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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Sonderformen des Todes
Ahasveru Offline

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30.07.2006 13:15
Das große Schlachten antworten

Das große Schlachten

Erster Weltkrieg, 1916. An der Somme stehen sich Soldaten aus 25 Nationen monatelang gegenüber, mehr als eine Million findet hier den Tod. Warum ist diese Metzelei für Deutsche uninteressanter als Verdun?

Von Harald Martenstein

Diese Geschichte handelt von der Front. Es gibt die Front nicht mehr, es gab sie nur einen historischen Augenblick lang. Ein paar Jahre lagen die Männer sich gegenüber, in ihren Gräben, auf Sicht- und Hörweite. Sie erschossen sich gegenseitig, sie rammten einander Bajonette in den Bauch und sprengten sich in die Luft.

Jahrhundertelang gingen Heere aufeinander los und trennten sich wieder. So war der alte Krieg. Auch der Krieg von heute kennt keine Front, oder nur ausnahmsweise, der moderne Krieg ist meistens „disproportional“, wie die Militärexperten sagen. Die Großmächte führen gegeneinander keine Kriege, Krieg zwischen ihnen hieße totale Zerstörung. Im modernen Krieg stehen sich meistens eine große, hochgerüstete Macht und eine kleine, zu allem entschlossene Macht gegenüber, er wird aus dem Hinterhalt geführt, im Schutz der Wälder und Wüsten, mit Guerilla und Terror. Zwischen Iran und Irak gab es noch einmal eine Front, in den achtziger Jahren. Die Front hat Gegner zur Voraussetzung, die etwa gleich stark sind. Der Angreifer hat nicht die Mittel, die Front entscheidend zu durchstoßen. Der Verteidiger hat Waffen, gegen die der Angreifer kein Rezept findet.

1916 ist diese Waffe das Maschinengewehr.

Die Front erstreckt sich im Sommer 1916 über 750 Kilometer vom englischen Kanal bis zur Schweizer Grenze. Die deutschen Armeen sind stecken geblieben, 130 Kilometer vor Paris. Auf beiden Seiten haben die Gegner Labyrinthe aus Schützengräben angelegt, bis zu 20 Meter tief haben sie sich eingegraben, sie schieben Hörrohre durch die Erde und belauschen einander, Gängen und Erdlöchern geben sie vertraute Namen aus der Heimat, Kaiserstraße, Piccadilly Circus, Rue de la Gare. Die Deutschen und ihre Verbündeten sollen in diesem Sommer entscheidend geschlagen werden, durch drei gleichzeitige Offensiven, in Italien, in Russland und hier. Es wird die blutigste Schlacht der Geschichte. Mehr als eine Million Männer sterben an der Somme.

400 000 Briten. 335 000 Deutsche. 200 000 Franzosen. 60 000 Australier. 58 000 Neuseeländer. 24 000 Kanadier. 3000 Südafrikaner. In dieser Geschichte kommen viele Zahlen vor.

Die Landschaft an der Somme ist flach im Süden, wo die Franzosen angriffen, und hügelig im Norden, dort standen die Briten und die Truppen aus dem britischen Weltreich. Man sieht dieser Landschaft nicht mehr viel an. Sie ist lieblich. Rot blüht der Mohn. Nur die Friedhöfe fallen auf. Man erkennt von weitem, wem sie gehören. Die Deutschen haben schwarze Kreuze, hin und wieder steht ein Stein zwischen den Kreuzen, das sind die jüdischen Soldaten. Die Kreuze der Franzosen sind weiß. Die Briten haben Steine.

Paula Flanagan Kesteloot, eine junge Lehrerin aus Manchester, lebt in Albert, einer kleinen Stadt an der Somme. Sie hat drei Kinder, ihr Mann, Franzose, arbeitet für die Wasserversorgung, manchmal hilft sie im Kriegsmuseum oder führt Touristen über die Schlachtfelder. Es sind viele Touristen, ein Wirtschaftsfaktor, sonst gibt es hier, in der Picardie, fast nur Landwirtschaft und einen Zulieferer für den Airbus. Jahr für Jahr kommen 200 000, meistens Briten.

