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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Verlust und Trauer
ingoborm Offline

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Beiträge: 937

09.10.2005 17:25
Anmerkungen zu einem komplexen Thema antworten

Verlust, Abschied, Trauer, Begleitung
Anmerkungen zu einem komplexen Thema

„Das Leben muß man das ganze Leben lang lernen, und, was Dich vielleicht noch mehr erstaunen mag, das Leben lang muß man sterben lernen." (Seneca)


Veränderung, Trennung und Verlust gehören zu den häufigsten und wichtigsten Themen im menschlichen Leben, und Trauer ist einer der unerläßlichen psychischen Prozesse. Von deren Gelingen hängen die Bewältigung des Lebens und die leib-seelische Gesundheit wesentlich mit ab. Trotzdem zeigt das menschliche und gesellschaftliche Umfeld einem Trauernden gegenüber in der Regel zu wenig inneres Verstehen und gewährt ihm nicht Raum und Zeit genug, daß er diese wesentliche Dimension seines Lebens ggf. auszuleben vermag - auf einem je ganz persönlichen Weg, der auch aus dem Trauernden selbst nicht wenige Schwierigkeiten und Fragen bereithält.

Solche äußeren und inneren Bedingungen können den Trauernden auf die Suche nach einer verständnisvollen menschlichen und/oder therapeutischen Begleitung führen. Es können Einzel- und/oder Gruppengesprä-che, auch Erfahrungen mit nicht-sprachlichen Medien sein, die ihm zu dem Freiraum verhelfen, in dem er ganz er selbst sein, seine Trauer leben und aufkommende Probleme ansprechen kann.

1. Wenn ein Mensch etwas Wertvolles verliert, insbesondere einen geliebten Menschen, wird er vom Gefühl der Trauer erfaßt. Damit verbunden sind Gefühle des Schmerzes, der Verunsicherung, Verlassenheit, Angst, Ohnmacht, Anklage, Wut, Schuld usw. - Gefühle, die er von Kindheit an eher gelernt hat zu zensieren und zu unterdrücken als zuzulassen. Er hat den vertrauten Umgang mit ihnen nicht erlernt. Wenn er sie aber zulassen und leben kann, tritt er in einen Trauerprozeß ein, der auch ein Entwicklungs- und Lernprozeß ist, eine Krise, durch die er langsam und schmerzhaft hindurch muß, ein Weg, den er selbst gehen muß, den niemand anderer für ihn gehen kann.

2. Man hat versucht, aus dem komplexen Verlauf eines Trauerprozesses eine Struktur herauszuarbeiten. Wie genaue Beobachtungen bei Sterbenden (Elisabeth Kübler-Ross) und Trauernden (Verena Kast, Trauern, 1982) und auch Traumanalysen gezeigt haben, können verschiedene Grunderfahrungen („Phasen") beschrieben werden. Sie verlaufen allerdings nicht chronologisch-linear, sondern ihre Elemente tauchen zyklisch immer wieder auf. Wann immer z.B. das Gefühl des Verlustes übermächtig wird, kommt es auch wieder zu chaotischen Emotionen. Den vier „Phasen" können vier „Grundaufgaben" (J. William Worden, Beratung und Therapie in Trauerfällen, 1987) zugeordnet werden, die der Trauernde erledigen muß und die sich immer wieder stellen, solange sie nicht erledigt sind.

(1) Erfahrung des Nicht-wahrhaben-Wollens: Der Zurückgelassene steht unter Schock, er verleugnet den Verlust (alles nur ein böser Traum). Verstand (der den Verlust konstatieren muß) und Gefühl widerstreiten einander. Allein das reine Faktum des Verlusts stehenlassen, annehmen zu können, ist ein schwieriger, wichtiger erster Schritt.

