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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Wissenswertes zum Hospiz und zur Hospizarbeit
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

09.10.2005 00:16
Der Helfer und Begleiter antworten

Der Helfer und Begleiter

Alle Beteiligten - die Sterbenden, ihre Angehörigen und die beruflichen Helfer leiden darunter, daß das Sterben in der heutigen Zeit aus dem Erleben vieler Menschen ausgeklammert ist.

Zwei Drittel aller Menschen sterben im Krankenhaus, viele im Altenheim, andere eher einsam zu Hause. Die Begleitung eines Sterbenden durch seine ganze Familie ist nur noch in Gebieten mit geschlossener Tradition zu erleben. Einem Menschen, der heute in der Stadt aufwächst, begegnet der Tod nur in den seltensten Fällen mitten im Leben. Viele von uns sind bereits im mittleren Erwachsenenalter, wenn sie beim Tod eines Eltern- oder Großelternteils erstmals mit dem Sterben in Berührung kommen.

Es gibt verschiedene Erklärungen für diese Entwicklung: der Trend zur Kleinfamilie, die verlängerte Lebenserwartung und die Leidensunfähigkeit in der heutigen Zeit haben jeweils einen Anteil daran. Die Folgen dieses Erlebnisdefizites müssen uns nachhaltig beschäftigen: Wir spüren allenthalben "eine eigentümliche Verlegenheit der Lebenden in der Gegenwart eines Sterbenden" (Norbert Elias). Nur wenige Menschen sind spontan in der Lage, mit Sterbenden ruhig, aufmerksam, undramatisch, eben menschlich umzugehen. Die Erfahrung, daß und wie man mit Sterbenden reden und sie umarmen kann, ist uns nicht auf natürliche Weise überliefert worden.

Das gilt genauso oder gar in besonderem Maße für berufliche Helfer. Sie werden häufig in Krankenhäusern oder Altenheimen zum ersten Mal mit Sterben und Tod konfrontiert. Nicht selten erkennen sie in dieser Situation, daß die "erfahrenen" Kollegen ebenfalls Mühe haben, damit angemessen umzugehen. Diese Mitarbeiter verbergen ihre Unsicherheit manchmal hinter einer besonders harten, routiniert oder abgebrüht erscheinenden Haltung. Sie geben den fragenden jungen Kolleginnen und Kollegen meist nur den Rat, "nicht mit jedem Sterbenden mitzusterben, wenn man im Pflegeberuf alt werden wolle", und sagen zum Trost nur, daß "jeder durch diese Erfahrung mal hindurch müsse". Aus Furcht davor, von der Situation überwältigt zu werden, gehen viele Mitarbeiter auf Distanz und entziehen sich der Begleitung. Wenn aber ein neuer Kollege seine Gefühle ausdrückt, gar offen weint, ist das für viele - auch Vorgesetzte - ein Grund, an seiner Berufstauglichkeit zu zweifeln.

Es sollen an dieser Stelle und im folgenden keine Vorwürfe verteilt werden. Das geschilderte Verhalten hat Gründe, die nicht nur von den Mitarbeitern in Heimen und Krankenhäusern zu verantworten sind. Um diesen auf die Spur zu kommen, müssen wir noch weitere Verhaltensweisen betrachten. Dann können wir auch nach Alternativen und Unterstützungsmöglichkeiten fragen.

5 Begleitung Sterbender und Trauernder

Tatsache ist, daß geklagt wird "über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen" - so der Titel eines Buches von Norbert Elias - und daß diese Klagen mit Beobachtungen zu belegen sind: Mitarbeiter in der Pflege brauchen länger, bis sie bei einem Sterbenden "auf die Klingel gehen", und sie verlassen das Zimmer auch schneller wieder als bei anderen Bewohnern. Das Verhalten vieler Helfer im Umgang mit Sterbenden drückt Unsicherheit und Ängste aus, Gefühle, die diese Mitarbeiter auch manchmal im Gespräch äußern. Solches Unbehagen ist keine gute Basis für Sterbehilfe oder gar Sterbebegleitung im oben beschriebenen Sinne.

