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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Dieses Thema hat 16 Antworten
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Seiten 1 | 2
Ratlose Offline


Beiträge: 10

19.05.2011 09:58
Ich bin am Ende antworten

Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich hier schreibe, wo doch meine Schwester so schwer erkrankt ist.
Aber ich bin emotional total am Ende und überfordert im Umgang mit ihr.
Sie erwartet von mir Hilfe und Unterstützung. Schwierigkeiten sind für mich nicht Pflege und Versorgung, sondern das Aushalten ihres fast würdelosen Zustandes, weil ich nicht den nötigen Abstand habe, sondern im wahrsten Sinne des Wortes mit-leide.
Ich habe selbst schwere Depressionen, die ich mir durch die jahrelange Pflege meiner Eltern eingefangen habe, bei der ich trotz Überlastung immer weiter gemacht habe.
Ich habe das Problem, dass ich befürchte und bereits merke, dass ich noch kränker werde, wenn es mir nicht gelingt, inneren Abstand herzustellen.

Meine Schwester leidet seit 5 Jahren an Eierstockkrebs, ist operiert und hat zahlreiche Chemos gemacht. Der Krebs ist momentan durch eine palliative Chemo gestoppt.
Das Problem ist, dass sich eine durch den Krebs ausgelöste sehr seltene Komplikation ergeben hat, nämlich sogenannte paraneoplastische Syndrome.
Das bedeutet, dass das Kleinhirn immer weiter schrumpft und alle davon gesteuerten Fähigkeiten ausfallen.Es sind keine Metastasen!
Sie kann also fast nicht mehr sprechen, sieht kaum noch etwas, kann nicht mehr gehen und mit den Händen nichts mehr machen. Das einzige, was noch funktioniert, ist das Hören. Dabei nimmt sie ihren Zustand voll wahr, weil das Gehirn an sich noch voll funktionstüchtig ist.

Ihr Mann (86 Jahre) und ich pflegen sie, Hilfe durch Sozialstation etc. lehnen beide ab.

An dieser Neoplasie wird sie nicht sterben, das heißt, dieser Zustand kann sich noch lange hinziehen, und ich kann einfach nicht mehr.

Ich bringe es aber auch nicht fertig, mit ihr darüber zu sprechen, dass ich am Ende bin, weil sie sich dann im Stich gelassen fühlt.

Und jetzt?

Ich bin für alle Hinweise dankbar, die Ratlose

Einsiedler Offline


Beiträge: 35

19.05.2011 18:38
#2 RE: Ich bin am Ende antworten

Hallo, Ratlose,

ich an Deiner Stelle würde mir Hilfe von einem Menschen holen, dem Deine Schwester und Dein Schwager vertraut. Denn das, was Du hier schreibst, das darf nicht sein: "Hilfe durch Sozialstation etc. lehnen beide ab."

So sehr ich die Tragik Deiner Schwester sehe, aber sie darf in ihrer Krankheit nicht so "stur" und "egoistisch" sein, und sie darf meiner Meinung nach auch nicht ihre Wünsche (die ich noch nicht einmal verstehe, denn die Hilfe professioneller Pflegerinnen ist so wichtig und hilf- und segensreich) auf DEINE Kosten durchsetzen. Sie und ihr Mann können nicht erwarten, dass Du Dich bis zum Zusammenbruch "aufopferst", wo es Möglichkeiten gäbe, es Dir zu erleichtern. Mir fiel spontan die Hilfe eines Pfarrer ein. Mit dem könntest Du das bereden, und er könnte Dir dann helfen, Deiner Schwester und ihrem Mann klarzumachen, dass die Hilfe der Sozialstation notwendig ist. Auch für Dich!!!

Auf jeden Fall solltest Du Deiner Schwester sagen, wie erschöpft und fix und fertig und am Ende Du bist. Es ist doch niemandem geholfen, wenn Du unter der Last zusammenbrichst und dann vielleicht gar nicht mehr helfen kannst. Was machen die beiden dann? DANN haben sie ein noch viel grösseres Problem. Du bist nicht egoistisch, wenn Du auch an Dich denkst. Du hast auch eine Verantwortung Dir selbst gegenüber, nicht nur für andere.

