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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Verlust und Trauer
ingoborm Offline

Webmaster und Administration Technik

Beiträge: 937

09.10.2005 17:21
Verschiedenes zu Trauer antworten
Trauerbedeutet den Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten, von Lebenskonzepten und / oder geliebter Menschen durch Tod oder Trennung.

Trauer beginnt in dem Moment, in dem der Patient und / oder Angehörige erfährt, dass er nicht mehr gesund werden wird. Sobald jemand erkennen muss, dass ihm bald ein Teil seines Lebens (Fähigkeiten, Wünsche, Pläne, Lebensumfelder, ein Mensch) entrissen werden wird, beginnt ein langer Trauerprozess, der sich in erkennbaren Stufen vollzieht. Dieser Prozess kann und darf nicht unterbrochen, verkürzt oder gar gestoppt werden.

Trauer vor dem Tod

Der sterbende Patient trauert in dem Masse, wie seine Krankheit fortschreitet. Eine grosse Anzahl möglicher Verluste steht bevor:

* Verlust der Kontrolle
* Verlust der Unabhängigkeit
* Verlust der Arbeitsfähigkeit
* Verlust von Geborgenheit
* Verlust von Körperfunktionen
* Verlust der sozialen Funktion
* Verlust von Integrität
* Verlust der vertrauten Umgebung
* Verlust von Perspektiven
* Verlust der Freude
* Verlust der Familie und Freunde
* Verlust von Identität
* Verlust von Sinn
* Verlust der Hoffnung

Die vorbereitende Trauer

Die vorbereitende Trauer bedingt durch den stufenweisen Verlust von körperlichen und psychosozialen Funktionen und Beziehungen, ist für den Kranken und seine Angehörigen eine wichtige Vorbereitung auf den bevorstehenden Verlust des Lebens. Wenn der Kranke selbst stufenweise loslassen kann und die Angehörigen in diesen Prozess integriert werden, kann der Abschied eine seelische Bereicherung für alle Beteiligten sein. Diese vorbereitende Trauer ist auch für den Lebenspartner und die Kinder von besonderer Bedeutung.

Stadien der Trauer

Es haben sich viele Autoren mit den Problemen der Trauer beschäftigt. Zwei Fachkräfte auf diesem Gebiet – Bowlby und Parkes – haben ein Vierstufenschema des Trauerprozesses beschrieben (Parkes 1972; Bowlby 1980):

1. Schockphase

2. Reaktionsphase

3. Bearbeitungsphase

4. Neuorientierungsphase

1. Schockphase

Phase der Betroffenheit und des Schocks. Dies ist ein Stadium der unmittelbaren Betroffenheit, in dem verschiedene Grade der Verdrängung beobachtet werden können. Reaktionen wie "Es ist nicht wahr" und "Sie müssen sich geirrt haben" stehen im Vordergrund. Der Betroffene kann sich häufig nur in geringem Masse an die Information in dieser Phase erinnern. Diese Phase dient zum Schutz des Individuums und dauert normalerweise Stunden, Tage oder Wochen.
2. Reaktionsphase – Stadium des Suchens

Der Betroffene entwickelt eine Strategie, um das Verlorene wieder zu entdecken. Emotionale Reaktionen wie z.B. Tränenfluss kennzeichnen den Übergang in diese Phase und werden mehr oder weniger offen gezeigt. Wut über den fehlenden Erfolg in dieser Suche richtet sich gegen die Person selbst oder andere. Angst und Depression sind häufig. Dieses Stadium kann sich über Wochen, Monate und seltener Jahre hinziehen.
3. Bearbeitungsphase

In dieser Phase kommt der Betroffene zunehmend in die Lage, bewusst oder unbewusst, sein Trauma zu bearbeiten. In diesem Stadium beobachten wir häufig Depression und die fehlende Fähigkeit, in der Gegenwart und Zukunft einen Sinn zu sehen. Hierbei wird stufenweise das Suchen nach dem Vermissten losgelassen, indem die Erinnerungen zunehmend ertragen werden können. Die Bearbeitungsphase kann lange dauern, nicht selten mehrere Jahre.
4.