5.3.1 Die Probleme der Helfer

Die Schwierigkeiten, die viele Helfer am Sterbebett haben, können folgendermaßen aufgegliedert und beschrieben werden:

1 . Zunächst empfinden die Helfer - wie fast jeder Mensch - in der Begegnung mit Leid, Sterben und Tod Gefühle, die nicht so einfach zu kontrollieren oder gar zu verarbeiten sind. Mit dem vielfachen Sterben in der Alten- und Krankenhilfe können sie aber nur leben, wenn sie Gelegenheit erhalten, ihre Gefühle auszudrücken und dafür Verständnis erfahren.

2. Gerade diese Möglichkeiten werden aber häufig vermißt, weil kaum jemand geübt ist, über seine Empfindungen im Zusammenhang mit Sterben und Tod zu reden und weil viele Mitarbeiter Scheu haben, ihre Gefühle zu zeigen.

3. Dennoch spüren viele Helfer, daß sie ihren Willen zur Hilfe nicht angemessen umsetzen. Sie wollen noch etwas tun und wissen nicht was. So bleibt am Ende das Gefühl, etwas versäumt oder gar falsch gemacht zu haben. In der Pflege und Begleitung Sterbender scheint es fast nur Niederlagen und kaum "Erfolge" zu geben. Solche Erfahrungen verstärken die Befürchtungen vor dem nächsten Fall, und es kommt im Erleben vieler Helfer zu einem Teufelskreis aus Angst, Hemmung, Unzufriedenheit und wiederum verstärkter Angst.

So ertragen manche Mitarbeiter die Pflege sterbender Bewohner/Patienten nur mittels harter Kontrolle oder sogar Abwehr ihrer Gefühle. Die Abwehr wird deutlich in vielen überflüssigen Aktivitäten am Sterbebett: Hin- und Herlaufen, zu laute oder zu leise Stimme, Pflegemaßnahmen, die nicht sein müssen, Hektik.

Damit geht man der Konfrontation mit den eigenen Gefühlen und zugleich dem Sterbenden aus dem Weg. Denn viele Helfer haben vor allem Angst davor, mit dem Sterbenden in ein Gespräch über dessen Sterben verwickelt zu werden. Sie befürchten Fangfragen, die ihnen die " Wahrheit" entlocken. Sie mögen sich mit solchen Dingen nicht befassen, weil sie unter Umständen dem Sterbenden keine Antwort mehr geben können. Gleichzeitig spüren sie Unbehagen oder gar Schuldgefühle, weil sie nicht offen oder ruhig mit den Sterbenden reden und auf

deren Probleme eingehen können. Die Mitarbeiter wissen, daß sich einiges ändern muß - in ihrem Verhalten, in der Atmosphäre der Einrichtungen, in denen sie beschäftigt sind und schließlich auch in der Umwelt, denn, so formuliert eine Altenpflegerin: "Wenn mit dem Leben im Sterben etwas nicht stimmt, dann stimmt auch etwas mit der Art zu leben nicht" (nach Schmitz-Scherzer).

5.3.2 Hilfen für die Helfer

Diese Probleme der Helfer machen Veränderungen nötig:

Erstens müssen die Mitarbeiter etwas an sich selber tun, denn niemand, der Sterbende angemessen begleiten will, kommt an der eigenen Auseinandersetzung mit Tod und Sterben vorbei. Diese Auseinandersetzung geschieht im täglichen Dienst. Was der Begleiter dabei erfährt und für sich gewinnen kann, hängt nicht zuletzt ab von seinen Erwartungen an sich selbst, von seinen eigenen Maßstäben und Zielen für die Sterbebegleitung.

Es gilt also zweitens Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen, die Möglichkeiten auszuschöpfen und die Grenzen zu akzeptieren.

