der seine Verstorbenen nicht mehr persönlich kennt, ist nurmehr einer von vielen Funktionsträgern in jenem kontinuierlich ausgebauten System städtischer Infrastruktur, zu dem auch das Bestattungswesen gehört. Gerade im Umgang mit Tod und Trauer wird die Auflösung christlicher Traditionen also besonders deutlich. Abgesehen davon, daß immer weniger Menschen überhaupt Mitglied einer Kirche sind, erweisen sich liturgische Elemente nurmehr als Versatzstücke, die in bürokratisierte und technisierte Abläufe eingebaut werden. Die Geistlichen sind kaum mehr als Statisten in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht mehr bestimmen. Selbst die Betreuung von Sterbenden und Trauernden, die jahrhundertelang eine Domäne der Seelsorger war, wird heute immer stärker von anderen gesellschaftlichen Gruppen übernommen. Manchmal sind es eigens gegründete Selbsthilfe-Vereine, manchmal professionalisierte Trauerbegleiter oder Psychotherapeuten. Nicht zuletzt äußert sich die Säkularisierung von Tod und Bestattung auch topographisch: Nicht das christliche Gotteshaus, sondern die kommu- nale Leichenhalle ist der moderne Ort der Trauer.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts übernahm in vielen Fällen auch die Arbeiterbewegung mit ihren weit ins alltägliche Leben eingreifenden Gliedorganisationen einen Teil jener gesellschaftlichen Funktionen, die zuvor von den Kirchen ausgeübt worden waren. Wer in den zwanziger Jahren Mitglied im gewerkschaftlichen Arbeiter- Feuerbestattungsverein war, verzichtete auf geistlichen Beistand ebenso gern wie auf christliche Grabsymbolik.

Ein neueres Phänomen ist der wachsende Anteil nichtkirchlicher Trauerfeiern, bei denen freie Redner - auch Abschieds- oder Grabredner genannt - zum Einsatz kommen. In einigen norddeutschen Großstädten gilt dies für die Hälfte der Beerdigungen. Mit diesen nichtkirchlichen Trauerfeiern wird auf das Bedürfnis all jener reagiert, die keiner Religionsgemeinschaft angehören (oder sich ihr nicht mehr zugehörig fühlen) und dennoch einen feierlichen Abschied wünschen. Der Redner übernimmt anstelle des Seelsorgers die Rolle des “Zeremonienmeisters” - das heißt, er ist nicht nur für die Anprache verantwortlich, sondern für die gesamte inhaltliche Gestaltung.

Die Kirchen gehören auch heute noch zu jenen gesellschaftlichen Institutionen, die den Wandel der Trauerkultur am heftigsten als “Verfall” beklagen. Typisch ist die folgende, aus einem Buch über Bestattungen in der katholischen Kirche stammende Aussage: “Die Sprachlosigkeit oder Schweigsamkeit angesichts des Todes läßt weiterhin vermuten und befürchten, daß der heutige Mensch auf die Konfrontation mit dem Tod keine Antwort mehr findet; im Unterschied zu früheren Generationen verfügt er allem Anschein nach nicht mehr über ein Repertoire von Ausdrucksmitteln, dessen er sich in einer extrem belastenden und belasteten Situation wie im Todesfall ... bedienen könnte, um Trauer und Klage oder sogar Hoffnung und Zuversicht zu artikulieren.”

So berechtigt diese Klagen aus Sicht der Kirche sein mögen, so sehr zeugen sie doch von einer verengten Perspektive. Denn noch immer ist das gesellschaftliche Bedürfnis nach jenem Trost vorhanden, den auch der religiöse Glaube anbietet - aber es sucht immer mehr als zuvor jenseits der christlichen Tradition nach Ausgleich. Sogar Bestattungsunternehmen bieten inzwischen professionelle Trauerbegleitung an - die Mitarbeiter werden in speziellen Seminaren geschult, etwa beim bekannten Trauerforscher Georgos Kanakakis.