Neuorientierungsphase – Stadium der Reorganisation

In dieser Phase bricht der Trauernde die Bande zu den Verlusten und beginnt stufenweise neue Bindungen aufzubauen. Interesse und Appetit kehren wieder. Die Neuorientierung beinhaltet oft ein verändertes Selbstbild – und kann erlebt werden als eine persönliche Reife auf der Basis der bearbeiteten Erfahrungen.

Es wäre ein Fehler anzunehmen, die Trauerreaktionen verliefen stur nach diesen Phasenbeschreibungen. Jeder hat individuelle Reaktionen auf Trauer. Die Reihenfolge kann unterschiedlich sein. Ein Patient kann sich lange in der Reaktionsphase aufhalten, um dann wieder zu dem Verhalten der Schockphase zurückzukehren. Viele wechseln jahrelang zwischen den Stadien hin und zurück (Lamerton 1991).

Schon die "normale" Trauerarbeit kann sich in physischen und psychischen Störungen ausdrücken, die von der Umgebung als Krankheit empfunden werden (Stroebe u. Stroebe 1987). Das Wissen über Trauerreaktionen zeigt, dass es zu schweren Folgeerscheinungen kommen kann, wenn der Arzt akute Trauerreaktionen übersieht.

Affektive Symptome

Hier stehen Angst und Depression im Vordergrund, nicht selten in Kombination mit Schuldgefühlen und Wut. Gefühle der Einsamkeit und Isolation sind zentrale Faktoren selbst bei einem intakten sozialen Netzwerk.

Verhaltensstörungen

Die Trauer führt häufig zu Änderungen des Verhaltens im Alltag im Umgang mit anderen Menschen. Apathie, emotionale Labilität und sporadische Hyperaktivität sind typische Verhaltensweisen. Weinattacken oder eine spontane Aufräumaktion können gewöhnliche Reaktionen sein.

Freud beschrieb vier zentrale Charakteristika, die mit Trauer verbunden sind:

* Ein tiefgreifendes Erlebnis von Schmerz
* Eine Isolation des Betroffenen von der Aussenwelt
* Verlust der Fähigkeit zu lieben
* Aktivitätsverlust durch Zurückziehen von allen Aktivitäten, die nicht mit Gedanken an die vermisste Person in Verbindung stehen

Der Sinn des Trauerns

Worden (1982) beschreibt 4 Hauptaufgaben der Trauer:

1. Die Realität eines Verlustes akzeptieren
2. Den Schmerz des Verlustes zulassen
3. Anpassung an eine Welt, in die der Vermisste nicht zurückkommt
4. Gefühle und Energien gegenüber dem Vermissten zurückziehen und in neue Beziehungen investieren

Pathologische Trauer – starke Trauer

Verlust bewirkt Trauer. Wenn der Verlust "unerwartet" entsteht, ist die Belastung grösser und von längerer Dauer, als wenn Vorbereitung möglich war. Der Verlust hat oft eine andere Bedeutung, wenn eine Urgrossmutter in der Mitte ihrer 80er Jahre stirbt, im Vergleich mit dem Todesfall eines Vaters der 40 Jahre jünger ist. Wir dürfen nicht daraus ableiten, es wäre einfach für ältere Menschen, Abschied vom Leben zu nehmen, aber die Trauerreaktionen sind meistens milder. Fulton (1970) spricht bei diesen zwei Typen der Trauer von "schwacher Trauer" ("low grief") und "starker Trauer" ("high grief"). Dabei muss berücksichtigt werden, dass Trauerreaktionen natürlich individuell gesehen werden müssen.

Gibt es "pathologische" oder krankhafte Trauer, Trauerreaktionen, wo wir spezielle Hilfe und Unterstützung anbieten sollten?

