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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Trauer um das Kind
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

06.10.2005 17:35
Tod und Trauer – Auswirkungen im Schulalltag antworten

Tod und Trauer – Auswirkungen im Schulalltag

Von Christa Hienstorfer, Braunschweig, 1978

27 Jahre bin ich alt, Lehrerin, Klassenlehrerin einer 6. Klasse, meine erste eigene Klasse.

An einem Tag erfahre ich, dass der Vater von Rolf einen Unfall hatte mit seinem LKW. Tot. Heimlich beobachte ich den Jungen im Unterricht. Nichts Besonderes zu bemerken. Ihn anzusprechen traue ich mich nicht. Was sagt man denn bei so etwas überhaupt zu Kindern?

Ein paar Tage nach dem Unfall begegne ich seiner Mutter, der Witwe. Ich weiß, irgendwie muss ich reagieren, das gehört sich so. Ich will es auch, ich will mich richtig verhalten, aber wie? Ich weiß es nicht. Zu dieser Zeit habe ich keinerlei Erfahrung in dieser Hinsicht. Nur Ideen und Vorstellungen, die der Überprüfung an der Realität noch nicht standhalten mussten. In meiner Ausbildung habe ich davon auch nichts gelernt, in der Schule schon gar nicht.

Ich quäle mir ein "Herzliches Beileid" von den Lippen, mehr schaffe ich nicht. Die Frau sagt ein paar Sätze, wirkt auf mich gefasst, spricht ganz sachlich über ihre Situation. Jetzt hat sie zwei Söhne alleine großzuziehen.

So ist das also, wenn jemand stirbt.

2, 3 Jahre später. Ich bin inzwischen an einer anderen Schule. Im Lehrerzimmer herrscht Aufregung, es wird geredet. Die Schwester von Peter, er ist bei uns in der 5a, ist beim Überqueren der Fahrbahn von einem Auto erfasst worden und dabei tödlich verunglückt. Wir sind betroffen, natürlich wollen wir dem Jungen helfen, wie kann eine Familie nur so etwas verkraften? Das weiß keiner von uns. Wir wollen Peter in seiner Traurigkeit trösten. Er ist aber gar nicht traurig. Der Junge benimmt sich genauso wie sonst, nur noch ausgelassener, ja geradezu albern, manchmal richtig überdreht. Wie passt das zusammen? Wir Lehrer verstehen es nicht.

Eine Lehrerin sagt zu Peter: "Wie kannst du nur so albern sein, wo deine Schwester tot ist und deine Eltern so traurig sind!" Sie meint es nicht böse. Sie weiß es nicht besser.

3. April 1987

Elf Jahre bin ich jetzt im Schuldienst. Ich muss meinen Schulleiter informieren, ich komme Montag nicht in die Schule, die ganze Woche werde ich nicht kommen. Erst nach der Beerdigung will ich wieder hin.

Mein kleiner Sohn ist tot, am Sonnabend beim Spielen in den Gartenteich des Nachbarn gefallen. Ertrunken. Mein großer Sohn hat ihn gefunden. Da war er schon tot. Wiederbelebungsversuche fehlgeschlagen.

Am Tage der Beerdigung, sie ist vormittags zur Unterrichtszeit, ist die Friedhofskapelle voll. Es sind so viele KollegInnen von mir da, wie ist das möglich? Haben sie denn keinen Unterricht? Wo sind ihre Schüler? Sie können sie doch nicht einfach nach Hause schicken? Man kann doch nicht die Mehrheit des Kollegiums vertreten? Man gibt doch deshalb nicht einer ganzen Schule einen Tag schulfrei? Nein, das gibt es wirklich nicht.

Aber es gibt meine KollegInnen, sie wollten eben zur Beerdigung, zu mir, und sie haben sich etwas einfallen lassen: Ein paar Sportlehrer haben für die Zeit der Beerdigung für die Schüler ein Handball-Turnier in der Turnhalle organisiert. Alle Klassen sind in der Turnhalle, über 200 Schüler. Sie werden von den Sportlehrern beaufsichtigt, alle anderen Kollegen können zur Beerdigung gehen.

Das fühlt sich gut an für mich. Ich bin geborgen, gut aufgehoben an meiner Schule. So sind meine Arbeitskollegen. Wenn ich ganz unten bin, kommen sie zu mir. Sie sehen mich in meiner Trauer. Das haben sie auch durchgehalten, so lange, wie ich noch an der Schule war, die zwei Jahre bis zu meinem Umzug nach Braunschweig. Diese Liebe, Wärme, die ich damals von ihnen bekommen habe, spüre ich heute noch. Sie geht nicht verloren. Danke.