Ich wünsche Euch dreien, dass Ihr einen Weg findet, der jedem von Euch gerecht (oder wenigstens gerechter) wird.

Einen lieben Gruss

vom Einsiedler aus dem Bayrischen Wald

Ratlose Offline


Beiträge: 10

19.05.2011 19:28
#3 RE: Ich bin am Ende antworten

Lieber Einsiedler,

danke für deine Antwort.
Die Hausärztin war gestern einundeinehalbe Stunde dort und hat mit Engelszungen geredet, ohne Erfolg.
Beide lassen sich nicht reinreden. Ich hab heute noch mal lange mit meinem Schwager geredet, sinnlos.

Mein Problem ist auch nicht die Pflege an sich, sondern die Gefühle, die ich meiner Schwester entgegenbringe. Sie tut mir sooo leid und ich weiß für mich nicht, wie [b]ich[b] das ertragen soll/kann.
So schlecht wie sie sprechen kann, habe ich doch verstanden, dass sie zu mir gesagt hat, dass man kein Tier so verenden lassen würde, wie es mir ihr geschieht.
Sie wollte, dass wir sie zu Dignitas in die Schweiz fahren, ist aber davon Gott sei Dank wieder abgekommen.
Sie schämt sich ihres Zustandes. Das tut mir noch mehr leid, aber man kann ja gar nichts dagegen tun. Da gibt es keine Forschungen, keine Therapien, nur die Diagnose, weil die Krankheit einfach zu selten ist.

Deshalb meine Frage: Wie kann ICH damit umgehen, dass meine Schwester so leidet.
Ich würde gerne mal mit einem Psychologen eines Hospizes sprechen, aber das gibt es bei uns in der Nähe nicht.

Liebe Grüße, die Ratlose

mo Offline


Beiträge: 47

19.05.2011 19:55
#4 RE: Ich bin am Ende antworten

hallo ratlose

bitte habe kein schlechtes gewissen,du tust was dir möglich ist,nur musst du jetzt auch an dich denken
auch wenn es schwer ist
es bringt doch niemandem etwas wenn du gar nicht mehr kannst,du brauchst zeit und ruhe für dich um überhaupt wieder kraft zu tanken

wenn du selber schwere depressionen hast ,gibt es da irgendwelche hilfe für dich ?
es wäre auf jeden fall wichtig,dir für dich hilfe zu holen
auch wenn es dir egoistisch vorkommen mag,denke an dich und das was du brauchst ,damit es dir wieder besser geht
wenn die beiden es nicht einsehen,das hilfe nötig ist,dann sag ihnen das du es so nicht mehr kannst
das du mitleidest verstehe ich gut ,macht es für dich aber so schwer..und dich kaputt
gibt es denn bei dir in der nähe vielleicht einen gesprächskreis dem du dich anschliessen könntest,wo du deine sorgen und ängste mitteilen könntest ?
vielleicht kann die hausärztin da weiterhelfen

ansonsten kann ich dem was einsiedler schrieb nur ganz und gar zustimmen
und dir muss ich sagen ich finde es gut das du den mut gefunden hast hier zu schreiben

auf deine frage wie du damit besser umgehen kannst deine schwester so leiden zu sehen ,wage ich grade kaum eine antwort zu geben,denn es ist immer schmerzlich menschen die wir lieben leiden zu sehen und kaum etwas tun zu können
du tust und hast eine menge getan,du bist da und willst es auch weiter sein
doch um das zu können brauchst du erstmal selber hilfe damit es dir wieder besser geht
und du das alles (die pflege sowie auch das leid zu ertragen)aushalten und bewältigen kannst
hier gibt es gesprächskreise für pflegende angehörige ,wo man sich austauschen kann was auch begleitet wird
oder vielleicht kannst du auch mit einem hospizverein einfach mal kontakt aufnehmen,sei es schriftlich oder telefonisch,um an weitere infos zu kommen,was es da für dich für möglichkeiten geben würde

ich wünsche dir die nötige kraft und vor allem auch den mut an dich selber zu denken

mit lieben grüßen ,mo

Ratlose Offline


Beiträge: 10

19.05.2011 21:29
#5 RE: Ich bin am Ende antworten

Danke,mo, ich hab schon angerufen, aber die Hospizpsychologen betreuen Angehörige nur dann, wenn der Patient stationär im Hospiz untergebracht ist.
Ich werde mal bei der Telefonseelsorge anrufen, ob die mir einen Ansprechpartner vermitteln können.