5. Staatstrauer und Kriegstod

Staatsbegräbnisse und politische Trauerfeiern

Allein 17 Todesanzeigen erhielt Franz-Josef Strauß nach seinem Tod am 3. Oktober 1988 im “Bayernkurier”, dem Organ seiner Partei. Die Bestattung des CSU-Vorsitzenden, bayerischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Bundesministers war eines der großen Staatsbegräbnissen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Gleiches gilt für den ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt, der vier Jahre später starb. Heutzutage vom Fernsehen in die Wohnungen übertragen, stehen diese und andere Zeremonien in einer Tradition staatlicher Totenfeiern, die nur wenig von ihrer politischen und gesellschaftlichen Bedeutung verloren hat. Die geschickte symbolische Inszenierung der Trauer - “Funeralsignatur”, wie es der Historiker Volker Ackermann nennt - dient bis heute der Legitimation des politischen Systems. Im späten 19. Jahrhundert beispielsweise gerieten die Zeremonien beim Tod des deutschen Monarchen Wilhelm I. zur Selbstdarstellung des Kaiserreiches. Allerdings konnte der feudale Bestattungspomp die bürgerliche Presse nicht davon abhalten, über die wirtschaftlichen Verluste zu klagen, die durch allzu aufwendige Staatstrauer entstanden. Als im August 1901 die Witwe von Kaiser Friedrich starb, lamentierte das “Hamburger Fremdenblatt” stellvertretend für alle Theater- und Konzerthallenbesitzer: “Volle acht Tage ... müssen sie auf alle oder sicherlich den allergrößten Theil ihrer Einnahmen verzichten. Ein solcher Ausfall bedeutet für manchen Gewerbetreibenden den wirtschaftlichen Ruin.”

Nicht immer gab es so wenig Verständnis. Die Feierlichkeiten nach dem Tod des ersten sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert Anfang März 1925 wurden zu einer eindrucksvollen Demonstration für die Weimarer Republik. Fast eine Million Menschen gaben dem Reichspräsidenten in Berlin ihr Geleit zum Bahnhof, bevor der Leichnam in Eberts Heimatstadt Heidelberg überführt und auf dem dortigen Bergfriedhof beigesetzt wurde. Die Trauerkundgebung für Friedrich Ebert in Berlin ist auch deswegen besonders bemerkenswert, weil die konservative Reichsregierung eigentlich alle öffentlichen Demonstrationen verhindern wollte. Aber SPD und Gewerkschaften sorgten dafür, daß breite Kreise der Bevölkerung ihre Solidarität mit der demokratischen Republik zum Ausdruck brachten, indem sie sich vor dem Berliner Reichstag versammelten oder an den Straßen der Hauptstadt Spalier standen.

Auch in der Bundesrepublik dienten Staatsbegräbnisse der politischen Selbstbestätigung. Volker Ackermann schreibt über Adenauers Tod im Jahr 1967: ”Die prunkvolle Beisetzung des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, geriet zur ersten großen Selbstdarstellung der Bundesrepublik vor der Welt. Das Staatsbegräbnis legte das verschüttete Gefühl der Bundesdeutschen frei, wieder eine große Nation zu sein.” Über hundert Botschafter, 20 Außenminister sowie 15 Staatspräsi- denten bzw. Regierungschefs kamen in den Kölner Dom. Das Staatsbegräbnis sollte die Versöhnung mit einstigen Kriegsgegnern sinnfällig machen. Auch der israelische Staatspräsident Ben Gurion nahm an den Zeremonien teil. Umgekehrt war es bezeichnend für die Zeit des Kalten Krieges, daß der sowjetische Staatschef Podgorny fehlte. Die Feierlichkeiten nach Adenauers Tod begannen im Kölner Dom, bevor der Alt-Bundeskanzler per Rheindampfer in seinen Wohnort Rhöndorf überführt wurde. Beides war, wie Ackermann vermerkt, von symbolischer Bedeutung: Köln war die Stadt, in der Adenauer lange Zeit als Oberbürgermeister amtiert hatte, und die Überführung mit dem Schiff knüpfte an das Vorbild von Churchills Beisetzung 1965 an. Neben der zeremoniellen Symbolik wurde Adenauers Begräbnis auch zur Plattform für politische Kommunikation. Die Anwesenheit des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson wurde genutzt, um die zwischenzeitlich in eine Krise geratenen deutschamerikanischen Beziehungen zu konsolidieren.

