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Stern vom 11. Dezember 2000 “Tot zur Weltgekommen” Artikel aus dem Stern Nr. 50 vom 11.12.2000, in dem eine Mutter, die Ihre Tochter tot zur Welt gebracht hat, berichtet. Mehr als 3000 Babys sterben Jahr für Jahr vor oder während der Geburt - ein fast unerträglicher Horror für Mütter und Väter. Die "Initiative Regenbogen" hilft verzweifelten Eltern, den Schock und den Schmerz zu überwinden Ruth Bär kann einiges ertragen. In bitterer Kälte hat die Sozialarbeiterin vor ein paar Jahren in einem Baggersee bei Augsburg ihren Tauchschein gemacht: Wassertemperatur fünf Grad, vier Tauchgänge, jeweils 20 Minuten lang. "Ich bin hart im Nehmen", sagt die 33-Jährige. "Sonst hätte ich auch das vorige Jahr nichtdurchgestanden." Als sie im November 1998 erfuhr, dass sie schwanger war, machte sie Schluss mit dem Tauchen. Ihr erstes Kind. Sarah sollte es heißen. Ein lebhaftes Mädchen, das schon vor der Geburt wild strampelte. Einmal legte die Hebamme eine Spieluhr mit einem Gutenachtlied auf den Bauch der Mutter, um Sarah zu beruhigen. Doch in der 31. Schwangerschaftswoche fiel Ruth Bär auf, dass Sarah seit zwei Tagen nicht mehr strampelte. Sie ging in die Klinik, zur Sicherheit. "Wird schon nichts sein." Die Hebamme fand keine Herztöne. Die Hebamme wechselte das Gerät, suchte weiter. Immer noch nichts. Wo war es, das erlösende schnelle Schlaggeräusch des Säuglingsherzens? Das Schweigen des Geräts war grauenhaft. "Hören Sie doch endlich auf, mein Kind ist tot", sagte Ruth Bär schließlich. Sie gaben ihr Beruhigungstropfen, und Ruth Bär fühlte sich, als hätte sie einen furchtbaren Schlag ins Gesicht bekommen. Die Ärztin in dem Krankenhaus einer kleinen Stadt bei Stuttgart war in Hektik. Eine Geburt nach der anderen an diesem Tag im Juni, und jetzt noch das. Sie machte eine Ultraschalluntersuchung. Auf dem Monitor das Baby. Keine Bewegungen. "Ein Arm ist unnatürlich abgewinkelt", dachte Ruth Bär. Dann hörte sie die Stimme der Ärztin: "Es tut mir leid, Ihr Kind ist tot. Sagen Sie, haben Sie eigentlich nicht bemerkt, wie Sie Fruchtwasser verloren haben?" Die junge Frau protestierte: "Ich habe kein Fruchtwasser verloren." Egal, sie werde die Geburt nun einleiten, sagte die Ärztin. "Ich soll das Kind auf normalem Weg zur Welt bringen? Das ist ja Horror." Ruth Bär war geschockt.Wie die meisten Frauen in ihrer Lage empfand sie das Kind plötzlich als Fremdkörper. Sie rief ihren Gynäkologen an. Der erklärte ihr, ein Kaiserschnitt sei zu riskant. Die Ärztin fachsimpelte mit dem Oberarzt. Querlage, Steißlage? Ruth Bär fühlte sich ausgeliefert wie noch nie in ihrem Leben. Ihr Körper war noch nicht vorbereitet auf die Geburt; der Muttermund wollte sich nicht öffnen. Doch künstlich eingeleitete Wehen empfinden viele Frauen noch schmerzhafter als natürliche. Aus Stunden wurden drei qualvolle Tage. Wenn der körperliche Schmerz nachließ, weinte sie um ihre Tochter. Thomas, ihr Mann, war bei ihr. Ein Arzt beruhigte Ruth, das tote Baby gefährde sie nicht. "In Afrika sind Frauen gefunden worden, die hatten einen vertrocknetenEmbryo in der Gebärmutter. Die sind zwar nie wieder schwanger geworden, aber es hat ihnen nichts geschadet." Ruth Bär war vollgepumpt mit Schmerzmitteln, trotzdem hielt sie es kaum aus. Als der Anästhesist sie örtlich betäubte, schickte er ihren Mann aus dem Zimmer. Seine Assistentin flüsterte ihr ins Ohr: "Wollen Sie Ihrem Mann den Anblick nicht ersparen?" Sie schrie: "Nein, der muss dabei sein!" Thomas stürzte ins Zimmer,gerade noch rechtzeitig. Sarah kam mit den Füßen zuerst. Die junge Hebamme weinte, während die diensthabende Ärztin das Mädchen vorsichtig in eine Decke wickelte. Wenn ein Baby ein paar Tage tot im Bauch der Mutter liegt, kann sich die Haut schälen, das Gewebe stellenweise dunkel sein und die Lippen himbeerrot. Ruth Bär hatte Angst. "Ich will sie nicht sehen." Ihr Mann sagte: "Sie sieht nicht schlimm aus." Also nahm sie ihre Tochter. 