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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Bestattung
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

09.10.2005 15:39
Vom Krematorium zum “Flamarium”? antworten

Vortrag auf der eternity 2001 in Ulm

Vom Krematorium zum “Flamarium”?

Über die historische Entwicklung der Krematoriumsbauten

Dr. Norbert Fischer, Universität Hamburg

In den letzten Jahren hat erstmals seit langem wieder eine öffentliche Diskussion über Feuerbestattung und Krematoriumsbau begonnen. Dazu gab es aktuelle Anlässe, wie die Einweihung des architektonisch ambitionierten neuen Krematoriums Berlin- Baumschulenweg. Im übrigen geht es aber auch um die Privatisierung von Krematorien und um die Enttabuisierung des Einäscherungsvorgangs. All diese Diskussionen stehen im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Umbruch in der Bestattungskultur insgesamt. Dabei gewinnt die Feuerbestattung gegenwärtig immer mehr Bedeutung. Vor allem in den östlichen und nördlichen Bundesländern erreicht der Anteil der Feuerbestattungen inzwischen weit über 50% - in einigen jener Bundesländer, die zum ehemaligen Gebiet der DDR gehören, gar über 80%.

Blicken wir zunächst auf die Anfänge der Feuerbestattung. Der berühmte Schriftsteller Gottfried Keller schrieb im August 1873 in einem Brief: “Auch wird jetzt das Verbrennen der Leichen stark propagiert, und man spricht überall davon, so dass in etwa zehn Jahren wohl alle aufgeklärten Leute sich dieser antiken Bestattung unterziehen werden.” Keller hatte sich unter Einfluß von Ludwig Feuerbach Ideen von Materialismus und Atheismus angenähert und war zum Anhänger der Feuerbestattung geworden – ebenso übrigens wie jene Schriftstellerin Mathilde Wesendonck, die den Mittelpunkt eines illustren gesellschaftlichen Kreises in Zürich bildete (in dem auch Keller verkehrte), als Wagner-Geliebte berühmt wurde und in den 1870er Jahren eine “Kantate über die Feuerbestattung” verfaßte. Mit Johann Jakob Wegmann-Ercolani wirkte übrigens einer der bekanntesten deutschsprachigen Verfechter der Feuerbestattung in Zürich. Wegmann-Ercolani gründete übrigens auch den Züricher Feuerbestattungsverein, zu dessen Vorstandsmitgliedern der Kunsthistoriker, Schriftsteller und 1848er Revolutionär Gottfried Kinkel und der Geologe Albert Heim gehörten. Typisch für das Fortschrittspathos der Feuerbestattungsanhänger sind folgende Passagen Gottfried Kinkels, die er auf dem ersten Europäischen Kongreß für Feuerbestattung in Dresden 1876 hielt: “Diese Idee schläft nicht mehr ein; das Samenkorn, verschüttet, verliert seine Keimkraft nicht, sein Frühling kommt. Es wird irgendwo und irgendwann einmal, und sicher bald, denn die Gefahr ist dringend, ein brennender Fall eintreten: eine Kirchhofsepidemie, die niemand mehr wegleugnen kann, wird in irgendeiner Großstadt Europas die Missionspredigt uns abnehmen.”

Man könnte dies als bloße Anekdoten aus der Geschichte des aufgeklärten Bildungsbürgertums betrachten – wenn nicht in eben jenen Jahren die Idee der Feuerbestattung einen so vehementen Aufschwung genommen hätte und eine grundlegende Zäsur im Umgang mit dem Tod und den Toten eingeläutet hätte. Gerade Deutschland (auch die Schweiz) zählte im internationalen Vergleich zu den Pionieren der Feuerbestattung. Anfang 1884 hieß es voller Optimismus in der ersten Ausgabe von “Die Flamme”, einer künftig monatlich erscheinenden “Zeitschrift zur Förderung der Feuerbestattung im In- und Auslande”: “Die Freunde der Feuerbestattung wollen Niemanden in den Flammenofen nöthigen, aber wenn der Gedanke an die feuchte, kalte Erde und den langsamen Moder uns unerträglich und widerlich erscheinen, so fordern wir in der fakultativen Leichenverbrennung auch f ü r u n s [i. Orig. hervorgehoben] die Freiheit, und da man uns nie beweisen kann, daß unser Gefühl unmenschlich, die von uns erstrebte Form der Bestattung gemeinschädlich, unser Streben ungesetzlich ist, so stehen wir auf einem unerschütterlichen Rechtsboden.”