Nicht nur die Bundesrepublik, auch die DDR zelebrierte den staatspolitischen Tod. Wilhelm Pieck erhielt vier und Otto Grotewohl drei Tage Staatstrauer. Walther Ulbricht allerdings, der vor seinem Tod 1973 an politischem Einfluß verloren hatte, mußte sich mit einem Tag begnügen. Die Staatstrauer war jeweils mit der Absage öffentlicher Vergnügungen verbunden. Fernsehen, Kino und Theater hatten ihre Programme ent- sprechend auszurichten. In der DDR wurden übrigens auch Schriftsteller mit einem Staatsakt geehrt. Dabei war die Beisetzung von Bertolt Brecht 1956 die erste Staatstrauer überhaupt, es folgten 1958 Johannes R. Becher (der Minister für Kultur gewesen war), 1968 Arnold Zweig und 1983 Anna Seghers. Der Sowjetunion war der bloße Staatsakt von vornherein zu wenig. Sie dachte an Dauerhafteres und führte die Kunst des Einbalsamierens zu weltweit unübertroffener Meisterschaft. Bis heute wird der einbalsamierte Lenin im Mausoleum am Roten Platz bestaunt

Trauerfeiern wurden immer wieder zur Artikulation oppositioneller Ziele genutzt, sepulkrale in politische Symbole verwandelt. Zu einem berühmten Beispiel wurde die Bestattung der vier “Haymarket”-Anarchisten von Chicago. Im Verlauf eines US-weiten Generalstreiks hatten Unbekannte am 4. Mai 1886 während einer Kundgebung auf dem Chicagoer Haymarket Square eine Bombe geworfen und damit sieben Polizisten getötet. Das folgende Gerichtsverfahren gegen vier Anarchisten wurde weithin als parteiisch empfunden, die verhängte Todesstrafe als “Justizmord”. Nach der Hinrichtung bildeten weit über 100 000 Menschen den seinerzeit größten Trauerzug der internationalen Arbeiterbewegung. Um das Verbot roter Abzeichen und revolutionärer Lieder scherte sich dabei kaum jemand: Die roten Fahnen, Bänder und Blumen waren nicht zu übersehen, Zehntausende sangen in aller Öffentlichkeit die “Marseillaise”.

