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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Religiöses zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

07.10.2005 22:54
Alte Bräuche antworten

Alte Bräuche

Am Sterbebett:
Unmittelbar nach Eintritt des Todes ein Fenster öffnen, damit die Seele hinausfliegen kann.
Augen, Mund schließen, Gesicht bedecken, damit der Tote Ruhe hat und niemanden nachholt.

Im Trauerhaus:
Die Leiche wird aufgebahrt, gewaschen, gekleidet, geschmückt, bewacht.
Alt ist der Brauch, den Toten auf die Erde zu legen, auf Stroh.
Die Totenwache ist wohl dadurch entstanden, daß man glaubte, in einem Sterbehaus nicht schlafen zu dürfen, weil man sonst nachstirbt und aus dem Gefühl heraus, den Toten "bewachen" zu müssen, vor Gefahren, die dem Toten von Dämonen und vom Teufel drohen, aber mehr noch die Lebenden vor den Gefahren zu schützen, die vom Toten ausgehen.
Geweihte Kerzen werden neben dem Toten aufgestellt, die nicht verlöschen dürfen, solange der Tote im Haus ist, sie müssen niederbrennen.
Alle Spiegel werden verhängt oder umgedreht. Wenn eine Leiche sich spiegelt, folgt ein weiterer Todesfall. Oder der Tote erscheint als Geist. Oder der Spiegel stirbt ab.
Alle Uhren werden angehalten. Der Tote findet sonst seine Ruhe nicht. Der Verstorbene hat das Zeitliche verlassen. Die genaue Todeszeit kann später festgestellt werden. Die Uhr geht sonst später nicht mehr genau.
Alles im Haus, auch die Tiere, müssen geweckt werden, die Blumenstöcke aus dem Zimmer gebracht, die Möbel, vor allem die des Toten, gerückt. Dies wurde häufig mit dem Totansagen verbunden, d.h. nicht nur die Nachbarn wurden von dem Todesfall in Kenntnis gesetzt, sondern auch das Vieh, die Pflanzen und Gegenstände.
Alles Wasser soll ausgegossen werden, weil die Seele durchs Wasser geht und auch das Feuer muß ausgelöscht werden.
Alle nicht notwendige Arbeit soll unterlassen werden, nichts waschen, spinnen, kein Brot backen. Das nötige Essen bringen Nachbarn ins Trauerhaus.
Nach dem Hinaustragen der Leiche werden die Möbel umgestürzt, das Feuer ausgelöscht, das Wasser ausgeleert, die Türen verschlossen (während die Leiche noch im Haus war, durfte die Tür nie verschlossen sein), das Haus wird gereinigt.

Am Grab/bei der Beerdigung:
Früher waren Gräber Kultstätten, auf denen den Toten Opfer gebracht wurden.
Grabbeigaben: Licht, Wärme, Speisen.
Lieblingsgegenstände, Blumen (keine stark duftenden), Brief, geweihte Dinge, Dinge, die mit der Leiche in Berührung gekommen sind, 1 Münze.
Lichter:
Bis zum Dreißigsten läßt man die ganze Nacht ein Armenseelenlicht brennen.
Lichter aufs Grab stellen.
Alle Angehörigen müssen sich beim Zuschütten des Grabes beteiligen.
Davon rührt noch unsere Handvoll Erde her und der Satz "Möge dir die Erde leicht sein".
Später gab es dann den Glauben, daß bald jemand aus der Familie stirbt, wenn Angehörige beim Zuwerfen des Grabes anwesend sind.
Die Besprengung des Grabes mit Weihwasser, das Aufstellen von Grabkreuzen und das Glockenläuten soll die Ruhe des Toten sichern und verhindern, daß er wiederkommt.
Traditionelle Grabblumen:
Ringelblumen, Efeu, Immergrün, Nelken, Rosen, Lilien.
Das gemeinsame Essen nach der Beerdigung ist die Bekräftigung der Gemeinschaft der Lebenden und auch ein Abschiedsfest für den Toten, in ganz alten Bräuchen fand das Mahl am Grabe statt. Vor dem Mahl wäscht sich jeder die Hände in einem Schaff Wasser, das bereit steht. Das Mahl ist meist sehr üppig und kann mehrere Tage dauern.
Für den Toten bleibt ein Platz frei.
"In Mecklenburg wurde noch 1520 bei Beerdigungen gesungen, getanzt und wurden die Gräber mit Getränk benetzt und in Polnisch-Oberschlesien kam es noch Ende der 50er Jahre des letzten Jh. vor, daß sich die Leidtragenden auf den frisch aufgeschütteten Grabhügel setzten, Brot und Käse aßen, aus einer Flasche einen Umtrunk hielten und dabei religiöse Lieder sangen." (S.1083, Bd. 5)