(2) Erfahrung chaotischer Emotionen: Es kommt zu ungesteuerten, auch sich widersprechenden Gefühlsäußerungen wie Weinen, Klagen, Zorn, Aggressionen, Kummer, Angst, Schuld (z.B. Suchen von Sündenböcken), Verzweiflung, Depression, Apathie, Sinnleere, Schmerzanfällen, aber auch Sehnsucht, Liebe, Dankbarkeit, Ruhe. Es besteht die Gefahr von Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Anfälligkeit für Infekte, daß sich die Gefühle gegen den Trauernden selbst richten (z.B. bei Unverständnis der Umwelt). Gott wird oftmals als abwesend erlebt. Suche nach Neuorientierung, neue Stellenwerte, neue Zuordnungen von „wesentlich" und „unwesentlich". Der Trauernde versteht sich und die Welt nicht mehr.
Die Beziehung zwischen Trauerndem und Tröstendem ist von beiden Seiten nicht leicht. In der Begleitung gilt es, einfach da-zusein, die Gefühle des Trauernden aufzunehmen, sie auszuhalten, ohne sie verändern zu wollen. Werden wichtige Gefühle nicht zugelassen, stagniert der Trauerprozeß.

(3) Erfahrung des Suchens, Findens und Sich-Trennens: In Erinnerungen, Träumen, Gesprächen wird der Verstorbene gesucht und gefunden, bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf das eigene Selbst, auf das, was jetzt trägt und bleibt im Leben. Die (abgeschlossene) Geschichte der Beziehung zum verstorbenen Menschen wird ins Bewußtsein gerufen und rekonstruiert. Dabei geht es auch darum, Projektionen und Delegationen zurückzunehmen. Der Trauernde stellt etwa fest, daß die Stärke, die er an sich selbst erlebte, von seinem Partner kam, daß bestimmte Wesenszüge, negative Eigenschaften an seinem Partner (z.B. Kleinlichkeit) zu ihm selbst gehören, und ist beschämt darüber; bzw. er verzeichnet, daß der andere für ihn Aufgaben übernommen hatte, die er selbst nicht leisten wollte oder konnte (z.B. daß die verstorbene Frau für den Mann fast die gesamte Beziehungsarbeit erledigt hat). Andererseits gilt es die Seiten ins Auge zu fassen und herauszuarbeiten, die ein Mensch, der gestorben ist, im Zurückbleibenden belebt, aus ihm „herausgeliebt" hat (Verena Kast). Das ist eine reale Möglichkeit, wie der Verstorbene in ihm und seinem Leben fortlebt.

Oftmals wird der Verstorbene auch idealisiert, eine Harmonie, die im Alltag seiner schmerzlich erlebten Abwesenheit nicht fortbestehen kann. Auch dadurch, daß immer wieder der Verlust aktiviert wird und ins Bewußtsein tritt, kann sich mit der Zeit die Beziehung zum Verstorbenen verändern. Zum Schluß wird der Schmerz um ihn geopfert werden müssen, soll er nicht den Trauerprozeß blockieren. Hilfreich können hier Rituale sein. Die Erinnerung an den Verstorbenen wird bleiben, vielleicht mit dem Bedauern, die Beziehung nicht intensiver gelebt zu haben, aber auch mit der Dankbarkeit, sie gehabt zu haben.

(4) Erfahrung eines neuen Selbst- und Weltbezugs: Der Verlust ist akzeptiert. Der Trauernde hat erfahren, daß er trotz des Verlusts ein ganzer Mensch sein kann. Er wendet sich wieder dem vollständigen Leben zu, kann sich auch wieder auf neue Beziehungen einlassen. Nach seinem Verlusterleben sind diese allerdings kostbarer geworden; er weiß (nicht nur in seinem Kopf), daß sie endlich sind. Und er kennt den Preis dafür, sich wiederum voll auf eine gute Beziehung einzulassen. Aus dem praktischen Erleben ist aber auch die Erkenntnis gewonnen worden, daß Trauer Verluste überwinden hilft, ja neues Leben und neue Erfahrungen entdeckt und hinzugewinnt. Trauer hat sich als wesentlicher Teil des Lebens offenbart. Das Todesbewußtsein geht stärker ins Lebensgefühl und Selbstbewußtsein ein. - Der Tod, die vielen großen und kleinen Verluste und Veränderungen im Leben und die mit ihnen verbundene „abschiedliche Existenzweise" (Verena Kast) sind für den Menschen eine Herausforderung für Hoffnung und Kreativität geworden.

Es ist allerdings etwas Unersetzliches in jedem Menschen, das auch nicht von anderen übernommen werden kann. Mit seinem Dahinscheiden geht ja eine ganze kleine Welt unter und etwas unwiederbringlich Einmaliges. Das läßt ein Stück Trauer bestehen und abrufbar machen, die mit den Grundbedingungen unserer Existenz zu tun hat und die letzte Frage nach dem Warum von Sterben und Tod nicht auflösen kann.


