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Schuldgefühle im Trauerprozess Chris Paul
Vortrag von Chris Paul auf der AGUS-Jahrestagung 2002 Bei der Jahrestagung im Oktober 2002 hielt Chris Paul einen Vortrag zu dem schwierigen Thema" Wieso-weshalb-warum - Schuldgefühle im Trauerprozess". Da dieses Thema viele Suizid-Trauernde berührt, baten wir Frau Paul um einen zusammenfassenden Artikel. "Meine Überlegungen zum Thema Schuld haben verschiedene Ursprünge - in meinem eigenen Trauerprozess habe ich 5 Jahre gebraucht, um zu erkennen, wie sehr Schuldgefühle mich bestimmt hatten und wie sehr sie die liebevolle Erinnerung und den inneren Frieden verhinderten. Ich habe mich so schuldig gefühlt, dass es mir manchmal schien, als sei das Wort "MÖRDERIN" auf meine Stirn tätowiert. Gleichzeitig wusste ich von Anfang an sehr genau, dass meine Freundin sich aus ihren ureigenen Gründen getötet hat, mit denen ich nur am Rande etwas zu tun hatte. Dieses Wissen konnte an dem tiefsitzenden Schuldgefühl nichts ändern. Alle vernünftige Beschäftigung mit dem, was ich falsch und auch dem, was ich richtig gemacht hatte, änderte nichts daran, dass ich mich schuldig und bestraft fühlte, dass ich mich sogar selbst bestrafte. Haben Schuldgefühle einen Sinn? Viele Schuldgefühle existieren jenseits der Vernunft und unabhängig von der Realität, und sie haben tief greifende Auswirkungen, das habe ich am eigenen Leib erfahren. In meiner Arbeit als Trauerbegleiterin habe ich das an vielen anderen Trauernden erlebt, alle Gespräche und Versuche, Schuld abzunehmen oder wegzureden scheiterten. Ich fing an, darüber nachzudenken, warum das so ist. Es gibt einen therapeutischen Grundsatz, der besagt, dass alles Verhalten, Denken und Fühlen -egal wie seltsam oder schmerzhaft es uns erscheinen mag - einen Sinn für uns erfüllt und eine Funktion in unserem Leben übernimmt. Welchen Sinn und welche Funktion können Schuldgefühle in einem Trauerprozess haben, das war die Frage, die ich mir stellte. Ich wollte zunächst also gar nicht mehr wissen, warum oder ob oder in welchem Ausmaß jemand sich tatsächlich schuldig macht an der Selbsttötung eines anderen. Das ist ein für manche Menschen provozierender Ansatz, für andere ist er sehr entlastend, weil er eine andere Denkrichtung einschlägt und die schier endlose Auseinandersetzung mit "bin ich schuld? - bin ich nicht schuld?" einen Moment lang unterbricht. Schuld stellt Zusammenhänge her Meine wichtigste Entdeckung war folgende: Schuld stellt Zusammenhänge her. Wenn die Welt, das eigene Leben und die Beziehungen zu anderen Menschen zersplittert zu sein scheinen, ist das Herstellen von Schuldzusammenhängen eine Möglichkeit, das Zerbrochene wieder zusammenzufügen. Ein Beispiel: ich habe das Glas fallen lassen, deshalb ist es zerbrochen: Ich bin schuld daran, dass das Glas kaputt ist. Oder: du hast mich belogen, deshalb spreche ich nicht mehr mit dir: Du bist selbst schuld, dass ich nicht mehr mit dir rede. Alles was geschieht, ist auf diesem Weg ableitbar aus einer Ursache, daran glauben die meisten Menschen, und es verschafft ihnen Sicherheit. Denn wenn ich gut aufpasse und das Glas nicht fallen lasse, wird es auch nicht zerbrechen. Und ich bin fair und freundlich zu meinen Freunden, ich käme nie auf die Idee, sie mit meinem Schweigen zu bestrafen, solange sie sich anständig mir gegenüber verhalten. Gläser zerbrechen nicht ohne Grund und Freunde sind nicht ohne Grund und Anlass wütend aufeinander, so