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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Spirituelles zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

06.10.2005 23:07
Trauma und Spiritualität - Rituale in der Notfallseelsorge antworten

Trauma und Spiritualität

Rituale in der Notfallseelsorge

Claudia Geese und Team Workshop "Rituale in der Notfallseelsorge"

1. Zur Bedeutung von Ritualen

Als Einstieg wurden sieben Aspekte von Ritualen anhand von symbolischen Gegenständen vorgestellt.

Ein Kreis aus Figuren

Rituale verbinden Menschen zu einer Gemeinschaft. Die Anwesenden werden durch das gemeinsame Sprechen, Singen, Zuhören und durch die Konzentration auf einen gemeinsamen Mittelpunkt miteinander verbunden. Das Ritual stellt die hier und jetzt Versammelten in den größeren Kontext der Glaubensgemeinschaft. Man glaubt und hofft nicht für sich alleine, sondern wird vom Glauben und Hoffen der anderen mit getragen.

Ein Seil

Rituale verbinden mit der Tradition. Worte, Gebete, Lieder, die man vielleicht schon seit Kindertagen kennt, haben etwas Vertrautes. An Bekanntes anknüpfen zu können gibt das Gefühl von Sicherheit.

Ein Blatt mit der ersten Zeile von Psalm 23

"Gott ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln" auf der Vorderseite in Deutsch auf der Rückseite in hebräischen Buchstaben. Texte, Gebete, Lieder gewähren die Möglichkeit sich auszudrücken, wenn die eigene Sprache versagt und die Worte fehlen. Die überlieferten Texte zeugen von religiösen Erfahrungen, und laden ein, sich in der eigenen Not diesen uralten, tragenden Worten anzuvertrauen.

Problemanzeige: Wer Gebete wie Psalm 23 oder das Vaterunser nicht kennt, dem werden die Worte eher befremdlich klingen, so wie die fremdartigen hebräischen Buchstaben.

Ein Wanderstab

Rituale mit ihrer Regelmäßigkeit helfen alltägliche Anlässe zu gestalten und zu bewältigen. In Krisensituationen tragen sie dazu bei, dass ein zutiefst erschütterter Mensch in einer verwirrenden Szenerie einen Halt findet und beginnt, das Geschehene zu erfassen. Das Ritual mit seinen Gesten und Handlungen dient dazu, Situationen zu bewältigen, in denen Worte die Menschen nicht mehr oder noch nicht erreichen.

Aber. Rituale, deren Bedeutung nicht mehr verstanden wird, werden zum nutzlosen Ballast. In einer Notfallsituation verunsichern unverstandene Rituale eher als dass sie stützen.

Ein Zaun

Rituale stiften Ordnung. Sie schaffen Identität: Wer am Ritual teilnehmen kann, gehört dazu. Situationen müssen nicht immer neu gestaltet, Abläufe nicht täglich hinterfragt werden. Rituale mit ihrer strukturgebenden Kraft schützen Menschen davor, sich in offenen und ungeklärten Situationen zu verlieren.

Aber Rituale sind auch wandelbar, wenn sie erstarren und neuen Gegebenheiten nicht angepaßt werden, überleben sie sich früher oder später.

Eine Uhr

Rituale strukturieren die Zeit. Es gibt alltägliche Rituale zu bestimmten Tageszeiten, etwa die festgelegte Folge von Handlungen beim Aufstehen, Waschen, Frühstücken oder das Zubettbringen der Kinder mit einer Gutenachtgeschichte. Rituale und Feste unterteilen den Ablauf des Jahres.

Eine Tür

Rituale finden an Übergängen statt: Am Wechsel von Tag und Nacht, an Einschnitten im Lebenslauf: Die Taufe nach der Geburt eines Kindes, die Konfirmation beim Erwachsen werden, wenn der Partner/ die Partnerin gefunden ist, beim Tod eines Menschen. Rituale stehen an der Schwelle zum neuen Lebensabschnitt und helfen, sich mit der neuen Rolle zu identifizieren. (Zaun und Tür wurden mit Bauklötzen aufgebaut.)