In Deutschland nutzten die Sozialdemokraten zur gleichen Zeit Bestattung und Trauer, um Bismarcks Sozialistengesetz zu unterlaufen, das ihre Arbeit zwischen 1878 und 1890 massiv einschränkte. Die 30 000 Teilnehmer an der Beisetzung des sozialdemokratischen Reichstagskandidaten August Geib am 3. August 1879 in Hamburg dokumentierten ihre politische Überzeugung, indem sie das traditionelle Schwarz durch rote Bänder, Schleifen und Blumen ersetzten. Gerade die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt also, wie eng Trauer und Solidarität zusammenhängen können. Oft waren die Trauerzüge ein Akt, an dem die gesamte Familie beteiligt war. Die Obrigkeit sah natürlich nicht tatenlos zu. Im Mai 1914 wurde in Bremerhaven von der dortigen Polizei ein gewerkschaftliches Leichenbegängnis für genehmigungspflichtig erklärt, weil es - wie es in der Presse damals hieß - “mit einem Umzug durch die Straßen der Stadt unter Musikbegleitung” verbunden war. Wohlweislich hatte der preußische Staat für solche Fälle nämlich vorgesorgt. Schlägt man im “Handwörterbuch der preußischen Verwaltung” von 1907 nach, so heißt es vielsagend: “Das Halten von Laienreden am Grabe ist vielfach im Interesse der öffentlichen Ordnung durch polizeiliche Vorschriften oder durch Friedhofsordnungen untersagt. Reden im obigen Sinne sind auch kurze Ansprachen, z. B. ‘Im Namen der Sozialdemokratie widmen wir diesen Kranz’ ... Ungewöhnlich Leichenbegängnisse, bei denen öffentliche politische oder dissidentische Kundgebungen stattfinden oder Laienreden gehalten werden sollen, ... unterliegen der ortspolizeilichen Genehmigung.” Davon unberührt blieb die Bestattung von August Bebel, des langjährigen Führers der deutschen Sozialdemokratie - das Bebelsche Familiengrab lag in Zürich, wo im August 1913 auch die Trauerfeier stattfand. Sie wurde zur eindrucksvollen politischen Manifestation einer politisch und gesellschaft immer noch diskriminierten Partei. Aufbahrung und Trauerzug gestalteten sich zu einer “Symphonie in rot”, wie es in der Parteipresse hieß.

Kriegstod

Wie der Tod von Staatsleuten, so wurde auch der Kriegstod politisch instrumentalisiert. Niemals zuvor waren so viele Menschen von kriegsbedingtem Sterben, von Tod und Trauer betroffen wie im 20. Jahrhundert. Die Erfahrung des millionenfachen Sterbens begann 1914/18 mit dem ersten “Krieg im Zeitalter der Technik” (George L. Mosse). Im Gegensatz zu früheren Auseinandersetzungen gab es nicht mehr den Tod in der einzelnen, zeitlich begrenzten Schlacht. Sterben wurde stattdessen etwas Alltägliches, der Stellungskrieg in den Schützengräben kannte kaum noch Pausen.

Gerade die massenhafte Erfahrung des Kriegstodes prägte Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik. Weil das Sterben in den Schützengräben nicht als sinnlos empfunden werden sollte, wurde die Trauer ideologisch kanalisiert und überhöht. Im Gefallenenkult wurde sie zum gesellschaftlichen Mythos. Hier konnten die Legenden vom “heldenhaften Kampf” verankert werden. Sinnfälliger Ausdruck des Gefallenen- kultes wurden jene oft pathetischen Kriegerdenkmäler, die nach dem Ersten Weltkrieg überall entstanden. Sie erinnern mit den eingravierten Namen an die Gefallenen aus den jeweiligen Dörfern und Städten. Ihre Inschriften transzendierten den Kriegstod als “Opfer für das Vaterland”. Hinzu kamen jene riesigen Soldatenfriedhöfe, die seit Beginn des Ersten Weltkrieges angelegt wurden und bis heute erhalten geblieben sind. Mit strengen Vorschriften wurde die fast fließbandmäßige Einheitlichkeit gewahrt, eine individuelle Bepflanzung der Gräber unterblieb. Der Tod sollte nicht so sehr als persönliches Ereignis verstanden werden, sondern als Opfer für jenes organische Ganze, zu dem die Nation überhöht wurde.

Darüber hinaus fand der Kriegstod seine Überhöhung in dem seit 1926 begangenen Volkstrauertag. Zunächst Gedenktag für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, wurde er unter den Nazis 1934 zum “Heldengedenktag” und 1952 zu jenem nationalen Trauertag, der er bis heute geblieben ist. Auch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gibt es heute noch. Er zählt mehrere 100 000 Mitglieder und betreut auf mehr als 360 Soldatenfriedhöfen 1,4 Millionen Kriegstote aus beiden Weltkriegen.