Das gelingt aber drittens nur im Zusammenwirken mit anderen. Auch der Begleiter braucht Begleiter. Sie können seine Wahrnehmung der Situation erweitern, gegebenenfalls korrigieren, und sie können ihn unterstützen, wenn er einsehen muß, am Ende zu sein. Sterbebegleitung verlangt ein Team, in dem man einander vertraut. Der Mittelpunkt dieses Teams ist der Sterbende.

5.3.2.1

Das eigene Verhältnis zu Tod und Sterben

Wer mit Sterbehelfern aller möglichen Berufe zusammenarbeitet und nach den Voraussetzungen für Sterbebegleitung fragt, hört oft, der Begleiter "müsse erst einmal die Tatsache, daß auch er sterblich sei, verarbeitet haben". Fällt diese Forderung in einer Gesprächsrunde, dann reagieren viele Teilnehmer darauf erschreckt, resigniert oder zumindest mit Staunen.

Denn wer ist mit seiner Sterblichkeit schon endgültig fertig, wer kann jeden Tag "mit seinem Sterben leben"? Sicher gilt die Forderung insoweit, daß man sich als Begleiter mit Tod und Sterben auch in bezug auf die eigene Person beschäftigen muß. Aber diese Beschäftigung ist kaum zu einem endgültigen Abschluß zu bringen. Zumal manche Psychologen und Philosophen behaupten, daß es gerade eine Eigentümlichkeit des Menschen sei, bis zum letzten Lebenstag von seiner eigenen Unsterblichkeit überzeugt zu sein: "Sterben müssen nur die andern". Auch diese Behauptung scheint übertrieben, sie trifft aber insofern zu, als es für uns Menschen schwer vorstellbar und schwer zu ertragen scheint, daß unser Leben nicht endlos dauert. Wir mögen es nur ungern wahrhaben, daß unser Tun und unsere Beziehungen vorläufig sind. Schon im Psalm 90 heißt es:

Laß uns erkennen, wie kurz unser Leben ist, damit wir zur Einsicht kommen." Auch die Bibel weiß um die menschliche Neigung, die Gedanken an das Lebensende zu verdrängen.

Die Begegnung mit einem sterbenden Menschen rückt solche verborgenen Ängste zurück ins Bewußtsein. So ist es nicht verwunderlich, daß eine Konfrontation mit Sterbenden neben Mitleid beim Helfer auch Unbehagen auslöst. Daraus folgt nicht, daß jeder Helfer den Tod so weit in sein Leben integriert haben müßte, bis seine Aufregung im Angesicht eines Sterbenden vollständig verschwände.

Wer jedoch mit offenen Augen mit Sterbenden leben will, muß den Gedanken an den eigenen Tod ertragen können.

Ein gewisses beunruhigendes Gefühl darf dann bei der Begegnung mit einem sterbenden Menschen ruhig vorhanden sein, es gehört vielmehr sogar notwendigerweise zur Sterbebegleitung hinzu. Dieses Gefühl mag sich bei manchem in Ehrfurcht statt in Angst verwandeln. Denn Sterben ist kein alltäglicher Teil des Lebens, sondern die Zeit, in der die Endgültigkeit einer Existenz näherrückt. In dieser Situation ist eine gewisse Beklemmung, die zur Ehrfurcht wird vor dem, was der Sterbende erlebt, ein angemessenes Gefühl.

Ob die Aufregung sich zur Angst entwickelt, die den Begleiter lähmt oder zum Einfühlungsvermögen, das ihn beflügelt, wird mit davon abhängen, welche Erlebnisse der Begleiter bisher in der Begegnung mit Tod und Sterben hatte und wie er die Erfahrung bearbeiten konnte, daB er in der Sterbebegleitung nicht mehr alles "in der Hand hat".

5.3.2.2 Möglichkeiten und Grenzen erkennen und zulassen

Sterbebegleitung verlangt vom Helfer vor allem eine Entscheidung, wo er etwas zu tun hat und wo er akzeptieren muß, daß für ihn die Grenze des Möglichen erreicht ist. Stellen wir noch einmal zusammen, welche Tätigkeiten für den Helfer möglich oder gar dringend geboten sind:

- Er muß einen sterbenden Menschen nach besten Kräften pflegerisch versorgen.