Mit dem Bau der ersten Krematorien im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts – in der Regel initiiert von privaten Feuerbestattungsvereinen - begann jene Technisierung, die Ausdruck eines pragmatischen Umgangs mit den Toten ist. Die Einführung der Feuerbestattung zeugte von der gesellschaftlichen Dynamik einer säkularisiert-reformorientiertes Vernunftdenken, wie sie sich im Kaiserreich in bestimmten Gruppen des Bürgertums ausbreitete. In ihrem Kern rationalistisch, sollte sie das Bestattungswesen künftig effizienter gestalten. Damit kann die Feuerbestattung als reformerisches Element innerhalb der Geschichte der Bestattungskultur bezeichnet werden – sie bildet gleichsam die technisch-industrielle Variante eines neuerlichen Reformschubs, der ab dem späten 19. Jahrhundert überall in den industrialisierten Ländern zu beobachten war und – später in Deutschland auch unter den Leitbegriffen “Friedhofs- und Grabmalreform” - innerhalb weniger Jahrzehnte das Erscheinungsbild der Friedhöfe grundlegend veränderte.

Zweifellos war Deutschland im internationalen Vergleich das führende Land: Im Zeitraum bis 1915 wurden in Deutschland knapp 80 000 Einäscherungen vollzogen, in Großbritannien dagegen nur rund 15 000.

Immer wieder wurden die praktischen Vorzüge in den Vordergrund gestellt. Bei den Diskussionen um das Mannheimer Krematorium, das schließlich 1901 errichtet wurde, begrüßten die Politiker insbesondere die “außerordentliche Platzersparnis” an Friedhofsgelände durch die Aschenbeisetzung – zumal das infrage kommende Terrain auch als künftiges Bauland galt. Sowohl in Mannheim als auch in Heidelberg wurde der Krematoriumsbetrieb von der Stadt durchgeführt, während sonst ja in Regel private Vereine als Träger auftraten.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele, daß die Krematoriumsarchitektur in der Kaiserreich-Zeit die gesellschaftlichen Irritationen und Spannungen im Umgang mit dem Tod im allgemeinen und der technischen Feuerbestattung im besonderen widerspiegeln. Die äußere Gestaltung der Krematorien Mainz (1903) und Heilbronn (1905) zeigt deutliche sakrale Elemente. Diese und ähnliche Paradoxien offenbarten sich auf recht kuriose Weise beim 1910 eingeweihten Krematorium Gera, das auf Betreiben des neun Jahre zuvor gegründeten örtlichen Feuerbestattungsvereins gebaut wurde. Errichtet auf dem städtischen Ostfriedhof als Jugendstil-Bau, zeigt es mit dem so genannten “Monistenloch” und dem “Kremato-Columbarium System Marsch” zwei jener Kuriositäten, die dokumentieren, wie sehr diese Bauten im Spannungsfeld von Architektur, Kultur, Gesellschaft, Religion und Politik standen. Das “Monistenloch” ist Beispiel für die Konflikte zwischen Feuerbestattung und Kirche. Nach Streitigkeiten um die überkonfessionelle Nutzung setzte die Landeskirche im thüringischen Kleinfürstentum Reuß (jüngere Linie), zu dem Gera damals gehörte, durch, daß für nicht-christliche Bestattungsfeiern ein separater Versenkungsschacht benutzt werden mußte, um den Sarg in den Einäscherungstrakt zu befördern. Die Bezeichnung “Monistenloch” geht auf den Umstand zurück, daß eine der führenden Persönlichkeiten des Geraer Feuerbestattungsvereines zugleich der örtliche Vorsitzende des Deutschen Monistenbundes war. Diese 1906 im benachbarten Jena ins Leben gerufene Vereinigung propagierten eine wissenschaftlich fundierte Welt- und Lebensanschauung.