funktioniert unser Alltag. Wir glauben an und denken in solchen Kausalzusammenhängen. Viele philosophische Richtungen behaupten sogar, Kausalzusammenhänge seien ein Naturgesetz wie die Schwerkraft. Wenn etwas besonders Erschreckendes geschieht, das unsere Überzeugungen erschüttert, flüchten wir uns in die Suche nach Kausalzusammenhängen, um den Boden unter den Füßen wiederzugewinnen. Der Suizid eines nahen Angehörigen ist meistens ein sehr erschreckendes Ereignis, das den Eltern, Geschwistern, Partnern und Kindern des Menschen, der sich das Leben nimmt, den Boden unter den Füßen wegzieht und sie nachhaltig verstört. Nach einem Suizid ist für viele Menschen nichts mehr wie es einmal war, sie können niemandem mehr vertrauen, an nichts mehr glauben. Die Suche nach den Schuldigen soll hier Abhilfe schaffen - wenn ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Grund und Tat gefunden werden kann, ist das Chaos nicht so überwältigend. Wenn einer oder eine schuldig gesprochen werden kann, sind die anderen und die Welt und das Leben an sich entlastet. Schuldgefühle und Schuldzuweisungen stellen Ordnung her in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint. Dieses Bedürfnis nach Ordnung und Halt ist äußerst wichtig, alle Menschen brauchen Halt und Sicherheit, Trauernde brauchen sie noch mehr als andere. Schuldzuweisungen an andere oder an sich selbst erfüllen also dieses wichtige Bedürfnis und können deshalb nichteinfach aufgegeben werden. Wenn die Welt ohne Schuldzuweisungen chaotisch und unberechenbar wird, müssen Schuldgefühle und -zuweisungen festgehalten werden. Erst wenn andere Möglichkeiten gefunden werden den Suizid zu verstehen, ihn einzuordnen und ihm einen Sinn zu geben, sind die Schuldgefühle nicht mehr so wichtig. Schuldzuweisungen binden Menschen aneinander Das gilt auch für eine andere Form von Zusammenhang, den Schuldgefühle herstellen. Jeder Mensch, der sich an eine schuldbelastete Beziehung erinnert, wird spüren, wie eng die innere Verbindung zu diesem Menschen ist - unabhängig davon, wer Opfer und wer Täter war. Schuldbewusstsein und Schudzuweisungen binden Menschen aneinander, auch über den Tod hinaus. Es ist ein großes Bedürfnis vieler Trauernder, eine Form von innerer Verbindung und Beziehung zu den Toten aufrechtzuerhalten. Schuldgefühle "ich bin schuld an deinem Tod" aber auch Schuldzuweisungen "du hast mein Leben zerstört mit deinem Tod" stellen eine solche Verbindung, zudem in sehr starker und zeitüberdauernder Form, dar. Eindrucksvoll wurde mir dieser Zusammenhang in einer Veranstaltung vor Augen geführt: eine Mutter, deren Sohn sich das Leben genommen hatte, sprach von ihren tiefen und quälenden Schuldgefühlen ihm gegenüber. Einer Eingebung folgend fragte ich sie, was denn geschehen würde, wenn sie diese Schuldgefühle nicht mehr hätte. Sie wurde plötzlich sehr blass und antwortete: "Mein Sohn wäre nicht mehr da". Solange Schuldgefühle oder Schuldzuweisungen die wichtigste Verbindung zu den Gestorbenen darstellen, müssen diese Schuldgefühle bleiben. Erst wenn es möglich wird, andere Formen des Verbundenseins, der Erinnerung und des "Erbens" zufinden, verlieren Schuldgefühle und Schuldzuweisungen diese Bedeutung und können gehen gelassen werden. Wenn ich Schuldgefühle, die sich entweder als Schuldbewusstsein gegen mich selbst richten oder als Schuldzuweisung gegen andere, auf diese Art und Weise betrachte, hat das einige Konsequenzen: ich beginne zu verstehen, dass Schuld nicht