2. Anregungen für ein Verabschiedungsritual im Rahmen der Notfallseelsorge

Erläuterungen zur Entstehung und Hinweise zum Gebrauch

Die vorliegenden Anregungen für eine Verabschiedung von Verstorbenen mit Gebet und Segen sind als eine Arbeitshilfe gedacht: Jede Seelsorgerin /jeder Seelsorger kann sich eine Form für ein Abschiedsritual zusammenstellen, da der eigenen Person und Theologie entspricht.

Die verschiedenen Bausteine von Gebet, Bibelwort und Segen versuchen die unterschiedlichen Gefühle und Reaktionen der Hinterbliebenen aufzunehmen und behutsam anzusprechen - Da jede Trauersituation jedoch anders ist, sind sie bewußt sehr offen gehalten, so daß sie individuell ausgestaltet werden können.

Als Problem erschien uns vor allem eine adäquate Gebetssprache:

* Das generalisierende "Wir" z.B. ("Wir hoffen, daß Gott..." oder "Wir können nicht begreifen"), das die Seelsorgerin/ den Seelsorger mit einschließt, kann von den Hinterbliebenen als eine Vereinnahmung oder Übergriff ihre Welt empfunden werden.
* Eine persönliche Glaubensaussage der Seelsorgerin/des Seelsorgers dagegen ("Ich vertraue darauf, Daß") kann die Situation der Hinterbliebenen schwerer mit einbeziehen.
* Eine rein unpersönliche Aussage wiederum ("Es ist nicht zu begreifen...") schafft unter Umständen eine zu große Distanz.

Wir bitten diese Problematik für die eigene Gebetspraxis wahrzunehmen und kritisch zu überprüfen.

Die Arbeitsgruppe: Claudia Geese, Margarete Haarbeck, Irene Preuß, Kerstin Ulrich und Klaudia Schmalenbach Notfallseelsorge Mülheim an der Ruhr

Möglicher Ablauf eines Verabschiedungsritual

· Vorbereitung (Raum herrichten; Einladung an die Hinterbliebenen und Erläuterung des

· Ablaufs)

· Einleitende Worte

· Anrufung und Votum

· Psalmlesung oder Gebetstext besonders bei "natürlicher" Todesursache, wenn genügend Zeit für den Abschied bleibt

· Freies Gebet

· Vater Unser

· Segen für die/den Verstorbene/n

· Segen für die Angehörigen

· Ermutigung an die Angehörigen zum persönlichen Abschied

Abschied und Segen bei unerwartetem, plötzlichem Tod

Besonderheiten bei "ungeklärter" Todesursache

Wenn der Notarzt die Todesursache nicht genau bestimmen kann, ruft er aufgrund dieser "ungeklärten Todesursache" die Kriminalpolizei hinzu. Die Kriminalpolizei versucht noch vor Ort die Todesursache zu ermitteln (genaue Untersuchung der/des Verstorbenen und der häuslichen Umstände) und "beschlagnahmt" schließlich nach den ersten Untersuchungen die/den Verstorbene/n (d.H. Abtransport zum Friedhof der Staatsanwalt entscheidet, ob eine Obduktion veranlaßt wird; erst danach kann eine "Freigabe" der/s Verstorbenen erfolgen).

Für einen visuellen Abschied von der/dem Verstorbene/n gemeinsam mit den Angehörigen bedeutet dies, daß dafür nur der kurze Zeitraum zwischen Abschluß der Untersuchungen der Kriminalpolizei und Eintreffen des Vertragsbestatters der Polizei zum Abtransport bleibt.

Wichtig ist daher, die Kriminalpolizei rechtzeitig über den Wunsch eines Abschiedsrituals zu informieren und Zeitpunkt und Zeitraum (max. 10 Min.) mit den Beamten abzusprechen.

