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Begegnung mit trauernden Eltern und Geschwistern Auszug aus einem Vortrag im Rahmen eines Pastorenkonvents von Gabriele Knöll Von diesem Vortrag erhofften sich die – sämtlich in der Notfallseelsorge engagierten – Pastoren Antworten auf Fragen wie: * In welcher Situation befinden sich Eltern, Familien, beim plötzlichen Tod eines Kindes? * Wie kann man ihnen helfen? ... Jetzt stehe ich vor Ihnen mit großem Respekt. Sie sind der Beweis dafür, wie viel sich auf dem Gebiet der seel-sorgerischen Begegnung in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Ich war zehn Jahre alt, als sich mein 17-jähriger Bruder das Leben nahm. Darauf folgte Schweigen – schwarzes Schweigen – kein Seelsorger, an den ich mich erinnern könnte – schon gar nicht für mich – nur der Schwester. Absolute seelische Einsamkeit!!! 1981 starb dann unser 4. Kind, unser Moritz, ganz plötzlich – und unerwartet. Wer erwartet schon den Tod – mitten im Leben? Damals hat sich unser Seelsorger verschreckt hinter seinem Schreibtisch verkrochen. Heute haben betroffene Eltern mit Ihnen die Chance auf Begegnung – sich einlassender, zulassender, aushaltender, aber auch stellungnehmender, eben echter Begegnung in einer Grenzsituation des Lebens, in der wir mit Hiob den Tag verfluchen möchten: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren! Verehrte Damen und Herren, Ihre Bereitschaft, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie Begegnung mit trauern-den Eltern und Geschwistern gestaltet, gelebt werden kann, ist etwas Wertvolles. Ich sehe es als Auszeichnung an, dass Sie mich zu Ihrem Konvent eingeladen haben. Mitten im Leben der Tod! Als Mitarbeiterin der Telefonseelsorge hatte ich ja schon gelernt, dass es Trauerphasen gibt (heute spricht man lieber von Traueraufgaben), die sehr individuell durchlebt werden. Aber wie viel anders ist Trauer im eigenen Leben, als in professioneller Distanz. Seien Sie sicher, dass Sie sich vom Ausmaß des Schmerzes, von der Tiefe des Falles keine Vorstellung machen – es sei denn, Sie haben Vergleichbares erlebt. Gott sei Dank ist das so! Was ich bis dahin “wusste” aus meiner Arbeit in der Telefonseelsorge und als Therapeutin, das “begriff” und “erlitt” ich beim Tod meines Sohnes. Stellen Sie sich vor, da gönnt sich ein verliebtes Ehepaar fünf Tage Liebesurlaub – ohne Kinder. Am vierten Tag der Anruf: Moritz tot. Boden weg – der Himmel stürzt ein! Verzweifelt schreiend, liegend auf dem Marktplatz einer mallorcinischen Stadt. Nein! Die Welt schreit Nein! Irgendwie schaffte es dieses Paar wieder zurück nach Deutschland – zurück? wohin? Ist das noch unser Haus? Ich stelle mir vor, einer von Ihnen hätte dort auf uns gewartet – einer wie Sie wäre mir begegnet! Hätten Sie mich ausgehalten? Keine Wut – kein Geschrei mehr – keine Träne! Aber glauben Sie nicht, das wäre leicht gewesen für Sie! Heute denke ich, man muss mich für verrückt gehalten haben – damals. Und ich war es auch -ver – rückt. Stundenlang schwärmte ich vom herrlichen Mallorca. Das Kind ist tot – und die Mutter ergeht sich in Schilderungen von Landschaft und Liebestagen. Was hätten Sie getan? Meine Freundin ließ mich reden, hörte mir zu, eine Woche lang. Ich durfte so sein. Meine Freundin spürte, wie verzweifelt ich dem Schmerz auswich – um weiterleben zu können. Es hat geklappt! Ich lebe – und das sogar wieder glücklich. Meine Freundin bewertete mein Verhalten nicht. Während meine Mutter versuchte, dem Tod meines Sohnes einen Sinn zu geben (Gott wird gewusst haben. wozu das gut ist – vielleicht warst Du mit vier Kindern ohnehin überfordert), bestätigte meine Freundin mir, dass Moritz Tod ungerecht – stinkend ungerecht sei. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, muss ich gestehen, dass es nur fragmentarisch ein Bewusstsein dafür gibt, dass es in diesem Chaos irgendwo auch drei kleine Kinder und einen Ehemann gab. Immer mal wieder tauchte wohl der Gedanke an sie auf – immer mit dem Wissen, überhaupt nicht mehr meiner Familie gewachsen zu sein. Neben dem Schmerz der Trauer nun auch noch der Schrecken des Versagens. Nein, lieber wieder an Mallorca denken. Beerdigung? Wie geht das? Irgendwie unter die Erde – bevor mir die Kraft vergeht. Sehnsucht! Ich will, ich muss mein Kind sehen. Wo ist mein Kind? Telefonate, Bestatter, Krankenhaus, Staatsanwaltschaft. Ich spürte, wie mir die Kraft verlorenging für das zu kämpfen, was mir wichtig war. Ich ging mir selbst verloren. Irgendwo zwischen dem Gestern, dem Heute, dem Morgen. Ich habe auch wider besseren Wissens nicht verhindert, dass Freunde unsere 4-jährige Tochter zum Spielen mit sich nahmen, um ihr so die Beerdigung zu ersparen. Ich hätte so sehr eines Menschen bedurft, der sich zum Anwalt meiner Bedürfnisse macht. Wir hätten so sehr jemanden benötigt, der uns alle im Blick hat, der uns zusammenhält. Stellen Sie sich die Familie als ein Mobile vor, das – bei jedem Luftzug – erneut sein Gleichgewicht austaxiert. Nun ist ein Teil dieses Mobiles abgeschnitten – und das Gesamtgebilde hängt schief – aus dem Gleichgewicht gekippt, aus der Bahn geworfen...” Trauerarbeit bedeutet nun, dieses Mobile, dieses Familiengefüge wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Am Ende dieses Prozesses wird jeder seinen Platz, seine Position geändert haben. Nun möchte ich Ihnen nicht weiter meinen Weg durch meine Trauer schildern, sondern Ihnen einige Ideen mit auf den Weg geben, wie Begegnung mit trauernden Eltern und Geschwistern aussehen kann. Diese Ideen – keine Forderungen – entstanden durch mein eigenes Erleben, aber natürlich auch durch meine vieljährige Erfahrung aus der Arbeit mit Betroffenen. Einer kann nicht alles leisten! Seien Sie sicher, dass Sie nicht alles leisten können und müssen. Zeigen Sie ruhig eigene Betroffenheit, Ratlosigkeit und Traurigkeit. Lassen Sie Hoffnungslosigkeit, Fassungslosigkeit zu. Alles Andere ist nicht Trost, sondern Vertröstung. Helfen Sie mit, sich der Tatsache des Todes zu stellen. Sprechen Sie es aus: Felix - Moritz ist tot – Anja ist gestorben. Gerade wenn die Betroffenen flüchten vor dem unendlichen Schmerz, der unweigerlich mit diesem Gedanken verbunden ist – halten wenigstens Sie so den Bezug zur Realität – und ganz tief drinnen kommt die Botschaft auch an. Flüchten die Betroffenen nicht, sondern stellen sich der Tatsache des Todes, so verletzt es auch, wenn dieses Entsetzen verharmlosend umschrieben wird als “das was geschah” oder ähnlich. Wenn ein Kind stirbt, reagieren Menschen individuell – nicht vorhersehbar. Ich habe geschrien, andere ver-fallen in eine Art Todesstarre. Meistens aber herrscht zumindest Aufregung. Die Eltern haben ein Recht auf Aufregung – ein Recht auf lautes Schreien – ein Recht auf Hin- und Herlaufen, auf Toben. Tränen und Schreie dürfen, ja müssen sein. Sie müssen nicht versuchen, zu beruhigen. Wenn die Eltern nicht ausdrücklich selbst wünschen, Beruhigungsmittel zu bekommen, raten Sie Medizinern davon ab, solche zu verabreichen. Die medi-kamentöse “Beruhigung” der Betroffenen dient nicht wirklich deren Wohl, sondern entlastet die Mitmenschen. Stellen Sie sich an die Seite der Eltern und halten Sie die Reaktion der Eltern aus. Bringen Sie Ruhe in die Familie, indem Sie Geschwindigkeit drosseln. Beteiligen Sie sich nicht an der Aufre-gung z.B. der Helfer. Kochen Sie Kaffee, setzen Sie sich hin, zünden Sie eine Kerze an... Versuchen Sie dabei, alle Familienmitglieder im Blick zu haben. Betroffen ist nicht nur, wer schreit. Auch der scheinbar so starke Vater oder das herumalbernde Kind sind verwirrt – nicht mehr Herr ihrer Sinne. Gerade für die Väter und die Geschwister ist es oft doppelt schwer, zusätzlich zur eigenen Betroffenheit jetzt noch verängstigt zu werden durch das seltsame Verhalten der Mutter. Versuchen Sie vorsichtig herauszufinden, was die Eltern und Geschwister wünschen. Machen Sie sich zu deren Anwalt. Vermitteln Sie zwischen den Interessen / Notwendigkeiten eventuell anwesender Rettungsdienste oder Bestatter und den Interessen der Familie. Erklären Sie der Familie so genau es geht, was eben mit ihrem Kind geschieht und warum es geschieht. Bereiten Sie die Eltern vor auf das, was kommen wird (eventuell Eintreffen der Polizei, des Bestatters, des Gesundheitsamtes). Helfen Sie den Eltern, Geschwistern und anderen Angehörigen, sich in aller Ruhe von ihrem toten Kind zu verabschieden. Bieten Sie an, das Kind auszusegnen und eventuell, falls es noch nicht getauft wurde, ihm vor