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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Tod durch Suizid
ingoborm Offline

Webmaster und Administration Technik
Beiträge: 937

07.10.2005 00:19
Trauer nach Suizid antworten

Trauerprozess
Wut ein sehr lebendiges Gefühl in der Trauer nach Suizid

Einleitung
1. Du hast ein Recht auf deine Trauer
2.1. Was ist Trauer?
2.2. Trauerphasen nach Verena Kast
2.3.Traueraufgaben nach Worden
3. Trauer nach Suizid ist anders
4.Suizid - Harte Realität und Unwirklichkeit danach
4.1. Beerdigung - ein öffentlicher Abschied
4.2. Warum? Auf der Suche nach Schuldigen
4.3. Trauern nach Suizid ist auch Rückblick und Spurensuche
5. Über die Wut
6. Wut eine Herausforderung
6.1. Sinnvolle Fragen zur Wut
6.2. Die andere Seite der Wut – Die nutzlose Wut
7. Berechtigte Wut nach dem Suizid eines Angehörigen
8. Wünsche für den Umgang mit Trauernden nach Suizid
9. Trauer als Chance
10. Literaturhinweise

Einleitung

Abschlussarbeit

Im Rahmen der Ausbildung zur
Lebensberaterin/Trauerbegleiterin

bei der LEBENSQUELLE TRAUER in der Zeit von April 2003 bis April 2004

von Silke Mayerhofer (wellen)

1. Du hast ein Recht auf deine Trauer

Du darfst dich deinen Verlusten widmen,
musst nicht verdrängen, was dich beschwert.
Du hast ein Recht, das abzutrauern,
was dich so tief enttäuscht hat
und was du nicht ändern kannst.

Du hast ein Recht auf deine Tränen,
auf dein Schweigen,
auf deine Ratlosigkeit,
auf deine innere und äußere Abwesenheit.
Du musst nicht den Glücklichen spielen,
nicht über den Dingen stehen.

Du hast ein Recht, die wegzuschicken,
die dich mit Gewalt aus deiner Trauer
herausholen wollen, weil deine Trauer
sie selbst bedroht.
Du hast ein Recht auf deine Trauerzeit.

Du hast ein Recht,
mit denen nicht reden zu wollen,
die dir ein schlechtes Gewissen machen
für deine Dunkelheit und Trauer.
Die mit Sprüchen kommen
und dich mit diesen Sprüchen
unter Druck zu setzen versuchen.
Du hast ein Recht auf deine Trauerstille.

Du hast ein Recht, dich zu wehren
gegen die, die dir sagen,
was du fühlen darfst und was nicht,
die dich nicht als einzelnen,
sondern als Fall behandeln
und sich innerlich nicht wirklich
mit dir einlassen.

Vielleicht macht dich nichts so menschlich
wie deine Trauer.
Über sie kann einer Trauernder sich dir nähern
und auf Verständnis hoffen.
Trauern zu können ist eine Gabe.
Lass dir das Recht auf deine Trauer nicht nehmen.

Ullrich Schaffer
Oliver

2.1. Was ist Trauer?

Trauer ist nichts statisches sondern ein Prozess der ständigen Wandlung. Man kann sie nicht einfach irgendwie erledigen. Sie muss und will durchlebt werden. Nur so kann sie Kraftquell für etwas Neues werden. In uns selbst festgehaltene Trauer behindert uns an unserem eigenen Leben. Sie ist eine uns angeborene Fähigkeit mit Verlusten leben zu können.
Wir erleben in unserem Leben verschiedene Abschiede. Schon bei unserer Geburt erleben wir den ersten. Hier trennen wir uns von unserem bisher vertrautem Lebensrhythmus, dem Herzschlag der Mutter, den vielen inneren Geräuschen die uns vertraut waren.
Trauer gibt es in jedem Leben, z.B. dann wenn wir uns als Kind vergeblich nach genügend Liebe und Geborgenheit sehnen, dann wenn Jugendliche nicht bestimmten Maßstäben der Erwachsenen entsprechen, dann wenn Menschen ihre Arbeit verlieren, dann wenn Kranke durch ihre Krankheit bleibend gezeichnet sind oder unheilbar krank sind, dann wenn die Liebe zwischen Mann und Frau nicht mehr ausreicht, um sich gegen Missachtungen, Verletzungen und Demütigungen zu wehren und sie getrennte Wege gehen und und und...

All das ist Grund zum Trauern, aber am deutlichsten wird uns Trauer beim Verlust eines nahe stehenden Menschen. Hier scheint die Trauer am ehesten gesellschaftlich anerkannt, wenn auch nur für eine bestimmte Zeit.
Dann sind wir wirklich angefragt mit unserer Trauerfähigkeit, unserer inneren Bereitschaft zum Trauern.

Menschen in Trauer brauchen Aufmerksamkeit und Zeit, weil die Trauer durchlebt werden will. Sie erfasst den Trauernden in seiner ganzen Identität, beraubt ihn seiner Wurzeln. Erschwerend kommt dazu, dass in unserer heutigen Gesellschaft Trauer als Schwäche angesehen wird.

Dabei können Trauernde in ein absolutes Gefühlschaos stürzen. Der Trauernde sitzt in einer Achterbahn der Gefühle und fühlt sich dem oft ganz ausgeliefert. In diesem Ausgeliefertsein, spüren sie die Angst vor dem Alleinsein mit diesen Gefühlen und gleichzeitig die Bedrohlichkeit von Menschen in ihrer Nähe, die dieser Trauer ihre Macht absprechen wollen

Die Trauer bricht ohne Vorwarnung in ein Leben ein und kann bis zum Lebensabgrund führen. Auf vielen Ebenen stimmt nicht mehr, was bis dahin noch als sicher galt. Der Alltag ist nicht mehr Alltag wie immer, die Seele schwankt zwischen Alleinseinwollen und sich nach Geborgenheit und Wärme sehnt.

Ein Gefühlschaos braut sich zusammen, überfordert, macht orientierungslos, reist einen von einem Extrem zum anderen.
Dieses Gefühlschaos kann sich aber auch ganz anders äußern. Der Trauernde erstarrt, macht sich selbst gefühllos und steht nicht mehr in Kontakt mit sich selbst. Er nimmt seine eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahr, erlebt die eigenen Sinne wie ausgeschaltet, bewegt sich in der Welt ohne Zeitempfinden und Plan, nimmt die Welt wie durch Nebelschwaden wahr, fühlt sich unberührbar.
Dies alles ist das Chaos der Trauer- und in diesem Chaos ist es zugleich völlig normal. Trauer ist so. Trauernde glauben oft, bald verrückt zu werden, aber es sind „nur“ ihre Lebensumstände, die verrückt sind.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Oliver

2.2. Trauerphasen nach Verena Kast

Ø Phase des Nicht - Wahrhaben Wollens

Ø Phase der aufbrechenden Emotionen

Ø Phase des Suchens und Sich –Trennens

Ø Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges

Diese Phasen sind nicht klar voneinander zu trennen, können immer wieder kehren und vermischen sich miteinander. Dauer und Intensität sind bei jedem Trauernden sehr verschieden. Aber für jede Phase gibt es typische Gefühle, typische Äußerungen und körperliche und seelische Reaktionen.

Phase des Nicht-Wahrhaben- Wollens:

* typische Gefühle: Leere, Hohlheit, Empfindungslosigkeit, Chaos, Starre, Betäubung

*typische Äußerungen: Das ist nicht möglich!
Es kann nicht wahr sein!
Ich glaube es nicht!