Welu (1975) gibt sieben Merkmale der pathologischen Trauer an:

1. Selbstzerstörerisches Verhalten (Suizidversuche, Alkohol, Medikamente)
2. Selbstmordgedanken
3. Psychische Probleme
4. Soziale Isolation
5. Schwere Depression mit klinischen Symptomen
6. Stationäre Aufnahme in der Psychiatrie
7. Die Einnahme von Psychotherapeutika

Devaul u. Zisook (1976) unterstreichen, dass Trauer v.a. dann ein psychisches Dauerproblem werden kann, wenn die Trauerreaktion vorzeitig abgebrochen wurde oder nicht stattgefunden hat. Die Folge davon sind Verhaltensweisen wie:

* schmerzvolle Reaktion, wenn der Verstorbene erwähnt wird
* die Angabe des Betroffenen über Probleme der Trauerverarbeitung
* wiederholte, schwere depressive oder andere medizinische Reaktionen am Jahrestag des Verlustes

Grundsätzlich ist es schwierig zu entscheiden, ab wann man von einer pathologischen Trauerreaktion sprechen sollte. Studien zeigen, dass einige der erwähnten Reaktionen in verschiedenen Kulturen als normal angesehen werden.

Drei besondere Merkmale treten als Hinweise für eine starke Trauerbelastung hervor:

* Fehlende Reaktion eines Individuums auf einen schweren Verlust
* Extreme Trauerreaktion, die weit über die in dieser Kultur zu erwartende hinausgeht
* Fehlende Entwicklung im Trauerprozess

Trauer – ein Prozess

Um einen normalen Trauerablauf zu gewährleisten, muss der Trauernde eine Reihe von Aufgaben lösen, die sich zusammenfassend beschreiben lassen als

1. Auslösung
2. der Trauer (nicht auf Auflösung) Anerkennung der Realität
3. Aussprechen von gesellschaftlich unakzeptablen Gefühlen und Erfahrungen
4. Strukturierung
5. Bewertung des Verlustes
6. Entscheidung zur Neuorientierung

Schon bei der ersten Traueraufgabe erleben wir manchmal eine sehr schnelle Akzeptanz beim Betroffenen und gestehen uns aus Erleichterung nicht ein, es hier möglicherweise mit einer Vermeidung von Trauer zu tun zu haben.

Behandlung und Sorge

Darin unterscheidet sich Trösten von Vertrösten: Vertrösten mag eine Form der Hilfe leisten, in der ein Leiden im Hier und Jetzt zu mindern gesucht wird, Trost aber ist beruhigende Zuwendung in einer Lage, die in Wirklichkeit keine Erwartungen und Hoffnungen zu hegen erlaubt, in der man sich aber auch Lügen und Täuschungen versagt.

Trauernde werden in einer solchen Begleitung verstehen, dass ihr Zustand – sofern er keinen komplizierten Verlauf nimmt, was aber meist auf Verhinderungs- und Verkürzungstendenzen zurückzuführen ist – keine behandlungsbedürftige oder gar zu heilende Krankheit ist.

Die einzig handlungsbedürftige Trauer ist die, die nicht stattfindet, die nicht in Gang gekommen ist, die versteinert ist, die Depression.

Trauer ist ein ungeliebtes Gefühl und doch – als Reaktion auf schmerzhafte Erlebnisse – unverzichtbar für unsere psychische Gesundheit.

Du kannst nie einen Menschen trösten, kannst ihm nie Trost geben; du kannst nur akzeptierend so nah als möglich sein, bis der Trost aus seinem Inneren herauswächst.

Begleitung ist Aufmerksamkeit und Sorge

Hier berühren sich dann, wenn auch erst auf den zweiten Blick, die gemeinsamen Ansätze der palliativen Therapie und der trostvollen Trauerbegleitung. Es geht hier nicht um den Ansatz von Heilung oder abruptes Beenden von Leiden, wie gewisse Zeitströmungen es propagieren mögen, sondern um Beistand und Linderung. Betrachtet man auch bei diesem letzten Wort den Stamm (lind, mild), wird durch den Ausdruck des Weichen, Zarten und Vorsichtigen die Qualität eines solchen Beistandes deutlich.

