Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Augenblicke zwischen Leben und Tod


Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 0 Antworten
und wurde 2.477 mal aufgerufen
 Verlust und Trauer
ingoborm Offline

Webmaster und Administration Technik

Beiträge: 937

06.10.2005 23:55
Trauerwege antworten

Es gibt tausend Wege einen Menschen kennenzulernen und mindestens ebenso viele, um von ihm Abschied zu nehmen. Tiefe Trauer führt nach innen. Doch Trauer muss sich ausdrücken und hat auch eine öffentliche Seite. Der Weg nach innen und der nach außen sieht bei jedem anders aus, denn jede Trauer ist einzigartig.

Trauerkultur
Wer trauert, fällt aus dem Rahmen. Für Alltag und die üblichen menschlichen Kontakte haben Trauernde oft weder Kraft noch Sinn. Fast jede Kultur hält deshalb für sie Bräuche und Regeln bereit, die den Menschen um sie herum signalisieren: Hier lebt jemand in einer besonderen Gefühlswelt - die gilt es zu achten.

Trauerkleidung
Die gesellschaftliche Sonderstellung der Trauernden fängt bei der Kleidung an. Bei uns trägt die Witwe Schwarz, im alten Ägypten war die Trauerfarbe Gelb, in Japan geht man in Weiß und auf Bali sind die Kleider der Weinenden bunt. Viele Naturvölker wechseln zu Beginn ihrer Trauer die Körperbemalung.
Trauernde Juden haben oft einen Riss im Stoff ihrer Oberbekleidung, gut sichtbar im Halsbereich. Dieser Brauch geht zurück auf wesentlich drastischere Maßnahmen biblischer Vorfahren: Im Alten Testament zerrissen Menschen, wenn sie vom Tod eines nahen Angehörigen erfuhren, ihre Kleider, legten ein grobes Gewand an, schütteten sich Asche auf ihr Haupt und setzen sich in den Staub. Daher stammt die Wendung "in Sack und Asche gehen."
Über den frommen Juden Hiob steht geschrieben, dass er sich sogar mit einer Scherbe schabte. Selbstverletzungen als äußeres Zeichen von Trauer gibt es immer noch, vor allem bei Naturvölkern in Australien, Nord- und Südamerika. Im deutschsprachigen Raum konnte man lange Zeit an der Kleidung von Witwen erkennen, wie weit der Todesfall zurücklag. War sie nicht mehr völlig in Schwarz gekleidet sondern trug sie z.B. einen weißen Kragen, dann war sie am "Abtrauern". Ihr Trauerjahr war fast vorbei.

Trauerzeit
Witwen und Witwer sollen ein Jahr um ihren Ehepartner trauern - dieser Restbestand an gemeinsamer Trauerkultur ist in unserem Kulturkreis noch verbreitet. Das Trauerjahr gab es schon im römischen Reich, allerdings nur für Witwen. Für alle anderen betrug die offizielle Trauerzeit neun Tage. Nach einer Verordnung des Königs Numa Pompilius durften Kinder unter drei Jahren gar nicht, ältere nicht länger als zehn Monate betrauert werden. Kürzer war die Trauerzeit bei den Navajo-Indianern: Nach vier Tagen wurde weder Trauer noch das Gespräch über den Verstorbenen geduldet. Man vermutet, dass diese strikte Regel in der Angst vor dem Toten begründet ist.
Im Judentum ist die Trauerzeit unterteilt: Drei Tage sind für das Weinen da, sieben für das Klagen, dreißig für die Trauer. Ein ganzes Trauerjahr ist nicht den Witwen sondern allein trauernden Eltern vorbehalten.

Trauerkontakte
In den ersten sieben Tagen nach der Beerdigung sollen jüdische Trauernde nicht arbeiten, sich nicht mehr als unbedingt nötig waschen, weder Nägel noch Haare schneiden, keine Kleidung wechseln (das zerrissene Oberkleid !), auf Schmuck und Sex verzichten und vor allem zu Hause bleiben.
Die erste Mahlzeit nach dem Begräbnis wird ihnen von Verwandten gereicht und in der Trauerwoche bekommen sie viel Besuch. Die Trauernden grüßen nicht und dem Besuch ist es verboten, das Gespräch zu beginnen. Als der schon oben erwähnte Hiob trauerte, kamen seine drei Freunde und saßen sieben Tage und Nächte schweigend bei ihm auf der Erde, bevor Hiob mit ihnen ein Gespräch begann.
Dieser zunächst merkwürdig anmutende Brauch hat den unschätzbaren Vorteil, dass Trauernden kein Gespräch aufgedrängt werden kann, weder von gutmeinenden Freunden, die mit Alltagsgeplauder vom Schmerz ablenken wollen, noch von selbsternannten Seelsorgern, die "Tröstliches" zu verkünden haben. Die Trauernden bestimmen selbst Stimmung und Richtung der Gespräche, weil sie am besten wissen, ob ihnen Ablenkung oder Aushalten des Verlustes gut tut.
Der Brauch, das Trauernde ihr Haus nicht verlassen, hat allerdings nicht in allen Kulturen einen so fürsorglichen Hintergrund. Bei z.B. dem südamerikanischen Indianerstamm der Araucaner werden Witwen für ein ganzes Jahr isoliert, weil man die Toten fürchtet und sie in der Nähe ihrer Angehörigen glaubt.