*körperliche und seelische Reaktionen: Schock, Herzrasen, Unruhe,
Sprachlosigkeit, Verwirrung,
auch Funktionieren


Phase der aufbrechenden Emotionen:

*typische Gefühle: Wut, Ohnmacht, Zorn, Traurigkeit,
Freude, Angst, Schuldgefühle

*typische Äußerungen: Wie konnte er mir das antun?
Warum hat er mich zurückgelassen?
Die Ärzte sind Schuld!
Wäre ich nur nicht weggefahren!

*körperliche und seelische Reaktionen: Reizbarkeit, Depressionen, Desinteresse, Panikattacken, Atemnot, Schlaf- und Essstörungen, Anklagen und idealisieren


Phase des Suchen und sich Trennens:

*typische Gefühle: Einsamkeit, Verzweiflung, Hilflosig-
keit

*typische Äußerungen: Ich habe sie/ihn gesehen.
Nachts war sie/er da.
Ich suche sie/ihn überall.
Ich träume oft von ihr/ihm.
Wie lange muss ich noch leben?

*körperliche und seelische Reaktionen: Depressive Zustände, auch suizidale
Gedanken, Realitätsverlust, lautes Reden, oder innere Zwiegespräche mit dem Verstorbenen, Überaktiv/
Apathisch

Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges:

*typische Gefühle: Freude, Selbstachtung, Sinn, Befreiung, Ruhe, Dankbarkeit

*typische Äußerungen: Ich kann Neues wagen.
Ich bin stolz, was ich geschafft habe.
Mein Leben hat wieder Sinn!
Er/sie ist mein innerer Begleiter.

*körperliche und seelische Reaktionen: Normalisierung der Köperreaktionen,
Normalisierung im Alltagsrhythmus
Anfällig für Rückfälle, labile Phasen,
Überreaktion bei neueren Verlusten
Oliver

2.3.Traueraufgaben nach Worden

Dieses Modell geht davon aus, dass sich der Trauende aktiv auf seinen Trauerprozess einlassen kann. J. W. Worden geht davon aus, dass Trauern ein Vorgang mit klar definierten und erreichbaren Zielen sein kann.

Ø Aufgabe 1 - Die Wirklichkeit des Verlustes verstandes- und
gefühlsmäßig Annehmen.

Ø Aufgabe 2 - Die Schmerzen der Trauer durchleben.

Ø Aufgabe 3 - Sich an seine Umgebung anpassen, in der die/der Tote fehlt.

Ø Aufgabe 4 - Der oder dem Toten einen neuen Platz zuweisen und sich
dem eigenen Leben zuwenden.

Sowohl die Trauerphasen als auch die Traueraufgaben, haben das Ziel mit dem Trauernden durch seine Trauer hindurch zu gehen. Das Phasen-Modell schafft vor allem eine Möglichkeit, um festzustellen, wo der/die Trauernde im Trauerprozess steht. Das Modell der Traueraufgaben ermöglicht und erwartet einen aktiven Zugang zum Trauerprozess. Hier wird davon ausgegangen, dass es sich bei Trauer nicht allein um einen emotionalen Vorgang handelt, sondern das Unterstützung von außen möglich ist. Mit den Trauer-Aufgaben wird von dem Trauernden auch eine aktive gedankliche Auseinandersetzung gefordert, die ein alleiniges emotionales herangehen von vornherein ausschließt. Dadurch verringert sich auf verschiedenen Ebenen das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins, in welchem sich Trauernde auch teilweise gefangen fühlen.
Oliver

3. Trauer nach Suizid ist anders

Der Tod eines nahe stehenden Menschen hinterlässt immer unermessliches Leid und eine große Lücke im Leben derer, die zurück bleiben müssen.
Nach dem Suizid eines nahen Angehörigen aber muss man sich außerdem noch mit der Tatsache auseinandersetzen, das der Verstorbene seinen Tod selbst herbeiführte.

Trauer nach Suizid ist nicht mehr nur eine private Tragödie, sondern ein öffentliches Ereignis. Je nachdem, aus welcher Nähe er erlebt wird, ist er unfassbar, schockierend, beunruhigend oder „einfach nur“ tragisch und Aufsehen erregend. Suizid ist ein plötzlicher, gewaltsamer und manchmal auch grausamer Tod, der mit großem Tabu behaftet ist und trotzdem oder gerade deshalb hat er eine gewisse Faszination.

Die Selbsttötung eines Familienangehörigen oder Freundes ist ein psychischer Schock, ein ungeheures traumatisches Ereignis, dass jenseits aller Erfahrungen und Vorstellungen steht und sich nicht einordnen lässt.
Ein Suizid ist unvorstellbar- bis er geschieht.

Der Suizid hat viele Gesichter und keiner ist mit einem anderen wirklich vergleichbar. Solange Menschen nicht selbst betroffen sind, lesen sie Suizid- Statistiken in der Zeitung ziemlich teilnahmslos. Suizid, Selbsttötung, Selbstmord dass ist etwas, dass immer nur anderen passiert, bis sie plötzlich selbst betroffen sind.
Fast jeder kennt jemanden, der sich selber umgebracht hat, in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft...
Suizid ist keine Perversion, sondern eine von vielen Normalitäten in unserer Gesellschaft, vor denen wir die Augen meistens verschließen. Die Menschen, die sich das Leben nehmen, kommen aus ganz normalen Familien, sind Menschen wie du und ich. Jeder kann von jetzt bis gleich mit dem Thema Suizid konfrontiert werden.
Aber hier beginnt dann das Problem für die betroffenen Trauernden. Kaum einer kümmert sich um die Hinterbliebenen. Mit dem vollendeten Suizid scheint das Problem zumindest von öffentlicher, wissenschaftlicher und theologischer Seite her erledigt zu sein.
In unserer Gesellschaft klafft noch immer eine große Betreuungslücke für Angehörige nach Suizid. Sie bleiben mit all ihren quälenden Fragen wie:

„Warum hast du das getan?“ ( Später wandelt sich die Frage in: „Warum
hast du UNS das angetan?“ )
„Hätte ich es nicht doch verhindern können?“
„Waren wir/ich es nicht wert, dass er noch am Leben blieb?“

„Bedenkt den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen muss man leben.“, schrieb die Dichterin Mascha Kale´ko.

Diesen Satz spüren Angehörige nach Suizid auf ganz besonders intensive Weise.

Den Toten treffen das Unverständnis der Umgebung, das Kopfschütteln, die Beklommenheit und die Ablehnung, aber auch die Schuldzuweisungen nicht mehr, wohl aber die Zurückbleibenden. Hilflos bleiben viele Angehörigen mit ihrer Trauer, ihrer Wut und ihrem Schmerz zurück. Einsam, wegen der Hilflosigkeit von Freunden und Familie, einsam aber auch durch eine Vielzahl unterschiedlicher Vorurteile, die alle um Sünde, Scham und Schuld kreisen.
Oliver

4.Suizid - Harte Realität und Unwirklichkeit danach

Wenn man einen Angehörigen durch Suizid verliert, verläuft nichts mehr normal. Es ist kein langsames Abschiednehmen möglich.
Die Atmosphäre um einen Suizid ist von Panik, Abwehr und Schuldzuweisungen geprägt. Der Suizid wird als potentielles Verbrechen, als Ruhestörung und Katastrophe behandelt. Das jeder sterbende und tote Mensch Würde hat, gerät dabei völlig aus dem Blick.
Für die Kriminalpolizei ist der Mensch, sobald der Tod eingetreten ist, ein Gegenstand. Dieser Gegenstand wird von der Polizei als „Beweismittel“ beschlagnahmt.
Dies passierte auch mit meinem Mann auf –für mich- völlig absurde Weise, nämlich nackt. Die Sachen wurden ihm offensichtlich irgendwie ausgezogen und blieben einfach an Ort und Stelle liegen. Vielleicht, weil es seine Praxisräume waren? Aber was stellen sich die Polizisten vor, was man empfindet, wenn man die Sachen seines Mannes einfach so wild im Raum herumliegend findet- irgendwo auf dem Boden verteilt?