Ich hab Medis gegen meine Depressionen und bin eigentlich recht gut zurecht gekommen, aber diese Situation ist natürlich pures Gift für mich. Aber es lässt sich ja leider nichts daran ändern.
In meiner Hausärztin habe ich eigentlich eine gute Anlaufstelle, will aber auch nicht ständig dort auftauchen.

Liebe Grüße, die Ratlose

Einsiedler Offline


Beiträge: 35

20.05.2011 07:28
#6 RE: Ich bin am Ende antworten

Liebe Ratlose,

ich verstehe, dass es nicht die Pflege an sich ist. Ich habe meine Mutter nach zwei schweren Schlaganfällen 9 Jahre lang gepflegt, die körperliche Arbeit, die mit der Pflege verbunden ist, ist nicht das Problem. Aber die seelische Belastung. Und genau daran leidest Du. Zumal Du ja selbst nicht gesund bist.

Du schreibst "Die Hausärztin war gestern einundeinehalbe Stunde dort und hat mit Engelszungen geredet, ohne Erfolg.
Beide lassen sich nicht reinreden. Ich hab heute noch mal lange mit meinem Schwager geredet, sinnlos."

Und bitte verzeih, aber das macht mich richtig wütend auf die beiden! Sie leben "ihr Ding" auf Deine Kosten! Sie können so stur sein, weil Du so sanft bist und alles erträgst. OK, ich bin da etwas "härter", Du scheinst ein sehr sanfter Mensch zu sein, der vieles erträgt, ohne sich zu beschweren. Aber ich will Dir mal einen Satz von Jesus Christus aufschreiben, obwohl ich gar kein Christ bin, aber dieser Satz ist wahr und richtig: "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst". Da steht NICHT, dass Du nur Deinen Nächsten lieben sollst, sondern da ist der wichtige Zusatz "wie Dich selbst". Was ich sagen will: Du hast auch eine Verantwortung Dir selbst gegenüber, Ratlose, nicht nur Deiner Schwester gegenüber. Es ist Deine PFLICHT, auf Dich selbst aufzupassen und in Deiner Hilfsbereitschaft nicht selbst seelisch vor die Hunde zu gehen. Und dieses auf sich selbst Aufpassen bedeutet manchmal durchaus, etwas auf Distanz zu gehen.

Das alles mag hart und "brutal" klingen. Ist es aber nicht. Ich habe Jahrzehnte lang im Sozialbereich gearbeitet, auch in der Kranken- und Behindertenbetreuung, und immer wieder erlebt, dass Angehörige sich ohne Rücksicht auf sich selbst aufopfern bis zum "Letzten". Der kranke Angehörige war viel wichtiger als die eigene Gesundheit. Und oft sind diese Menschen dann zusammengebrochen, waren monatelang nicht in der Lage, irgendetwas zu tun oder wurden selbst sehr schwer krank und zum Pflegefall. Damit ist doch niemandem geholfen!

Ja, sprich mit der Telefonseelsorge, ich denke, die können Dir weiterhelfen. Wenn Du schon nicht aufgeben magst und lieber bis zum Letzten für Deine Schwester da sein willst, dann brauchst Du wenigstens psychologische oder sozialpädagogische Begleitung.

Alles Gute!

Einen lieben Gruss

vom Einsiedler aus dem Bayrischen Wald

Ratlose Offline


Beiträge: 10

20.05.2011 09:01
#7 RE: Ich bin am Ende antworten

Ja, Einsiedler, das hat mir auch unser Pfarrer schon gesagt, dass Gott mich nach meinem Tod fragen wird: Und was hast du für dich getan??

Ich weiß, wo meine Einstellung herkommt. Ich bin in meiner Kindheit so geprägt worden; ich habe gelernt, dass mein Verhalten ausschlaggebend ist für das Glück der anderen und dass ich dafür zuständig bin.
Ich habe dieses Problem in vielen ambulanten und stationären Therapien bearbeitet, bin eigentlich "austherapiert" und dachte auch, ich hätte die Prägung überwunden.
Doch jetzt, beim 3. Mal, holt mich meine ganze Vergangenheit wieder ein und wieder bin ich nicht in der Lage,den inneren Abstand herzustellen, weil meine "eingebaute Übermutter mit dem schlechten Gewissen" zu stark ist.
Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich weiß, wie die Mechanismen ablaufen, und ich es dennoch nicht ändere.