Die Museen enthalten erstaunlich viele Kunstgegenstände, die in den Schützengräben entstanden sind, Bilder, Schnitzereien, selbst gebastelte Geigen, zwischen den Angriffen war viel Zeit. Von der Schlacht selbst gibt es kaum Fotos oder Filme, welcher Kameramann hätte gewagt, sich Trommelfeuer und Bajonetten auszusetzen. Kameramänner und Fotografen nahmen die Männer auf, bevor sie nach vorn gingen, oft durch ein Spalier von Dorfbewohnern, die weinten, ein paar Stunden später fotografierten sie zerwühlte Erde und Tote.

In Thiepval, einem Dorf von 87 Einwohnern, steht ein gewaltiger Triumphbogen, das britische Kriegerdenkmal. Sie haben die Namen derjenigen eingraviert, deren Körper nie gefunden wurden, pulverisiert, zerfetzt, aufgefressen. An der Front ist nämlich eine neue Tierart entstanden, die Leichenratte, fett, an Menschenfleisch gewöhnt und angriffslustig. 73 367 Namen stehen auf dem Triumphbogen. Übermalt sind die Namen der Männer, die doch noch gefunden und identifiziert wurden, die jetzt ein Grab besitzen, damit erlischt ihr Anspruch auf den Triumphbogen, alles kann man nicht haben. Daneben ein Friedhof. Bei den Leichen, denen sich kein Name zuordnen lässt, steht auf dem Stein: „Known onto God“, Gott kennt ihn. Touristen laufen zwischen den Gräberreihen, sie suchen Vorfahren und Verwandte. Oft kommen Schulklassen aus England, sie legen einen Kranz nieder für die Gefallenen aus ihrer Schule, das ist üblich. In einem Shop läuft heroische Musik, man kann Plastiksoldaten und Schützengräben aus Plastik kaufen. Außerdem gibt es eine Ausstellung. Paula deutet auf ein Foto, das eine Einheit zeigt, die sich vor dem Angriff aufgestellt hat. Das hier, mein Großonkel, sagt sie, das letzte Foto von ihm. Paulas Großmutter hatte drei Schwestern, zwei Brüder, beide Brüder sind hier gefallen. Großväterlicherseits gab es drei Brüder, einer ist gefallen, einer wurde im Krieg zum Alkoholiker, der dritte wurde Paulas Opa.

„Die Somme“, sagt Paula, „bedeutet für uns Briten das, was für euch Deutsche Stalingrad bedeutet.“

Als der Krieg beginnt, verfügt Großbritannien, Weltmacht der Meere, über keine schlagkräftige Armee für einen Landkrieg . Hastig werden Freiwillige rekrutiert. Sie sind den gut ausgebildeten deutschen Soldaten nicht gewachsen. Das Empire holt Hilfe von überall, an der Somme kämpfen indische Reiter, schwarze Soldaten aus Trinidad, Südafrikaner. Chinesen heben die Gräben aus und sterben zu Zehntausenden an der Grippe. Von der Insel Madagaskar werden 47 000 Krieger geholt. Insgesamt beteiligen sich 25 Nationen an der Schlacht. Die Franzosen schicken Hilfstruppen aus Vietnam ins Feuer, kleine, schweigsame Männer, für die ein extra kleines Vietnamesengewehr gebaut wird.

Der Angriff beginnt am 1. Juli um 7 Uhr 30. Eine Woche lang wurden vorher die deutschen Stellungen sorgfältig mit Granaten beschossen, alle zwei Meter steht eine Kanone. Scharfschützen töten gezielt die deutschen Essensträger. Nach einer Woche rührt sich auf der deutschen Seite nichts mehr, aufgewühlte Erde, Geruch nach Tod. Die Offiziere rechnen mit keinem ernsthaften Widerstand. Die Einheiten gehen los, bei den Schotten marschieren ganz vorne die Pipers mit ihren Dudelsäcken. Dann schießen die deutschen Maschinengewehre.