Am Grab stehen meine Schüler, fast die ganze Klasse ist gekommen. Sie mustern mich scheu. Ist Hannes jetzt im Himmel? werde ich gefragt. Oder: Warum weinst du nicht? Das hat Frau H. organisiert. Sie hat geklärt, welche Kinder mitwollen, ob sie von den Eltern aus dürfen und sie hat die schwierigen Fragen der Schüler ausgehalten, die Beerdigung vor- und nachbereitet. Das hat meine Rückkehr in die Schule nach einer Woche sehr erleichtert.

Mai 1987

Ich sitze auf dem Pult vor meiner Klasse. Endlich sind mal alle gleichzeitig richtig ruhig. Sie schreiben eine zensierte Klassenarbeit, einen Aufsatz. Sonst geht das nicht während des Unterrichts, aber jetzt in der Stille ist er sofort da – der Tod meines Sohnes – die sinnlosen Fragen – die quälenden Schuldvorwürfe – die Ausweglosigkeit meines Lebens ... Paul beobachtet mich. Denkst du jetzt an Hannes?

Er versteht mich und versteht mich auch nicht. Ich fühle mich allein – ich fühle mich angenommen. Doch das ist meine Welt. Ich bin Lehrerin. Hier gehöre ich hin.

Zwei Tage später.

Im Lehrerzimmer Gespräche. Zwei Schüler der 5b haben in der Pause das Schulgelände verlassen und sind in Vorgärten herumgetobt. Anwohner haben sich beschwert. Drei Jungen aus der 5b sind auf das Dach vom Fahrradständer geklettert. Unfallgefahr. Womöglich fallen sie herunter. Ein Mädchen aus der 5b hat ...usw. Wer ist denn bloß Klassenlehrer der 5b? Der muss sich drum kümmern. Ich bin es, nur ich kann mich nicht darum kümmern. Ich bin hilflos, schwach, fühle mich überfordert das richtige Verhalten von meinen Schülern zu verlangen und darauf zu bestehen. Habe ich nicht selber auch alles falsch gemacht mit meinem eigenen Kind?

Meine Kollegen beratschlagen sich. Du musst nicht in die Schule kommen. Du musst dir das nicht antun. Lass dich krank schreiben! Wir vertreten dich. Das kriegen wir schon hin. Das ist lieb gemeint. Aber ich will es nicht. Ich will morgens an meinem gewohnten Platz stehen, es ist wie ein Wegtauchen vor dem Horror, der mich jeden Mittag zu Hause wieder mit Wucht niederschlägt. Ich will in die Schule gehen, aber meine Arbeit kann ich nicht vollständig leisten. Meine Kollegen fassen einen Plan. Ich bleibe formal Klassenlehrein der 5b. Ich halte alle meine planmäßig vorgesehenen Stunden ab, korrigiere Arbeiten, schreibe Zeugnisse... Macht die Klasse Schwierigkeiten kommt meine Kollegin G. zum Einsatz: Sie bespricht mit der Klasse alle Probleme und löst sie. Das klappt.

Juni 1987

Frühlingszeit. Alle Schulklassen machen Ausflüge. Meine Schulkinder möchten auf dem Land Fahrrad fahren. Wir wollen alle zusammen nach S. fahren und grillen. Dann sollen die Stadtschüler bei den Mitschülern auf dem Land schlafen. Am nächsten Morgen können wir uns wieder treffen und in die Stadt zurück radeln.

Der Plan ist gut. Nur, das werden die Eltern niemals erlauben. Die werden niemals mir ihre Kinder für eine so gefährliche Unternehmung anvertrauen. Mir doch nicht, die ich noch nicht einmal mein eigenes Kind vor dem Ertrinken bewahren konnte, wie soll ich denn auf 25 Kinder im Straßenverkehr aufpassen? Doch ich erfahre etwas anderes. Natürlich kann ich fahren, so wie immer. Ich habe mich bisher zuverlässig, beständig, verantwortlich um ihre Kinder gekümmert, warum sollte ich das nicht weiter tun. Das mit meinem Sohn hat für sie gar nichts damit zu tun. Es war ein schreckliches Unglück, ein fürchterlicher Zufall, hat gar nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun. Selbstverständlich machen wir den Ausflug wie geplant. Absolut geschafft bin ich danach, als alle wieder heil gelandet sind - aber was für ein Lichtblick für mein Selbstvertrauen!

