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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Religiöses zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

06.10.2005 23:15
Trauer in einer fremden Kultur antworten

Trauer in einer fremden Kultur


Ich habe im letzten November ganz plötzlich meinen Mann verloren, der nur 46 Jahre alt wurde. Durch diesen vollkommen überraschenden Todesfall bin ich auf das Buch von Dr. Mechthild Voss-Eiser "Noch einmal sprechen von der Wärme des Lebens" gestoßen, das ich immer wieder zur Hand nehme und das mir zumindest ab und zu Trost spendet (oft bringt es mich erst recht zum Weinen). Nur eines daran stört mich. In ihrer Einführung schreibt Frau Dr. Voss-Eiser von alten Trauerritualen z.B. in Griechenland und der Türkei, die Hinterbliebenen dort helfen. Mein Mann war Türke, ich lebe noch in der Türkei und ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen (beim Tode eines geliebten Menschen) als den Ablauf hier. Mein Vater ist sechs Monate vor meinem Mann gestorben, deswegen ist es mir möglich, Vergleiche anzustellen.

Mein Mann hat sich nicht wohl gefühlt (hielt das für eine Erkältung), ist nachts aufgestanden und wahrscheinlich zwischen zwei und drei Uhr nachts gestorben. Ich habe ihn um 7 Uhr gefunden, Nachbarn zur Hilfe gerufen (obwohl ich wusste, dass er tot war, er war schon kalt) und von da an war ich nicht eine Minute mehr allein mit ihm. Innerhalb kürzester Zeit war unsere Wohnung voll mit mir vollkommen unbekannten Menschen, die mich nicht einmal begrüßt hatten, obwohl sie wussten, dass es unsere (sprich seine Wohnung und die seiner Ehefrau) war. Es waren überwiegend Nachbarn und Freunde meiner Schwiegermutter.

Nur per Zufall habe ich mitbekommen, dass man ihn noch am gleichen Nachmittag beerdigen wollte, man hat mich nicht mal gefragt, ob ich noch auf jemanden aus meiner Familie aus Deutschland warte. Man hat mich gar nichts gefragt, alles wurde über meinen Kopf hinweg entschieden. Ganz furchtbar war für mich, dass mein Mann dort im Wohnzimmer lag und all diese Leute einfach da waren und nicht gehen wollten (bis 23 Uhr). Mein Mann war sein Leben lang sehr bescheiden und zurückhaltend. Er hätte nie gewollte, dass man ihn so zur "Schau" stellt. Und ich konnte ihn nicht mehr verteidigen.

Schließlich hatte eine Nachbarin Erbarmen und hat provisorisch ein Laken durch das Zimmer gespannt. Bei der eigentlichen Trauerfeier am nächsten Tag (da hatte ich mich dann doch durchgesetzt) stand ich ein ganzes Stück weit vor der Holzkiste, in der mein Mann lag, wurde aber plötzlich von

wildfremden Männern, die aus der Moschee strömten (die Trauerfeier war während des Freitagsgebetes auf dem Vorhof der Moschee) an die Seite gedrängt, weil sie dort ein Gebet für ihn sprechen wollten. Auf dem Friedhof war es das Gleiche. Abends bei der Trauerfeier in der Wohnung meiner Schwiegermutter wurden die Frauen in die Nebenräume gedrängt (obwohl drei Frauen die eigentlichen Hinterbliebenen waren, seine Mutter, seine Schwester und ich). Es klingelten Handys, es wurde geraucht, es war so entsetzlich, dass ich zum dritten Gebet (nach 40 Tagen) nicht mehr hingegangen bin.

Wenn man mich vorher nicht bemerkt hat, so hat man mein Fehlen dort sehr wohl registriert, also war ich beim 52.-Tage-Gebet wieder da.

Meiner Schwägerin geht es heute noch sehr schlecht, während ich zumindest mit den alltäglichen Dingen wieder einigermaßen zurecht komme, u.a. weil ich Bücher gelesen habe und versuche, mich mit seinem Tod auch verstandesmäßig auseinanderzusetzen.

Da frage ich mich, welches sind die Riten, die Frau Dr. Voss-Eiser meint, die in

dieser Gesellschaft den Trauernden angeblich einen Ort und einen Rahmen geben, um ihr Leid auszuleben.

