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Über die Begleitung von Kindern und Jugendlichen nach dem Tod ihrer Geschwister 1. Vorstellung: Ich möchte Ihnen heute morgen etwas über trauernde Kinder und Jugendliche erzählen, deren Geschwister an den Folgen einer Erkrankung oder eines Unfalls starben. Ich möchte verdeutlichen, warum trauernde Kinder in unserer heutigen Zeit dringend Unterstützung brauchen. Und ich möchte Ihnen anschließend die von der Kinderklinik und vom Förderverein für krebskranke Kinder seit 1996 durchgeführten Wochenendfreizeiten für trauernde Geschwister vorstellen. 2. Die Situation trauernder Kinder: (Kinder trauern) Über Trauer ist in den letzten zwei Jahrzehnten viel geschrieben worden. Als Begriff ist das Thema Trauer seit Beginn der 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts regelrecht in Mode. Um so erstaunlicher ist, daß die Trauer von Kindern und Jugendlichen lange nicht so recht Beachtung fand. Der Grund dafür ist wahrscheinlich weniger in einem völlig anderen Umgang der Kinder mit Verlusterfahrungen als vielmehr darin zu suchen, daß ihnen von Seiten der Erwachsenen ein "normales" tieferes Trauererleben abgesprochen wurde. Was sich vielleicht mit den beiden folgenden Vorstellungen erklären läßt: 1. mit der Erwachsenenplatitüde "darüber kann man mit Kindern nicht reden, dafür sind sie noch zu klein." und 2 . mit der häufigen Beobachtung, daß Kinder über ihre Verlusterfahrung oft wenig bis gar nicht reden. Festzuhalten ist: Kinder trauern! Sie nehmen ihre Verlusterfahrungen mit auf ihren Weg und dieser wird davon beeinflußt. (Trauer beeinflusst) Wie Trauer beeinflußt und vor allem dann, wenn nicht offen mit ihr umgegangen wird, möchte ich anhand eines Beispieles etwas genauer darstellen: Seit 6 Jahren leite ich Seminare für trauernde Erwachsene, die von der evangelischen Akademie Nordelbien in Hamburg durchgeführt werden. Die Teilnehmer sind zwischen 18 – 40 Jahren alt. Manche von ihnen haben vor ein oder zwei Jahren einen Bruder oder eine Schwester durch Unfall, Krankheit oder Suizid verloren. Bei anderen liegt diese Verlusterfahrung schon sehr viel länger zurück – zum Teil über 20 Jahre. Es stellt sich die Frage, warum Erwachsene nach so langer Zeit überhaupt noch an einem Trauerseminar teilnehmen? Was ist ihre Motivation, diesen Schritt zurück – nach vorn zu tun? Gerade bei den älteren Teilnehmern, denen ja eigentlich ausreichend Zeit für die Verarbeitung dieses traumatischen Ereignisses zur Verfügung stand, ähneln sich die Antworten und die Beschreibungen der Hintergründe sehr: "In unserer Familie wurde eigentlich nie über meinen verstorbenen Bruder gesprochen. Ich möchte mir das nochmal genauer ansehen, mir dafür Zeit nehmen. " ist eine der häufigsten Antworten der Teilnehmer. Eine andere: "Ich habe erst als Erwachsene erfahren, was damals eigentlich mit meiner Schwester passiert ist." ....usw. Diese nicht ausgesprochene Trauer bzw. das strikte Verschweigen einer traumatischen Begebenheit innerhalb einer Familie, wirkt sich auf das Miteinander der einzelnen Familienmitglieder aus. Zum Teil haben diese Erlebnisse auch den Charakter von regelrechten Familiengeheimnissen . Diese wiederum beeinflussen ganze Familien, oft über Generationen hinweg. Wenn Trauer verschwiegen oder nicht ausreichend beachtet wird, können sich bei Familienmitgliedern Symptome ausbilden, die, je nach dem wie lange dieser Zustand besteht, mehr oder weniger stark ausgeprägt sind. Ein Beispiel hierfür ist das Überbehüten der eigenen Kinder. Manche der älteren Teilnehmer der