Mein Mann und ich wissen nicht mehr wie wir uns seinem krebskranken Bruder ,48 Jahre,gegenüber verhalten sollen und bitten verzweifelt um Rat.Mein Schwager hat den Wunsch geäußert,sich ein Pferd und ein Zelt kaufen zu wollen und den Rest seines Lebens allein ( !!!! ) in den Bergen Ungarns herumreiten zu wollen und sich selbst zu versorgen !!!! Mein Mann hat ihm zwar seine Hilfe zugesagt(da er ohnehin weiß,daß sein Bruder sich nichts ausreden läßt),aber ihn natürlich auf die Gefahren,Schwierigkeiten usw.aufmerksam gemacht.Er besteht dennoch darauf,daß wir ihn ziehen lassen sollen,wenn er auch irgendwo im Wald oder auf einer Straße sterben sollte,das sei ihm egal.Wir sind verzweifelt,wissen nicht,wie wir uns verhalten sollen.Natürlich wollen wir ihm seine letzten Wünsche gerne efüllen,aber er will bei allem allein sein,ist auch sehr verschlossen und will nichts als seine Freiheit,tun und lassen was er will,es darf ihm niemand dreinreden.Er will auch nicht daß jemand mit ihm reitet. Kennt jemand so einen Fall ? Wir sind mit den Nerven fertig und für jeden guten Rat dankbar ,ich bin ein neues Mitglied und hoffe in diesem Forum,das mir sehr gefällt,baldige Hilfe zu finden.Danke !!!
Mein Antwort-Versuch scheint nicht "angekommen" zu sein, weil ich vermutlich nicht antwortberechtigt war. Nun mein 2. versuch: 1. Wenn der Bruder, trotz seiner Problemlage, ein Ziel vor Augen hat, dann denke ich, sollte man ihn machen lassen, weil ich auch davon ausgehe, er ist erwaxhsen & mündig genug, zu überschauen, was er von sich selbst verlangt. 2. Man versetze sich in die Situation des Bruders: Wollte man selbst, dass da wer "bedenkenträgermäßig" einem reinredet? 3. Man sollte den Bruder & dessen Wunsch erst nehmen und soweit Hilfe anbieten, wie der Bruder bereit ist, Hilfestellungen anzunehmen. 4. Dem Bruder sollte vermittelt werden, dass man (wenn es denn wirklich möglich ist) weiterhin bereit steht für Hilfestellungen - vielleicht auch egal wo der Bruder sich unterwegs mit dem Pferd befinden sollte. Heutzutage mit den verschiedenen techn. Hilfsgeräten, wie beispielsweise das Handy eines darstellt, wenn man - egal wo jemanden schnell erreichen muss - sollte dem Bruder solch ein Gerät in die hand gedrückt werden, damit er (wenn er mag) jederzeit sich melden oder dann auch um Hilfe bitten kann. 5. Dem Bruder Freundsein, jederzeit und wie-wann auch immer, sollte zu ihm, dem Bruder, "rüberkommen". Aber nicht mit dieser Angst besetzen, dass da was passieren kann. Auch den total Gesunden kann jederzeit ein Unglück über den Weg laufen.
Ich denke, wenn der Bruder sich auf seinen Pferdeweg aufmachen kann & will, dann wird er seinen Weg machen (müssen). Das Loslassen-Können ist gefordert und das mag schwerfallen. Aber BITTE: loslassen und mutmachen für den eigenen Weg des Bruders kann (vielleicht) helfen, dass der Weg sich wieder kreuzen könnte. Mit dieser (sicher kleinen) Hoffnung gelingt vielleicht ihn, den Bruder, gehen lassen zu können.
Ich wünsche die dazu notwendige Einsicht & Kraft! Paul
Lieber Paul ich danke sehr herzlich für Ihre Meinung und Ratschläge.Ich wurde erst heute verständigt,daß eine Antwort eingetroffen ist.Ich habe in der Zwischenzeit viel nachgedacht und (irgendwie instinktiv)meinem Mann klarzumachen versucht,daß,obwohl sich mein Schwager in unserer Pflege befindet,wir ihn nicht bevormunden dürfen,er ist ja seiner Sinne voll mächtig.Mein Mann kann sich sehr schwer abfinden damit,aber langsam sieht es auch er ein.Sie sagen ganz richtig - loslassen ist gefordert,wenn es auch schwerfällt.Wir haben uns vorgenommen ,ihn zu unterstützen bei seinem Vorhaben,so er es will.Unsere Tür steht immer offen,wenn er uns braucht.Nun,im Frühjahr werden wir sehen ob er sein Vorhaben verwirklichen will,bis jetzt hat er sich nicht mehr darüber geäußert,aber das sagt ja nichts.Ich denke,daß er, psychisch gesehen,irgend ein Ziel braucht,um das Warten auf den Tod erträglicher zu machen. Ich freue mich,daß ich mit Ihnen in allen Punkten übereinstimme und verbleibe mit liebem Gruß Heidi
Liebe Heidi, schön, wenn Du & Dein Mann, den Schwager/den Bruder ziehen/loslassen könnt. Wunderbar, wenn der Schwager/der Bruder mitnehmen kann die Gewissheit, jederzeit zurück, wieder aufgenommen werden zu können.