3.Der skizzierten Erfahrungsstruktur und den Aufgaben in der Trauer lassen sich bestimmte Vorgehensweisen der Trauerbegleitung zuordnen, wie an Ort und Stelle z.T. bereits vermerkt. In Anlehnung an
J. William Worden, der meine Erfahrung bestätigt, lassen sich zehn Leitlinien der Beratung und Begleitung aufstellen:

1. Es ist dem Trauernden voll bewußt zu machen, daß der Verlust tatsächlich geschehen ist. Man ermuntere den Hinterbliebenen, über ihn und seine Umstände zu sprechen, immer wieder von neuem - während er im Gegenüber einen geduldigen Zuhörer finden sollte.

2. Es ist dem Hinterbliebenen Beistand dabei zu leisten, negative Gefühle (insbesondere Zorn, Schuld, Angst, Hilflosigkeit, Tränen) als solche zu erkennen und zuzulassen.

3. Es ist dem Trauernden bewußtzumachen, was es heißt, ohne den Verstorbenen und dessen Rollen (die er z.B. in der Partnerschaft übernommen hatte) weiterzuleben.

4. Es ist dem Trauernden zu vermitteln, daß er sich Zeit lassen kann. Der Begleiter hat sich darauf einzustellen, daß er möglicherweise länger beansprucht werden wird. Abzuraten ist von schnellen wichtigen Entscheidungen.

5. Es ist das Gefühl eines kontinuierlichen Beistands (wenigstens über ein Jahr) zu vermitteln. Dies kann gut durch eine Gruppe geschehen, die der Begleiter leitet.

6. Es ist zu verdeutlichen, daß bestimmte, in der Trauer neu gemachte Erfahrungen in der Regel nicht „verrückt", sondern normal sind, und den Trauernden ggf. beruhigen.

7. Es sind individuelle Unterschiede im Trauern einzukalkulieren. Diese führen etwa bei Eltern, die ein gemeinsames Kind verloren haben, nicht selten zu einer Verschärfung der Trauersituation und zu Problemen in der Beziehung, bis hin zur Trennung.
8. Es sind Abwehrmechanismen und Bewältigungsstile des Trauernden im einzelnen zu untersuchen. Sie offenbaren teils gesundes Verhalten, teils nicht (z.B. bei Rückzugstendenzen, Verdrängung, Alkohol).

9. Es ist die emotionale Ablösung von dem Verstorbenen zu unterstützen. Hierzu kann die Ermutigung zu neuen menschlichen Beziehungen gehören. Dadurch wird weder die Erinnerung an den Verstorbenen befleckt, noch seine Unersetzlichkeit angezweifelt. Gemeint ist nach Partnerverlust nicht die schnelle Suche nach einem Ersatzpartner. Vielmehr muß zunächst die ganze Tiefe, Intensität und Unverrückbarkeit des Verlusts erfahren und ausgelotet werden und so die Trauerarbeit zum Abschluß kommen, damit der Trauernde wirklich frei wird und den neuen Partner um seiner selbst willen schätzen kann.

10. Krankhaftes ist als solches zu erkennen und für eine therapeutische Behandlung einzutreten. Der Begleiter muß seine Grenzen kennen und ggf. für eine Überweisung sorgen.

4. Wenn wir das Gesagte überblicken, wird deutlich, daß die Trauer kein zweitrangiges Geschehen in unserem Leben ist. Sie ist vielmehr ein wesentlicher Ausdruck dieses Lebens, das in der Zeit geschieht und deswegen einen Anfang und ein Ende hat - mit allen schmerzlichen Wandlungen und mit allen Fragen, die sich daran knüpfen. Sie kann so einen unverstellten Zugang zum Ganzen dieses Lebens eröffnen. Die Gesellschaft, wir alle brauchen diese „Zumutung", diesen tiefen und umfassenden Bezug zum Leben, der auch unsere Zeitlichkeit und Sterblichkeit mit einbezieht - um authentisch, menschlich und sinnvoll leben und überleben zu können.
Eberhard Weidler ist Leiter des Psychiatrischen Dienstes in München-Schwabing

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Informationsquelle: http://www.altenpflege-tod-und-sterben.de/

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