Gott einen Namen zu geben. Ermutigen (nicht überreden) Sie die Eltern und Geschwister, das Kind selbst zu waschen und anzukleiden. Auf diese Weise ein letztes Mal dem Kind fürsorgliche Liebe gegeben zu haben, erfüllt die Familie oft jahrelang mit Dankbarkeit. Regen Sie die Familie ruhig an, dem Kind noch etwas mitzugeben: Die Kuscheldecke, ein Bild, ein Spielzeug, einen Brief... Bei all diesen Vorbereitungen setzt bereits ein heilsames Erinnern ein – und Sie, wenn Sie dabei sein dürfen – erfahren viel: vom gestorbenen Kind und seiner Familie. Das hilft vielleicht, eine sehr individuelle Grabrede halten zu können. Vielleicht möchten die Eltern gemeinsam mit den Geschwistern den Sarg gestalten, bemalen, ausschmücken. Ermutigen Sie die Eltern, letzte “Spuren zu sichern” (eine Haarlocke, ein Hand- oder Fußabdruck, Fotos). Bieten Sie den Eltern Unterstützung bei den nächsten formalen Schritten an. Weisen Sie auf die Möglichkeit einer Obduktion hin – wenn diese nicht ohnehin polizeilich angeordnet ist. Für viele Eltern ist die Obduktion zunächst eine grausame Vorstellung. Machen Sie aber auch auf andere Aspekte aufmerksam: Mit der Klärung der Ursache kann auch Ruhe eintreten, wenn z.B. zweifelsfrei geklärt wurde, dass kein Fremdverschulden vorliegt. Manchem “Gerede” könnte so der Nährboden entzogen werden. Ermutigen Sie die Familie, sich das Kind auch noch nach der Obduktion anzuschauen. Seien Sie offen für die Vorschläge der Eltern hinsichtlich der Gestaltung der Beerdigung. Lassen Sie die Glaubenszweifel und den Zorn gegenüber Gott zu. Sie müssen Gottes Handeln weder rechtfertigen noch klären. Im Gegenteil: Die Klage hat an dieser Stelle ein Recht, ausgesprochen zu werden. Bieten Sie ruhig ein Wort der Hoffnung an, aber seien Sie bitte nicht ungeduldig, wenn Betroffene auch über lange Zeit kein Zeichen der Hoffnung erblicken können. Sie werden sie nicht zu einer Zuversicht überreden können. Gehen Sie bitte auch noch nach der Beerdigung selbst auf die betroffenen Eltern zu. Haben Sie bitte den Mut, die Eltern auf ihre toten Kinder und ihre Trauer anzusprechen. Aufkommende Tränen bedeuten nicht, dass Sie eine Wunde neu aufgerissen haben, sondern, dass Vieles noch nicht verarbeitet worden ist. Die Eltern haben oft nicht die Kraft, selbst nach Hilfe zu suchen. Machen Sie den Eltern – bei eventuellen Nachfragen – Mut, das Grab kindgemäß zu gestalten. Es darf gewiß auch mal ein Windrädchen oder ein Keramikengel darauf stehen., von den Geschwistern gesammelte Schneckenhäuser oder schöne Steine. Geben Sie Ihre Besuche nicht ganz auf, selbst wenn Sie den Eindruck haben, ein Gespräch ist jetzt nicht möglich. Auch und gerade das stille Aushalten kann hilfreich sein. Machen Sie Besuche auch nach längerer Zeit, denn das Thema Trauer ist noch nach vielen Monaten und Jahren präsent, dann wenn die Umwelt schon längst zur Tagesordnung übergegangen ist. Fragen Sie z.B. nach Fotos des verstorbenen Kindes. Können viele Eltern in der ersten Zeit der Trauer vielleicht noch keine Fotos betrachten, freuen sie sich doch, wenn sie sich nach größerem Abstand gemeinsam mit jemand Interessiertem an das Kind erinnern dürfen. Regen Sie die Familie an, die Adresse einer Selbsthilfegruppe ins Telefonbuch zu legen. dann ist sie verfügbar, wenn man sie braucht. Raten Sie den Eltern ruhig, den Kontakt zu suchen. In den Gruppen wird nicht nur das Leid geteilt, vielmehr wird gemeinsam nach Wegen in ein neues Leben gesucht. Mit diesen Ideen wird nicht der Anspruch erhoben, Sie bedürften der “Nachhilfe” oder gar, Sie müßten – als guter Seelsorger – all dies leisten. Nehmen Sie sie vielmehr als Anregung, um in der jeweiligen Situation entscheiden zu können, was ist hier gut und angebracht für die Familie – und für Sie selbst. Was immer Sie tun, Ihr Mitaushalten, Ihr Zuhören, ist der beste Beistand – und bewirkt mehr als tausend gut gemeinte Worte. Auch Hiob fordert: “Hört doch meiner Rede zu und laßt mir das Eure Tröstung sein.” Dann werden Sie am Ende miterleben können, wie das Mobile sich wieder richtet. Alles, jeder, hängt dann an einem neuen Platz – aber es gibt wieder ein Gleichgewicht! Haben Sie Vertrauen in die Entwicklung! © 2000 Gabriele Knöll
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