Er wird/er muss seinen eigenen Weg gehen ggf. mit der Erkenntnis, es war ein falscher Weg.
Jeder Mensch darf/muss sogar immer wieder falsche Wege gehen dürfen können - Hauptsache: Es ist der eigene Weg!
Den Weg - von wem auch immer aufgezeigt, hingewiesen, verpflichtend gemacht - zu gehen, ist faslch (so sehe ich das kritisch gegenüber unseren Moralaposteln, die nicht selten von dem wahren Wege faseln).
Jeder hat das Recht/nein sogar die Pflicht, seinen Weg nicht nur zu finden, sondern diesen auch als gangbar für sich zu (über)prüfen. Man darf umkehren, darf einen anderen neu auswählen, ja, wenn man sich verantwortlich gegenüber sich selbst aber auch zu seinen Mitmenschen sich dabei erweist.
Der Bruder, wenn er denn will, wenn er dann kann, soll seinen Weg gehen, probieren, suchen dürfen. Manchmal sollen solche Wege, nicht selten mit mühseligen Umwegen geplastert, wahre Wunder des Lebens bewirkt haben, weil endlich der eigene Weg vor dem Kreuz der Endlichkeit gegangen worden ist, wenn zuvor das Leben ein fremdbestimmtes war mit vielen fremden Wegstrecken.
Ich wünschen allen Mut & viel Kraft (auch auszuhalten das gemeinsame Wagnis)! Paul
Dein Schwager befindet sich vermutlich gefühlsmäßig schon längst auf dieser Reise. Ein Ritt in unbekanntes Terrain über die Berge hinweg....denkst du nicht, daß er an diesem Punkt bereits emotionell angelangt ist obwohl er rein körperlich noch bei euch ist?
Ich wünsche Euch noch eine schöne gemeinsame Zeit. Liebe Grüße und alles Gute für eure Familie. Irene
Ich freue mich sehr,daß eine Landsmännin von mir auf meinen Beitrag antwortete,auch ich bin Österreicherin,allerdings aus der entgegengesetzten Seite.Mein letzter Wohnort in Österreich ,bevor ich vor fast 10 Jahren nach Südostungarn ,in der Nähe von Szeged,zog,war Göttlesbrunn bei Bruck/Leitha.
Nun zu meinem Schwager.Du hast recht,auch ich habe nunmehr das Gefühl,daß er nur mehr für diesen Augenblick,da er sich auf den Weg machen kann,lebt.Oder,anders gesagt,es hält ihn noch am Leben.Er wäre längst weg,wenn es nicht Winter wäre.Hätte er eine eigene Unterkunft,wäre er sicher schon dorthin zurückgekehrt,aber er weiß,daß er jetzt noch auf uns angewiesen ist.Das belastet ihn sehr,denn er war immer unabhängig und hat sich NIE irgend wo anpassen und schon gar nicht unterordnen wollen.Demzufolge kann er sich nur äußerst schwer in einer Familie zurechtfinden,es stört ihn alles und er zieht sich immer mehr in sich selber zurück,spricht mit uns nur das notwendigste.Wir lassen ihn natürlich,machen ihm auch keine Vorwürfe und behandeln ihn so,als wenn er gar nicht krank wäre,ja er reagiert agressiv,wenn ich ihn frage,ob es ihm eh gut gehe.Mich als Frau läßt er überhaupt nicht mehr an sich heran,obwohl ich,als er vor ca.9 Monaten nach dem Krankenhaus zu uns kam,mit ihm noch sprechen konnte,über sein Leben und wie es wohl jetzt weitergehen werde.....Aber das hausfrauliche Putzen und Saubermachen,lüften und waschen sieht er als total überflüßig an,es geht ihm auf die Nerven usw.
Ich verstehe ihn,wenn ich den Tod vor Augen habe,sind diese Sachen total nebensächlich,aber irgend wie geht das Leben halt für uns weiter und wir suchen dauernd einen Weg,um ihn nicht vor den Kopf zu stossen und trotzdem die häusliche Ordung und Gemütlichkeit aufrecht zu erhalten.Es kostet uns viel Kraft und Nerven.
Menschen brauchen Halt und gerade bei einer krebserkrankung bekommt man das Gefühl den Boden unter den Füssen zu verlieren. Nicht selten fühlt man sich von dieser Krankheit eingeengt. Sie hat einem im Griff und man möchte diesen Griff lockern. Man möchte ausbrechen und sich frei fühlen. Ich denk genau das ist seine Intension. Zum anderen setzt eine Krebserkrankung einen Lebenswunsch frei. Sehr gut möglich, dass er dies immer schon tun wollte. ob er es am ende sich erfüllen kann, ist eine andere Frage. Die Gewissheit dies tun zu können und tun zu dürfen, setzt neue Kräfte frei. Sie vernüpft sicjherlich auch neue Hoffnungen, aber diese Hoffnungen sind auch wichtig. Es spielt eigentlich keine Rolle, ob diese Hoffnung sich auch erfüllt. Wichtig ist nur, dass man seine eigene Selbstständigkeit aufrechterhalten kann.