Trauerseminare berichteten uns, das sie mit ihren eigenen Kindern heute über das normale Maß hinaus vorsichtig umgehen und diese auf Schritt und Tritt beobachten weil sie Angst um sie haben. Bei genauerem Hinsehen stellten sie fest, dass sich Parallelen zur ihrer eigenen Jugend, zur Vorgehensweise und zum Verhalten der eigenen Eltern ziehen lassen. Viele Erwachsene erkennen erst spät, wie sehr dieser frühe Tod ihr Leben mit geprägt hat. Dieses Beispiel macht deutlich, welchen Einfluß nicht beachtete Trauer auf ganze Familien oder einzelne Familienmitglieder haben kann. Dieses Festschreiben von Verhaltensweisen über Generationen hinweg muß jedoch klar von "normalen", situativen und zeitlich begrenzten Veränderungen im Familiensystem unterschieden werden. Trauernde Kinder reagieren auf diese Situationen häufig mit verändertem Verhalten wie z.B.: Schulschwierigkeiten, Rückzug, Regression oder Angstzuständen. Die Palette der möglichen Symptome ist lang. Sie sollten beachtet, aber auch nicht überbewertet werden. (Unterschiede zwischen der Trauer von Erwachsenen und der von Kindern) Es bleibt festzuhalten, daß Kinder trauern, und daß sie von ihrer Trauer massiv beeinflusst werden. Worin unterscheidet sich aber vor allem die Trauer von Erwachsenen und die von Kindern? Denn wenn, wie ich es oben beschrieben habe, Erwachsene die Trauerreaktionen von Kindern nicht sehen können oder nicht sehen wollen, brauchen Eltern und Betreuer einen Anhaltspunkt für eine unterstützende und präventive Vorgehensweise. Ein großer Unterschied zur Trauer von Erwachsenen ist der, daß Kinder für den Umgang mit ihrer Trauer Vorbilder benötigen. Denn wenn ein 8jähriges Kind den Vater oder die Schwester verliert, hatte es in der Regel noch nicht die Möglichkeit zur Ausprägung eines individuellen Umgangs mit Verlusterfahrungen. Sie wissen weniger als Erwachsene über Leben und Tod. Das Wissen, daß der Tod ein jedes Lebewesen betreffendes, unentrinnbares und endgültiges Schicksal ist, ist einem Kind nicht angeboren sondern wird erst im Laufe der Jahre erworben. Erhalten sie nur unzulängliche Informationen über die Geschehnisse, gelingt es ihnen nur schwerlich, deren Bedeutung zu erfassen. Immer wieder führt dies zu falschen Schlüssen und Interpretationen. Die Möglichkeiten, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sind also nicht nur abhängig von den eigenen Lebenserfahrungen, sondern ebenso sehr abhängig von der Art der Unterstützung seitens der Familie und des sozialen Umfeldes. Kinder leben in Abhängigkeiten. Sie brauchen Vorbilder, besonders in Krisensituationen oder bei Verlusterfahrungen. Diese Vorbilder werden in der Regel erwachsene Vorbilder sein müssen: Eltern, Lehrer, Erzieher, Pfarrer, Angehörige und eben auch Klinikpersonal. An ihrem erwachsenen Gegenüber nehmen sich Kinder ein Beispiel. Im Positiven wie im Negativen. Diese Aufgabe der Erwachsenen - und Chance zugleich - wird aber in sehr vielen Fällen nicht oder nur unzureichend wahrgenommen. Elisabeth Kübler-Roß hierzu: "An die Mutter denkt noch so mancher beim Verlust eines Kindes, an den Vater schon weniger und an die Geschwister schließlich niemand mehr." Hier besteht in unserer Gesellschaft nach wie vor ein riesengroßes Defizit. Genau an dieser Stelle setzen Geschwistertrauer-unterstützende-Maßnahmen an. In unserem Falle "freizeitpädagogische Wochenendmaßnahmen für Kinder und Jugendliche nach dem Tod ihrer Schwester bzw. ihres Bruders." 