Ganz im Gegensatz zu den auch sogenannten aggressiven Therapien spielt bei der Palliativ-Medizin und einer so verstandenen Trauerbegleitung das Lassen und Zulassen eine bedeutsame Rolle.

Sich sorgen und trösten nun bedeutet: dem in Trauer Befindlichen bei der Bewältigung dieser Aufgabe zur Seite zu stehen, all seinen widersprüchlichen Gefühlen und einander ablösenden Reaktionen Raum, Berechtigung und die Bewertung von Normalität zu geben.

Nicht nur der Sterbende / Trauernde muss lassen, auch der Begleiter. Mit Lassen ist hier nicht ein apathisches Laufenlassen gemeint, sondern vertrauend geschehen lassen, was geschieht und geschehen soll. Lassen hängt wortgeschichtlich mit lösen zusammen.

So bedeutet eine Ethik des Loslassens die verantwortliche Übernahme der Schwere des Daseins und die ständige Bereitschaft zum Abschiednehmen.

Im Laufe eines ganzen Lebens müssen wir immer wieder vieles loslassen. – Abschiede durchleben, Trennungen verkraften -. Gründe zum Trauern gibt es sehr viele, nicht nur wenn wir eine geliebte Person verabschieden müssen, u.a. auch von Verlust der Heimat, Illusionen, Träumen, Arbeitsplatz und Materiellem.

Besonders schwierig wird es, wenn alte Trauer über verpasstes nicht gelebtes Leben, (gekränkt, nicht geliebt, nicht gewollt oder Leben das nicht mehr gelebt werden kann) hervorbricht. In bedrohliche Trauerkrisen geraten wir, wenn chronische und "unheilbare" Krankheiten uns mit dem Verlust von körperlicher Unversehrtheit, von Vitalität und Gesundheit konfrontieren. Im Fühlen, Denken und Handeln bricht Chaos aus.

Oft machen sich sogar Sinnlosigkeit, Ohnmacht, Orientierungslosigkeit und Angst vor dem Leben breit. Die daraus resultierenden "unreifen" Reaktionen und die Hilflosigkeit befremden uns, weil alte Trauer aus der Familiengeschichte, der frühen Kindheit und sogar der eigenen Kultur, sich zu einem "Trauergemisch" entwickeln und oft zu einem "Trauerchaos" führen. Die daraus entstehende Angst lähmt unsere natürlichen Trauerreaktionen und somit auch unser Alltagsleben.

Die vermeintlichen "Hilfen" zur Trauervermeidung sind: Alkohol, Zigaretten, und Medikamente, "Drogen aller Art". Sie gefährden unsere Gesundheit.

Der Weg des "Vergessens", der Verdrängung, deformiert die gesunde Trauerreaktion zur Depression, zur "chronischen Melancholie", zu leib-seelischen Beschwerden und oft zu lebenshindernden Haltungen.

Die berechtigte Trauer die "durchgangen und durchlebt" werden möchte, kommt nicht zu ihrem natürlichen Recht.

Es fehlen uns Vorbilder, Trauerbräuche, schützende Riten, unterstützende Symbole, "erlaubtes Trauerverhalten", geeignete Räume, genügend Zeit und angemessene Bedingungen für die Begegnung mit der Trauer.

Der Umgang mit der Trauer ist ungewohnt, wird nicht geübt und wirkt entfremdend. Versteinerung, Erkaltung, Gefühlsleere, Trauer-Überflutung und Resignation sind die Konsequenz.

Sein und Haben

Nach allen schweren vorausgegangenen Phasen von Schock, Auflehnung und Suchen verstehen viele Trauernde in der Phase der Neuorientierung, dass zwar der Träger der geliebten Eigenschaften und Tätigkeiten nicht mehr greifbar da ist, dass sie all dies Erlebte aber in sich aufgenommen und verfügbar haben. Auch eine Form des Weiterlebens. Dass der Trauernde die Bereiche des "Habens" loslassen und die Bereiche des Seienden bleibend leben darf.