Nach dem Tod meines Vaters haben die Nachbarn angerufen und gefragt, ob sie zwei Tage später kommen könnten. Wir konnten zu jeder Zeit, alleine oder als Familie, in die Trauerhalle und Abschied nehmen. Hier durfte ich nicht mal eine Minute mit meinem Mann alleine sein, von der kurzen Zeit zwischen seinem Tod und seiner Beerdigung ganz zu schweigen. Mittwoch abend waren wir noch im Restaurant und Freitag Mittag lag er unter der Erde. Trauerkleidung ist übrigens hier nie üblich gewesen und von den Nachbarn werde ich seit dem Tod meines Mannes nur "kontrolliert", wer kommt jetzt, was macht sie, wovon lebt sie usw.

Ansonsten nur die nichtssagende Frage: "Wie geht es Dir?", auf die man aber auch nur mit "Gut" antworten darf, alles andere wird einfach überhört.

Das war es, was ich Frau Dr. Voss-Eiser mitteilen wollte, auch wenn ich ihr Buch sehr schätze.

Eva Döring-Tarcan


Anmerkungen:

Als "eine Art modernes Ritual" hatte Alexander Mitscherlich interessanterweise einmal die Selbsthilfegruppen (seit den fünfziger Jahren boomartig entstanden) bezeichnet, in denen heute in unserer westlichen Gesellschaft wichtige gesundheitliche,

soziale, ja auch religiöse Probleme gelöst würden. Im Kontext des Netzwerkes für "Verwaiste Eltern" haben wir immer wieder betont, dass Rituale aus fernen und uns doch fremden Kulturen und Religionen nicht ohne Weiteres übernommen werden, ja auch die

griechischen Klageweiber von Mani nicht unbedingt nach Essen "transferiert" werden können (zum Beispiel) oder dass es uns auch nicht viel hilft, die "heile Welt" der schweizer Bergbauern zu beschwören in einer Gesellschaft, in der sich bekanntermaßen

sozialpsychologisch so Vieles verschoben, wo sich Entscheidendes gravierend verändert hat.

Zwar ist richtig, dass immer wieder einmal ein Hinweis auf Trauerkulturen gegeben wird, in denen die Einbettung des Einzelnen in das soziale Umfeld oder in die religiöse Gemeinschaft noch gegeben zu sein scheint, die rituelle Gestaltung von "Beileid", Anteilnahme

und einer Trauerbegleitung, die hilfreich sein kann. Dass das nicht zwangsläufig so sein muss, zeigt der lesenswerte Erfahrungsbericht von Eva Döring-Tarcan, die sich in ihrer Trauer mit traditionellen Elementen der angestammten heimatlichen

Kultur und Religion ihres türkischen Ehemanns konfrontiert sieht. Die hier beschriebenen Rituale und Formen der Trauerbegleitung nach seinem Tod werden als unpassend,

als kontraproduktiv, ja als verletzend erlebt, wobei das Konfliktpotential für die Schreiberin sicher vor allem im islamischen Hintergrund und der unterschiedlichen Stellung von Mann und Frau stecken dürfte.

Möglich, dass andere Kulturen von uns tatsächlich voreilig "zitiert" oder zuweilen als scheinbar noch "intakt" beschworen werden.

Deshalb mag ihre kritische Anfrage nicht nur berechtigt sein, sie ist auch wichtig. Ihre Beobachtungen machen aber auch folgendes deutlich: dass es auch anderen Kulturkreisen heute nicht erspart bleiben dürfte, ihre Rituale und traditionellen Umgangsformen

zu hinterfragen und zu überprüfen, ob diese noch "greifen", passen, trösten und sich als heilsam erweisen. So wie es uns nicht erspart geblieben ist, nach neuen Wegen und Formen der Trauerbegleitung zu suchen und nicht nur verschüttete Quellen

und Verkrustungen und Verlorengegangenes im Blick auf unsere abendländischchristlich Tradition zu beklagen.

Das Wiederentdecken von alten, noch angemessenen und wirkungsvollen Ritualen, aber auch das Aufspüren von heilsamen Formen einer oft neuen, unkonventionellen Ritualbegleitung auf dem Weg durch die Trauer für uns nicht erst heute ein Thema.

Heute scheint es sich allerdings durchzusetzen, Öffentlichkeit zu gewinnen und insofern "aktuell" zu werden.

Wie wichtig es ist, macht der vorstehende Bericht auf seine Weise deutlich.

Dr. Mechthild Voss-Eiser


Hinweis:

Beide Texte sind ein Auszug aus dem Rundbrief Nr. 6 "Veränderungen begleiten uns".

Informationsquelle: http://www.veid.de/812.0.html

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