Trauerbräuche:
Am Abend vor der Beerdigung wird das Totenhemd genäht, jeder aus der Familie soll einen Stich daran nähen.
Totenverabschiedung: ehe der Sarg geschlossen wird, treten alle zum Toten, geben ihm die Hand, küssen ihn, bitten ihn um Verzeihung. Die jüngsten Verwandten fangen mit dem Abschiednehmen an.
Trauerkleidung, inzwischen schwarze Kleidung (tiefe Trauer).
Vermeiden von lauten Vergnügungen, kein Schmuck.
Die Trauerzeit beträgt gewöhnlich ein Jahr für die nächsten Angehörigen. Die Dauer der Trauerzeit wird ursprünglich bestimmt gewesen sein von den Vorstellungen über Anwesenheit und Rückkehr des Toten; sie mußte also mit dessen endgültiger Verabschiedung enden.
Man stört die Toten, wenn man zuviel von ihnen spricht, zuviel an sie denkt.
Redet man doch von ihm, sollte man "Gott hab ihn selig" dranhängen.
Man raubt den Toten die Ruhe, wenn man von ihnen Böses redet, sie könnten sich rächen (de mortuis nil nisi bene).
Alt und weit verbreitet ist das Verbot, den Toten zu sehr oder zu lange zu beklagen und zu beweinen. Die Totenklage soll geregelt sein und ein Zuviel ist schädlich; man könnte den Toten aufschreien, ihn zurückrufen oder festhalten. Darum wird auch heute noch dem Weinen gewehrt, oft ist es besonders verboten, solange die Leiche noch über der Erde steht, weil der Tote es hören könne und es ihn betrübe. Am offenen Grab soll man nicht zuviel weinen, jede Träne, die zu viel geweint werde, brenne die arme Seele im Fegfeuer. Weint man zu viel über den begrabenen Toten, so stört man seine Grabesruhe, der Tote wacht wieder auf und kommt zurück; es folgt ein neuer Todesfall. Besonders einem toten Kinde sollen die Eltern nicht nachweinen, sonst hat es keine Ruhe, es muß im Jenseits die Tränen trinken. Darauf beruht das Sagenmotiv vom nassen Totenhemdchen oder Tränenkrüglein.
Dazu im Widerspruch steht der Brauch der Totenklage, der davon ausgeht, daß es den Toten tröstet zu sehen, wie sehr er geliebt wurde und daß man deshalb laut klagen soll, sich die Kleider zerreißen und die Haare raufen. Hierher gehört auch die Tradition der Klageweiber.

Es ist auffällig, daß bei all den Volksbräuchen völlig gegensätzliche Dinge, je nachdem in welche Gegend und zu welcher Zeit man schaut, für wahr gehalten werden, z.B. keinen Toten zu küssen, weil man sonst krank werden könnte, oder ihn gerade zu küssen, um die Angst vor dem Tod zu verlieren.
Genauso kann eine Leiche Angst einjagen, dem Menschen schaden oder aber durch von ihr ausgehende Zauberkraft heilen.

Mir ist die Vorstellung, daß die Menschen dem Tod früher näher standen und einen besseren Umgang mit ihm hatten, durch die Beschäftigung mit den alten Bräuchen sehr fragwürdig geworden.
Es ist alles von einer großen Angst geprägt, daß der Tote wiederkommt, daß jemand nachstirbt und von der Verwendung von Leichenteilen zu Abwehr- oder Heilzauber. Die Angehörigen sollen nicht die Augen zudrücken oder den Toten waschen, da sie besonders gefährdet sind. Mir scheint das alte Märchen vom Leichengift, das auch heute noch viele Menschen glauben, eine moderne Form davon zu sein.
Die meisten Volksbräuche sind apotropäisch (d.h. Mittel, um negative Einflüsse der Toten auf die Lebenden zu verhindern) oder, seltener, als Begleitung des Toten auf seinem Weg ins Jenseits oder in eine neue Existenzform zu sehen.
Vielleicht können wir uns trotzdem von alten Bräuchen inspirieren lassen. Manches davon mag uns auch heute noch tief berühren, z. B. die Tradition der Grabbeigaben.

Hrsg. von Hanns Bächtold-Stäubli. Berlin, New York: de Gruyter. Stichworte: Tod, Grab, Leiche.


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