Die Truppen des Kaisers haben das Trommelfeuer erstaunlich gut überstanden, es gab wenige Tote bei ihnen. Die Briten waren zu selbstgewiss. Am ersten Tag der Offensive sterben 20 000 von ihnen, die Deutschen haben wieder nur geringe Verluste. Auf den ersten Tag folgt ein zweiter, ein dritter, viele Tage. Monate soll es dauern, Ansturm auf Ansturm, Welle auf Welle, immer in die feuernden Maschinengewehre hinein. Die Deutschen weichen aus der am Ende doch zerschossenen ersten Linie auf eine zweite zurück, die genauso gut befestigt ist. Hinter der zweiten liegt die dritte Linie. Jemand hat ausgerechnet, dass jeder Daumenbreit Boden, den die Angreifer erobern, das Leben eines Mannes kostet. Der Krieg kann auf diese Weise unmöglich entschieden werden, so viele Männer gibt es auf der ganzen Welt nicht.

Niemand weicht zurück, niemand gibt auf. Vor jedem Angriff wird bei den Briten Rum ausgeschenkt, Wein bei den Franzosen, Schnaps bei den Deutschen.

Der Weg, der in dieser Schlacht beschritten wird, führt ein paar Jahre später zu den Vernichtungslagern der Nazis. An der Somme wie in Auschwitz geschieht etwas Irrationales, Sinnloses, ein Blutbad, dieses Irrationale aber wird mit äußerster organisatorischer Perfektion und mit dem größtmöglichen technischen Aufwand in die Tat umgesetzt. Es ist gleichzeitig steinzeitlich und modern, eine Todesfabrik.

Am 1. Juli, zum Jubiläum, haben Prince Charles und Camilla am Triumphbogen einen Kranz niedergelegt, der allerdings am nächsten Tag gestohlen wurde. Ein einziger, letzter Veteran der Schlacht war dabei, 113 Jahre alt. Es gibt insgesamt noch genau sechs britische und sechs französische Teilnehmer des Ersten Weltkriegs, alle weit über hundert. In den Museen und Gedenkstätten sind die Texte längst dreisprachig , die Führer bemühen sich um Objektivität, man hört nichts Antideutsches, im Gegenteil. In Péronne, in dem großen „Historial“, wird zum Jubiläum eine Sonderausstellung gezeigt, die französische Führerin lobt die deutschen Maschinengewehre, die seien sehr schön, sehr perfekt, Reichweite zwei Kilometer. Vor ihrem Rückzug haben die deutschen Truppen das Rathaus von Péronne gesprengt und ein Schild an der Ruine befestigt, mit der Aufschrift: „Nicht ärgern, nur wundern.“ Die Führerin sagt vorsichtig: „Grausamkeiten gab es auf beiden Seiten.“ Soldaten aus Afrika hätten Ketten aus den abgeschnittenen Ohren deutscher Soldaten getragen, auch das sei vorgekommen.

Manchmal verrottet unter der Erde eine Giftgasgranate, dann steigt noch heute giftiger Rauch aus den Feldern.

In der Nähe von Fricourt war damals ein deutsches Maschinengewehr aufgebaut, ein einziges, mit dem tausend Briten erschossen wurden. Ein paar Meter entfernt liegen 17 027 deutsche Soldaten. Auf den Kreuzen stehen die Ränge der Toten. Landsturmmann. Wehrmann. Schütze. Kürassier. Musketier. Grenadier. Infanterist. Es klingt fast mittelalterlich. Manchmal haben sie noch Rüstungen getragen, Brustpanzer. Das half nicht viel und war beim Töten und Sterben zu umständlich, man findet die weggeworfenen Brustpanzer heute oft in den Wäldern. Paula zeigt das Gästebuch des Friedhofs, es stehen nur englische Namen darin. „Keine Deutschen“, sagt sie. Es klingt vorwurfsvoll.