Besonderheiten beidem plötzlichen Tod eines Kindes

(immer in Rücksprache mit der Kriminalpolizei!)

* Ankleiden des Kindes, möglichst von den Eltern selbst
* Einen geeigneten Platz suchen, wo das Kind während der Verabschiedung liegt (im Kinderbett, auf einer Decke, auf einem Arm)
* Viel Zeit für den persönlichen Abschied lassen
* Die Eltern zum Abschluß vielleicht fragen, ob sie eine Haarlocke des Kindes zur Erinnerung behalten möchten.

Anregungen für ein mögliches Abschiedsritual

Vorbereitung durch die Notfallseelsorge

* Raum herrichten (z.B. Utensilien vom Rettungsdienst entfernen oder Möbel wieder zurecht rücken), vielleicht eine Kerze anzünden (Kerzenständer und Kerzen finden sich im Notfallseelsorge-Koffer)
* Verstorbenen (falls entkleidet) zudecken
* Angehörigen den Ablauf des Abschiedsrituales kurz schildern und gemeinsam milden Angehörigen den Raum betreten
* Sich für das Abschiedsritual einen geeigneten Platz in der Nähe der/des Verstorbenen suchen, und zwar so, daß auch ein Blickkontakt mit den Angehörigen möglich ist.

Einleitende Worte Blickkontakt mit den Angehörigen)

Alles in Ihnen sagt: "Es kann und darf nicht wahr sein"; es ist, als wäre Ihnen der Boden plötzlich unter den Füßen weggezogen.

Nur langsam werden sie begreifen: ........ ist tot.

Sie müssen sie/ihn loslassen und sich trennen.

Ich möchte Im mit Ihnen Abschied nehmen von Ihrer/ Ihrem...,

mit ihnen zu Gott sprechen,

möchte Ihrer/Ihrem ...... Gottes Segen zusprechen.

Anrufung

* Gott, wir wenden uns an Dich, obwohl wir dich gerade jetzt nicht verstehen, du uns verborgen und fremd bist. Weil uns eigene Worte fehlen, sprechen wir nach, was andere vor uns gebetet haben.:
* Gott, wir sind stumm vor Entsetzen über den Tod von ..... Weil uns eigene Worte fehlen, sprechen wir nach, was andere vor uns gebetet haben:
* Gott, wir möchten unser Entsetzen über den Tod von ...... heraus schreien, aber wir finden keine Worte. So rufen wir zu Dir mit Worten aus der Bibel:

Votum

* Gott, höre mein Gebet!
Mein Schreien dringt zu dir.
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir!
Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr zu mir!
Wenn ich dich anrufe, erhöre mich bald! (Ps 102,23)
* Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu Dir:
Herr, höre meine Stimme!
Wende dein Ohr mir zu,
achte auf mein lautes Flehen! (Ps 130,1-2)
* "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Sei nicht ferne von mir, denn mir ist Angst!
Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, mein Herz ist wie zerschmolzenes Wachs.
Sei nicht ferne von mir, Gott, eile, mir zu helfen!" (Ps 22, 1.12.15.20)
* Denn von Dir ist gesagt:
"Nichts kann uns scheiden von Deiner Liebe, Gott, weder Tod noch Leben,
weder das heutige Unheil noch die Gefahren von morgen...
Nichts kann uns trennen von Deiner Liebe, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn." (Röm 8,38 1.)
* (Wenn eine lange Krankheits - oder Leidenszeit vorausgegangen ist)
Wir erinnern uns, was Du gesagt hast: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jeaja 43,1)

Freies Gebet

* Situation aufgreifen
* Schmerz, Traurigkeit und Zorn benennen
* Angst vor dem, was jetzt kommt
* Persönliche Vertrauensaussage des/der Notfallseelsor eg rs/in entweder als Ich-, oder Wir- Aussage
"Ich vertraue darauf, daß Du Gott schützend in deiner Hand hält"
"Wir wissen, daß ....bei bei Dir, Gott, geborgen ist"
* Bitte des/der Notfallseelsorgers/in für die Angehörigen: "Ich bitte für Frau/ Herrn/Familie .... - um Erfahrungen von Trost und Hilfe... - um Menschen die da sind und da bleiben..:

Mögliches Gebet für einen plötzlichen Todesfall

Gott, wir begreifen das nicht: ...lebt nicht mehr.