3. Die freizeitpädagogischen Wochenendfreizeiten: Ich möchte nun auf die von uns durchgeführten Wochenendfreizeiten eingehen und anhand einiger Eckpunkte etwas näher beleuchten. Wie bereits erwähnt bieten wir diese Form der Begleitung trauernder Kinder und Jugendlicher seit 1996 an. Sie sind eine gemeinsame Maßnahme des Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen und der Kinderklinik Tübingen. Sie sind Teil eines Betreuungskonzeptes für trauernde Geschwister. Im Schnitt nehmen hieran ungefähr 20 Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 18 Jahren teil. 4. Mit welchen konkreten Erfahrungen kommen die Kinder und Jugendlichen auf solch ein Wochenende? Ich möchte hierzu zwei Beispiele erzählen: Die 13jährige Schwester des 15jährigen David wird in der Kinderklinik Tübingen an Lymphdrüsenkrebs behandelt. Nachdem sich die Erkrankung auch unter der Therapie weiter ausbreitet, teilen die Ärzte ihr mit, daß keine Möglichkeit auf Heilung mehr bestehe. Sie wird aus der Klinik in den Kreis ihrer Familie entlassen. Nach einiger Zeit ist sie an ihr Bett gefesselt. Die Mutter kommt bei der Pflege ihrer Tochter absolut an die Grenzen des Möglichen. Trotz des wiederholten Angebotes von außerhalb, ambulante Pflegekräfte für die Entlastung der Familienmitglieder einzusetzen, nehmen die Eltern diese notwendige Unterstützung nicht an. David wird in die Betreuung seiner kranken Schwester immer stärker mit einbezogen. Er verbringt öfter schier endlose Nächte im Zimmer seiner Schwester, deren baldiges Sterben alle erwarten. An den auf die Nachtwache folgenden Morgen besucht David wie gewohnt die Schule. Eine Situation, die ihm viel abverlangt und ihn bis aufs äußerste überbeansprucht. Seine Schwester stirbt nach mehreren Monaten schließlich einen langsamen qualvollen Tod. Aus dieser Situation heraus nimmt David an unserem ersten Wochenende teil. Die 12jährige Susanne meldet sich 3 Jahre nachdem ihre jüngere Schwester an Krebs gestorben ist zu unserer Wochenendfreizeit an. Obwohl sie auch in den ersten beiden Jahren nach dem Tod ihrer Schwester von uns eingeladen wurde, ist für sie erst jetzt der Zeitpunkt gekommen mitzufahren. Sie selber gab als Grund hierfür an: "Ich denke ständig an meine gestorbene Schwester. Aber weder in meiner Klasse, noch bei meinen Freunden kann ich über meine Schwester reden." Diese Beispiele zeigen, daß die Trauer um ein Geschwister viele Facetten hat, auch viele unterschiedliche Ausgangspunkte. Sie machen auch deutlich, wie wichtig jegliche Form der Auseinandersetzung mit diesen Erlebnissen ist. Durch die Abkapselung in die eigene Trauer stehen die Eltern den hinterbliebenen Kindern aber meist nicht zur Verfügung. In diesem Zusammenhang kann man für die Geschwisterkinder durchaus von einem doppelten Verlust sprechen, da sie mit dem verstorbenen Geschwister auch ihre Eltern "verlieren". Unsere Angebote sollen dieser Situation entgegenwirken und die Auseinandersetzung mit dem Thema und die Kommunikation innerhalb der Familie anregen bzw. in Gang halten. Wie sind die Wochenenden für trauernde Geschwister aufgebaut? Der Aufbau dieser Wochenenden folgt im Groben immer wieder der gleichen Struktur: * Das Ankommen und Warmwerden * Die Beschäftigung mit den vorbereiteten Inhalten zum Thema Trauer * Das Abschließen der erlebten Erfahrungen: Das Besondere dieser Freizeitmaßnahmen ist sicher, daß die oben beschriebene Struktur so unbedingt eingehalten werden sollte. Die Kinder und Jugendlichen brauchen den behutsamen Umgang mit dem, was sie erlebt haben und auf dem Wochenende berichten. Ebenso brauchen sie die Möglichkeit, sich wieder aus diesen begonnenen Prozessen zurückzuziehen, um nach dem Ende der