Auch Länder wie Frankreich und Großbritannien kannten die pathetische Inszenierung des Kriegstodes. Davon zeugen schon die pompösen Zeremonien bei der Einweihung des Grabmals des Unbekannten Soldaten in Paris und London im November 1920. Der Londoner Cenotaph beispielsweise wurde allein in den ersten drei Tagen von mehreren 100 000 Menschen besucht. Aber hier fehlte jene politische Sprengkraft, die der Kriegstod in Deutschland durch die Verbindung mit der sogenannten Dolchstoßlegende erhalten hatte - also durch das Gefühl, “im Feld unbesiegt” geblieben, aber von den republikanischen Politikern verraten worden zu sein. “Die Signatur der Totenmale ist international, ihre politische Sinnstiftung jeweils national gebrochen”, schreibt der Historiker Reinhart Koselleck.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand die Instrumentalisierung des Kriegstodes in der offiziellen deutschen Politik keine Wiederholung. Die Zerstörung vieler Städte hatte den Kriegstod auch für die Zivilbevölkerung allgegenwärtig gemacht. So zeigen die nach 1945 errichteten Kriegerdenkmäler nicht mehr jene heroischen Gestalten, die man aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kannte. Der einstige Held war zum Opfer geworden. An die Stelle von Nationalismus und Chauvinismus trat nun, wie George L. Mosse vermerkt, der Schock über das Geschehene. Trost fand man im übrigen in allgemein-christlicher Symbolsprache - dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der politisch niemandem wehtat. In der DDR gar wurde jede Gefallenenehrung abgelehnt.

6. Der Traum vom individuellen Tod

Ich hatte vorhin von den Veränderungen in der Trauerkultur des 20. Jahrhunderts gesprochen, von einer zunehmend funktionalen Routine, von einem Abschieben der Trauer “hinter die Kulissen”, wie es der Kultursoziologe und –historiker Norbert Elias in seinem Buch “Über die Einsamkeit der Sterbenden” nannte. Noch Mitte der achtziger Jahre konnte der Soziologe Gerhard Schmied in seinem Buch über “Sterben und Trauern in der modernen Gesellschaft” feststellen, daß der Friedhof der “legitime öffentliche Ort der Trauer” und das wichtigste “memento mori” ist. Diese Erkenntnis ist heute überholt. Die weiten Rasenflächen der anonymen Urnenhaine bilden keine Orte individueller Trauer und Erinnerung mehr. Die monumentalen Grabdenkmäler des 19. Jahrhunderts drohen inzwischen zu verfallen.Die Musealisierung des Friedhofs hat begonnen.

Dennoch besteht, so denke ich, neuerdings kein Anlaß mehr für kulturkritische Untergangsstimmung. Denn zugleich haben sich, manchmal fast im verborgenen, neue Muster im Umgang mit dem Tod entwickelt. Die Trauerkultur löst sich von alten Fesseln. Ihre Palette ist unkonventioneller, breiter und bunter geworden. Sie schafft sich neue Orte, die immer häufiger abseits der Friedhöfe liegen.

Es gibt viele Beispiele, die am Ende des 20. Jahrhunderts von einem gegen den Konfektions-Tod gerichteten Trend zeugen. Zwar wird noch immer der Ablauf der Trauerfeier, zumindest in den Großstädten, mehr vom Zeitplan der Friedhofsverwaltung, vom fließbandmäßigen Stundentakt, als von individuellen Bedürfnissen bestimmt. Fünfzehn Minuten Zeit habe sie für Gebet, Gesang und Rede, fünfzehn Minuten für ein ganzes Leben, klagte einmal eine Frankfurter Pastorin.

Aber immer mehr Menschen lehnen solche Trauerfeiern ab, deren Rahmen vom Stundentakt der kommunalen Leichenhalle diktiert wird. Manchmal werden Trauerfeiern sogar wieder in Kirchen statt. Leichenhallen abgehalten - zum Leidwesen der um ihre Einnahmen besorgten kommunalen Friedhofsverwaltungen. Gelegentlich sind es ganz persönliche Orte und dennoch öffentliche Orte, an denen Trauer gezeigt wird - wie zum Beispiel durch die immer häufigeren Holzkreuze oder Blumensträuße am Straßenrand nach einem tödlichen Verkehrsunfall.