- Er kann in Zusammenarbeit mit dem Arzt Schmerzen und zusätzliche Qualen vermeiden oder wenigstens lindern.

- Er kann in manchen Angelegenheiten der "verlängerte Arm" des Sterbenden sein.

- Er kann hörender Partner sein, wenn der Sterbende nach der Bedeutung des Schicksals sucht.

- Er kann verhindern, daß der ihm anvertraute Mensch verlassen stirbt.

- Er kann überflüssiges Leid verhindern.

Aber:

- Er kann Schmerzen nicht völlig wegnehmen, es sei denn um den Preis der Bewußtlosigkeit.

- Er kann keine Versöhnung zwischen dem Sterbenden und den Angehörigen erzwingen.

- Er kann keinem Menschen beantworten, warum dieser sterben muß oder noch nicht sterben kann.

- Er kann kein Schicksal erklären und über keines verfügen.

- Er kann kein Sterben verhindern, aber auch keines beschleunigen (vgl.

5.4.3.3).

- Er kann nicht mit einem anderen Menschen sterben und nicht für ihn sterben.

Gerade in der Sterbehilfe werden die Grenzen menschlicher Hilfeleistung - oft bis zur Unerträglichkeit - deutlich. "Da muß man doch noch etwas tun ...", sagen die Helfer und klagen die Angehörigen, die machtlos das Sterben eines lieben Menschen miterleben, aber sie können nichts mehr tun. Denn zuletzt stirbt jeder Mensch unvertretbar selbst und allein.

Ob ein Mensch "friedlich" stirbt oder nach längerem Kampf, ob zuversichtlich, voller Auflehnung oder resigniert, das hat auch mit seiner bisherigen Lebensgeschichte zu tun.

Zwar gestalten die Helfer die Bedingungen mit, unter denen ein Mensch sein Sterben lebt - was sie da tun können, hatten wir unter dem Punkt "Bedürfnisse" (vgl. 5.2) bereits ausgeführt. Aber die Güte der Hilfe kann nicht an der Form des Todes des anvertrauten Menschen abgelesen werden. Ein sanfter Tod ist nicht unbedingt ein Verdienst der Helfer und ein schwerer Tod nicht deren Versagen, sondern kann auch damit zusammenhängen, wie gut - oder wie schlecht - ein Mensch sein Leben vollendet hat. Es kommt der Zeitpunkt, da ist die Pflege, die Betreuung abgeschlossen, da hat der Helfer nichts mehr zu tun, was nicht bedeutet, daß er dann überflüssig sei. Aber dann ist der Helfer nicht mehr mit seinem Handwerkszeug gefragt (ob das nun die Spritze des Arztes, das Fieberthermometer der Pflegerin oder das Gebetbuch des Pfarrers ist), sondern nur noch als Person, die einfach da ist, ohne etwas zu tun.

Sterben bedeutet auch für den Helfer oder den Begleiter letztlich ein Lassen. Der Sterbende überschreitet eine Grenze, die den Begleitern noch verschlossen ist:

Er entzieht sich ihnen oder wird ihnen entzogen. Für den Helfer kommt es deshalb darauf an, diese Grenze anzuerkennen, den Übergang vom Tun zum Lassen zu begreifen und zu erkennen, wo er nicht mehr als kompetenter Helfer , sondern als stiller Begleiter gefordert ist. Er läßt damit dem sterbenden Partner

den notwendigen Raum und bewahrt sich selbst vor der Überforderung durch unerfüllbare Ansprüche, die ihm eine aufmerksame und wirkungsvolle Hilfe dort, wo sie notwendig ist, unnötig erschwert.

