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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Bestattung
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

11.05.2006 12:41
Der Friedhof der Engelskinder antworten

Der Friedhof der Engelskinder

Ein Tabu wird Thema

Friedhöfe sind auch in Zeiten von Friedwäldern, virtuellen Grabstätten im Internet oder anonymen Aschebestattungen ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens. Wie wichtig ein fixierbarer, real vorhandener Ort für die Trauerbewältigung ist, zeigt ein Beispiel, das in den letzten Jahren verstärkt ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt ist: Die Bestattung von Fehl- und Totgeburten. Der Tod eines Kindes in der Schwangerschaft ist immer noch ein gesellschaftliches Tabu, die Trauer der Eltern wird häufig gesellschaftlich nicht ernst genommen. Viele Frauen berichten, dass sie sich zwar körperlich relativ schnell wieder erholten, aber noch lange brauchten, um die Fehlgeburt seelisch zu verarbeiten. Das Bedürfnis, den Ort zu kennen, an dem das Kind begraben ist, wird heute von vielen Eltern als weitere wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Trauerbewältigung genannt.

Menschliches Leben gehört nicht in den Müll

Lange Zeit bestand für fehl- oder totgeborene Kinder keine Bestattungspflicht; die Eltern wussten häufig nicht einmal über die Möglichkeiten einer Bestattung Bescheid. Oft wurden die Kinder den Eltern nicht gezeigt und mit den Resten von Operationen und Abfällen „entsorgt“. Diese Praxis war nicht nur dem Kind gegenüber unwürdig, sondern behinderte auch den Trauerprozess der Eltern. Seit ein paar Jahren denkt man anders: Immer mehr Krankenhäuser oder Klinikseelsorger in Deutschland entwickeln gemeinsam mit Friedhöfen vor Ort verschiedene Formen der Bestattung. So auch in Essen am Elisabeth-Krankenhaus, wo auf einem städtischen Friedhof nahe dem Klinikgebäude auf einem Gräberfeld seit dem 9. Juli 2002 mehrmals jährlich unter großer Anteilnahme der Gemeinde eine Sammelbestattung für fehl- oder totgeborene Säuglinge stattfindet.

Erfreuliche Änderungen im Bestattungsrecht

Auch der Staat reagiert auf das sich ändernde Bewusstsein der Bürger. Noch ist die Gesetzeslage in der gesamten Bundesrepublik uneinheitlich, was Bestattungen von Fehl- und Totgeburten betrifft, aber verschiedene schon beantragte oder verabschiedete Änderungen des Bestattungsrecht auf Länderebene tragen der neuen Wertschätzung Rechnung. Die Vorreiterrolle übernehmen zurzeit Nordrhein-Westfalen und das Saarland. Beide Bundesländer räumen den Eltern von Fehl- und Totgeburten ein ausdrückliches Bestattungsrecht, unabhängig von der Schwangerschaftswoche ein. In Nordrhein-Westfalen besteht sogar eine Hinweispflicht der Krankenhäuser auf die Möglichkeiten eines Begräbnisses. Ferner sind die Träger, wie z. B. das Elisabeth-Krankenhaus, heutzutage sogar verpflichtet, für eine würdige Bestattung der Säuglinge zu sorgen. In allen anderen Bundesländern ist im Zweifelsfall auf Wunsch der Eltern eine Bestattung möglich, aber nicht zwingend vorgeschrieben. Zum Teil hängt das Recht der Eltern auf Bestattung immer noch vom Mindestgewicht des Fötus oder der Schwangerschaftswoche ab. Eine elternfreundliche Novellierung des Bestattungsgesetzes bereiten zurzeit Hessen, Niedersachsen, Thüringen und Schleswig-Holstein vor.