1100 Gramm, 41 Zentimeter. Dünne Beinchen. Die Füße schmal, mit langen Zehen. "Genau wie meine", dachte Ruth. Die Hände breit wie die von Thomas, dem Maurermeister. An Sarahs Körper gab es keine Auffälligkeiten. Babys können sterben, weil sie zu wenig Sauerstoff bekommen, wenn sich die Nabelschnur verknotet oder sich die Plazenta löst. Auch schwere Fehlbildungen und Infektionen können zum Tod führen. Häufig kann die genaue Todesursache aber nicht bestimmt werden. Es scheint, als ob das Kind sich gegen die Welt entschieden habe. Bei Ruth Bär entdeckte der Pathologe unter dem Mikroskop eine Reifungsstörung an der Plazenta: Das Baby wurde unzureichend versorgt, offenbar ganz plötzlich. Schließlich war es normal entwickelt für die 31. Woche. Als Ruth Bär am nächsten Morgen die Klinik verließ, war sie froh, vom körperlichen Schmerz erlöst zu sein. Doch bald kamen Selbstvorwürfe, wie sie Frauen in dieser Situation oft heimsuchen. Sie stand eine Woche nach der Geburt am offenen Grab, blickte auf den weißen Kindersarg mit den Margariten. Die Pastorin sprach von Unschuld und Auferstehung, und Ruth begann sich zu quälen. Habe ich mir im Job zu viel Stress zugemutet? Warum habe ich nicht auf das Glas Wein am Geburtstag verzichtet? Manche Frauen fragen sich sogar: Ist meine Dauerwelle schuld, bei der der Friseur so viel Chemie benutzt? Dazu kommt das Empfinden, die Erste und Einzige zu sein, der dieses Schicksal widerfährt. Doch das Unglück trifft immer noch viele: Auf dem verblassten Polaroid unter einem Glasrahmen trägt der winzige Stellios ein weißes Hemdchen. Seine Augen sind geschlossen, als schliefe er. Das Foto lehnt an seinem Holzkreuz auf dem Bergfriedhof in Tübingen; auf dem linken Arm des Kreuzes fährt eine Bärenfamilie im Beiwagenmotorrad. Auf dem Grab von Jonathan, geboren und gestorben am 24. Februar 1999, steht ein Pustefix-Seifenblasenröhrchen. Auf dem von Linda steht eine Eule aus Holz, deren Flügel sich drehen, wenn Wind aufkommt. Mit einer Totgeburt enden vier von 1000 Schwangerschaften in Deutschland. Die Statistik erfasst allerdings nur Kinder mit mehr als 500 Gramm Gewicht. 1998 wurden 3190 Babys tot geboren, fast achtmal weniger als vor 50 Jahren. Weil das Unglück früher häufiger passierte, konnten die Menschen besser damit umgehen. Heute trifft es die Eltern oft schlimmer als damals. "Bekannte bogen in eine Seitenstraße ab, um mir nicht begegnen zu müssen. Die Leute haben Angst vor dem, was uns passiert ist", sagt eine Frau, die neben Ruth Bär in einem leeren Raum des evangelischen Gemeindezentrums in Welzheim sitzt. Keine Getränke, keine Kerzen. In grellem Halogenlicht erzählen sich Leidensgefährtinnen der "Initiative Regenbogen - Glücklose Schwangerschaft" ihre Geschichten. Dreimal, viermal oder noch häufiger, wenn es ihnen gut tut. "Nachts fahre ich manchmal aus dem Schlaf hoch", erzählt eine Frau, "weil die Kuckucksuhr im Kinderzimmer stehen geblieben ist." Dann muss sie hinüber in das Zimmer, vorbei am leeren Gitterbettchen - und die Uhr aufziehen. "Ohne das Ticken kann ich nicht schlafen. Die Stille ertrage ich nicht." Eine andere Frau kommt seit vier Jahren. Als sie nach der Totgeburt wieder zur Arbeit erschien, taten viele, als sei nichts geschehen. Nach zwei, drei Monaten rieten Freunde, "endlich zu vergessen". Bekannte von Ruth Bär sagten: "Es war ja erst die 31. Woche - schlimmer wäre gewesen, wenn es richtig gelebt hätte und dann gestorben wäre." Solche Sätze machen die Eltern stumm. Jetzt sollen sie sich also noch dafür rechtfertigen, dass sie trauern. Der Schmerz beginnt im Krankenhaus. Ein Arzt sagte zu Ruth Bär: "Sie sind jung, Sie können wieder ein Baby haben." Ein Argument, das jede Betroffene hört – und verletzt. Niemand käme auf die Idee, den Satz beim Unfalltod eines Schulkindes zu sagen. "Wir trauern aber genau- so wie um ein älteres Kind", sagt eine Mutter, die ihr Kind verlor, "vielleicht ist es noch schlimmer, weil wir kaum Erinnerungen haben." Ein Arzt hatte Ruth trösten wollen: "Betrachten Sie es als Training für die nächste Geburt." "Ärzte, Hebammen und Schwestern müssen verstehen, dass Frauen, die ein totes Kind erwarten, nicht weniger, sondern mehr Aufmerksamkeit brauchen", sagt Ruth Bär. "Mit mir haben sich die Ärzte nur technisch beschäftigt - sie leiteten die Geburt ein." Eine ältere Schwester machte ihr das Bett und scheuchte sie mit den Worten auf: "Ohne Schmerzen kein Kind." Dort, wo die Vorschläge der Initiative Regenbogen umgesetzt werden, haben es die Frauen besser. An der Frauenklinik in Tübingen zum Beispiel. In ihrer Ausbildung hat die leitende Hebamme Renate Putzrath, 38, noch gelernt, dass die Frauen ihre tote Leibesfrucht besser nicht sehen sollen. Inzwischen weiß sie, dass diese Mütter häufig ihr ganzes Leben darunter leiden. Es ist falsche Fürsorglichkeit, den Müttern den Anblick zu ersparen. Putzrath ermuntert die Eltern, die Angst vor einem Kontakt zu überwinden: "Wer das Erlebnis verdrängt, wird krank." Die Hebammen betten das Baby in ein Weidenkörbchen, die Eltern können es jederzeit sehen. "Ich behandle es wie jedes Neugeborene, damit die Eltern ihre Scheu verlieren. Man muss das Baby berühren, im Arm halten, streicheln können, um seinen Tod zu begreifen. Erst das Entstehen einer Bindung ermöglicht ein gesundes Abschiednehmen." Das gilt auch für die Kinder mit Fehlbildungen. Ein Kind sieht niemals so schlimm aus wie in den Monsterfantasien, die Eltern entwickeln können. "Wenn sie das Kind sehen, erinnern sie sich an das, was schön war. Das gilt auch für die ganz Kleinen, die in eine Hand passen." Am besten ist es, wenn die Eltern es schaffen, das Kind selbst zu waschen und anzuziehen. "Das sind unwiederbringliche Momente - es wird das einzige Mal sein, dass sich die Eltern um das Baby kümmern können." Weil nur trauern kann, wer Erinnerungen hat, machen die Hebammen Fotos. Sie bringen Stempelkissen und Papier und machen mit den Eltern Abdrücke von Händen und Füßen. Hat das Baby genug Haare, schneiden sie ihm eine Locke ab. Je mehr Erinnerungen, desto besser. Sie kommen in eine Mappe, in der es heißt, das Kind sei "still geboren" worden. Statt über Säuglingspflege spricht Renate Putzrath mit den Eltern über schwierige Gefühle, die auf sie zukommen können: "Babyneid, Hass auf Schwangere, sogar das Bedürfnis, ein Baby zu stehlen." Durch die Trauer könne es auch zu Problemen in der Partnerschaft kommen, warnt die Hebamme. "Mein Mann und ich konnten nicht reden. In den ersten Wochen und Monaten