Zu denen, die gezielt neue Abschiedsrituale unterstützen und sich “mündige Hinterbliebene” wünschen, gehört der in Bergisch Gladbach ansässige Bestatter Fritz Roth. Der Inhaber des “Hauses der menschlichen Begleitung” fordert beispielsweise die Angehörigen auf, ihren Toten selbst das Sterbekleid anzulegen und den Sarg selbst anzumalen. Sein multimedialer Abschiedsraum ermöglicht ein durchaus persönliches, zeitlich nicht begrenztes letztes Beisammensein - etwa bei einem Video, das noch einmal ins gemeinsame Leben zurückblendet.

Größere Bedeutung erlangt neuerdings die feierliche Aufbahrung in betriebseigenen Räumen der Bestatter. Sie werden von immer mehr Hinterbliebenen dem manchmal fragwürdigen Charme kommunaler Leichenhallen vorgezogen. Einige Bestattungsinstitute warten inzwischen gar mit ansehnlichen Hauskapellen auf.

Für einen solchen Abschied werden natürlich auch die Verstorbenen selbst “pietätvoll” hergerichtet - vor allem, wenn Todeskampf oder Unfallfolgen die Gesichtszüge entstellt haben. Nicht nur bei verstorbenen Staatsmännern, sondern auch bei Durchschnittsbürgern ist man heute eher als früher bereit, mit Maniküre und Make up kosmetisch nachzuhelfen. Von immer mehr Bestattern wird die Technik der Thanatopraxis gepflegt, wie der Fachbegriff lautet (auch als “modern embalming” bekannt). Etwaige Entstellungen werden möglichst korrigiert und das Gesicht geschminkt, bevor man das Sterbekleid anlegt und den Sarg ausschmückt. Über das Ergebnis meinte einmal jemand salopp: “Heutzutage ist es ja schon möglich, Oma so herzurichten, daß sie aussieht wie Marilyn Monroe.”

Innovative Tendenzen entfalten sich seit einigen Jahren in der AIDS-Szene und ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Die Katastrophe AIDS hat den Tod im Alltag vieler, gerade junger Menschen präsent werden lassen. Wohl deshalb ist der Umgang mit Sterben und Tod unter AIDS-Kranken und Homosexuellen von besonderer Anteilnahme, ja Solidarität geprägt. Zugleich wird mit neuen Formen von Bestattung und Trauer experimentiert. Eine fast spielerisch bunte Palette ist entstanden, die inzwischen weit über das eigene gesellschaftliche Umfeld hinauswirkt und die gedankenlose Bestattungsroutine aufzubrechen hilft.

Bei den Trauerfeiern bilden sich neue Muster heraus - nicht zuletzt, weil die Trauergemeinde bei AIDS- Bestattungen anders als üblich zusammengesetzt ist. Familienangehörige sind oft nicht zugegen, weil es keinen Kontakt mehr gegeben hat, kirchliche Zeremonien häufig unerwünscht. So gibt es immer mehr selbstorganisierte Trauerfeiern, bei denen Texte und Musik phantasievoll arrangiert sind, Gedichtfragmente ebenso verlesen werden wie Briefe an den Verstorbenen. Zu einem der beliebtesten Musikstücke entwickelte sich das getragene “Amazing Grace”. Auch die Schlager einer Marianne Rosenberg fanden in der AIDS-Szene ihre Anhänger. Gelegentlich wird eine Stereo-Anlage mitgebracht, um die eigene Musik spielen zu können.

