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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Umgang mit der Trauer
B. Barth Offline


Beiträge: 3

22.03.2007 20:29
Trauer und Dankbarkeit antworten
Zu Weihnachten vor ein paar Jahren schüttelten die Ärzte nur noch mitleidig den Kopf. Er habe keine Chance mehr... zwei Wochen vielleicht noch... Da konnte mein Vater noch sitzen - ein Bündel Haut und Knochen von Gelbsucht gezeichnet ...

Ich setzte Himmel und Hölle in Bewegung und Heiligabend holte ich ihn nach Hause. So oft hatte er betont, wie gerne er sein Leben im Kreis seiner Lieben beenden möchte. Er feierte Weihnachten mit uns und wir pflegten ihn - zogen ihn an und aus, halfen ihm beim Waschen und beim Essen. Er kämpfte um sein Überleben und wollte immer noch etwas Neues ausprobieren. Ich spritzte ihm täglich seine Mistelpräparate und versorgte ihn mit hochkalorischer Nahrung.

Im beginnenden Frühjahr war er noch dünner geworden und auch noch gelber, konnte aber immer noch sitzen. Er sagte, er würde gerne noch ein Buch über sein Leben schreiben wollen. Ich bestärkte ihn darin, besorgte Stift und Papier. Wochenlang saß er, vor sich hin sinnierend, mit Block und Stift in der Hand, wann immer ich den Raum betrat. Dann schaute er mich von Qualen erfüllt an und brach in bittere Tränen aus. Sein Buch des Lebens sei zu dünn, beklagte er... Alles habe er falsch gemacht im Leben. Er weinte, als würde er nie wieder aufhören können. Wir sprachen viel und nichts von dem, was ich in seinem Leben als gelungen betrachtete, wollte er gelten lassen. Er war verzweifelt, hasste sich zunehmend und litt darunter, dass er keine Chance mehr haben würde, etwas anders zu machen.

Ich begriff, wie wichtig es ist, jeden Abend zufrieden ins Bett zu gehen und keine Rechnung offen zu lassen.

Mein Vater baute nur langsam ab. Er wollte seine Chance haben und er wollte für seine Familie da sein. Dann kam der Tag, da konnte er das Bett nicht mehr verlassen. Es kam der Tag der parenteralen Ernährung und es kam der Tag, da er - mittlerweile auf eine luftumwälzenden Matraze liegend - kaum mehr wach wurde.

So mager war er... so Gelb... so hilflos. Woche um Woche strich ins Land und der Sommer begann. Mein Vater schien im Koma zu liegen. Der Blick war gebrochen und der Mund weit und starr aufgerissen. Meine Mutter und ich wechselten uns ab. Wir befeuchteten regelmäßig Lippen und Zunge und sprachen mit ihm, nicht wissend, ob er etwas hören könnte. Auf unseren Wunsch hin wurde die parenterale Ernährung eingestellt und seinem sterbenden Körper nur mehr Flüssigkeit zugeführt. Tag um Tag strich ins Land, ohne dass sich optisch etwas zu ändern schien. Doch war der Tod schon zu riechen... erst leise und süß wie frisch geschlachtetes Fleisch und Tage später mit einem deutlichen Anklang von Verwesung. Die Ärztin sagte, spätestens in 24 Stunden sei alles vorbei. Hätte das auch mein Vater gewusst, wäre er vielleicht gegangen, aber er wusste es nicht. Herz und Kreislauf arbeiteten stabil weiter.

Es kam der Moment, an dem ich nicht wusste, ob ich mir später verzeihen können würde. Ich ließ meine Mutter mit dem Geschehen allein und trat die Flucht an. Ich ging in eine Kneipe und besoff mich, hoffend dass es endlich vorbei sein möge, wenn ich wieder zu Hause wäre.

Es war nicht vorbei. Er konnte nicht gehen... Er wollte auch gar nicht gehen.... und doch verging er schon. Es war in dem Zimmer kaum mehr auszuhalten. Und wieder ging ich zu ihm, hielt seine Hand. Ich schaute ihn an und verstand es nicht. Wie konnte ein Körper in diesem Zustand noch leben? War er nicht seit Tagen schon fort? Ich wusste es nicht. Ich begann mit ihm zu sprechen, redete beruhigend auf ihn ein. Ich sagte zu ihm, er möge loslassen, er brauche sich keine Sorgen zu machen, ich würde mich um alles kümmern... ich würde seine Frau und meine Mutter beschützen, wie er es getan habe... er könne beruhigt gehen. Es passierte etwas, was ich mir nie hätte träumen lassen: Dem toten, schon verwesenden Körper lief eine einzelne Träne aus einem Augenwinkel... Meine Mutter kam wieder mit hinzu und ergriff seine andere Hand. 5 Minuten später hat er uns verlassen und wir öffneten die Fenster ...
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Während ich das schreibe, laufen mir die Tränen über das Gesicht, obwohl es fast 13 Jahre her ist. Ich werde nie vergessen, wie sehr er leiden musste. Bis zur letzten Sekunde hat er alles mitbekommen - gefangen in einem toten Körper und unzufrieden mit seinem ganzen Leben. Ich denke oft, dass man kaum schrecklicher sterben kann, selbst wenn man eine Familie hat, die sich bis zuletzt kümmert.

Meine Mutter und ich haben das, was im allgemeinen als Trauerarbeit bezeichnet wird, im Vorfeld geleistet. Wir hatten Zeit, Abschied zu nehmen und alles zu sagen, was gesagt werden musste. Wir waren dankbar, als er endlich gehen durfte. Kaum einer versteht es, dass wir an dem Todesabend an einem warmen Julitag vor der Tür in der warmen Sonne saßen und erleichtert und voller zurückkehrender Ruhe gemeinsam eine Flasche Wein leerten, während der Leichnam meines Vaters abgeholt wurde. Wir waren unendlich dankbar, dass es für ihn ein Ende hatte.

Ich denke oft an meinen Vater, dankbar dafür, dass er mir in seinem Leben so viel gegeben hat. Trauer bedeutet für mich eher, sein Leid verwinden zu müssen.

LG Birgit

Ganz vielleicht und möglicherweise
könnte es unter Berücksichtigung aller Nicht-Bedenken
zwischen Anfang und Ende ja auch schön werden!
(von chaosbarthi)

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