hat sich jeder für sich vergraben", sagt Regina Isiklar, 36. Vor über zwei Jahren starb ihre Alea während der Geburt. "Danach haben wir lange nicht zueinander gefunden", sagt ihr Mann Ümit, 35. "Wenn es ihr schlecht ging, mir aber gerade wieder gut, blockte ich ab, um mich nicht wieder in das schwarze Loch der Trauer hineinreißen zu lassen." Er hatte niemanden, der ihn da wieder herausgezogen hätte. Seine Frau konnte sich wenigstens bei einer ihrer Freundinnen ausheulen. Ein paar Mal hat er versucht, bei einem guten Freund über seinen Schmerz zu reden. "Nach zehn Minuten war die Grenze erreicht. Ich merkte richtig, wie er sagen wollte: Hör auf, es reicht, ich kann so viel Traurigkeit nicht aushalten." Männer tragen eine doppelte Last, schreibt Hannah Lothrop in ihrem Buch "Gute Hoffnung - jähes Ende". Sie hielten häufig ihre Gefühle zurück, weil sie im Beruf funktionieren müssen und die Frau nicht noch mit ihrem eigenen Schmerz belasten wollen. "Frauen können dies leicht als Gleichgültigkeit verstehen." Die Scheidungsraten sind hoch unter Eltern, die ein Kind verloren haben. Viele Paare beschreiben das erste Jahr als größte Hürde. "Mittlerweile können wir unseren Kummer gemeinsam ausleben", sagt Regina Isiklar. Geholfen haben Ümit Isiklar die Gruppenabende der Regenbogen-Initiative, die er als einer von wenigen Männern regelmäßig besucht: "Wenn mir hier die Tränen kommen, ist der Raum nicht erfüllt von peinlichem Schweigen, sondern von großer Ruhe und Anteilnahme." Ruth Bär versucht, sich mit Gedichten und Briefen an Sarah zu helfen. "Durch dich habe ich gelernt, wie wertvoll und intensiv das Leben ist." Sie schreibt von Liebe und Sehnsucht und manchmal auch von Wut: "Warum hast du uns das angetan, warum bist du gegangen?" Seit der Geburt von Sarah sind fast eineinhalb Jahre vergangen. "Ich werde mich noch oft fragen: Hätte Sarah das auch gemocht, was ich mag:Motorrad fahren oder tauchen? Welche Interessen hätte sie? Welchen Beruf würde sie wählen?" Auf der Wickelkommode, die ihr Mann Thomas für Sarah geschreinert hat, liegt jetzt Luca, ihr vier Monate alter Sohn. Ein Vierteljahr nach Sarahs Tod ist Ruth wieder schwanger geworden. Im Juli dieses Jahres brachte sie den gesunden Jungen zur Welt. "Aber ein Platz wird immer leer bleiben", sagt Ruth Bär. Als sie mit Luca schwanger war, träumte sie viel vom Tod. In einem dieser Träume ging sie mit ihrem Mann über den Friedhof. Die beiden suchten den besten Ort für das Grab ihrer Tochter aus. Sie sprachen darüber, ob es unter den Bäumen nicht zu schattig ist. Sarah soll die Sonne spüren. Bernd Hauser Initiative Regenbogen, Hilfe für betroffene Eltern Als 1983 ihr Baby sechs Tage nach der Geburt starb, fühlte sich Barbara Künzer-Riebel allein gelassen. Sie gab eine Zeitungsanzeige auf. Über 100 Frauen mit ähnlichen Problemen meldeten sich. Daraus ging die "Initiative Regenbogen - Glücklose Schwangerschaft e.V." hervor, ein Kreis von Eltern, die ein Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verloren haben. Mittlerweile gibt es bundesweit 60 Regionalgruppen. Mit Petitionen an den Bundestag hat die Initiative 1994 erreicht, dass fehlgeborene Babys bereits ab einem Gewicht von 500 Gramm als Totgeburten gelten. Derzeit arbeitet die Initiative daran, dass Kliniken Eltern auf Bestattungsmöglichkeiten auch für fehlgeborene Babys unter 500 Gramm hinweisen, die mancherorts noch immer mit Krankenhausmüll verbrannt werden.
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