ausschließlich mit realen Fehlern zu tun hat, sondern auch mit meinem Bedürfnis nach Ordnung, nach Erklärungen und nach einer Verbindung mit dem Menschen, der nicht mehr lebt. Ich kann also das Thema Schuld nicht nur an dem einen Ende bearbeiten, wo es um meine oder fremde Fehler geht. So kann ich es weder lösen noch innerlich zur Ruhe kommen. Selbst die Vergebung von Fehlern und Schuld kann nicht wirken, solange es bei der Schuldzuweisung eigentlich um Ordnung zu schaffen und das Halten einer Verbindung geht. Wenn meine Beobachtungen zutreffen, können viele Schuldgefühle erst dann gelöst werden, wenn ihre Funktionen des Ordnens und Verbindens anders erfüllt werden. Solange wir uns nicht an unsere Toten erinnern können, solange wir ihnen keinen angemessenen Platz in unseren Herzen und in unseren Familiengeschichten geben können, ist Schuld die einzige Verbindung zu ihnen. Das gleiche gilt für Suizide, für die wir keine Erklärung finden, die nicht in unser Weltbild passen und die wir nur ertragen, wenn wir innerlich jemanden zum "Mörder" erklären, der schuld ist. Ich habe erlebt, wie Menschen, die lange von tiefen Schuldgefühlen gequält wurden, das Thema Schuld nicht mehr so wichtig fanden, nachdem sie sich endlich getraut hatten, in ihrer Familie offen über den Suizid des Vaters zu sprechen, nachdem sie alle verfügbaren Informationen eingeholt hatten, nachdem der tote Mensch wieder in Erzählungen und Anekdoten anwesend sein durfte - ohne verherrlicht zu werden aber auch ohne verdammt zu werden. Für viele ist es eine große Erleichterung, zu verstehen, dass sie sich mit ihren Schuldgefühlen oder Schuldzuweisungen nicht unnötig quälen, sondern, dass es einen Sinn hat, was sie da tun. Von dieser Erkenntnis aus können Sie entscheiden, ob es etwas anderes gibt, was diesen Sinn, diese Funktion besser erfüllt. Schuld hat Konsequenzen Denn eine meiner weiteren Beobachtungen ist die - Schuld hat immer Konsequenzen. Wer schuldig ist, oder besser, wer schuldig gesprochen oder gedacht wird, muss mit Strafe rechnen. Viele Trauernde wissen sofott, was ich meine, wenn ich das Thema Selbstbestrafung anspreche. Viele Hinterbliebene nach einem Suizid bestrafen sich selbst mit dem Verzicht auf Dinge, die ihnen wichtig und lieb sind: Sie dürfen z.B. keine neue Partnerschaft eingehen, nicht glücklich sein, keine Karriere machen, sie geben Hobbys auf oder reisen nicht mehr. Der Sinn, den Schuldgefühle haben, die Ordnung und Verbindung, die sie schaffen, sind wie ein starkes Medikament mit ebenso starken Nebenwirkungen. Dieses "Medikament" kann auch süchtig machen. Alle Trauernden kennen den Moment, indem sie nach langer Zeit des scheinbar unendlichen und ohne jede Pause verlaufenden Leidens, plötzlich über einen albernen Witz lachen. Odereine ganze Stunde nicht an Tod und Elend und den toten Menschen gedacht haben. Eine Mutter, deren Sohn sich das Leben genommen hatte, erzählte, wie sie sich dabei ertappt hatte, mit offenem Verdeck bei lauter Musik über die Autobahn zu brausen, lauthals mitsingend. Schnell schloss sie wieder das Verdeck, drehte die Musik ab und schämte sich für diesen Ausbruch von Lebensfreude. Selbstbestrafung und Versagung können zum Reflex werden, zur Routine, aus der man nicht mehr ausbrechen kann, selbst wenn die zugrunde liegenden Schuldgefühle nicht mehr da oder nicht mehr so stark sind. Ich vergleiche es manchmal mit der Situation eines Strafgefangenen, der nach Jahren in der Enge eines Gefängnisses mit seinem