Auch andere Gegenstände, die Hinweise auf die Todesursache geben können werden einbehalten. Dazu gehören z. B: Abschiedbriefe, Kalender oder auch Tagebücher. Diese sehr persönlichen Dinge gelten als Indizien, die der zuständigen Staatsanwaltschaft eine Entscheidung über die weitere Vorgehensweise ermöglichen sollen.
Entweder wird als Todesursache Suizid festgelegt, dann wird die Leiche „freigegeben“ (dauert ein bis zwei Tage) und die Angehörigen erhalten auch die persönlichen Gegenstände zurück oder es werden Ermittlungen aufgenommen. Diese beginnen meist damit, dass sie Leiche in die zuständige Gerichtsmedizin zur Obduktion überführt wird.
Erst nach der „Freigabe“ wird die Leiche wieder behandelt wie die sterblichen Überreste eines Menschen.

Während all dieser Zeit, zwischen Tod und Freigabe der Leiche, ist der Tote für die Angehörigen in keinster Weise erfahrbar. Es ist kein Abschiednehmen möglich, da der Tote wirklich einfach weg ist. Er kommt nicht mehr nach Hause, man kann ihn aber auch sonst nirgendwo be-greifen. Es ist keine sinnliche Erfahrung möglich, alles muss über den Verstand geleistet werden. Über die Phantasie und ganz rational zusammen gestellte Gedankenbilder versuchen Angehörige die direkte sinnliche Erfahrung zu ersetzen.

Auch ich habe mir immer wieder versucht vorzustellen, wie Stephans letzte Lebensminuten verlaufen sein könnten. Habe versucht herauszufinden, was er gefühlt hat. Oft habe ich irgendwo einfach nur gesessen und versucht mich in seine empfundene Leere und Verzweiflung hineinzudenken. Habe mir immer wieder gesagt, dass er nicht an mich gedacht hat, kann ich verstehen, dann doch wenigsten an die Kinder. Wie konnte er die „so einfach“ im Stich lassen???

Die Woche zwischen Tod und Beerdigung lief an mir vorüber. Ich war nicht wirklich beteiligt an dem ganzen Geschehen.
Plötzlich saß der Bestatter in meiner Küche. Wer hatte den bestellt? Mit Katalogen über Särge und Leichenwäsche. Wie durch einen Nebelschleier habe ich die angeschaut und mir (?) einen Sarg ausgesucht. Abends kam dann eine Freundin wegen des Blumenschmucks und gemeinsam mit meiner ältesten Tochter sind wir im Dunkeln auf den Friedhof gefahren und haben eine Grabstelle ausgesucht.

Wildfremde Leute riefen an, weil über den Tod meines Mannes in der Tageszeitung, in der BILD- Zeitung und ständig im Radio berichtet wurde. Sogar das Fernsehen rief an und wollte uns mit der Kamera begleiten. Ich kann von Glück reden, dass eine Freundin da war, die alle Telefonate entgegennahm und ich mir die Freiheit nehmen konnte, nur mit Menschen zu sprechen, mit denen ich auch wirklich reden wollte.

Es war einfach ungeheuerlich, was sich in unserer dörflichen Gegend so an Tratsch und Klatsch alles erzählt wurde. Die Kinder wurden in Schulbus gefragt, ob es stimmt, dass der Papa sich in seiner Praxis erhängt hat. Von ganz besonders netten Menschen bekamen sie die Bild-Zeitung zur Erinnerung geschenkt.

Einerseits kursierten die wildesten Gerüchte, andererseits wurde ich aber auch mit den schlimmsten Vorwürfen konfrontiert.
Sie reichten von Feststellungen wie wenn ich meinen Mann nur genug geliebt hätte, könnte er heute noch leben, oder aber, wenn ich nicht fremd gegangen wäre, dann hätte er sich nicht umbringen müssen usw..

Aber auch die Polizei hielt so eine Überraschung für mich bereit. Sie bestellte mich 10 Tage danach ins Polizeipräsidium. Dort wurde ich behandelt wie eine Aussätzige, nur um dann zu erfahren, dass ich für sie nun nicht mehr unter Mordverdacht stehe. Ich habe gedacht, ich sitz im falschen Film! Wenn sie denn nun soweit gekommen waren, warum behalten sie dies dann nicht für sich, sondern hauen mir noch eine unter die Gürtellinie? Danach bekam ich die persönlichen Dinge meines Mannes ausgehändigt und wurde noch mal ausdrücklich danach gefragt, ob ich wirklich keinen Abschiedsbrief gefunden habe.
Danach war ich entlassen.

Im Zuge all dieser juristischen Notwendigkeiten ist es für Angehörige nach Suizid nahezu unmöglich, die Wirklichkeit des Verlustes wahrzunehmen. Der ohnehin schon erschreckende Tod wird in einen Zusammenhang mit Kriminalität und Sachzwängen gestellt, wo Trauer überhaupt keinen Platz hat und mit dem der Trauernde völlig überfordert ist.
Oliver

4.1. Beerdigung - ein öffentlicher Abschied

Die ersten Tage nach einem Suizid sind trotz allem sehr betriebsam. Die Beerdigung muss organisiert werden und persönliche Angelegenheiten des Verstorbenen müssen geregelt werden.
Der erste Schritt in die Öffentlichkeit ist wohl die Todesanzeige. Sie hat Konsequenzen. Sollen und dürfen Außenstehende, die den Verstorbenen nur dem Namen nach kannten, erfahren unter welchen Umständen er starb?
Bei dieser Entscheidung müssen sich Angehörige bewusst sein, dass es neugierige und taktlose Menschen gibt, für die der Suizid lediglich ein Aufsehen erregendes Ereignis ist. Sich Selbst zu schützen ist wichtig, doch sollte man nicht den Respekt dem Verstorbenen gegenüber vergessen.
Oft spricht es sich herum, dass sich der Verstorbene das Leben genommen hat und ein Vertuschen ist nur schwer möglich. Ein offenes Aussprechen der Todesursache erleichtert die Verarbeitung des Verlustes.

Wie das Aufsetzen der Todesanzeige ist der Rahmen, in dem die Beerdigung stattfinden soll, eine ganz persönliche Entscheidung der Angehörigen. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Konfrontation mit der Öffentlichkeit und die Angehörigen müssen entscheiden ob sie die Todesursache in der Öffentlichkeit preisgeben wollen.
In unserer heutigen Zeit gibt es nur noch wenige Geistliche, die eine christliche Beerdigung nach einem Suizid verweigern. Im vertrauensvollen Gespräch mit ihnen kann man klären, ob der Suizid ein Thema in der Predigt sein darf oder sogar sein muss.