Die AIDS-Szene zählt damit zu den wichtigsten Katalysatoren eines anderen Umgangs mit dem Tod. Dies zeigt auch, daß die moderne Rationalisierungsmaschinerie doch nicht alle Individualität zurechtstutzen, nicht jede Emotionalität ersticken konnte. Was den Menschen bereits aus der Hand genommen zu sein schien, wird hier auf ermutigende Weise zurückerobert: der selbstbestimmte Umgang mit Sterben und Tod. Nach anfänglicher Ablehnung zeigen sich auch immer mehr Bestattungsunternehmen offen für die manchmal besonderen Rituale einer AIDS-Bestattung.

In diesem gesellschaftlichen Umfeld sind auch Projekte entstanden, die Trauer und Erinnerung in einem weiteren Sinn dokumentieren. Das weltweit bekannteste Dokument kollektiver Trauer und Erinnerung stammt aus den USA: das “Names Project” (Projekt der Namen). Dabei werden die Namen von AIDS-Toten auf sogenannten Quilts verewigt - jeweils 90 x 180 cm große Stoffbahnen, die mit individuellen Symbolen und Texten kunstvoll gestaltet werden. Mittlerweile sind Abertausende solcher Quilts aus unterschiedlichen Materialien, Farben und Mustern entstanden. Sie werden in einer Fabrikhalle in San Francisco zentral gesammelt. Bereits mehrfach wurden sie zu einem riesigen Patchwork zusammengelegt und öffentlich ausgestellt - unter anderem vor dem Weißen Haus in Washington.

Etwas bescheidener dimensioniert sind die Gedächtnisorte des Berliner Künstlers Tom Fecht. Er initiierte 1992 ein Projekt unter dem Titel “Namen und Steine”. Dabei werden die Namen von AIDS-Toten in vorgefertigte Pflastersteine eingraviert. Anschließend können die Steine in das Pflaster städtischer Plätze eingefügt werden - neue Orte des Gedächtnisses für all jene, deren Freund vielleicht in einer weit entfernt gelegenen Grabstätte beigesetzt wurde. Auch das AIDS-Mahnmal auf dem Frankfurter Peterskirchhof stammt von Tom Fecht: Jeder Nagel, der hier in die alte Friedhofsmauer eingeschlagen wird, symbolisiert einen AIDS-Toten in Frankfurt. Diese kollektive Stätte der Trauer, die aus Spendengeldern finanziert wurde, trägt den Namen “Verletzte Liebe”.

Auf den regulären Friedhöfen sind es allerdings ganz andere Einflüsse, die eine Auflockerung der eher monoten deutschen Grabsteinreihen bewirken. Seit einigen Jahren sorgen islamische Gräberfelder für Farbtupfer. Immer mehr Moslems wollen nach dem Tod nicht mehr in ihr Heimatland überführt werden. Vor allem bei Türken sind die sozialen Bindungen in Deutschland sehr stark geworden. Moslems jedoch dürfen nur mit Glaubensbrüdern zusammenliegen. Die Toten müssen mit unbegrenzter Ruhefrist gen Mekka liegen. Zu den islamischen Bestattungszeremonien gehört auch, daß der Tote durch Familienangehörige rituell gewaschen, in Leinentücher eingewickelt und zum Totengebet aufgebahrt wird. Die rituelle Waschung kann im Krankenhaus, in den Räumen des Bestattungsunternehmens oder auf dem Friedhof vorgenommen werden. Inzwischen werden die entsprechenden Räumlichkeiten auch in Deutschland meist zur Verfügung gestellt. Schwieriger wird es bei dem hierzulande vorgeschriebenen Sarg - nach islamischen Ritual werden nämlich die Toten in Leinentüchern beigesetzt, um die Auferstehung zu ermöglichen. Aber auch hier zeigen sich immer mehr Friedhofsverwaltungen flexibel.