Erst der Tod des geliebten Menschen macht es möglich, voll zu erfassen, was er für den "Verwaisten" bedeutet hat. Während die unmittelbar persönliche Gegenwart es oft nicht erlaubt, Wichtiges von Unwichtigem, Erfreuliches von Ärgerlichem zu scheiden, gibt die Trauer die Möglichkeit, den Verstorbenen in seiner ganzen Menschlichkeit zu sehen.

* Trauer ist unsere natürliche Ausstattung für den immerwährenden abschiedlichen Lebensweg, die aber entwickelt und geübt werden muss.
* Trauer ist keine Krankheit. Aber unser schlechter Umgang mit ihr, kann uns krank machen.
* Es führt kein Weg an der Trauer vorbei, sondern nur durch sie hindurch.
* Trauer ist die gesunde, oft langwierige und schmerzhafte Reaktion unserer ganzen Persönlichkeit, bei der Begegnung mit Abschied und Trennung.
* Trauer ist die heilsame Antwort eines lebendigen Herzens, wenn uns Resignation, Verkrustung und Sinnlosigkeit überfällt.
* Trauer wird, wenn sie nicht ausgedrückt werden kann, im Körper gespeichert. Wir sind eingeengt in unserer Lebendigkeit. Auch andere Gefühle wie Freude und Liebe können nicht mehr frei fliessen.

Der Tod eines geliebten Menschen macht einsam. Er erschüttert von Grund auf unser Vertrauen ins Leben. Die Schwermut ist etwas sehr schmerzliches. Sie reicht tief in die Schichtung menschlichen Daseins. Die Ausdehnung des Schmerzes ist unbemessen, überfällt die Angehörigen mit aller Gewalt und zeigt sich in vielen Symptomen: in Tränenfluss und Erstarrung, in Gefühlen der Sinnlosigkeit, der Leere und Ohnmacht, in Angstzuständen, in Apathie und Ruhelosigkeit. Trauernde erleben eine der schwersten Lebenskrisen. Trauern ist seelische Schwerstarbeit, schmerzvoll und langwierig. Durch die schmerzliche Verarbeitung der Trauer entdecken wir nochmals die Vergangenheit und weben sie in die Gegenwart mit ein. Wir im Hospiz möchten in der Begegnung mit Betroffenen Raum schaffen, dass Trauer ihren berechtigten Platz einnimmt. Wer seine Sehnsucht, seine Sprachlosigkeit, seine Schuldgefühle, seine Verzweiflung und seinen Zorn ausdrücken darf, kann sich leichter mit seinem Schicksal abfinden.

Vom hilfreichen Umgang mit der Trauer

Trauer ist eine Emotion, durch die wir unsere Gefühle des Verlustes ausdrücken; sie ist aber auch die Emotion, die, lassen wir uns von ihr ergreifen, uns dazu bringt, unsere Verluste zu verarbeiten, uns abzulösen. Vermeiden wir es zu trauern, bleiben wir immer auch an die Vergangenheit gebunden, sind wir nicht mehr frei für die Zukunft.

Das Erleben dieser Gefühle, das Zulassen dieser Gefühle bewirkt, dass wir in einen Trauerprozess eintreten, in einen Entwicklungsprozess, durch den wir langsam – und sehr schmerzhaft – lernen, den Verlust zu akzeptieren und ohne den Menschen, den wir verloren haben, aber mit allem, was dieser Mensch in uns geweckt hat, uns wieder neu auf das Leben einzulassen.