Eine Beerdigung- oder Abschiedsfeier egal wie sie gestaltet wird, hilft den Hinterbliebenen sich von dem Verstorbenen zu verabschieden und ihm die letzte Ehre zu erweisen, vermittelt ihnen das Gefühl der Gemeinschaft und des Zusammenhalts in einer Zeit größter Belastung und Schmerzes. Sie hilft den Tod als unwiderrufliche Tatsache anzuerkennen und ist ein erster Schritt hin zum Trauerprozess.

Das Requiem und die Beerdigung meines Mannes war ein Ereignis von großem öffentlichen Interesse, da er als Arzt doch im öffentlichen Leben stand. Das war mir aber schon vorher klar. Ich hatte einen befreundeten Priester, der uns auch getraut hatte, gebeten, Stephan zu bestatten. In ihm hatte ich dann einen wirklich guten Begleiter. Er hat für mich die weiteren Absprachen mit dem ortsansässigen Pfarrer geführt. Gemeinsam haben wir uns hingesetzt und jedes Detail des Requiems geplant. Jedes Lied genau passend für unsere Situation und unsere Gefühle ausgesucht und dann auch ganz offen darüber geredet, dass die Todesursache nicht verheimlicht wird. Und das war gut so. Er hat nicht beschönigt oder verdeckt und das Echo der meisten Gäste war, dass sie das gut so fanden.

Wenn ich an das Requiem meines Mannes denke, habe ich auch heute noch ein gutes Gefühl. Bei den Gedanken an die Beerdigung schon weniger. Daran habe ich eine recht zwiespältige Erinnerung. Im ersten Moment war ich entsetzt über so viele anwesende Menschen und für einen kurzen Moment hatte ich den Impuls verschwinden zu wollen, ehe die Beileidsbekundungen losgehen.
Aber dann wusste ich so geht das auch nicht. Ich habe mir dann die Freiheit genommen und auch einige Umarmungen verweigert. Ich habe nur Menschen an mich rangelassen, wo ich es zulassen konnte. Die anderen habe ich vielleicht vor den Kopf gestoßen, aber es ging um mich. Eine Beobachtung habe ich aber im nachhinein gemacht, an welcher ich festgestellt habe, dass mich das Verhalten der anderen verletzt hat.
Ich habe viele Menschen gesehen, bei denen ich gedacht hatte, wir haben ein gutes Verhältnis miteinander, die sich zwar bei meinem Mann verabschiedet haben, aber mich keines Blickes gewürdigt haben. Das hat mir wirklich weh getan.
Eines habe ich mir allerdings nicht angetan, das Kaffeetrinken im Anschluss an die Beerdigung. Danach hatte ich von Anfang an kein Bedürfnis.

Ich denke jeder sollte sich selbst von Anfang an klar machen, was er möchte und was er ertragen kann. Nicht die anderen und das was sie erwarten ist wichtig, sondern die Betroffenen!
Oliver

4.2. Warum? Auf der Suche nach Schuldigen

Derjenige, der sich das Leben nimmt, löscht nicht nur seine Zukunft aus, sondern beweist das Recht auf Verwirklichung der Freiheit jedes einzelnen Menschen.

Dabei löscht er aber nicht nur sein Lebenslicht, sondern zerstört auch die Perspektiven seiner Angehörigen und Freunde. Niemand lebt völlig isoliert, sondern ist umgeben von Familienangehörigen, Freunden und Arbeitskollegen.
Partner, Kinder, Eltern und Geschwister haben nicht nur Pflichten sondern auch Rechte in Beziehungen. Viele dieser Rechte können im Alltag oft auch nicht auf scherzhafte Weise eingefordert werden. Ein Beispiel dafür sind die hohen Scheidungsraten. Doch nach gescheiterten Beziehungen, und widerfahrenem Unrecht besteht immer die Hoffnung auf Gerechtigkeit oder eine spätere Regelung.

Suizid ist definitiv. Er ist die radikalste Absage an die Gemeinschaft, eine unerhörte Provokation für alle Menschen in der Gesellschaft, die sich ihren Normen und Regeln verpflichtet fühlen.

Hinterbliebene sind zutiefst enttäuscht und verletzt. Sie empfinden den Suizid als Geringschätzung ihrer Beziehung, weil sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden.
Deshalb beschäftigen sich Suizid-Angehörige sehr intensiv mit der Frage der Schuld.
Sie suchen nach Beweggründen, fragen sich verzweifelt nach dem „Warum“ und spekulieren über ihre Mitverantwortung. Suizid ist der brutale Abbruch aller Beziehungen. Die Angehörigen haben keine Chance sich zu verabschieden oder Probleme noch zu lösen.

Die Person, die sich das Leben nimmt, befindet sich vor ihrem Tod in einer für sie völlig ausweglosen Situation. Deshalb ist anzunehmen, dass das Verhältnis zu Freunden oder Verwandten belastet war. So erfahren Disharmonien und Konflikte nach dem Suizid eine übermächtige Bedeutung und lösen bei den Hinterbliebenen heftige Schuldgefühle aus.

Verstorbene hinterlassen ihren Angehörigen oft unerledigte Dinge, aber wenige hinterlassen so viel Unordnung wie diejenigen, die starben, weil sie es selbst wollten.
Sie wussten zwar das sie ihre Angehörigen verlassen, entschieden sich ganz bewusst dafür, aber geben ihnen keine Gelegenheit, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen.
So werden die Hinterbliebenen auf sich selbst zurück geworfen und beginnen damit sich Selbst die Schuld an diesem Unglück aufzuladen. Endlos kreisen die Gedanken um die gleichen Fragen, nach dem „Warum habe ich es nicht erkannt? , Habe ich alles getan?, Hätte ich es nicht doch verhindern können?“ usw.

Das Gefühl versagt zu haben, droht einen zu erdrücken. Oft fehlt der Mut oder die geeigneten Personen sich anderen anzuvertrauen, die ganzen Selbstzweifel einfach mal rauslassen zu können und sei es nur darum, dass der Gegenüber sie relativieren kann.
Oft erleichtert es Angehörige, wenn sie sich entschließen können, sich jemandem anzuvertrauen, einen Gegenüber zu haben der einfach nur zuhört, auch wenn es schon die hunderste Wiederholung ist.
Weil der Wunsch übermächtig wird, den Suizid verstehen zu wollen, suchen die Hinterbliebenen oft in ihrem eigenen Verhalten nach Gründen und finden sie in ihrer Verzweiflung auch. Das hat aber oft weniger mit den realen Gründen und Ereignissen vor einem Suizid zu tun, als vielmehr mit nachträglich zusammenkonstruierten Neuinterpretation der Situation, die einen Zusammenhang zwischen dem Suizid und dem eigenen Verhalten herstellt. Es spielt nahezu überhaupt keine Rolle wie es tatsächlich war, weil einem rückblickend alles falsch erscheint.
Der Versuch, die Ereignisse vor dem Suizid mit dem Suizid in Zusammenhand zu bringen, entsprechen dem oft verzweifelten Wunsch der Angehörigen, eine Logik in diesen chaotischen Tod zu bringen um den Preis, dass sie sich mit schweren Selbstvorwürfen belasten. Dabei steht fest, dass ein Mensch, der sich das Leben nehmen will, immer eine Möglichkeit findet seinen Plan in die Tat umzusetzen. Selbst wenn man einen Suizidgefährdeten rund um die Uhr betreut, nur fünf Minuten ohne Aufsicht genügen, damit er seinen Wunsch in die Tat umsetzen kann.
Sich die eigene Machtlosigkeit vor Augen halten, kann eine wichtige Hilfe bei der Trauerarbeit sein.