Ein paar Monate später.

Mein großer Sohn trauert. Das nehme ich sogar durch den Schleier, der mich umgibt, wahr. Ich fühle mich hilflos. Ich bin ja selbst eine einzige Wunde.

Alle sollen mithelfen, denke ich. Ich rede mit seiner Lehrerin. Merken Sie Veränderungen an ihm im Unterricht? Sie knurrt mich an: Da muss ich wohl noch Beileid wünschen. Aber Ihr Sohn – der ist genauso frech wie immer.

Keine positiven Gefühle spürbar. Das tut weh. Bis heute.

1994

Jetzt arbeite ich in Braunschweig an einer Grundschule. Dennis Vater ist in der Nacht gestorben, erzählen mir die Schüler morgens aufgeregt. Im Sekretariat weiß davon keiner was. Dennis selber fehlt. Nie wieder will ich einen Toten tot schweigen. Aber wenn das nur ein Gerücht ist...

Ich traue mich. Ich rufe am Nachmittag bei Dennis zu Hause an. Die Mutter ist am Apparat. Die Schulkinder haben mir erzählt, dass Ihr Mann heute nacht gestorben sein soll. Ist das wahr? Ja es ist wahr. Ganz direkt und offen komme ich mit der Mutter ins Gespräch. Natürlich tut ihr meine Anteilnahme gut. Natürlich ist es gut für sie, dass sie mit jemandem reden kann.

Am nächsten Tag ist Dennis wieder da. Er wird von den Mitschülern angesprochen. Magst du uns etwas erzählen? Ja, er mag. Ich habe jetzt ganz furchtbar viel zu arbeiten, sagt er. Ich muss nämlich alles machen, was bisher mein Vater gemacht hat, Fahrräder reparieren, den Müll runter bringen, Nägel in die Wand schlagen, ... Können wir dir helfen? überlegen wir. Die Mitschüler sind mit Feuereifer dabei. Jeden Nachmittag will einer für zwei Stunden zu Dennis nach Hause gehen und mithelfen. Dennis strahlt. So eine tatkräftige Unterstützung tut gut. Da fühlt man sich nicht so allein. Als Dennis zwei Jahre später die Grundschule verlässt, sagt er: Das Beste an der Grundschule war, wie mir damals alle geholfen haben, als mein Vater gestorben ist.

1998

Klaras Tochter hätte in diesem Jahr Abitur gemacht. Wenn sie sich nicht drei Jahre zuvor nach einem Streit in der Familie an einem Baum erhängt hätte. Karin trägt schwer an dieser Bürde, jeden Tag kämpft sie neu um ihr eigenes Leben. Sie liest in der Abiturzeitung. Mit keinem Wort ist ihre Tochter erwähnt, die doch auch zu diesem Jahrgang gehört. Tot geschwiegen. Das ist bitter. Nach dem Tod ihrer Tochter kein Besuch von Seiten der Schule, keine Karte, keine spürbare Anteilnahme. Und jetzt, so, als hätte es sie nie gegeben, als hätte sie nie gelebt. Tot geschwiegen.

2000

Seit einiger Zeit besucht Karola den Gesprächskreis für verwaiste Eltern hier in Braunschweig, den ich leite.

Karola hat mit ihrem Sohn eine harte Zeit durchgemacht, als er noch lebte. Auch er hat seinem Leben ein Ende gesetzt, in dem er sich von einem Zug überfahren ließ. Doch die Zeit danach ist noch schlimmer. Karola hat Wut. Sie ist wütend auf sich selbst. Auch auf die Lehrer. Denen tue ich jetzt einfach nur leid. Sie bedauern mich, weil ich damit fertig werden muss. Sie fragen nicht nach ihren Fehlern. Sie fühlen keine Schuld. Sie zweifeln nicht an sich. Haben sie ihn denn verstanden? Haben sie denn immer alles richtig gemacht? Die zermürben sich nicht so wie Karola. Keiner von den ehemaligen Lehrern ihres Sohnes besucht sie. Keiner ruft sie an. Sie hat das Gefühl, alle Schuld am Tod ihres Sohnes ruht allein auf ihren Schultern.