Der Trauerprozess und die Trauerarbeit müssen im Zusammenhang mit der Beziehung gesehen werden, aus der wir uns durch den eingetretenen Verlust herauslösen müssen. Wenn wir zu einem Menschen eine intensive Beziehung aufbauen, dann wachsen wir mit ihm zusammen, mit ihm zusammen wachsen wir aber auch. Das ist der Grund, weshalb Trauernde sagen, sie würden sich jetzt entzweigerissen fühlen, sich wie eine blutende Wunde anfühlen, sich entwurzelt vorkommen. Der Prozess dieses gemeinsamen Miteinanderverwachsens wird durch den Tod abrupt unterbrochen und verändert das ganze Leben: man versteht sich selbst nicht mehr, man versteht die Welt nicht mehr, man fühlt sich fremd sich selbst gegenüber. Im Verlaufe der Trauerarbeit organisieren wir uns von einem Beziehungsselbst auf unser individuelles Selbst zurück: d.h. wir müssen uns wieder auf uns selbst als Einzelperson besinnen, neu auch wieder einen Bezug zur Welt finden. Der Verlust betrifft unser ganzes Leben, besonders wenn es sich um den Verlust eines uns sehr nahestehenden Menschen handelt.

So ist denn der Trauerprozess ein sehr schmerzhafter Prozess von einer eigentümlichen Lebendigkeit, der viel Kraft und Zeit kostet und uns zwingt, sich mit uns selbst und mit der Beziehung, die abgebrochen worden ist, auseinanderzusetzen, der uns aber auch die Möglichkeit eröffnet, neu mit uns selbst in Kontakt zu treten, aus der Gewohnheit auszutreten und auch vieles über unser Beziehungsverhalten neu zu erlernen.

Der Trauerprozess ist für den Menschen, der ihn durchsteht, ein einsamer Prozess. Die beste Art, einen trauernden Menschen zu begleiten, ist es, da zu sein, seine Gefühle aufzunehmen, die Geschichten mitanzuhören, die erzählt werden, oder auch selber zu erzählen, wie man den verstorbenen Menschen erlebt hat. Mit der Zeit ist nur noch möglich, die Gefühle des Trauernden aufzunehmen, ohne diese verändern zu wollen. Das bedeutet aber, dass wir Gefühle des Kummers, der Angst, des Zorns, der Verzweiflung bei einem anderen Menschen aushalten und akzeptieren.

Menschen, die schweres Leid und Trauer erlebt haben, erfahren aber auch, dass sich viel Heilendes, Tröstendes, Versöhnendes in der Stille vollzieht; beim einsamen Gehen durch die Natur oder auf vertrauten Wegen des geliebten Menschen, beim Hören von Musik, beim Schreiben. Auch das lesende Sichversenken kann ganz andere, tiefe Schichten anrühren.

Trauer bei speziellen Arten von Verlusten

Bestimmte Todesarten und Todesumstände erfordern zusätzliches Verständnis und rufen zusätzliche, schmerzlichste Trauerreaktionen hervor.

* Der plötzliche Tod; durch Krankheit, Unfall oder Verbrechen.
* Der namenlose Tod des Krieges.
* Der junge Tod, der ein Leben vor seiner Zeit beendet.
* Tod durch EXIT.
* Selbstmord.

Es ist mir innerhalb dieser Arbeit nur möglich die Folgen eines Suizids kurz zu beleuchten:

Jährlich haben Hunderttausende von Menschen den Selbstmord eines Familienmitglieds oder eines geliebten Menschen zu beklagen. Bei ihnen kommen zu dem Leid noch Belastungen durch Scham, Furcht, Ablehnung, Zorn und Schuld hinzu. Edwin Shneidman, der als Vater der Selbstmordprophylaxebewegung in den Vereinigten Staaten gilt, hat gesagt:

Der Selbstmörder hinterlässt den Überlebenden sein düsteres Seelengeheimnis: Er verurteilt die Hinterbliebenen zur Auseinandersetzung mit vielen negativen Gefühlen und überdies zu Zwangsgedanken, die darum kreisen, inwieweit sie selbst tatsächlich oder möglicherweise dazu beigetragen haben, dass es zu dem Selbstmord kam, oder ob sie ihn nicht hätten verhindern können. Das kann eine schwere Belastung sein.

Es ist bekannt, dass der Selbstmord eines Angehörigen für jede Familie die am schwersten zu akzeptierende und hinsichtlich einer wirksamen Bewältigung schwierigste Verlustkrise ist.

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