Ob ein Suizid überraschend geschieht oder sich die schlimmsten Vorahnungen bestätigen, er löst bei den Angehörigen immer starke Schuldgefühle aus. Eigene Schuldzuweisungen oder auch die durch andere sind immer ein Versuch den Suizid erklären zu wollen.
Immer wieder versuchen Angehörige oder auch Außenstehende den Suizid logisch zu begründen und hoffen damit der Tatsache etwas den Schrecken
nehmen. Wenn niemand schlüssige Erklärungen für das vorgefallene geben kann, fühlen sich alle Betroffenen macht- und hilflos. Die Konfrontation mit dieser schrecklichen Todesursache überfordert die Betroffenen maßlos und vor diesem Hintergrund kommt es zu Schuldzuweisungen.
Diese können anfangs hilfreich sein, weil sie kurzzeitig Linderung verschaffen, verhindern aber letztlich ein gutes Trauern, weil diese negativen Gefühle auf einen Selbst zurückfallen und einer Auseinandersetzung mit dem Gefühl total ohmmächtig und hilflos zu sein, im Wege stehen.

Auch ich habe Anfangs die Schuld bei mir gesucht und mich mit den Fragen gequält, ob er noch da wäre, wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich ihn verlassen will. Meine Gedanken kreisten immer wieder um den Versuch eine Erklärung für ihn zu finden, warum er für sich keinen anderen Ausweg sah. Egal von wo aus meine Gedanken spazieren gingen, sie kamen immer wieder dahin. Ich war hilflos und gefangen mit all dem „Warum?“.

Aber zu der Schuld die ich mir selber gab, kam noch die Schuld, die andere bei mir abgeladen haben. Da rief zum Beispiel mein Schwager an, der mir am Telefon erklärte, dass wenn ich meinen Mann nur genug geliebt hätte, hätte er sich nicht umbringen müssen. Oder aber es klingelt am Wochenende das Telefon und eine Frauenstimme erklärt mir ohne Umschweife, dass wenn ich meinen Mann nicht in Tod getrieben hätte, sie jetzt wüsste, wohin sie mit ihrem kranken Kind gehen könnte.

Diese Schuldzuweisungen der anderen haben mich anfangs sprachlos gemacht und ich habe sie alle geschluckt. Ohne mich zu wehren, habe ich mir immer noch mehr drauf packen lassen und die Unfähigkeiten der Anderen mit den Todesumständen meines Mannes umzugehen auch noch getragen.
Es hat lange gedauert, bis ich mich dagegen gewehrt habe und das aber dann ganz entschieden. Geholfen dabei hat ein Trauerseminar, in welchem ich mir bewusst machen konnte, dass mich gar nicht unbedingt die Tatsache lähmt, dass sich mein Mann das Leben genommen hat, sondern das es die Schuldgefühle sind, die mir andere machen.
Erst in dem Moment, wo mir das bewusst geworden ist, konnte ich mich auch gegen sie wehren. Ich habe sie ganz bewusst zurück gegeben, aber die Verletzungen bleiben. Die Wunden sind da, aber nun können sie heilen. Es hat mir ungeheuer gut getan, diese Gefühle zu lassen, ich spürte danach irgendwie ein Gefühl von Freiheit. Aber ohne meine ganz heftigen Wutausbrüche wäre ich da wahrscheinlich nie hingekommen. Hier war meine Wut eine Brücke, um aus diesem Gefangensein von Fremdschuldzuweisungen heraus zu kommen.
Oliver

4.3. Trauern nach Suizid ist auch Rückblick und Spurensuche

Jeder Mensch hat seinen eigenen Lebensrhythmus, auch wenn er trauert. Man sollte sich durch nichts und niemanden in seiner Trauer beirren lassen, sollte immer das tun, was einem in diesem bestimmten Moment gerade angemessen erscheint.

Trauern ist wie eine Spirale, die sich langsam nach oben dreht. Anfangs sitzt man ganz tief unten drin und fällt immer wieder in überdimensional große schwarze Löcher. Niemand, am allerwenigsten man selber, scheint einen aus diesem Loch heraus holen zu können. Und doch schafft man es immer wieder, mal mit Hilfe von Freunden, mal ganz allein.
Obwohl sich all die Gefühle immer auch wiederholen, werden sie schwächer, nicht mehr so intensiv wie am Anfang erlebt. Irgendwann ist man sich dann sicher, egal wie viele Löcher noch kommen und wie tief sie auch sind, ich muss da durch gehen, ein rundherum gehen funktioniert nicht und ich schaff das.

Nach einem Suizid müssen die Beziehungen zum Verstorbenen – ob harmonisch oder von Konflikten geprägt- neu überdacht werden. Schon die geringsten Versäumnisse und Unachtsamkeiten, die zum Alltag einer Beziehung gehören, gewinnen eine überdimensionale Bedeutung.

Die Schuldgefühle und die eigene Verantwortlichkeit nach einem Suizid, hängen auch davon ab, wie die Angehörigen ihre Rolle dem Verstorbenen gegenüber im nachhinein auslegen und verstehen.
Bruchstückhaft werden die Erinnerungen wie ein Puzzle zusammen gesetzt. Das Verhalten des Verstorbenen vor seinem Tod wird analysiert, Gespräche werden im nachhinein auf Doppeldeutigkeit untersucht und beinahe jeder Satz bekommt eine neue Bedeutung vor dem Hintergrund des Suizids.

Im Umgang mit den immerwiederkehrenden Gedanken über Schuld und Verantwortung ist es ganz hilfreich, die Erinnerungen, die gemeinsamen Erlebnisse und die Charaktereigenschaften des Toten zu ordnen. Das Wissen darum, dass jeder Mensch sein eigenes Innenleben hat, dass wir nur einen Teil davon im gemeinsamen Leben kennen lernen durften, kann da sehr hilfreich sein.
Im normalen Leben gesteht man jedem einzelnen zu, dass er für sein Leben selbst verantwortlich ist und niemand sonst.

Suizid ist in keinem Fall die Bilanz einer Beziehung, sondern die einer Biografie, die lange vor der Beziehung zu den Hinterbliebenen begann.
Wenn man die eigene Rolle in der Beziehung zu selbstkritisch betrachtet, läuft man Gefahr, sie vor dem eingeengten Hintergrunds der Selbsttötung zu degradieren. Man verbaut sich selbst den Blick für die gewesene Realität.

Über die Rekonstruktion der Lebensweise versuchen die Angehörigen Aufschluss über die Handlungsweise des Verstorbenen zu bekommen. Aber es ist vielmehr der Gemütszustand des Verstorbenen vor dem Suizid, als auch seine Charaktereigenschaften, seine frühern Kindheitserfahrungen, seine Erlebnisse aus der Jugendzeit, seine Lebenshaltung, seine Ängste und Träume, die Hinweise liefern, weshalb er so aus dem Leben ging.

Auch ich habe das bei meinem Mann getan. Habe mir das wenige, was er von seiner Kindheit erzählt hat und was seine Eltern erzählt haben vergegenwärtigt. Habe mir die Jugend verinnerlicht und das, was er von früheren Freundinnen und Freunden erzählt hat, noch mal verdeutlicht. Habe mich daran erinnert, was er mir über sein Studium erzählt hat und über seinen Start ins Berufsleben.