Maßnahme vorbereitet in ihren Alltag zurückkehren zu können. So sollten z.B. angesprochene Themen abgeschlossen, Emotionen so gut es geht fertig begleitet und helfende Strukturen für die Zeit danach besprochen sein. Dies ist, betrachtet man den begrenzten zeitlichen Rahmen einer drei oder vier Tage dauernden Veranstaltung, ein hoher und nicht immer leicht einzulösender Anspruch. Es erfordert von den BetreuerInnen ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Flexibilität und Kompetenz. Das Arbeiten mit trauernden Kindern und Jugendlichen, mit ihren Geschichten, ihrer emotionalen Seite der Trauer, schreibt diese Vorgehensweise aber nahezu vor. Welche Arbeitsmethoden werden verwandt? Bei ganz verschiedenartigen Angeboten (Malen, Schreiben, Tonen) haben die TeilnehmerInnen die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen und etwas von den anderen zu erfahren. Hierdurch setzen sie sich auch mit ihrer eigenen Situation auseinander. Das hier Erlebte können vor allem die jugendlichen TeilnehmerInnen in eine sich anschließende Gesprächsrunde eingeben. Und auch andere Erlebnisse, Reaktionen, kränkende und unterstützende Erfahrungen können so mit den anderen in der Runde besprochen werden. Wer sich nicht ausführlich äußern möchte, bekommt durch die Berichte und Reaktionen der anderen wichtige Informationen und lernt so, die eigene Situation für sich einzuordnen (z.B. "Den meisten anderen geht es ja ganz ähnlich wie mir."). Die jüngeren Teilnehmer drücken ihre Gefühle eher in den gemalten Bildern oder getonten Skulpturen aus, über die man sich dann wie beiläufig nebenher mit den Gruppenleitern unterhalten kann. Darüber hinaus greifen die Gruppenleiter immer wieder in die Gespräche ein, fordern bestimmte Fragen heraus oder äußern ihre Meinung zu verschiedenen unhaltbaren Vorstellungen über bestimmte Zusammenhänge wie z.B., "Mein Bruder ist krank geworden, weil wir uns gestritten haben.". Wie gehen die TeilnehmerInnen mit ihren Erfahrungen auf der Freizeit um? Das unterschiedliche Alter der Teilnehmer erfordert differenzierte Angebote und Vorgehensweisen. Stimmt die Atmosphäre und ist der Einstieg gut gewählt, steigen die Teilnehmer auf die Auseinandersetzung mit ihrem Thema ein. Von den Eltern hören wir oft, daß die Geschwisterkinder zu Hause wenig oder gar nicht über ihre verstorbenen Brüder bzw. Schwestern reden. In den Gesprächsrunden auf den Freizeiten machen wir eine andere Erfahrung. In der Gruppe mit anderen Betroffenen ist es vielen Kindern und Jugendlichen möglich über ihre Erlebnisse zu sprechen. Viele erleben dies als regelrecht befreiend. Die ganz ähnlichen Themen, Erlebnisse und Fragen sind für alle interessant. Trauerreaktionen zu zeigen und sie bewusst zu erleben, ist wichtig, denn es wird dem Erlebten nur gerecht. Es hilft unserer Ansicht nach den Kindern bei der Ausprägung ihres eigenen Stils, ihres eigenen individuellen Umgangs mit Verlusterfahrungen. Neben diesem eigenen Erleben trägt hierzu aber auch das Beobachten der Reaktionen anderer, das Nachfragen, das Widersprechen oder das Erkennen von Parallelen (" Genau so, wie du es berichtest, ist es bei meinen Freunden auch.") bei. Dies ist für die Kinder und Jugendlichen eine wichtige Orientierung, hieraus erwächst ihnen Kraft, um mit dem Erlebten besser umgehen zu können. Aber auch gemeinsam Spaß zu haben gehört dazu. Auf der Freizeit können die Geschwister lernen, daß beides sein kann und darf. Rückmeldungen der TN nach der Freizeit Beschäftigt man sich mit der Wirkung der inhaltlichen Auseinandersetzung trauernder Kinder und