Kooperation zwischen Kirche, Krankenhaus und Stadt

Im 18. und teilweise im 19. Jahrhundert war es für tot geborene Säuglinge besonders schwer, einen Begräbnisplatz zu finden, denn nach kirchlichem Recht durfte auf den Friedhöfen nur begraben werden, wer getauft war und das waren nur lebend geborene Menschen. Aus theologischer Sicht steht den Bestattungen laut Pastor Drüppel, Seelsorger am Elisabeth-Krankenhaus, heutzutage nichts mehr im Wege. Für ihn ist eine Beerdigung kein Sakrament, sondern ein Akt der Barmherzigkeit, der keinem menschlichen Wesen verwehrt werden sollte. Den Anstoß, am Essener Elisabeth-Krankenhaus ein Gräberfeld für Fehl- und Totgeburten anzulegen, gaben Kontakte zwischen Pastor Drüppel und Ordensschwester Michaela mit der gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses. Schon seit längerem waren vor allem die Hebammen und die Ärzte der Gynäkologie sehr engagiert, Frauen bei der Bewältigung der traumatischen Ereignisse einer Tot- oder Fehlgeburt zu helfen. Doch die beste Beratung konnte das Fehlen eines Ortes der Trauer und der Erinnerung nicht aufwiegen. Gemeinsam entstand die Idee eines Gräberfelds und einer ökumenischen Trauerfeier als Abschiedsritual. Auch von Seiten der Pathologen, in deren Abteilung die Kinder „gelagert“ wurden und werden, bestand großes Interesse an dem humanitären Projekt. Die Stadt Essen beteiligte sich ebenfalls und stellte auf dem städtischen Friedhof ein denkmalgeschütztes Grabmal mit einer überlebensgroßen trauernden Frauenfigur zur Verfügung.

Gegen das Vergessen

Am Elisabeth-Krankenhaus in Essen werden die Eltern nach einer Fehl- oder Totgeburt darauf hingewiesen, dass vom Krankenhaus organisierte Sammelbestattungen mit Trauerfeier zwei- bis dreimal im Jahr stattfinden. Ob die Eltern daran persönlich teilnehmen möchten, bleibt deren Entscheidung. Doch auch die verstorbenen Säuglinge von Eltern, die der Zeremonie fernbleiben möchten, werden bei dieser Gemeinschaftsfeier begraben. Natürlich ist auch eine Bestattung an einem anderen, selbst gewählten Ort wie z. B. im Familiengrab möglich, dies geschieht dann allerdings auf eigene Kosten. Diejenigen Eltern, die Interesse an der Trauerzeremonie gezeigt hatten, werden von Pastor Drüppel und Schwester Michaela schriftlich eingeladen. Bisher sind die Seelsorger auf sehr gute Resonanz gestoßen – ihr Angebot wurde auch von weniger kirchlich eingestellten Eltern hoch geschätzt. Gemeinsam mit Hebammen und Personal der Gynäkologie des Elisabeth-Krankenhauses wird jeweils ein ökumenischer Gottesdienst gestaltet, kleine Lichter schmücken die Särge der Säuglinge, auf Gesang wird verzichtet, nur Orgelmusik spielt leise im Hintergrund. Kleine Erinnerungsstücke – Gebasteltes oder Abbildungen wie kleine Hände oder Füße – sind für die Eltern ein symbolisches Zeichen gegen das Vergessen und zugleich eine Ermutigung, sich von ihrem Baby und dem damit verbundenen Lebensentwurf zu verabschieden. In einem öffentlichen Trauerzug geht es nach dem Gottesdienst auf den nahe gelegenen Friedhof. Jeder Säugling wird zwar in einem individuellen Sarg begraben, die Grabstätte ist jedoch anonym – nur ein Stein mit der Aufschrift „Grabstelle der Totgeburten im Elisabeth-Krankenhaus“ weist auf die Bedeutung des Areals hin.

Ein Ort des Trauerns und der Hoffnung

Viele Betroffene erfahren die gemeinsame Feier sowie das anschließende Begräbnisritual als eine Ermutigung, sich dem eigenen Schmerz zu stellen und als eine Gewissheit, sich in Würde von einem menschlichen Wesen, einem Stück ihrer Selbst, verabschiedet zu haben. Mittlerweile haben auf dem Gräberfeld des Elisabeth-Krankenhauses Kinder verschiedener Religionszugehörigkeit, Katholiken, Protestanten und (meist türkische) Moslems, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Neben der Grabstätte des Elisabeth-Krankenhauses in Essen entstehen zurzeit auf zahlreichen Friedhöfen Deutschlands spezielle Gräberfelder für Fehl- und Totgeburten. Auch wenn sie sich in der Gestaltung voneinander unterscheiden, eines ist all diesen Plätzen gemeinsam: Sie bieten den Hinterbliebenen einen Ort, an dem sie ihre Trauer fixieren und gemeinsam zulassen können – eine elementare Voraussetzung, um den Verlust des Kindes zu akzeptieren und mit neuem Mut in die Zukunft zu blicken.

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