5.3.2.3 Entlastung und Unterstützung erfahren

Der wichtigste Schritt, den der Helfer zu seiner eigenen Entlastung vollziehen kann, wurde schon genannt: Er muß versuchen, sich selbst aus der Mitte des Geschehens zu nehmen. Viele Mitarbeiter stehen gerade in der Sterbebegleitung sich selbst im Wege. Sie verspüren einen hohen Druck, etwas für den sterbenden zu tun. Und dieser Druck führt zu rastloser Tätigkeit, denn er wird noch verschärft durch die Angst, am Ende nicht alles gesagt oder getan zu haben und nichts mehr gutmachen zu können.

Einem solchen Druck kann man sich als Helfer entziehen, wenn man sich klar macht, daß es zunächst auf den Sterbenden ankommt und der auf irgendeine Weise deutlich machen wird, was er benötigt oder eben nicht braucht. Der Helfer, der pausenlos hektisch umherschaut, wo noch etwas fehlt, ob noch etwas zu tun ist, ob der Bewohner vielleicht nochmals umgelagert werden müßte etc., übersieht die Zeichen, mit denen der Sterbende ausdrückt, was ihm wirklich fehlt.

Ebenso kann der Gesprächspartner, der voller Verzweiflung ständig nach den passenden tröstenden Worten sucht, mit denen er alle Nöte auflösen kann, und der Angst davor hat, eine Antwort schuldig bleiben zu müssen, gar nicht offen hören, was der Partner überhaupt sagt. Er bekommt nicht mit, ob der Sterbende auf seine Fragen überhaupt eine Antwort verlangt, und er wird in seiner Verkrampfung auch nicht den spontanen Satz finden, der den sterbenden Partner wirklich tröstet.

Nur der Helfer kann wirklich auf den Sterbenden eingehen, der den Gedanken aufgibt, Trost und Hilfe durch Leistung erzwingen zu können, und der lernt, sich als Begleiter dem Sterbenden anzuvertrauen. Entlastung beginnt also mit dem Verzicht darauf, ständig etwas produzieren zu müssen, und mit der Erkenntnis, daß in manchen Situationen das bloße Dasein ausreicht.

Zur Entlastung gehört aber noch mehr: Jeder Helfer soll auch an sich selbst denken. Dabei spielen die Ansprüche eine Rolle, denen ein Helfer sich selbst unterstellt: Eine gute Begleitung braucht nicht eine pausenlose Begleitung zu sein. Der Begleiter darf einen Sterbenden allein lassen, wenn er nur die Sicherheit vermittelt, in absehbarer Zeit wiederzukommen. Wenn der Tod gerade in diesen Minuten eintritt - was öfter zu beobachten ist und bei manchen Helfern Schuldgefühle auslöst -, entsprach das vielleicht dem Wunsch des Sterbenden, den letzten Schritt ohne Begleitung zu gehen. Außerdem kann von keinem Begleiter erwartet werden, rund um die Uhr am Bett auszuhalten, ohne sich eine Tasse Kaffee, etwas frische Luft oder eine Stunde Schlaf zu gönnen. Wenn sich mehrere Helfer ablösen - gegebenenfalls unter Einbeziehung der Angehörigen sollte natürlich auf die Wünsche des Sterbenden Rücksicht genommen werden, aber auch er wird Verständnis dafür haben, daß die Begleiter Pausen benötigen.

Entlastung sollte also durch Zusammenarbeit geschehen.

Es ist weiterhin wichtig, daß sich die Mitarbeiter untereinander Gefühlsäußerungen zugestehen. Wenn auch die professionellen Helfer zu ihren Gefühlen stehen und diese auch ausdrücken können, verbessert das die Atmosphäre auf einer Station und damit die Möglichkeit der Sterbebegleitung ganz wesentlich. In belastenden Situationen, wie sie die Pflege und Begleitung Sterbender nun einmal häufig darstellt, kann gerade das Zugeben von Belastung und Schwäche Stärke beweisen. Das setzt aber eine vertrauensvolle Atmosphäre im Team voraus, wo sich jeder darauf verlassen kann, daß seine Regungen nicht mißverstanden und schon gar nicht mißbraucht werden. Denn wer Gefühle zuläßt und zugibt, macht sich verletzbar. Aber nur wer verletzbar bleibt, bleibt letztlich menschlich.