Im benachbarten Jena war das Krematorium, das durch den örtlichen Feuerbestattungsverein errichtet worden war, bereits 1898 in Betrieb gegangen. Die Stadt hatte immerhin das Grundstück auf dem Nordfriedhof kostenlos zur Verfügung gestellt. Nachdem das Krematorium einige Jahre im Besitz des Vereins blieb (während es von der Stadt verwaltet wurde), ging die Einrichtung 1906 in städtischen Besitz über. Übrigens gab es in Jena zunächst keine Versenkungsanlage, das Krematorium mit der unterirdischen Einäscherungsanlage und die Feierhalle waren voneinander räumlich getrennt, bevor 1909 auch hier eine Versenkungseinrichtung eingebaut wurde.

Jena ist zugleich ein herausragendes Beispiel dafür, wie sehr eine konsequent auf Einäscherungen zielende Politik – sicherlich unterstützt durch das Wirken örtlicher Vereinigungen, wie dem Feuerbestattungsverein und dem bereits erwähnten Monistenbund - das Bestattungsverhalten der Bevölkerung radikal ändern kann. Wie überall, gab es in den ersten Betriebsjahren des Krematoriums nur geringe Einäscherungszahlen – 1898 waren es beispielsweise 21 Verbrennungen, 1899 dann 46. Schon 1910 übertraf die Zahl der Einäscherungen erstmals die der Erdbestattungen. In den 20er Jahren dann wurde die kostengünstige Feuerbestattung in Jena die mit Abstand häufigste Bestattungsart – in den einzelnen Jahren waren Anteile von 80-90% an den Gesamtbestattungen keine Seltenheit. Allerdings sind dies Zahlen, die sich nicht auf ganz Deutschland übertragen lassen. Noch 1932 lag der Anteil der Einäscherungen an der Gesamtzahl der Bestattungen bei nur 8,7% - hier zeigte sich das bis heute bekannte Phänomen, daß die Feuerbestattung vor allem eine Angelegenheit städtischer Kreise ist.

Ein Musterbeispiel für überbordenden Historismus ist das Anfang 1910 offiziell in Betrieb genommene Krematorium in Leipzig – seinerzeit mit seiner dreiteiligen Kapellenanlage und der 800 Personen fassende Hauptkapelle eines der größten in Deutschland. Das auf dem Leipziger Südfriedhof in romantisierendem Stil errichtete, weit ausladende Bauwerk umfaßte auf einer Fläche von rund einem Hektar neben dem den Feier- und technischen Räumen auch Gruftanlagen und eine Urnenhalle. Wie fast überall, war auch hier der Einäscherungstrakt im Untergeschoß angesiedelt. Typisch für die Ambivalenz, mit der man die Feuerbestattung nach wie betrachtete, ist folgende zeitgenössische Beschreibung der drei Feiertrakte: “Die Hauptkapelle und die Ostkapelle haben kirchlichen Schmuck erhalten, weil sie vornehmlich zu Bestattungsfeierlichkeiten für alle christlichen Konfessionen dienen sollen. In der Westkapelle ist jedoch jedweder Schmuck, welcher reinchristliche [sic] Anschauungen wiedergibt, vermieden worden, weil sie für alle Nichtchristen und für jene, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, bestimmt ist.”

Jahrelange polemische Auseinandersetzungen und politisches Tauziehen gab es fast überall dort, wo in der Kaiserreich-Zeit Krematorien entstanden. In Freiburg (Breisgau) zogen sich die Debatten im Stadtrat sechs Jahre lang hin – viele sahen in dem schließlich 1913/14 vollendeten Bauwerk einen Angriff auf die katholische Kirche. Charakteristisch ist eine aus dem Jahr 1912 stammende ““Idealansicht” des Freiburger Krematoriums, das das antikisierende Bauwerk inmitten eines Parks zeigt, der von hochaufragenden Koniferen und einer Wasseranlage geprägt wird. Diese Architekturskizze, die den Stadträten bei der Abstimmung vorlag, sollte die “Natürlichkeit” des vermeintlich grausamen Todes im Verbrennungsofen suggerieren (daß nur kurze Zeit später angesichts des Massensterbens in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs jegliche Romantik versagen mußte, ist ein anderes Thema).

