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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Ahasveru Offline

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01.05.2006 09:20
Zum Ende begleiten antworten

Zum Ende begleiten

Erfahrungen mit Sterben und Tod

Das Sterben muss wieder Platz im Leben finden. Dies fordern neue Bücher auf ganz vielfältige Weise: frech, besinnlich, engagiert.

Sterbebegleitung – „was für ein blödes Wort“, findet Henriette Kaiser. Immer noch besser als „Hilfe“. Was gibt es da zu helfen? „Ratlos-Danebenhocken“ treffe eher zu. „Jedes scheinbar passende Wort klingt zu groß, für das, was man tut – ist aber zu klein, für das, was man erlebt.“ Wie sie Freundin Katja beisteht, zu Hause, auf einer Palliativstation, im Hospiz schließlich, hält die Journalistin und Filmerin in ihrem anrührend fulminanten „Schlussakkord“ fest. Sie erlebt, wie banal und gleichzeitig unergründlich das Sterben ist, reflektiert über „übereifrige Gesetze, praxisferne Sachzwänge, verbohrte Vorurteile“. Und denkt mit Schrecken an die nahe Zukunft, die Endzeit der geburtenstarken Jahrgänge. Sie ist „felsenfest überzeugt“, dass die Sterbehilfedebatte zwischen Politik, Religionen, Kulturen, Finanzwesen, Gesetzgebung und dem Einzelnen „derart unobjektiv, unversöhnlich und emotional aufgeladen ist, weil die Sterbeprozesse und Begleitmöglichkeiten weitestgehend unbekannt sind“.

Die Kluft zwischen abstraktem Wissen und konkretem Erleben machen vor allem Tagebücher deutlich. Ivan Noble, 35-jähriger britischer Wissenschaftsjournalist mit schwarzem Humor und sportlichem Kampfgeist, erkrankt an einem Hirntumor, bewegte Hunderttausende mit seinem Online-Diary „Wie ein Loch im Kopf“. Stephen Schoen, renommierter amerikanischer Psychiater und Gestalttherapeut, erzählt vom Alltag im Zen-Hospiz: „Die Nähe zum Tod macht großzügig.“ Hier engagiert sich der 76-jährige Therapeut Dave, der mit dem Altwerden hadert, mit seiner Vergesslichkeit. Im Hospiz lernt er, wie unterschiedlich Menschen sterben, wie weitherzig die Nähe des Todes Sterbende wie Betreuer macht. Charmantes Beispiel: Im Supermarkt von einem wildfremden jungen Mann beschenkt, erfährt Dave, dass dieser eine gefährliche Krankheit überlebt hat und seither an Unbekannte Präsente verteilt.

Während uns diese Autoren ein mehr oder minder selbstbestimmtes Ende schildern, führt Oliver Tolmein mit seinem Report „Keiner stirbt für sich allein“ mitten in Abhängigkeit und Gesetzesmaschinerie. Der Journalist und Rechtsanwalt, Spezialist für Behinderten- und Medizinrecht, recherchierte in palliativ-medizinischen Abteilungen und Hospizen. Und lässt bekannte Gerichtsfälle Revue passieren. Etwa jenen des Komapatienten Peter Klunk in Deutschland oder der ALS-Patientin Diane Pretty in England. Tolmein analysiert Möglichkeiten und Risiken von Patientenverfügungen, beschreibt Realität und Rechtslage der Sterbehilfe in Europa und Amerika. Sein Fazit ist zum Fürchten: Pflegenotstand, Kostendruck, Technokratie verhindern ein selbstbestimmtes Lebensende. Tolmein plädiert für einen schmerzfreien, menschlich intensiv begleiteten letzten Weg. Sterbehilfe bedeute nicht: die letzte Spritze, die abgebrochene künstliche Ernährung, der kostengünstige, emotionsfreie, schnelle Tod.

Und nachher? Nach dem Tod? Verena Kast kennt die „Zeit der Trauer“, das „Emotions-Chaos“, das durch- und auszuhalten ist: von Empfindungslosigkeit über Nicht-wahrhaben-Wollen, Wut, Schuldgefühle und Trauer bis zur Freude über das, was war, dieses Stück Leben, „das ihnen niemand wegnehmen kann, auch der Tod nicht“. Bis zu einem neuen „Selbst- und Weltbezug“. Die Psychologin nimmt Träume als Wegweiser, zeigt die Irrungen unterdrückter und verschleppter Trauerprozesse an zahlreichen Fällen aus ihrer Praxis. Trauern nicht als Schwäche, vielmehr als „psychologischer Prozess von höchster Wichtigkeit für die Gesundheit“.

Auch C.S. Lewis (1898–1963) denkt über Träume nach. Der irische Schriftsteller, berühmt durch seine Kinderbücher über das Land Narnia, entwarf nach dem Krebstod seiner Frau auf 80 Seiten einen „Grundriss des Kummers“. „Diese Aufzeichnungen handeln von mir, von H. und von Gott. In dieser Rangordnung.“ Gott scheint ihm „meilenfern“ in dieser Zeit der Trübsal. Ein literarischer Klassiker ist „Über die Trauer“ mit seinen klarsichtig-klugen, heiter-tröstlichen Reflexionen. Ohnehin irrt, wer meint, Lektüre über Sterben und Tod sei durchwegs trist. Es gibt zu lachen. Und die Auseinandersetzung mit dem Ende führt zu existenziellen Fragen – wieder mitten ins Leben.

Franziska Schläpfer

Henriette Kaiser: Schlussakkord
Paul Zsolnay, 272 S.
19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 36,00 sFr
ISBN: 3552060286

Ivan Noble: Wie ein Loch im Kopf
Kabel, 192 S.
16,90 € (D) / 17,40 € (A) / 30,10 sFr
ISBN: 3822506745

Stephen Schoen : Die Nähe zum Tod macht grosszügig
Hammer, ca. 96 S.
12,90 € (D) / 13,30 € (A)
ISBN: 3779500531

Oliver Tolmein: Keiner stirbt für sich allein
Bertelsmann, 256 S.
14,95 € (D) / 15,40 € (A)
ISBN: 3570008975

Verena Kast: Zeit der Trauer
Kreuz Verlag , 96 S.
5,95 € (D) / 6,20 € (A) / 11,10 sFr
ISBN: 3783127505

C.S. Lewis: Über die Trauer
Patmos, 80 S.
9,90 € (D) / 10,20 € (A) / 18,00 sFr
ISBN: 3491713021

Informationsquelle: http://www.buchjournal.de/109773/
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Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schliessen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.

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