Eine vertrauensvolle Stimmung im Team entsteht allerdings nicht von selbst, sie bildet sich nur, wenn einzelne mit vertrauensbildenden Maßnahmen anfangen. Zu solchen Maßnahmen gehört auch die Aufmerksamkeit gegenüber Kollegen, die nicht von vornherein als besonders sympathisch oder offen erscheinen. Jeder braucht das Gefühl, so, wie er ist, von den anderen wahr- und angenommen zu werden. Dann fällt es ihm meist leichter, für andere - Mitarbeiter oder Bewohner - Verständnis zu zeigen.

Wir stellen die Möglichkeiten der Entlastung und Unterstützung noch einmal in fünf Leitlinien zusammen:

1. In einem funktionierenden Team muß es darum gehen, Beobachtungen und Erfahrungen miteinander zu teilen. Besonders bei der Begleitung von Menschen, die nicht mehr sprechen, kann jeder Mitarbeiter durch Mitteilung seiner Wahrnehmungen den Kollegen wertvolle Hinweise für eine angemessene Pflege geben.

2. Entlastende Zusammenarbeit umfaßt die Bereitschaft, einander abzulösen.

Es gibt zu denken, wenn in manchen Teams eine Mitarbeiterin für alle Sterbenden zuständig ist. Dann bleibt den Bewohnern keine Möglichkeit mehr, ihre Begleiterin selbst zu wählen. Andererseits muß man sich fragen, ob die Kollegen in diesem Fall ihre Aufgaben umgehen und sogar froh darüber sind, ihre "Spezialistin" gefunden zu haben oder ob umgekehrt die betreffende Kollegin den anderen nichts zutraut? Selbst wenn ein Mitglied des Teams besonders einfühlsam mit solchen Situationen umgehen kann, ist es wichtig, daß er/sie die Kollegen an dieser Erfahrung teilhaben läßt.

3. Es ist eine klare Aufteilung der Aufgaben notwendig. Der Begleiter, der sich besonders um einen Sterbenden kümmert, muß in dieser Zeit von den

anderen dienstlichen Aufgaben entlastet werden und sich darauf verlassen können, daß ihm die Kollegen auch wirklich "den Rücken freihalten".

4. Auch die Begleiter benötigen Begleitung. Sie brauchen zunächst Menschen, bei denen sie ihre Gefühle "abreden" können, besonders in schwierigen Situationen, wenn ein Mensch, der schwer stirbt, mit seinem Leiden, mit seinen Fragen und Anklagen auch die Begleiter in Frage stellt. Es empfiehlt sich, die Entlastung im Team zu leisten, um zu vermeiden, daß die Mitarbeiter jede Belastung und jede Erregung mit nach Hause nehmen müssen.

Manchmal wird eine schlaflose Nacht als Reaktion auf die Erlebnisse in der Pflege unvermeidlich sein. Auf Dauer müssen die Helfer aber ihre Kräfte erneuern können, denn sie werden auch von anderen Bewohnern in Anspruch genommen und brauchen Kraft für ihr Privatleben. Wenn diese Kraft auf längere Zeit völlig durch den Dienst aufgezehrt wird, sind schließlich auch die Vorgesetzen zur Unterstützung aufgefordert.

5. Pflegedienstleiter, Heimleitung oder Träger können zumindest Möglichkeiten der Praxisberatung zur Verfügung stellen. Meist hängt es also nicht allein von den einzelnen Mitarbeitern ab, ob Menschen in einem Heim in Würde sterben können. Mitentscheidend ist es, welchen Wert die Leitung dem Dienst der Begleitung zumißt, welche Spielräume den Mitarbeitern eröffnet und welche Unterstützungen ihnen gewährt werden.

Am Schluß dieses Kapitels muß nochmals daran erinnert werden, daß auch die Betroffenen, die sterbenden Menschen, Hilfen geben können. Sie leben ihr Sterben. Oft können sie für viele Fragen und Probleme der Helfer die Rolle der Lehrmeister übernehmen.