In Großbritannien und anderen europäischen Ländern ist das private Verstreuen der Asche möglich - wo immer man möchte. Von einer solchen Reise mit der Aschenurne handelt der Roman “Letzte Runde” des britischen Schriftstellers Graham Swift. Ziel ist die südenglische Küste, wo - so der Wunsch des Verstorbenen - die Asche von seinen vier Freunden ins Meer gestreut werden soll. Aus der Sicht eines der Protagonisten stellt sich das Finale an der Mole wie folgt dar: “ ... und sie alle stellen sich auf der Leeseite an die Brüstung und strecken ihre fest geschlossene Hand aus, als hielte jeder einen kleinen Vogel drin, den er freilassen will, und wir müssen es alle zusammen tun, deshalb warten sie auf mich. ... Die Asche ist weich und gleichzeitig körnig und fast weiß, wie weißer, weicher Sand von einem Strand. Dann zieh ich die Hand ganz schnell raus und werfe. Sie müssen alle zur gleichen Zeit geworfen haben, aber ich sehe nicht zu ihnen hin, ich sehe dem nach, was ich geworfen habe. Ich sage: ‘Leb wohl, Jack.’ Ich sage es zum Wind. Und sie sagen: ‘Leb wohl, Jack’.”

Unabhängig von allen staatlichen Grenzen ist in den letzten Jahren eine völlig neue Variante von Trauer und Gedächtnis entstanden: die virtuellen Friedhöfe des Internet. Sie heißen World Wide Cemetery, Garden of Remembrance, Cyber Cemetery oder Virtual Memorial Garden. Maus und Modem haben hier den Steinmetz ersetzt. Diese Internet-Friedhöfe sind grafisch oft ansprechend gestaltet und laden zu virtuellen Spaziergängen ein, auf denen man Texte, Fotos, manchmal sogar bewegte Bilder und Klangdokumente findet. Selbst eingescannte Haarbüschel sind zu besichtigen. Manche der virtuellen Grabmäler umfassen seitenlange Lebensgeschichten. Auf den einzelnen Stationen können elektronische Botschaften hinterlassen werden - eine virtuelle Variante jener Kieselsteine, mit denen die Besucher jüdischer Friedhöfe den Toten ihre Reverenz erweisen.

Der bekannteste unter den Internet-Friedhöfen ist der World Wide Cemetery. Seine Grundidee ist universalistisch: die persönliche Erinnerung an Verstorbene mit Menschen in aller Welt zu teilen - gleich welcher kulturellen, religiösen oder weltanschaulichen Tradition. Im World Wide Cemetery gibt es nicht nur Einzelgräber, sondern auch kollektive Erinnerungsstätten: für AIDS- und Krebstote, für Gefallene des Zweiten Weltkriegs und des Vietnam-Kriegs.

Natürlich, die Internet-Friedhöfe erzielen längst noch keine Massenwirkung. Aber sie zeigen immerhin, daß sich die Rituale und die Orte von Trauer und Erinnerung verändern. Durchaus denkbar wäre beispielsweise folgendes Szenario, daß der postmodern-mobilen Gesellschaft angepaßt scheint: Eine kostengünstige anonyme Bestattung auf einem städtischen Friedhof, gleichzeitig eine aufwendig gestaltete Gedenkseite im Internet, die man von überall her aufrufen kann.

Dies alles waren abschließend Beispiele dafür, daß sich die Trauerkultur gegenwärtig wieder einmal im Umbruch befindet. Alte Traditionen werden endgültig aufgegeben. Neue Ausdrucksformen der Trauer sind im Entstehen begriffen. Sie sind in der Regel individualistischer als die manchmal doch recht starren Muster, die wir gekannt haben. So wie heute, hat sich auch historisch gesehen die Trauerkultur immer wieder entscheidend gewandelt – um 1800 ebenso wie im späten 19. Jahrhundert. Auch damals war viel von Verfall oder Niedergang der Trauerkultur die Rede, wo es doch nur um jenen Wandel ging, der der Geschichte bis heute innewohnt und der auch immer wieder neue Ausdrucksformen im Bereich von Tod und Trauer hervorgebracht hat.

Informationsquelle: http://www.postmortal.de/Diskussion/Vort...rtragirsee.html

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