Koffer vor dem Gefängnistor steht und plötzlich wieder die ganze Weite der Welt und des Lebens vor sich hat. Wege der Vergebung Bis hierher habe ich mich mit Schuldgefühlen und Schuldbewusstsein beschäftigt, ohne darauf zu achten, wieweit sie in realen Fehlern, in Versagen und menschlicher Schwäche begründet sind. An diesem Punkt meiner Betrachtungen komme ich auf die Schuldgefühle zu sprechen, die bleiben, wenn die Funktionen des Ordnens und Verbindens nicht mehr durch Schuld erfüllt werden müssen und wenn es auch keine reflexhafte Wiederholung von Schuld und Bestrafung mehr gibt. Für die Schuldgefühle, die dann noch übrig bleiben, gibt es meiner Beobachtung nach zwei Umgehensweisen. Zunächst einmal müssen auch diese Schuldgefühle angenommen werden. Manche Menschenlernen aus ihren Fehlern so etwas wie Demut, sie begreifen, dass Menschen nicht perfekt sein können und dass auch bei allergrößter Mühe Verletzungen geschehen. Sie lernen, sich selbst anzunehmen mit dieser Fehlerhaftigkeit und sich nicht zu verdammen dafür, sich nicht endlos zu bestrafen für ihr Nicht-Perfektsein und sie beginnen daran zu glauben, dass sie auch mit ihren Fehlern liebenswert sind. Manche Menschen machen sich die alten Fehler zu Lehrmeistern, sie lernen daraus, bestimmte Verhaltensweisen zu verändern, anders mit sich selbst und anderen Menschen umzugehen. So mit Schuld umzugehen, ist eine Art von Vergebung. Viele Menschen sehnen sich nach Vergebung und glauben, sie könnten dies bereits nach einigen Tagen oder Wochen erreichen. Meine Erfahrung ist eine andere Vergebung lässt sich nicht herbeireden und nicht erzwingen. Sie lässt sich auch nicht durch betont freundliche und friedfertige Gedanken herbeiführen, im Gegenteil. Solange Wut, tiefer Schmerz, Verletztsein und Enttäuschung die Hauptgefühle des Trauerprozesses ausmachen, müssen die auch gefühlt und ausgedrückt werden. Erst, wenn die Wut "raus" ist, wenn der Schmerz gefühlt und idealerweise geteilt werden konnte, wenn das innere Schimpfen und Fluchen wirklich zur Ruhe gekommen ist, kann ein Nachdenken über Vergebung beginnen. Vergebung kann erbeten werden, meist geschieht sie unerwartet. Vergebung kann verschiedene Richtungen haben. Ich kann dem Menschen vergeben, der sich das Leben genommen hat - ich kann seine Vergebung erbitten. Ich kann anderen Menschen vergeben, die ich für mitschuldig halte - ich kann ihre Vergebung erfahren. Ich kann erleben, dass Gott mit verzeiht. Und schließlich kann ich mir selbst vergeben, dass ich so bin wie ich bin mit Fehlern und einer nicht-perfekten Familie und Lebensgeschichte. All das braucht viel Zeit und kommt für viele Menschen unerwartet nach Jahren, spürbar z.B. in dem Nachlassen von innerem Druck oder einem Enden von Gefühlen, nichts wett und ein ewiger Unglücksrabe zu sein. Vergebung ist ein Geschenk, kein Zwang. Niemand muss im Trauerprozess vergeben oder sich schuldig fühlen, wenn er oder sie es nicht schafft, zu vergeben. Zusammenfassung Schuldgefühle und Schuldbewusstsein haben unterschiedliche Funktionen, ziehen unangenehme und das Leben behindernde Folgen nach sich und sie haben unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten. Das ist das vorläufige Ergebnis meiner Überlegungen zu Schuld im Trauerprozess, ich werde weiter darüber nachdenken." © Christ Paul Kontakt über: TrauerInstitut Deutschland e.V., Von-Hompesch-Str.1, 53123 Bonn, Tel. 0228-2428194, Fax. 0228-641841
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