Warum sind keine Deutschen hier?

Am 15. September 1916 setzen die Briten an der Somme zum ersten Mal Panzer ein, 49 Stück, von denen 28 sofort eine Panne haben. Auch der Rest richtet nicht viel aus. Der deutsche Generalstab hält folglich nicht viel von der neuen Waffe, er irrt sich. Im November wird die Offensive beendet, zu viel Regen, zu viel Schlamm. Die Alliierten sind, mit äußerster Kraftanstrengung, auf 40 Kilometern Breite 15 Kilometer weit vorgedrungen.

Man könnte sagen: ein deutscher Sieg. Oder auch nicht, die Materialschlachten gegen die halbe Welt haben das Reich erschöpft, es wird müde, die Moral sinkt, Militärhistoriker können einem das genau erklären, die Somme, ein Mosaikstein im Bild der deutschen Niederlage.

Zur gleichen Zeit, im Sommer 1916, wird auch weiter südlich, in Verdun, um jeden Zentimeter gekämpft. In Verdun stehen sich hauptsächlich Deutsche und Franzosen gegenüber, das kostet 600 000 Tote und wird zum Mythos einer Schlacht, in der Menschen Material sind. Warum ist Verdun bekannter als die Somme? In Deutschland steht der Name Verdun für ein vermeintlich heldenhaftes Anrennen, für Opfermut und Todesverachtung, so jedenfalls liest die deutsche Rechte nach 1918 die Botschaft von Verdun, die Linke hält dagegen. Die Sommeschlacht dagegen enthält, aus deutscher Sicht, keine so klare Botschaft, sie ist nur ein Abwehrkampf, der kein klares Ergebnis bringt, ein halber Sieg, dessen Bedeutung für den Kriegsverlauf unklar bleibt, eine uninteressante Metzelei, der sich ein höherer Sinn beim besten Willen nicht abgewinnen lässt und die aus unserem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist.

1918 landen frische Truppen aus den USA in Europa, die USA waren 1916 noch nicht dabei. Die Alliierten setzen neue, bessere Panzer ein. Beides bringt die Entscheidung. Die deutschen Soldaten können nicht mehr, ihre Front bricht zusammen. Der Panzer ist stärker als das Maschinengewehr, schneller als die Artillerie, deswegen wird im zweiten Krieg die Front nie wieder so stabil sein wie im ersten. Der Krieg beschleunigt sich.

An der Somme, beim Dorf Ligny-Thilloy, ist 1916 auch der Gefreite Adolf Hitler verwundet worden. Die deutschen Soldaten kommen im zweiten Krieg zurück, genau hier, die gleiche Strecke. Diesmal geht es schnell, wie ein Blitz, Deutschland hat gelernt, es verfügt jetzt über die modernsten Panzerarmeen der Welt.

In La Boisselle gibt es den Lochnagar, einen 30 Meter tiefen Krater, den die Angreifer in die deutschen Linien hineingesprengt haben. Auf dem Grund des Kraters verrotten deutsche und englische Knochen, eine Schicht aus roten Papierblumenblättern liegt darüber. Am Rand liegen frische Kränze. Auf einer Kranzschlaufe stehen die Namen zweier Brüder, William Henry Pickeard und Joseph Pickeard, Kriegsfreiwillige vermutlich, die beide hier starben, dazu die Aufschrift: „Still remembered by their nephew Phillipp.“ Und ich stelle mir diesen uralten Mann vor, Phillipp, der über neunzig sein muss, der als Kind diese beiden jungen Männer gekannt hat, Männer, die etwas Besonderes gewesen sein müssen, weil er sie bis heute nicht vergessen hat, und deren letztes lebendes Bild, im Kopf von Phillipp, jetzt bald und für immer verlöschen wird.

Informationsquelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/archi...006/2668501.asp

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