5.3.3 Vier Fragen zur Zusammenfassung

In den vorangegangen Kapiteln haben wir grundsätzliche Überlegungen zur Situation des Sterbenden und seiner Begleiter dargelegt. Um die Antworten auf viele spezielle Fragen, die in diesem Zusammenhang immer wieder gestellt werden, wie "Was ist von Sterbekliniken zu halten?" oder "Wie vermittelt man sterbenden Menschen die Wahrheit über ihre Lage?" leichter finden zu können, müssen wir uns mit diesen Grundfragen auseinandergesetzt haben. Darum sei das Wichtigste aus diesen ersten Kapiteln hier noch einmal knapp zusammengestellt:

1. Sterben ist der letzte Lebensabschnitt eines Menschen. Für die Begleiter stellt sich dazu die Frage:

- Worauf kommt es für den sterbenden Menschen jetzt an?

- Was hilft ihm, im Sterben besser zu leben?

2. Ein sterbender Mensch setzt sich immer mit seiner Situation auseinander. Er versucht, die Bedeutung seines Lebens und Sterbens zu finden. Darum lautet die Frage für die Begleiter:

- Fördern wir mit unserem Tun, unseren pflegerischen Entscheidungen oder unserem Dasein diese Auseinandersetzung, oder stören wir sie?

3. Die Aufgaben der Helfer sind gute und behutsame pflegerische Versorgung und einfühlsame Begleitung. Dabei können verschiedene notwendige Maßnahmen in Widerspruch zueinander geraten (z.B. Ruhe und Körperpflege oder Geborgenheit im Heim und medizinische Versorgung zu Hause). Die Leitfrage für die Helfer muß lauten:

- Geht es bei unseren Entscheidungen um die Anliegen des Sterbenden, oder versuchen wir vor allem für unsere Schwierigkeiten einen Ausweg zu finden?

4. Viele Helfer erleben einen - häufig selbstgemachten - Druck, etwas zu tun.

Darum gehört zu jeder Pflegehandlung die Frage:

- Ist es wirklich notwendig, daß ich jetzt etwas unternehme, etwas sage, etwas ändern will? Oder bin ich nur deshalb so aktiv, weil ich als Helfer die Situation nicht mehr ertragen kann?

Mit diesen vier Leitfragen im Hintergrund kann sich jeder Helfer am Sterbebett auf alle entsprechenden Schwierigkeiten einlassen.

5.4 Spezielle Probleme

5.4.1 Der richtige Ort zu sterben

Der Ort, an dem ein Mensch stirbt, spielt für ihn eine wichtige Rolle: Weil Sterben ein Gang in die Ungewißheit ist, kann die vertraute Umgebung dabei Halt vermitteln, so daß der Sterbende nicht zu viel Kraft aufwenden muß, um sich in einer unbekannten Umgebung zu orientieren. Es gilt also die Grundregel: Der angemessene Ort zum Sterben ist für die meisten Menschen dort, wo sie zuletzt gelebt haben. Das kann in vielen Fällen auch das Heim oder gar das Krankenhaus sein. Probleme tauchen auf, wenn für die letzten Lebenstage noch ein Wechsel der Umgebung notwendig zu werden scheint, es sei denn, es geht in die vertraute heimische Umgebung zurück. Dabei sind folgende Situationen zu unterscheiden :

1. Vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen werden in Krankenhäusern Menschen zu Pflegefällen erklärt und für die letzten Tage in ein fremdes Pflegeheim verlegt. Dort kennen sie weder die Räumlichkeit noch einen Menschen. Umgekehrt sind auch sie den Helfern unbekannt, zumal wenn die Vorbereitung und die begleitende Information bei einer solchen Übersiedlung dürftig ausfallen. Das bringt zunächst die Mitarbeiter des Heimes in eine schwierige Situation: Sie müssen sich häufig auf einen letzten Dienst in Form der Grundpflege und der Vermittlung von etwas Geborgenheit beschränken.