Mal sehen, was die Telefonseelsorge sagt.

Ich bin dankbar, dass ich hier auf Verständnis stoße.

Liebe Grüße, die Ratlose

Einsiedler Offline


Beiträge: 35

20.05.2011 18:16
#8 RE: Ich bin am Ende antworten

Liebe Ratlose,

nun mach Dir aber bitte keine Vorwürfe, dass Du diese Prägung (noch) nicht überwunden hast. So etwas zu entkoppeln, ist sehr schwer.

Ich denke, es ist wichtig, dass Du auch vor Ort Hilfe hast. Sei es eine Therapie, sei es eine Selbsthilfegruppe. Frage bei der Telefonseelsorge doch am besten mal ganz gezielt, ob es in Deinem Umkreis so etwas wie eine Gruppe von Angehörigen von Schwerkranken gibt. Ich denke, dort würdest Du viel Solidarität finden, und vor allem auch Verständnis, ohne dass Du viel erzählen musst, denn die Menschen dort kennen diese Art Probleme ja auch. Und vielleicht haben sie sogar den einen oder anderen Tipp für Dich. Ich habe in meinem Leben schon mehrfach erfahren, wie hilfreich es ist, in einer Gruppe zu sein, die einen und seine Probleme sofort versteht, und man gar nicht viel erzählen oder gar erklären muss.

Einen lieben Gruss

vom Einsiedler aus dem Bayrischen Wald

Ratlose Offline


Beiträge: 10

20.05.2011 19:20
#9 RE: Ich bin am Ende antworten

Ich hab schon eine Adresse bekommen von der Telefonseelsorge, an die ich mich wenden werde.
Und außerdem habe ich heute einen Text gefunden, der mir sehr geholfen hat.
Es geht mir also schon besser.

Ich werds schon schaffen.
Meine Schwester hat seit heute einen Rollstuhl, mit dem sie sehr gut zurecht kommt. Das ist ja schon mal was.

Liebe Grüße von der nicht mehr ganz so Ratlosen!

Ratlose Offline


Beiträge: 10

21.05.2011 08:08
#10 RE: Ich bin am Ende antworten

Ich werde mich mehr aufs Mit-Fühlen konzentrieren anstatt aufs Mit-Leiden!

Einsiedler Offline


Beiträge: 35

21.05.2011 08:35
#11 RE: Ich bin am Ende antworten

Ich wünsche Dir alles Gute dabei.

Einen lieben Gruss

vom Einsiedler aus dem Bayrischen Wald

Ratlose Offline


Beiträge: 10

21.05.2011 09:14
#12 RE: Ich bin am Ende antworten

Dankeschön, Einsiedler, ich bin ein Stehauffrauchen, ich hab so vieles gepackt in meinem Leben und mir immer rechtzeitig Hilfe geholt und auch eingefordert, ich werd auch das noch packen.
Das Leben will bewältigt werden, mit allen Aufgaben, die es mir stellt.
Alleine der Austausch mit euch hat mir schon sehr geholfen.
Und irgendwann wird Gott sich sicher meiner Schwester erbarmen...

Ich wünsche euch ein ruhiges, zufriedenes Wochenende, die Ratlose

mo Offline


Beiträge: 47

21.05.2011 11:31
#13 RE: Ich bin am Ende antworten

hallo ratlose

es freut mich das sich ein bisschen was getan hat und tut
schön das es dir ein wenig besser geht

bleib dran und sorge auch gut für dich,nicht nur für die andren

alles gute für dich,mo

Ratlose Offline


Beiträge: 10

21.05.2011 11:49
#14 RE: Ich bin am Ende antworten

Das werd ich tun, liebe mo.

mo Offline


Beiträge: 47

21.05.2011 12:21
#15 RE: Ich bin am Ende antworten

hallo ratlose

ich denke was du vorhin geschrieben hast ist genau der schlüssel:

mitfühlen,aber nicht mitleiden

liebe grüße,mo

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