Ich habe mich ganz bewusst daran erinnert, wie das war, als ich meinen Mann kennen gelernt habe. Ich weiß noch ganz genau, wie mich seine unkonventionelle Art mit Dingen und Menschen umzugehen fasziniert hat. Habe mich an seinen im wahrsten Sinne des Wortes Einstieg bei mir erinnert und daran, wie so nach und nach die Familie gewachsen ist und sich seine berufliche Situation verändert hat. Und natürlich wie er sich in dieser Zeit verändert hat, wie sich Werte und Normen verschoben und sich seine eigenen Prioritäten verändert haben.

Nur ich habe mit meinem Mann gelebt, habe ihn erlebt und musste ihn zum Teil auch aushalten. Nur ich habe seine ständigen Selbstzweifel, sein mangelndes Selbstbewusstsein und seine Zwanghaftigkeit erlebt. Ich habe die ständige Diskrepanz ausgehalten zwischen dem, was und wie er gern sein wollte und seiner Erkenntnis, dass er genau das nicht ist. Ich ahne heute, mit dem Abstand von zwei Jahren, dass es für meinen Mann und so wie sein Denken war, keinen anderen Weg gab.
Und dennoch, auch wenn ich plausible Erklärungen für mich gefunden hab, der einzige Mensch, der es wirklich schlüssig erklären könnte, ist nicht mehr am Leben.

Diese Erklärungsversuche haben dennoch ihren Sinn. Wenn sich die Angehörigen mit der eigenen Lebensgeschichte und der des Verstorbenen auseinander setzen, haben sie einen wichtigen Schritt im eigenen Trauerprozess getan. Sie erkennen, dass ihre Verfehlungen im Zusammenleben mit dem Verstorbenen längst nicht so bedeutend sind, wie sie anfangs glaubten. Es war der Suizid, der sie so übermächtig werden lies.

Erst wenn die Hinterbliebenen die Tatsache anerkennen, dass der Suizid die ureigenste Entscheidung des Verstorbenen war, können sie sich von all den „hätte ich doch...“ oder „Wenn ich doch nur .....“ endlich lösen und diese Sätze verlieren ihre Kraft.
Zur eigenen Machtlosigkeit zu stehen, bedeutet aber auch, den Suizid endgültig als Tatsache anzuerkennen.
Oliver

5. Über die Wut

Wut ist ein sehr energiegeladenes Gefühl und trotzdem ein Gefühl wie jedes andere auch. Sie kommt und geht. Menschliche Gefühle sind nicht gut oder schlecht- sie sind.
Wir Menschen haben gelernt, dass es gute und schlechte Gefühle gibt- doch wir wollen natürlich nur die guten. Diese passen in unsere -heutige – oft sehr oberflächliche Zeit. Aber wie sollen wir ein erfülltes und glückliches Leben führen, wenn wir nur die Hälfte der Gefühle für unser Leben zulassen? Wir haben alle Gefühle in uns und es funktioniert nicht, dass wir eins davon nicht haben wollen, weil es nicht salonfähig ist.
Das Gefühl in uns, welches wir ignorieren, ist stärker als jeder Widerstand, den wir ihm entgegenstellen können- WEIL ES IST.

Wenn die Wut nicht kommen darf, dann kann sie auch nicht gehen und wenn wir sie nicht haben wollen, dann können wir sie auch nicht loslassen.
Solange wir ein Gefühl in uns verleugnen, was zu uns gehört, sind wir nicht in Kontakt mit uns, wissen wir nicht, was wirklich ist. Wir sind auf eine andere Weise darauf fixiert etwas „ändern“ zu wollen und erzeugen damit ein nicht wahrhaben wollen.
Auch wenn wir unsere Wut nicht hören wollen, sie will gehört werden und deshalb bleibt sie hartnäckig in uns. Wir brauchen unendlich viel mehr Energie sie niederzuhalten oder so zu tun als hätten wir keine.
Vielleicht kommt sie darum ganz plötzlich über uns, überfallartig, ganz ohne Vorwarnung.

Sich seiner Wut bewusst zu werden, heißt nicht, sie zu begreifen oder irgendeine Erklärung dafür zu finden. Wut können wir nicht mit dem Kopf begreifen. Wir müssen sie annehmen und gewähren lassen, können nicht dafür oder dagegen sein, sie gehört zu uns, ist ein wichtiger Teil unseres Lebens.
Wenn wir die Wut durchlassen, wird der Weg frei für neue Gefühle, weitere Erfahrungen.

Aber wer hindert uns daran wütend zu sein? Sind wir es nicht oft selbst?

Haben wir nicht oft Angst davor richtig wütend zu sein?
Haben wir nicht Wut auf die Wut, Angst vor der Wut oder Wut auf die Angst?
Sind wir es nicht selbst, die uns davon abhalten und schieben die Schuld dann auf andere? Einfach nur weil wir Angst haben, wir Selbst zu sein? All die Standpunkte und Ideen die wir haben, versprechen uns ein Gitter und Halt und damit Sicherheit.

Aber jeder Standpunkt kostet uns ein Stück Lebendigkeit.

Vielleicht sind wir einfach nur wütend, weil wir es nie sein durften? Wir es uns selber nie erlaubt haben, weil es sich einfach nicht gehört, Gefühle so heftig zur Schau zu stellen, auszuleben? Sind wir nicht auch heute oft noch wütend darüber, dass wir als Kinder verletzt, verspottet und gedemütigt wurden, ohne so recht mitzuschneiden, was uns Tag für Tag ein Stück unseres Selbstwertgefühls raubte?

Aber warum sind wir dann heute als Erwachsene immer noch wütend? Vielleicht müssen wir einfach nur akzeptieren, dass Gefühle da sind? Auch die, die wir eigentlich nicht haben wollen, weil sie uns in ihrer Heftigkeit oft erschrecken und für die Außenwelt nicht schön sind. Aber es sind unsere Gefühle und damit ein Stück unserer ureigenen Persönlichkeit, dass was unser ICH ausmacht.

Eins sollten wir dabei nicht aus den Augen verlieren, niemand braucht einen Grund für seine Wut, denn für all die glücklichen Gefühle wie Freude, Liebe, usw. suchen wir auch keine Gründe.

Können wir die Wut nicht als Brücke betrachten, um im eigenen Leben anzukommen? Denn wer wütend ist, ist immerhin LEBENDIG.

Wut kann ein Weg sein mit Enttäuschungen umzugehen, oder auf Frustration zu reagieren, aber auch: nicht wirklich zu reagieren. Sie kann ein Schutzmechanismus sein, um sich vor den dahinterliegenden Gefühlen wie Angst, Schmerz, Trauer und Verlassenheit besser zu verstecken.
Oliver

6. Wut eine Herausforderung

Wut ist ein starkes Gefühl und ein Signal auf das wir hören sollten. Unsere Wut kann für uns die Botschaft enthalten, dass wir gekränkt sind, dass unsere Rechte verletzt wurden, dass unsere Bedürfnisse und Wünsche nicht angemessen befriedigt werden. , oder einfach, dass etwas nicht stimmt.
Die Wut in uns signalisiert uns unter anderem, dass wir ein wichtiges emotionales Problem in unserem Leben nicht angehen. Unsere Aggressionen können ein Zeichen dafür sein, dass wir mehr tun und mehr geben, als wir tun oder geben wollen und eigentlich auch können. Vielleicht warnt uns unsere Wut aber auch vor einem zuviel der anderen um uns herum.
So kann uns unsere Wut dazu motivieren, zu den Vorstellungen die andere von uns haben NEIN zu sagen und die inneren Forderungen unseres ICHs zu beachten.
In unseren gesellschaftlichen Traditionen werden wir aber allzu oft davon abgehalten sich der eigenen Wut bewusst zu werden und ihr auch
Ausdruck zu geben.