Trauerphasen
Im Englischen gibt es zwei Worte für Trauer: "mourning" beschreibt den sozialen und kulturellen Ausdruck der Trauer. "grief" hingegen meint das Gefühl des Trauerns. Trauerregeln und -bräuche sind in unserer Gesellschaft kaum noch vorhanden. Das "mourning" verschwindet immer mehr und das "grief", die persönliche Trauer, gewinnt an Bedeutung.
Die aufkommende Psychologie entwickelte Theorien zum Trauergefühl und mittlerweile unzählige Phasenmodelle, die einen "normalen" Trauerverlauf beschreiben sollen. Wichtige Trauerforscher sind John Bowlby und Elisabeth Kübler-Ross für den amerikanischen Sprachraum, Verena Kast und Yorick Spiegel sind aktuelle deutsche Verfasser von Trauermodellen. Grob vereinfacht und mehrere Autoren zusammengefasst, kann man vier Trauerphasen unterscheiden.
Schock: Die Nachricht des Todes will man nicht wahrhaben. Schlaflos und stumpf hält man sich die neue Realität vom Leibe.
Gefühle: Alle sind gegangen, man ist mit seinen Gefühlen allein. Was jetzt? Sich verkriechen? Geschäftig sein? Schreien? Verdrängen? Verrückt werden? Die Stimmung wechselt heftig. Freunde sind irritiert.
Suche: Der Verstorbene begegnet den Betroffenen im Traum, oder man sieht ihn in einer Menschenmenge. Man erinnert sich all seiner liebenswürdigen Eigenschaften, führt Zwiegespräche mit ihm.
Leben: Den Verstorbenen sieht man jetzt mit seinen guten und weniger guten Seiten, weist ihm einen Platz im Herzen zu und holt ihn damit von außen nach innen. Jetzt wird der Blick frei für Freunde und einen Alltag, der jetzt ganz anders aussieht.
Alle Phasenmodelle klingen einleuchtend - theoretisch. Ihr praktischer Nutzwert wird allerdings oft überschätzt. Sie sagen nicht mehr als: Das alles kann Trauer sein. Doch Trauer lässt sich mit ihnen nicht zähmen und schön nach der Reihe in Phasen abarbeiten. Viele empfinden Trauern eher als ein Hin und Her - wie ein Ringen im Dunkeln, mit einem unbekannten Gegner.

Neue Traueröffentlichkeit
Mit dem Verschwinden der meisten Trauerbräuche verschwand die Trauer immer mehr aus der Öffentlichkeit. An einigen Stellen kehrt sie jetzt zurück.
Alt-Talkmaster Jürgen Fliege z.B. findet ein großes Publikum bei Themen wie "Abschied unter Tränen", "Wenn Väter und Söhne trauern" oder "Trauern ohne Leichnam".
Das Internet bietet "virtuelle Friedhöfe" - Gedenkstätten, in denen Menschen Lebensdaten, Fotos und Erinnerungen jeglicher Art von dem, um den sie trauern, ins Netz stellen. Man kann den Trauernden vorgefertigte Beileidskarten mailen.
Wichtiger als die noch schwach besuchten "virtuellen Friedhöfe" sind allerdings die zahlreichen Trauerforen, die z.B. "verwaiste" Eltern, denen ein Kind starb, zusammenführen. Für außergewöhnliche Krisensituationen, die man mit ebenso Betroffenen besprechen möchte, erweist sich das Internet als ideal.
Immer häufiger wird Trauer auch ein öffentliches Ereignis dank Prominenter, an deren Schicksal man Anteil nimmt, z.B. in dem Fall von Herbert Grönemeyer im Herbst 2002. Der Sänger lässt durch Interviews in Zeitungen und Auftritten im Fernsehen die Öffentlichkeit an seiner Trauer teilnehmen - seine Frau und sein Bruder verstarben kurz nacheinander. Aber gleichzeitig veröffentlichte Grönemeyer auch einen Song, der aus seiner Trauer entstand und scheinbar für viele Trauergefühle angemessen beschreibt. Selbst der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirchen in Deutschland bedankte sich bei Herbert Grönemeyer für dieses Lied.
(Jürgen Dreyer)

Quelle: Planet Wissen

 Sprung  

Zugriffsstatistik:
counter

Impressum und Haftungsausschluss - Hinweis zu den Informationen hier

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de