Vor kurzem rief mich eine Lehrerin an. In ihrer vorherigen Klasse war in den Sommerferien ein Mädchen tödlich verunglückt. Die Lehrerin hatte der Mutter versprochen, sie mal zu besuchen. Die Lehrerin hatte sich vorgenommen, die Familie zu besuchen, wenn sie selbst nicht mehr so traurig wäre und bei dem Gedanken an die ehemalige Schülerin nicht mehr weinen müsste. Aber die Wochen zogen sich hin und der geeignete Zeitpunkt kam und kam nicht, denn die Trauer der Lehrerin ließ überhaupt nicht nach. Von mir wollte sie nun wissen, ob sie nach so langer Zeit sich noch bei den Eltern melden dürfe und ob es wohl schlimm wäre, wenn sie bei den Eltern weinen würde.

Wie viele verwaiste Eltern wünschen sich, dass die Lehrerin ihres Kindes kommt und mit ihnen gemeinsam um das verstorbene Kind weint!

Vielleicht sind so oder ähnlich viele Missverständnisse entstanden, unter denen verwaiste Eltern leiden.

Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, meinen Teil dazu beizutragen, dass sich in dieser Hinsicht in den Schulen etwas ändert. In zweierlei Hinsicht muss etwas passieren:

Das Thema "Tod und Sterben" darf auch in dem weltlichen Unterricht in keiner Schulstufe mehr fehlen. Denn so wie die Geburt der Beginn unseres Lebens ist, so sicher ist auch, dass das Leben mit dem Tod wieder zu Ende geht. Alles, was damit zu tun hat, sollte man in der Schule lernen, damit man jederzeit entsprechend handeln kann, wenn man mit dem Tod konfrontiert wird.

Jeder, Schüler wie Lehrer, sollte mit dem Umgang mit Trauernden vertraut gemacht werden, damit niemand mehr unnötig verletzt wird.

Seit einiger Zeit biete ich Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer aller Schularten und –stufen und für interessierte Eltern im Rahmen der regionalen Lehrerfortbildung im Großraum Braunschweig mit dem Titel "Trennung, Abschied, Tod – Lebenskrisen im Schulalltag" an. Im letzten Jahr kamen an einem Samstag im November ca. 12 interessierte Lehrer und Eltern zusammen, um sich mit diesem schwierigen Thema auseinander zu setzen.

Meine Erfahrung ist, dass man über den Erwerb theoretischen Wissens kaum eine Verhaltensänderung, also einen anderen Umgang mit Trauernden, erreichen kann. Deshalb knüpfe ich an die von den Teilnehmern bisher gemachten eigenen Verlusterfahrungen an und versuche auf diesem Wege verständlich zu machen, wie man sich in der Trauer fühlt. Erfahrungsberichte von Trauernden sind hier auch recht hilfreich. Dann schließt sich der Theorieteil an. Dabei geht es hauptsächlich um die Trauerprozesse von Kindern und Jugendlichen, damit wir die Trauer bei unseren Schülern erkennen und auf sie eingehen können. In dieser Sequenz kommen auch die Erfahrungen der Lehrer und Eltern zum Tragen.

Am Schluss stelle ich Unterrichtsmaterialien vor. Es sind wichtige Hilfen für Lehrer, aber auch für Eltern, um mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Es gibt Bilderbücher, Bücher und Schulbücher über den Tod inzwischen in Hülle und Fülle. Allerdings ist das wichtigste ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern und ein gutes Klassenklima, um ins Gespräch zu kommen. Die Lehrer müssen offen sein und dürfen keine Angst und Vorurteile haben, das ist die beste Voraussetzung , um im Schulalltag mit Lebenskrisen umzugehen. Diese Offenheit kann man nicht erzwingen, man muss überzeugen. Das versuche ich mit dieser Veranstaltung.

Alle Namen sind geändert.

Christa Hienstorfer ist Diplom-Pädagogin, Lehrerin und Trauerbegleiterin, geboren 1951. Sie bekam zwischen 1977 und 1992 fünf Kinder. Hannes, das zweite Kind, ertrank 1987 im Alter von fast zwei Jahren. Frau Hienstorfer arbeitet in Braunschweig als Lehrerin an einer Grundschule und nebenberuflich als Trauerbegleiterin. Sie ist Mitglied bei den Verwaisten Eltern in Deutschland und leitet in Braunschweig einen Gesprächskreis für verwaiste Eltern und eine Trauergruppe für verwaiste Geschwister.

Kontakt:

Tel.: 0531/65145

Email: christa.hienstorfer@t-online.de

Im Internet: http://nibis.ni.schule.de

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