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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Buch - Vorstellung(en) und Besprechung(en)
Ahasveru Offline

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27.04.2006 07:56
C.S. Lewis: Über die Trauer antworten

Ausnahmezustand Trauer

Roman von C. S. Lewis über den schmerzlichen Verlust eines Menschen

Rezensiert von Susanne Mack

Die Religiosität des Schriftstellers Clive Staples Lewis wird mit dem Tod seiner geliebten Frau in ihren Grundfesten erschüttert. In dem erstmals 1961 erschienenen Roman "Über die Trauer" schildert der auch als Autor der "Chroniken von Narnia" bekannt gewordene Brite seine Gefühle nach dem schmerzlichen Verlust eines Menschen. Das Buch ist in diesem Jahr neu aufgelegt worden.

Eigentlich sollte sich Religion eines Menschen gerade in schweren Stunden bewähren. Bei C.S. Lewis' war das anders: Ihm ist der Glauben erstmal abhanden gekommen. Im Lewis' Buch "Über die Trauer" könne man nachlesen, "wie ein siegreicher Glauben den Tod überwindet". Denn gerade in Texten, die Christen verfasst haben, liest man das oft. Ein solcher Satz ist zwar nicht völlig falsch, aber als Resümee für dieses Buch ist er entschieden zu banal.

Zunächst: Lewis schreibt nicht etwa, um seinem Glauben einen Sieg zu verschaffen. Er schreibt einfach, um nicht verrückt zu werden: verrückt vor Schmerz und vor Sehnsucht nach einer geliebten Frau. Das ist ein grundehrliches Buch - "A grief observed" heißt der englische Originaltitel, und genau das passiert in diesem Buch. Das ist eine Selbstbeobachtung: das Tagebuch einer Trauer - und ein Buch der Erinnerung an eine große Liebe.

Als Lewis seine Frau Joy kennen lernte, war er 53 Jahre alt und einer der begehrtesten Junggesellen Englands und als Literaturwissenschaftler und Schriftsteller gleichermaßen berühmt. Joy, selbst Schriftstellerin, war mit ihren Kindern aus den USA gekommen, um den berühmten Lewis zu treffen. Dessen Schriften hatten ihr den Weg zum Christentum eröffnet: Vorher war sie Kommunistin gewesen.

Joy muss eine beeindruckende Frau gewesen sein. Sie hat sich schnell und ziemlich heftig in Lewis verliebt. Lewis' Liebe ist langsam gewachsen. Als beide 1957 geheiratet haben, war Joy schon an Krebs erkrankt. Dem Paar blieben noch ganze drei Jahre, wie Lewis schreibt "randvoll mit Liebe, mit Gesprächen - und immer im Kampf gegen den Krebs." Drei Jahre, in denen sie gemeinsam gehofft und um Joys Leben gebetet haben - bis zum bitteren Ende.

Er findet in seinem Schreibtisch ein paar alte Schulhefte, und fängt an aufzuschreiben, was ihm gerade in den Kopf kommt: spontan, unzensiert. Er lädt seine Trauer ab auf Papier.

Das Buch ist wunderbar poetisch. Lewis ist ein großer Schriftsteller, daran vermag auch dieser "Ausnahmezustand der Trauer" nicht zu rütteln. Aber das hier ist natürlich ein anstrengendes Buch: Es wühlt in den Gefühlen seiner Leser. Und wer je in seinem Leben einen geliebten Menschen an den Tod verloren hat, dem fällt alles wieder ein.

Nämlich, dass Trauern eine sehr einsame Angelegenheit ist. Bei allen Beileids-Bekundungen, bei aller ehrlich gemeinten Anteilnahme: Andere Menschen können diesen Schmerz nicht wirklich teilen. Jemandem in tiefer Trauer "dem ist - erstmal wenigstens - nicht zu helfen ". Lewis schreibt, seine Trauer fühle sich an wie eine große, endlose Angst:

"Das gleiche Flattern im Magen, die gleiche Unrast: Ich muss die ganze Zeit schlucken. Zwischen mir und der Welt steht eine unsichtbare Wand. Es fällt mir schwer zu verstehen, was die Leute sagen. Alles ist so belanglos."

Lewis' Aufzeichnungen stammen aus dem ersten halben Jahr seiner Trauer. Irgendwann stellt er fest: Diese Trauer ist kein Zustand, diese Trauer ist ein Prozess. Wo die Gefühle mit einem Achterbahn fahren. Wo man manchmal glaubt, es geht einem besser und man sich sagt: "Kopf hoch, Du schaffst das, andere haben das auch geschafft. Aber dann plötzlich, schreibt Lewis, "kommt ein Stich rot glühender Erinnerung. Der Rückfall wirft einen in Tränen und Pathos, und man bezweifelt, dass man da überhaupt je rauskommen wird." - Nur ganz allmählich, irgendwie, beinah unmerklich, kehrt man ins Leben zurück - "vorausgesetzt", schreibt Lewis, "vorausgesetzt, dass man das will".

Kurz nach dem Tod seiner Frau schreibt er: "Ich komme mir vor, als ob ich an Gottes Haustür klopfe und schreie und bettle um Trost - und man schlägt mir die Tür vor der Nase zu". Er fragt sich sogar, ob Gott ein "satanischer Spieler" ist, der die Leiden seiner Geschöpfe genießt. Und dann zählt Lewis auf, woran er von nun an nicht mehr glauben kann: an ein "glückliches Wiedersehen im Jenseits " zum Beispiel, denn das "ist billiger Trost". Er kann auch nicht beten für die Seele seiner Frau. Sein Gefühl sagt ihm: Das ist unnütz und vergebens.

Ja, aber was da wiederkehrt, ist ein Glauben in völlig anderer Gestalt. Erstens stellt Lewis irgendwann mit großem Erstaunen fest: Diese verloren geglaubte Beziehung zu seiner Frau stellt sich auf wundersame Weise wieder her. Freilich als eine Beziehung im Geiste. Denn er hat den Eindruck, sie ist wieder da, in seinem Kopf, in seinem Herzen. Und er fühlt auch, dass das der "Heilige Geist" sein könnte: diese Verbindung zwischen Menschen auch über den Tod hinaus. Und zweitens: Lewis dämmert, dass er kurz nach dem Tod seiner Frau für "himmlischen Trost" überhaupt nicht empfänglich gewesen ist. Er schreibt:

"Ich habe damals gebettelt und geschrieen, eigentlich wollte ich einfach nur meine Frau wiederhaben. Aber so ist das Leben nicht gemacht. - Jetzt kann Gott wieder hören."

Im Grunde kann man das Buch jedem empfehlen. Denn es geht in diesem Buch - würde Nietzsche sagen - um "Menschliches, Allzumenschliches ". Aber ich finde, man sollte es beherzt vor allem Leuten in die Hand drücken, die gerade einen lieben Menschen verloren haben.

Man muss auch kein Christ sein, um an dem Buch Gefallen zu finden. Sicher: Nicht jeder Mensch in Trauer ist zum Lesen aufgelegt. Aber wer sich aufraffen kann, findet in diesem schmalen Bändchen ganz sicher einen Begleiter durch die schwärzesten Tage des Lebens. Und die bleiben uns ja allen nicht erspart.

C.S. Lewis: Über die Trauer
Patmos Verlag. München 2006.
80 Seiten. 9,90 Euro.

Informationsquelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/493055/
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Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schliessen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.

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