Die Assoziation mit freier Landschaft und Natur, die ja auch die Friedhofsästhetik des späten 19. Jahrhunderts prägte, schien jene Probleme zu mildern, die aus der vermeintlich pietätlosen Verbindung von Tod und Technik resultierten. Auch in einer Broschüre zu Fritz Schumachers Dresdener Krematorium ging man zunächst – statt auf den eigentlichen Zweck – recht emphatisch auf die Einbettung des Gebäudes in die Landschaft ein: “Inmitten des Kiefernwaldes auf dem Gelände südlich des Johannisfriedhofes in Tolkewitz erhebt sich der eindrucksvolle Sandsteinbau der neuen Feuerbestattungsanstalt. ... Die Lage der Anstalt hat zwei besondere Schönheiten. den Eindruck des dichten, dunklen Kiefernwaldes und den Blick auf die freundlichen Ufer der Elbe. Beide sind mit dem Bau in Verbindung gebracht worden. Das Gebäude ist auf dem Gelände so weit zurückgestellt, daß eine lange, dunkelumsäumte Allee, die sich in einem schmalen Wasserbecken spiegelt, auf den Bau zuführt, während rückwärts ein kreuzgangartiger Urnenhof sich mit den Bögen seiner einen Seite auf die freundliche Landschaft öffnet.” Übrigens war das Dresdener Krematorium – wie auch andere – für eine kostenpflichtige Besichtigung durch Gruppen offen.

Auch die Krematoriumsarchitektur veränderte sich, ohne allerdings ihr grundsätzliches Problem der Verbindung von Technik und Trauerkultur zu lösen. Neben dem von Peter Behrens entworfenen, 1907 fertiggestellten Krematorium auf dem Friedhof von Hagen/Westf. war es vor allem das 1911 eröffnete Krematorium von Fritz Schumacher auf dem Friedhof von Dresden-Tolkewitz, das eine Zäsur markierte. Schumacher versuchte, mit einem wuchtig-monumentalen, in sich geschlossen wirkenden Baukörper die Mehrdeutigkeit historistischer Varianten zu überwinden. Er vermied die bis dahin üblichen Anklänge an kirchen- oder tempelähnliche Formen und zielte darauf, die Architektur an der Funktion auszurichten. In seinen Lebenserinnerungen schrieb der Architekt rückblickend über diese Bauaufgabe: “Alle antikisierenden Bauten rangen in oft höchst merkwürdiger Weise mit dem Problem des Schornsteins; sie zeigten sämtlich, daß der Architekt von seiner Feierhalle ausgegangen war und die technischen Bedürfnisse, so gut es gerade ging, in verschämter Weise damit in Verbindung gebracht hatte. Mir wurde klar, daß man zu einer wirklichen Lösung des neuen Bauproblems nur kommen konnte, wenn man ungekehrt von den technischen Bedürfnissen ausging und die Form der Feierhalle ihren Zwängen anpaßte.”

Vielleicht ist diese durchgängige, im gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod begründete Ambivalenz auch der Grund, warum nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland kaum bedeutende Krematoriumsarchitektur geschaffen wurde. Möglicherweise konnten auch Krematorien kein Objekt spektakulärer Entwürfe sein, weil Auschwitz zu nahe war ....

Seit ihrer Einführung im späten 19. Jahrhundert sind Krematoriumsbau und Feuerbestattung vom spannungsreichen, unauflöslich scheinenden Gegensatz zwischen Trauer und Technik geprägt worden. Vielen galt die industrialisierte Einäscherungstechnik als etwas pietätloses, das man – wenn es schon nicht zu verhindern war – tunlichst verbarg. Erstaunlicherweise gilt diese Ambivalenz auch für den ambitioniertesten und mutigsten Krematoriumsbau des späten 20. Jahrhunderts: das 1999 eingeweihte, von Axel Schultes und Charlotte Frank entworfene Krematorium Baumschulenweg in Berlin-Treptow. Es hat das an gleicher Stelle kurz vor dem Ersten Weltkrieg errichtete alte Krematorium ersetzt, das – nach Kriegsbeschädigungen zunächst 1950/52 wiederaufgebaut - 1995 wegen zu hoher Sanierungskosten abgerissen wurde.