Für die Betroffenen selbst ist diese Verlegung eine unnötige körperliche und psychische Quälerei. Hier sind die Krankenhausträger zu fragen, ob sich nicht trotz Kostendruck Lösungen finden lassen, die die elementaren Lebens- und Sterbebedürfnisse dieser Patienten berücksichtigen. Als Ausweg bieten sich an: Eine Versorgung ohne Therapie im vertrauten Krankenhausbett oder eine Verlegung nach Hause bei gleichzeitiger Vermittlung ambulanter Hilfen für die Angehörigen.

2. Der umgekehrte Fall bereitet noch größere Schwierigkeiten: Oft zwingt eine akute gesundheitliche Krise eines sterbenden Bewohners zur raschen Entscheidung, ob eine Einweisung vom Heim oder von zu Hause aus ins Krankenhaus notwendig ist. Es kann einen wichtigen Dienst für den Sterbenden bedeuten, ihm im Krankenhaus mit bester medizinischer Versorgung noch einmal aufzuhelfen, weil er sein Leben innerlich noch nicht beendet hat.

Die Verlegung kann aber auch zur unnötigen Qual werden, weil so das Sterben erneut hinausgezögert wird und der Sterbende die Geborgenheit der vertrauten Umgebung entbehren muß. Medizinische Notwendigkeit und Gesamtwohl des Menschen sind miteinander abzuwägen.

Die Entscheidung trifft und verantwortet der beigezogene Arzt. Aber die pflegerischen Mitarbeiter tragen ihren Teil dazu bei. So spielt meist bereits die Entscheidung eine Rolle, ob bei einer akuten Krise der Hausarzt des Bewohners oder ein Notarzt gerufen wird. Der auf Notfallmedizin spezialisierte Notarzt wird eher für den Einsatz aller Mittel und für die Einlieferung ins Krankenhaus entscheiden, der Hausarzt kennt die Gesamtsituation des Bewohners und kann vielleicht verantworten, dem Sterbenden weitere BeIastungen zu ersparen. Dabei ist aber auch er auf die Einschätzung der Lage und der Wünsche des Sterbenden durch die anderen Helfer angewiesen.

In einer solch schwierigen Frage verlangt jeder Einzelfall eine eigene abgewogene Entscheidung, es kann niemals der einen oder anderen Sichtweise generell der Vorzug gegeben werden.

3. Dagegen gibt es eine klare Regel zur Frage der Verlegung innerhalb eines Heimes in der Endphase des Lebens: Die Auslagerung des Bewohners aus dem gewohnten Zimmer in ein sogenanntes Sterbezimmer, ins Bad oder gar in eine Abstellkammer ist eine in jedem Fall zu vermeidende Belastung, die

der menschlichen Würde eines Sterbenden nicht gerecht wird. Begründet wird die Maßnahme häufig damit, der Bewohner bekomme das doch gar nicht mehr mit.

Ein sterbender Mensch erfährt aber, auch wenn er bewußtlos ist, immer noch einiges über seine Umwelt. Außerdem ist Bewußtlosigkeit kein Grund, einem Menschen die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse {hier Sicherheit und Achtung) zu verweigern Der Ort, an dem ein Mensch zuletzt lebte, soll auch der Ort seines Todes sein. Ist das Sterben für die Zimmernachbarn nicht erträglich, so wird sich für diese ein Ausweichquartier finden lassen. In vielen Fällen sind auch die Nachbarn von sich aus bereit, beim Sterbenden zu bleiben und ihn zu begleiten. Es versteht sich von selbst, daß auch sie in dieser Zeit vermehrte Aufmerksamkeit und Zuwendung benötigen.

Die Einrichtung eines "Sterbezimmers" macht letztlich nur die Verbannung des Sterbens und der Sterbenden durch die Überlebenden deutlich. Menschliche Sterbebegleitung verlangt, den Sterbenden am Leben teilhaben zu lassen und die Lebenden am Sterben teilnehmen zu lassen.

Quelle: Orientierungen zur ganzheitlichen Altenpflege

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