Die Tabus denen unser Zorn und seine Äußerungen unterliegen sind so mächtig, dass es uns oft schon schwer fällt zu spüren, dass wir wütend sind.
Wir fürchten unsere eigene Wut, weil sie unser bisheriges Leben in Frage stellt. Wir fürchten sie nicht nur, weil sie die Ablehnung der anderen hervorruft, sondern auch weil sie uns an die dringende Notwendigkeit von Veränderungen erinnert.
Vielleicht versuchen wir dann auszuweichen und stellen uns Fragen, die nur den Sinn haben, uns am bewussten Erleben unserer Wut zu hindern, oder sie sogar gegenstandslos machen.
Wut ist weder berechtigt noch unberechtigt, weder bedeutungsvoll noch sinnlos- sie ist da. Wut ist ein Gefühl. Sie hat immer ihre Gründe und verdient auch unsere Beachtung und unsere Aufmerksamkeit. Wir alle haben das Recht auf das was wir fühlen- und dabei ist unsere Wut mit Sicherheit keine Ausnahme.
Oliver

6.1. Sinnvolle Fragen zur Wut

Es gibt eine ganze Menge wichtiger Fragen mit dem Hintergrund der eigenen Wut, die man sich selbst immer wieder stellen und natürlich auch beantworten sollte.

Ø Worüber bin ich wirklich wütend?
Ø Wo liegt das Problem und ist es überhaupt mein Problem?
Ø Gibt es Wege herauszufinden wer für welche Dinge verantwortlich ist?
Ø Wie kann ich lernen meine Wut so auszudrücken, dass ich mich dabei nicht hilflos und ohnmächtig fühle?
Ø Wie kann ich meinen Standpunkt deutlich machen, ohne das ich mich in eine Verteidigungs- oder Angriffsstellung begebe?
Ø Muss ich Verluste befürchten, wenn ich meiner Wut Ausdruck gebe?
Ø Kann ich etwas anders machen, wenn ich spüre, dass ich mit meiner Wut nicht weiter komme?
Ø Kann ich mir selber treu bleiben, wenn ich meiner Wut jetzt keinen Ausdruck gebe?
Ø Kann ich meine Wut immer runterschlucken und explodiere ich dann nicht irgendwann?
Ø Kann ich meiner Wut so Ausdruck geben, dass ich andere nicht verletze, sowohl physisch als auch psychisch?

Diese Fragen haben mit Sicherheit nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, aber wenn diese Fragen ganz bewusst gestellt und beantwortet werden, kann man für sich selbst mehr Klarheit über die Ursachen der eigenen Wut finden.
Oliver

6.2. Die andere Seite der Wut – Die nutzlose Wut

Es ist mit der Wut wie mit allen Dingen im Leben, auch sie hat zwei Seiten. Einerseits signalisieren Wutgefühle zwar ein Problem, aber dadurch, dass man der Wut freien Lauf lässt, hat man noch lange nicht das Problem gelöst.

Das Entladen der Wut kann auch dazu dienen, sich hinter ihr zu verstecken, nicht wirklich an der Lösung das Problems oder an Veränderungen interessiert zu sein. In unserer Erbitterung und unserem Zorn wenden wir oft die ganze Kraft für sie auf und versäumen möglicherweise dadurch unseren eigenen Veränderungsprozess.
Wut sollte immer der Anfang für Veränderungen im eigenen Leben, in eigenen Verhaltensmustern sein.
Wenn wir nur wütend sind, aber unsere Lebensumstände nicht verändern, es durch unsere ausgelebte Wut nicht schaffen unseren Hoffnungen, Werten und Entwicklungsmöglichkeiten eine Chance zu geben, dann werden wir feststellen müssen, dass unsere Wut absolut nichts bewirkt.

Wann empfinde ich die Wut als nutzlos?
Einerseits wenn ich die Möglichkeit wahrnehme ihr aus dem Weg zu gehen und Ärger und Auseinandersetzungen ständig vermeide und lasse mich andererseits auf fruchtlose wütende Auseinandersetzungen, Vorwürfe und Beschwerden ein, die zu keinem konstruktiven Ergebnis führen.
Scheinbar sind diese beiden Arten mit der Wut umzugehen so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber dem ist eher nicht so: Beide sind dazu geeignet, andere zu schützen, unsere klare Selbsteinschätzung zu betäuben und andererseits zu gewährleisten, dass keine Veränderung eintritt.
Oliver

7. Berechtigte Wut nach dem Suizid eines Angehörigen

Während Schuldgefühle und Schuldzuweisungen vom gesellschaftlichen Umfeld verstärkt werden, gehört die Wut eher zu den unangemessenen Gefühlen. In unserem Unterbewusstsein hat sich der Satz festgehakt, dass über Verstorbene nicht schlecht gesprochen wird.

Wut nach einem Suizid ist ganz besonders schwierig. Wie kann jemand seine Wut rechtfertigen, gegen einen Menschen der sich das Leben genommen hat? Wie soll ich ihm all das noch sagen, wenn er nicht mehr am Leben ist?
Oft bleibt für die Hinterbliebenen das Gefühl zurück: „ Du kannst mir bei meinen Problemen auch nicht helfen!“ oder aber: „ Ich bin lieber Tod, als dass ich versuchen würde meine Probleme mit dir zu lösen. Ich brauche dein Mitfühlen nicht..!“
Wie kann ich wütend sein, wenn einem durch die anderen Menschen um einen herum, ein Anteil am Schicksal des Verstorbenen zugewiesen wird.
Derjenige, der sich das Leben genommen hat, wird doch eher bemitleidet und bedauert, statt beschimpft und verflucht.

Wut ist ein gewalttätiges Gefühl, dass der Person gegen die sie gerichtet ist, Schaden wünscht. An manchen Tagen kann diese Wut soweit gehen, dass man demjenigen, der schon tot ist, am liebsten umbringen würde. Dieses Gefühl kann dann wieder eine neue Welle von Schuldgefühlen auslösen.

Wut, Zorn und vielleicht sogar Hass sind aber ganz wichtige Gefühle um eine Distanz zu dem Toten zu schaffen.
Besonders für uns Frauen ist es in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht angebracht, wütend, aggressiv und laut zu sein.
Das macht es Frauen schwerer nach Suizid zu trauern. Ihnen werden unter anderem Verzweiflung, Stummheit und Schuldbewusstsein zugeschrieben, diese Traueräußerungen erscheinen gesellschaftlich akzeptabel.

Aber alle lauten Formen des Klagens und Trauerns wirken peinlich. Wenn sie gar noch wütend und aggressiv sind, bekommen sie ganz schnell den Stempel hysterisch aufgedrückt.
Vielleicht ist es den Trauenden gar nicht bewusst, aber es erfordert schon eine gehörige Portion Mut sich über diese gesellschaftlichen Normen hinweg zusetzen und die eigene Trauer gut zu durchleben.
Männern gesteht die Gesellschaft schon eher aggressives Verhalten nach einem Suizid zu. Sie dürfen in einem gewissen Rahmen Geschirr oder Möbel zerschlagen, oder sich sinnlos betrinken.