Jugendlicher im Rahmen dieser Maßnahmen, wird deutlich, daß es Ähnlichkeiten, aber sehr wohl auch unterschiedliche Empfindungen und Einschätzungen bei den TeilnehmernInnen gibt. Hier einige Beispiele: Eine 17jährige Teilnehmerin, die mehrere Seminare besuchte berichtet, daß die erste Wochenendfreizeit mit Abstand die intensivste für sie gewesen ist. Die Art der Auseinandersetzung war für sie neu, anderen Betroffenen zu begegnen, hat bei ihr sehr viel angestoßen, und überhaupt hätten diese Freizeiten das Verhältnis zu und die Trauer um ihren Bruder in einer ganz besonderen neuen Art und Weise beleuchtet. Ein Schwesternpaar erzählt nach einer Wochenendfreizeit, daß sie beide nicht mehr mitfahren möchten, da es für sie zu traurig gewesen sei. Diese ganz andere Meinung läßt sich einordnen, wenn man die Situation in der Familie kennt – die Trauer um ihren verstorbenen Bruder hat in der Familie kaum Platz. Ein 15jähriges Mädchen kommt zu dem Schluss, daß sie sich lieber öfter mit den anderen treffen möchten. Sie möchte ihre Erfahrungen aufschreiben und die anderen motivieren dies auch zu tun. Gemeinsam etwas bewegen, vielleicht mit den gesammelten Texten ein Buch herausbringen. Der mittlerweile 19jährige David ist nun schon 4 mal dabei gewesen. Er ist der Älteste und der Gruppe eigentlich ein wenig entwachsen. Die gemeinsame schwere Erfahrung und das gemeinsame Erleben auf den Wochenendfreizeiten sind für ihn aber Grund genug, sich wiederholt anzumelden. Er hat in dieser Zeit einen Weg gefunden, den Tod seiner Schwester in sein Leben zu integrieren.) Wodurch können Geschwisterfreizeiten den Trauerprozeß positiv unterstützen? Zum einen bieten sie einen offiziellen Termin zum Trauern und zur Auseinandersetzung mit diesem traumatischen Ereignis an. Bereits die Zeit vor der Maßnahme ist diesbezüglich wichtig, da hier gemeinsam überlegt wird, ob das Kind sich anmelden soll. Geht der Impuls von den Eltern aus, muß das Kind sich mit diesem Ansinnen auseinandersetzen. Ist das Kind bereit mitzufahren, müssen sich die Eltern überlegen, ob sie eine solche Maßnahme unterstützen. Darüber hinaus wird bereits hier eine gewisse Öffentlichkeit hergestellt, die wiederum im Umfeld der Familie eine Auseinandersetzung in Gang bringt. Von anderen lernen Auf den Freizeiten ist besonders deutlich zu spüren, wie wichtig der Austausch zwischen länger und kürzer Betroffenen ist. Auch, und gerade von den älteren Teilnehmern, schauen sich die Jüngeren gerne etwas ab. Wenn z.B. der 8 jährige Simon hört, wie der 18jährige David den anderen etwas über seine verstorbene Schwester erzählt, hört er sehr aufmerksam zu. Sicher nimmt er einen Teil dieser Erlebnisse mit nach Hause. Eine eigene Sprache entwickeln Wenn betroffene Kinder und Jugendliche auf diesen Freizeitmaßnahmen ihre Gedanken und Gefühle formulieren, erlernen sie gewissermaßen eine neue Sprache. Eine Sprache, die in ihrem häuslichen Umfeld, in der Schule oder ihrem Freundeskreis so nicht gesprochen wird. Gedanken in Sprache umzusetzen ist ein erster Schritt gegen das Vergessen. Und im Sprechen lasse ich den anderen an dem teilhaben, was mich ausmacht. Ich zeige ihm, über welche Wirklichkeit (eigene subjektive Sichtweise) ich mich momentan definiere. Impulse bekommen Wenn trauernde Kinder und Jugendliche Impulse für ihre Trauer bekommen, bewegt sich etwas. Trauer anschauen und Trauer gestalten - beides dient der Verarbeitung. Die Kinder entwickeln hierdurch eigene Rituale und schöpfen aus neuen Ressourcen. Bsp.: Wenn der schüchterne, sehr zurückhaltende 13jährige Sohn einer