Das über 60 Mio. DM teure Krematorium galt bei seiner Einweihung als technisch modernstes in Europa. Die EDV bestimmt die Reihenfolge der Einäscherungen, Roboter bewegen die Särge zu den Einäscherungsöfen, Sarglifts überwinden die Höhenunterschiede. Technisch ist es mit drei Verbrennungsöfen ausgerüstet (erweiterbar auf sechs) und bietet eine Lagerkapazität für 652 Särge. Täglich können knapp 60 Verbrennungen durchgeführt werden.

Architektonisch präsentiert sich das Krematorium als ein ambitionierter Stahl-Sichtbeton-Bau, das den Betrachter zugleich einnimmt und herausfordert. Im Mittelpunkt steht eine monumentale Halle mit 29 Säulen. Runde Fenster im Dach lassen Licht aus elf Metern Höhe einfluten. Von dieser Säulenhalle gehen drei Feierhallen unterschiedliche Größe ab, die sich Vertikal- und Horizontalverglasungen in der so genannten Pfosten-Riegel-Konstruktion auszeichnen. Außen sind dem Bau offene, überdachte Vorhöfe angeführt.

Auch im Detail fehlt es nicht an symbolischer Aufladung. Sand als Zeichen verwehender Vergänglichkeit liegt unterhalb der Wände an den Schwellen, und das über Wasser scheinbar schwebende Ei in der Saalmitte deutet auf Ewigkeit oder auch Wiedergeburt. Der Architekt Axel Schultes, der u.a. das Kanzleramt in Berlin und das Bonner Kunstmuseum entwarf, sprach in einem Interview von “räumlichen Archetypen, die auch Laien eingängig sind wie der Säulenwald der Moschee in Cordoba” und bezeichnete ihn als “Raum für alle und keinen”.

Eben dies drückt aber auch das Manko dieses Bauwerks im speziellen und der Krematoriumsarchitektur im allgemeinen aus. Wie die Unbestimmtheit und Unentschiedenheit des symbolischen Programms zeigt, wird die Auseinandersetzung mit dem technisierten Tod verdrängt. Insofern kann man zwar feststellen, daß sich das Architektur- und Bildprogramm der Krematorien seit dem späten 19. Jahrhundert geändert hat. Geblieben ist jedoch auch bei einem so ambitionierten Bau wie am Baumschulenweg der Versuch, den eigentlichen Zweck des Gebäudes zu architektonisch eskamotieren, Technik und Trauer zu separieren.

So steht denn auch der fortschrittlichen Technik ein traditionelles “Konzept” für Trauerfeiern gegenüber. Wie auch bisher, wird der Leichnam am südlichen (Hinter-) Eingang angeliefert, die Trauergäste dagegen fahren am Hauptportal vor. Erneut, wie schon zu Zeiten der Reformarchitektur Fritz Schumachers, wird Feierlichkeit durch Monumentalität angestrebt – wenn auch puristischer als im ersten Jahrhundertdrittel.

Eine ganz andere Konzeption bietet das sogenannte “Flamarium”, das auf Ideen zurückgeht, welche innerhalb des Feuerbestattungsfördervereins e.V. in Halle/Saale entwickelt wurden . Hier sollen die Abläufe der Feuerbestattung gänzlich verändert werden. Im Hintergrund steht das bereits angesprochene Manko, daß bislang ein wesentliches Element der Feuerbestattung, nämlich die Einäscherung, in einem verborgenen, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Trakt des Krematoriums vollzogen wurde. Damit läuft dieser technische Vorgang Gefahr, als Akt einer bloßen “Abfallbeseitigung” zu gelten. Die Idee des “Flamariums” nun zielt darauf, auch diesen Vorgang in die Bestattungs- und Trauerrituale einzubinden. In einem Exposé, das anläßlich eines Symposiums in Halle/S. (10. Nov. 2000) erstellt wurde, wurde gefordert, der Technik eine untergeordnete, dienende Funktion zuzuweisen und das Ritual wieder in den Mittelpunkt zu rücken – auch bei der eigentlichen Einäscherung. Wörtlich heißt es: “Die eigentliche Feuerbestattung ist in das öffentliche Ritual einzubeziehen.”

Eine erste konkrete Realisierung solcher Vorstellungen läßt sich sowohl beim Krematorium in Halle/S. als auch beim derzeit im Bau befindlichen Krematorium im rheinischen Brauweiler beobachten.

Informationsquelle: http://www.postmortal.de/Diskussion/Vort...ernity2001.html

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