Menschen, die sich nicht trauen ihre Wut zu zeigen, decken sie mit Gefühlen wie Ohnmacht, Schuld und Traurigkeit zu und erreichen damit nur, dass ihr Zorn noch verstärkt wird.
Diese nicht gelebte Wut kann zur Folge haben, dass sich ein allgemeiner Zorn auf die ganze Umwelt richtet und oft der kleinste Anlass reicht um zu explodieren.

So wie es ein Tabu ist, sich Selbst das Leben zu nehmen, so ist es auch ein Tabu, sich der geballten Wut auf diesen Verstorbenen bewusst zu werden und ihr auch Ausdruck zu geben.

Diese Gefühle der Wut und des Zorns sind an keine Zeiten gebunden. Der eine spürt sie nach wenigen Wochen und ein anderer erst nach Jahren. Aber egal, wann man diesem Gefühl Ausdruck gibt, wirkt es in jedem Fall befreiend.
Für nichts muss ich man sich da schämen. Egal ob laut geschrien wird, man ganz wahllos auf Gegenstände einschlägt oder auch Erinnerungsstücke zerreist.

Wut ist ein Gefühl das in der Gesellschaft sehr negativ besetzt ist, aber im Trauerprozess viel Lebenskraft freisetzt und dem Trauernden Selbst ein Gefühl von unbedingter Lebendigkeit vermittelt.

Wut wirkt, anders als die Traurigkeit, anspornend, ja sogar belebend. Die verlockende, verführerische Macht der Wut erklärt vielleicht schon einige der Ansichten, die häufig über sie geäußert werden: dass die Wut unbeherrschbar sei oder das man sie gar nicht beherrschen sollte und das es nur heilsam sei, wenn wir der Wut freien Lauf lassen.

Überhaupt habe ich die Wut nach dem Suizid meines Mannes als ein sehr produktives und befreiendes Gefühl erlebt.

Vor dem Suizid meines Mannes war ich der Meinung, jeder hat das Recht Selbst zu entscheiden, wann er sterben will. Heute finde ich die Entscheidung für Suizid ungeheuer egoistisch. Mein Mann hat seine Probleme nicht gelöst, er hat sie „nur“ auf mich umgelagert. So musste ich zu meinen Problemen, die ich durch seinen Suizid hatte auch noch seine klären, die er einfach auf mich abgeladen hatte.
Oliver

8. Wünsche für den Umgang mit Trauernden nach Suizid

Wie geht man mit Angehörigen nach Suizid um? Am Anfang findet kaum einer Worte dafür, die Angehörigen stehen unter Schock.

Ø Wenn ihr Fragen habt, die mich und meinen Angehörigen betreffen, dann habt den Mut und fragt mich und nicht irgend jemand anderen in meiner Umgebung. Auch keine Freunde, die vielleicht schon gar keine mehr sind.

Ø Ich habe keine Schuld an dem Suizid meines Angehörigen. So gebt mir auch keine, denn meine Gedanken kreisen eh schon um meine eigenen Selbstzweifel. Oft genug gebe ich mir schon Selbst die Schuld.

Ø Verlangt nicht das Unmögliche von mir, dass ich in meiner Ohnmacht, Verzweiflung und Dunkelheit den Kontakt zu euch suche. Fasst euch ein Herz und kommt zu mir.

Ø Gebt mir die Chance, dass ich euch von all meinen Zweifeln und meiner Suche nach der eigenen Schuld immer wieder erzählen kann. Egal wie oft ihr das schon gehört habt.

Ø Lasst mich nicht allein, auch wenn ich oft allein sein möchte. Erzählt mir von eurem Leben und lasst ein wenig von eurer Lebensfreude bei mir, auch wenn es so scheint, dass ich in meiner Trauer versunken bin und nicht wieder auftauchen möchte.

Ø Lasst es zu, dass in meiner Gegenwart von meinem Angehörigen gesprochen wird, wie jeder ihn erlebt hat, mit all seinen Facetten und auch von der Tatsache, dass er sich selber das Leben genommen hat.

Ø Wenn ich Ärger und Wut äußere, dann wundert euch nicht und wendet euch nicht ab, denn dieses Gefühl bringt mich am schnellsten wieder in Kontakt mit meiner eigenen Lebendigkeit.

Ø Auch wenn der Alltag scheinbar wieder normal läuft, so bin euch bewusst ich funktioniere nur. Ich habe noch lange nicht das Gefühl wieder im Leben angekommen zu sein. Wisst, dass dieses Funktionieren auch ein Schutz ist, um nicht zu verzweifeln.

Ø Seid euch im Klaren, wenn für euch der Alltag schon lange wieder geregelte Bahnen läuft, ist meine Achterbahnfahrt der Gefühle noch lange nicht zu Ende. Sie ist an keinerlei Zeitgefühl gebunden und erst Recht nicht an das sogenannte Trauerjahr.

Ø Geht behutsam mit den Kindern um, die von Suizid betroffen sind. Auch sie wurden nicht gefragt und brutal allein gelassen. Geht offen und ehrlich mit ihnen um, ein Verheimlichen oder Beschönigen des Geschehenen nützt ihnen gar nichts.

Ø Fragt mich nicht im Vorbeigehen, wie es mir geht. Fragt mich nur, wenn ihr euch auch wirklich auf die Antwort einlassen könnt.

Ø Bedenkt, dass das Geschehen um den Suizid immer gegenwärtig ist. Egal wie lang er her ist, er gehört unabänderlich zu meinem Leben. Die geschlagenen Wunden können heilen, aber sind nie wirklich weg.
Oliver

9. Trauer als Chance

Keiner wird gefragt
wann es ihm recht ist
Abschied zu nehmen
von Menschen
Gewohnheiten
sich selbst
Irgendwann
plötzlich
heißt es
damit umzugehen
ihn aushalten
annehmen
diesen Abschied
diesen Schmerz des Sterbens
dieses Zusammenbrechen
um neu aufzubrechen

Morgot Bickel

Trauer habe ich als eine Chance begriffen mich in meinem Leben neu zu orientieren.
Durch den Suizid meines Mannes wurde alles, was bisher mein Leben bestimmt hat, was wichtig war, in Frage gestellt. Nachdem ich realisiert hatte, dass er wirklich nicht mehr wieder kommt und ich mit allem was seins und uns war allein klar kommen muss, begann für mich eine wirklich rasante Achterbahnfahrt der Gefühle.

Es gab Momente, da hätte ich meinen Mann am liebsten noch mal eigenhändig umgebracht. Diese wechselten sich mit der Erkenntnis ab, dass er so wie er sein Leben verstanden und gelebt hatte, eigentlich keine andere Entscheidung treffen konnte.

Heute – zwei Jahre danach- bin ich wieder im Leben angekommen. Es gibt immer noch diese schwarzen Löcher, aber ich weiß heut, ich kann da durch gehen, ich komm da wieder raus.
Oliver

10. Literaturhinweise

Jorgos Canacakis:
Ich sehe deine Tränen

Verena Kast:
Trauern
Sich einlassen und loslassen

Chris Paul:
Warum hast du uns das angetan?
Wie kann ich mit meiner Trauer leben?

Ida Lamp / Thomas Meurer
Abschied Trauer Neubeginn

Monika Müller / Matthias Schnegg:
Unwiederbringlich - Vom Sinn der Trauer

Manfred Oetzelberger:
Suizid

Carin Dioda / Tina Gomez:
Warum konnten wir dich nicht halten?

Georg Schwikart
Niemand geht ohne Spuren

Karina Kopp-Breinlinger / Petra Rechenberg-Winter:
In der Mitte der Nacht beginnt ein neuer Tag

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