russlandeutschen Familie, am Geburtstag seines vor einem Jahr im Baggersee ertrunkenen Bruders, die Familie auffordert an diesem See einen gemeinsamen Nachmittag mit Kerzen anzünden und ähnlichen Ritualen zu verbringen, dann hat er viel erreicht. Wenn er auch nur zu einem Teil den Mut zur Umsetzung dieser Idee auf unserer letzten Freizeitmaßnahme gewonnen hat, dann hat sich die Teilnahme für ihn längst gelohnt. Das Umsetzen ihrer eigenen Ideen, Wünsche und Vorstellungen, ist für die Kinder und Jugendlichen sicher die wichtigste Ressource für den Umgang mit ihrer Trauer.. Meine Gefühle sind normal und in Ordnung Viele Gefühle und Gedanken, die trauernde Kinder spüren und erleben, verunsichern sie. Ist das noch normal? Bin ich noch normal? Usw. Im Austausch mit anderen Betroffenen erfahren sie, dass ihre Reaktionen Sinn machen, wichtig und richtig sind. Dies zu erleben ist ungeheuer entlastend. Vor allem ist es aber das gemeinsame Erleben dieses Wochenendes mit anderen Trauernden, was sie motiviert, mehr als einmal auf eine solche Freizeitmaßnahme für trauernde Geschwister mitzufahren. 5. Welche Bedeutung haben die Mitarbeiter einer Kinderklinik für trauernde Geschwister? Ich habe erwähnt, wie wichtig es ist, das Erwachsene für trauernde Geschwister eine Vorbildfunktion übernehmen. Dies gilt natürlich ebenso für Geschwister kranker Kinder. Für Eltern ist es wichtig, diese Vorbildfunktion zu übernehmen - ebenso für Lehrer und Erzieher. Aber auch für Mitarbeiter der Kliniken ist diese Aufgabe von großer Bedeutung. Jeden Tag beteiligen wir uns daran, Kindern, Eltern und letztendlich auch den Geschwisterkindern, Wissenswertes und Lebenswichtiges über die einzelnen Erkrankungen zu vermitteln. Bei der Eröffnung einer Diagnose, bei der Vorstellung der geeigneten Therapie oder einer psychosozialen Beratung spielen Informationen über Wahrscheinliches und Unwahrscheinliches eine Rolle. Das Aufzeigen zweier Wege, die Weitergabe genauer Informationen oder das Eröffnen eines weiteren Rezidives, all das ist wichtig, um gegenüber dem Patienten und seiner Familie glaubhaft zu bleiben. Durch die Weitergabe dieser Informationen tragen wir aber auch dazu bei, daß sich sowohl Patient als auch Geschwisterkinder ein klares Bild von der Situation machen können und hierdurch sozusagen zu einer psychologischen Immunisierung gelangen. Mit diesem Begriff meint Kliman, dass die inneren Widerstandskräfte des Kindes, jene Kräfte, die ein schweres Ereignis und einen Verlust zu bewältigen vermögen, frühzeitig geweckt werden müssen. Diese " Bewältigung im Voraus" ist für jedes kranke sowie für jedes Geschwisterkind eine große Hilfe. Auf diese Weise können meiner Meinung nach Klinikmitarbeiter dazu beitragen, daß sich Geschwisterkinder in Zeiten der Erkrankung orientieren lernen. Hierdurch werden sie aber auch darauf vorbereitet, daß die Erkrankung von Bruder oder Schwester eventuell doch nicht heilbar ist. Je mehr und je realistischer sich Geschwisterkinder mit dieser Situation auseinandersetzen, umso mehr können sie nach dem Tod ihrer Brüdern und Schwestern von dieser Zeit zehren. Durch diese vorauseilende Trauer erarbeiten sie sich eine bessere Ausgangssituation für die lange und intensive Zeit ihrer Trauer. "Der erste Trost, den wir Erwachsenen einem Kind geben können, ist: traurig sein zu dürfen." (Leist 1982) Thomas Bäumer Sozialpädagoge Förderverein für krebskranke Kinder Tübingen e.V ehm. Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Verwaisten Eltern in Deutschland e.V.
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