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Deutschen Hebammenzeitschrift aus September 2000 Zum Tod meiner Tochter Artikel aus der Deutschen Hebammenzeitschrift 9/2000. Annette König Eine Mutter berichtet vom Tod ihres zweiten Kindes in der 18. Schwangerschaftswoche. Sie wünscht (nicht nur) von Hebammen bessere Betreuung. Der Geburtstag, der Todestag unseres zweiten Kind nähert sich in großen Schritten. Es ist das erste Jahr, das nach der Tragödie verstrichen ist. Und gewiss, es stimmt: Die Zeit legt eine Patina über das Geschehene. Sie hilft, wieder zurück zum Leben zu finden. Aber noch einmal zurück. Die Einlieferung ins Krankenhaus mit einem komplizierten Befund in der 18. Schwangerschaftswoche bedeutete zunächst nicht viel. Im Nachhinein stelle ich fest, wie groß mein Vertrauen in die Kunst der Ärzte und Ärztinnen gewesen sein muss. Sollte es nicht möglich sein, mein Kind zu retten, mich wieder zu einer normalen Schwangeren zu machen? Viele Untersuchungen, Ratlosigkeit, allmähliches Vertrautmachen mit der Wahrscheinlichkeit, dass das Baby nicht überleben werde. Hysterisches Lachen mit der engsten Freundin und Unglaube im Angesicht des prognostizierten Horrors. Philosophische Erörterungen über den Sinn des Lebens. Geben die schwarz-weißen Fotografien alter, zerfurchter Menschen nicht einen Ausdruck gelebten Lebens? Und sind diese Furchen, Risse und Falten nicht Folgen erlebten Leids wie auch erlebter Freude und Genugtuung und Befriedigung? Dann der Morgen im Operationssaal. Kläglicher Rest eines Menschen. Bibbern, Zittern, Einsamkeit und die Angst um das Baby. Was ist hinterher? Ich habe den Hebammen und Schwestern auf der Pränatalstation vorenthalten, dass ich am Vorabend der OP heftige Wehen hatte. Es hieß, ich müsse sofort Bescheid geben. Hab‘ ich nicht getan. Hab‘ statt dessen den Schmerz ausgehalten und mich ganz zusammengekrümmt. Vielleicht wollte ich meine kleine Tochtej nicht schon in dieser Nacht preisgeben, dem Tod. Und ich denke im Nachhinein an Oriana Fallacis »Brief an ein nie geborenes Kind”. Die Schreiberin hält darin Zwiesprache mit ihrem Kind im Bauch, das nicht leben wird können. Ich glaube heute, mich damals mit meinem kleinen Baby ähnlich verbunden gefühlt zu haben. Viele Stunden Narkose und viele Fachleute am Werk. Ich bin aufgewacht, mein Mann stand mit Blumen an meinem Bett, und meine Hände glitten auf meinen Bauch. Wo ist mein Baby? Wo ist mein Baby? Sein Kopfschütteln und der ratlose Blick eines ganz jungen Arztes. Und mein Bauch war flach. Ein Tag in der Dämmerung von starken Schmerz- und Beruhigungsmitteln. Ärzte, die kamen, sich und ihre Handlungen zu erklären. Schwestern und Ärzte, die mehr oder weniger nachdrücklich darauf hinwiesen, dass wir uns entscheiden müssten, unsere Tochter, gerade eine Handvoll toten Lebens, noch einmal zu sehen. Sie würde dann weggebracht. Keine Hebamme, die erklärte, dass schon im fünften Monat Milch einschießt, die sich kümmert um die Frage, wie sich Eltern mit ihrem toten Kind zusammentun könnten. Wie verabschiedet man sich denn von einem toten Kind, das noch gar nicht für diese Welt fertig war? Es kann keine allgemeingültigen Antworten auf meine Fragen geben. Aber es müsste ein Raum, ein menschliches Miteinander gewährt werden, in dem man diesen Fragen nachspüren kann. Nichts. Caroline sah so klein aus, so rot noch und kahl. Und doch schon wie ein Mensch. Und ganz wie ihr großer Bruder. Sie war da. Sie hat 18 Wochen in meinem Bauch gelebt, getobt und sich mit kleinen Füßen zu verstehen gegeben. In wenigen Tagen ist ihr erster Geburtstag. Ich denke an sie, und mein Herz füllt mit unsagbarem Kummer. Sie fehlt mir - obwohl sie an unserem Leben noch gar keinen Anteil hatte. Und doch war sie da. Ich habe mich um sie gekümmert. Nicht gut genug. Ich geißele mich bisweilen selber, obwohl ich weiß, dass ich keine Schuld trage. Ich habe mich bemüht, war viel ruhiger und sorgfältiger in dieser zweiten Schwangerschaft als in der ersten. Und jetzt sitze ich hier und versuche schreibend zu verarbeiten, was mir, was uns passiert ist. Und unserer kleinen Tochter. Und unserem Sohn, der sich an den Begriff Friedhof nicht mehr erinnert, obwohl wir einmal gemeinsam dort waren. Aber er weiß, dass dort tote Menschen sind und auch tote Kinder. Ich bin froh, das er sich in seinen Gedanken nicht sehr weit auf Carolinchen eingelassen hat. Er ist ja selbst noch ein kleines Kind mit seinen vier Jahren. Und mich hätte es schier zerrissen. Er ist da. Und er ist mir Mut und Zuversicht zugleich. Und in meiner anderen, viel privateren Welt hat seine kleine Schwester ihren festen Platz. Ich bin traurig. Die Autorin Annette König (34) ist Germanistin. Seit August 1999 arbeitet sie ehrenamtlich für den Verein Verwaiste Eltern e.V.
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