Alles ist so plötzlich abgebrochen - (hier z.B. persönliche Dinge benennen) all die Jahre, die gemeinsamen Erlebnisse, die Gespräche noch gestern, die Pläne für die Zukunft... Warum, Gott? Wir verstehen es nicht, verstehen auch dich nicht, Gott. Was uns bleibt ist dein Versprechen, daß du niemanden allein läßt, im Leben nicht und auch nicht im Sterben. S o bitten wir dich:

Halte .....schützend n deinen Händen.

Laß ihn/sie Frieden finden bei dir. Und sei auch uns nah, Gott, in den Stunden und Tagen die jetzt kommen. Amen.

Mögliches Gebet für den plötzlichen Tod eines Kindes

Unser Gott... Warum? Warum ist das geschehen?

Warum darf nicht mehr bei uns sein -

Mit uns lachen, weinen, mit uns leben? In diesen Stunden/Minuten können wir nur klagen... evtl.persönliche Worte über das Kind) Die Welt ist über uns zusammengebrochen.

(evtl. Stille als Raun für persönliche Gedanken oder Klagen)

Unser Gott, in dieser Stunde des Todes von ...... bleibt uns allein deine Zusage, daß du niemanden (von uns) allein läßt, im Leben nicht und auch nicht im Sterben.

Wir bitten dich:

Beschütze ... , wie wir es getan haben.

In deine Hände geben wir ....... Amen.

Hinführung zu zum Vaterunser

"Alles, was wir jetzt empfinden, unseren Schmerz unseren Zorn, unsere Angst und unseren Dank, bringen wir jetzt zu Dir, Gott, und beten gemeinsam:"

Vater unser im Himmel,

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns vordem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen.

Segen für die/den Verstorbene/n

(mit Handauflegung und abschließendem Kreuzzeichen)

* Gott segnet dich und behütet dich.
Gott behütet deine Seele.
Gott behütet deinen Ausgang und deinen Eingang
von nun an bis in Ewigkeit. Amen.
* Gott segnet dich und behütet dich.
Gott läßt sein Angesicht leuchten über dir
und ist dir gnädig.
Gott erhebt sein Angesicht auf dich
und schenkt dir seinen Frieden. Amen.
* Es segne Dich Gott,
er nehme Dich in seine bergenden Anne,
er schenke Dir ein neues Zuhause. Amen.
* Gott sei bei dir, dich zu beschützen.
Er gehe vor dir her, dich sicher zu geleiten.
Er stehe hinter dir, dich zu schirmen.
Erschaue dich gnädig an,
bewahre und segne dich. Amen.

Segen für die Angehörigen

* "Gott segne und behüte auch Sie jetzt und in den Tagen, die kommen."
* Ich möchte auch Ihnen den Segen Gottes zusprechen, für das, was jetzt vor Ihnen liegt: Gott spricht: "Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo Du hinziehst" (1. Moses 28,15)

oder

* "Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Ich stärke dich
ich helfe dir, ich halte dich an meiner Hand" (Jesaja41,10)

Ermutigung an die Angehörigen zum persönlichen Abschied

"Sie können jetzt - wenn Sie mögen - sich ganz persönlich von Ihrem/Ihrer .........verabschieden::

- Ihm/ihr sagen, was Sie noch sagen wollen,

- Ihn/sie zum Abschied noch einmal streicheln, berühren."

(dezent in den Hintergrund treten oder Angehörige alleine lasse)

Entnommen aus: Tagungsband 4. Bundeskongress Notfallseelsorge Krisenintervention Einsatznachsorge

Mülheim/Ruhr 09.-11.05.2001


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