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Kleine Verluste bewältigen zu lernen, ist wie eine psychologische Immunisierung Was kleinere Kinder brauchen, um Tod und Trauer verarbeiten zu können Ein Interview mit Gertraud Finger, Leiterin einer Frühförderungseinrichtung und Buchautorin Frau Finger, Sie haben ein Buch geschrieben: Mit Kindern trauern. Sind Kinder denn überhaupt schon in der Lage, Trauer zu empfinden - vor allem wenn sie noch recht klein sind? Finger: Es gibt eigentlich schon im Säuglingsalter Trauer, wobei sie sich dann allerdings ganz anders äußert - zum Beispiel wenn Säuglinge getrennt werden von ihren Eltern, reagieren sie auch mit Trauer. Kinder können in allen Altersstufen trauern - bloß ihre Art zu trauern ist oft nicht so, wie Erwachsene es erwarten. Trauer ist ja eine Reaktion auf Verluste, auf Abschiede, auf Trennungen. Meist spricht man von Trauer, wenn es sich um den Tod einer geliebten Person handelt. Für Kinder kann der Anlass aber auch der Umzug der Eltern sein, ein neues Bett, ein neues Geschwisterkind, ein verlorener Teddy oder Gegenstand - all diese Situationen können Trauer auslösen. Wie zeigt sich denn Trauer bei Kindern? Finger: Das ist in den einzelnen Altersphasen unterschiedlich. Vorschulkinder haben eine ganz andere Todesvorstellung als wir. Für sie bedeutet Totsein soviel wie Wegsein; von der Endgültigkeit des Todes haben sie noch keine Vorstellung. Das heißt, der Tote kann auch wiederkommen, und es kann sein, dass nach einer Beerdigung ein Kind sagt: "Wann kommt denn Tante Emma wieder?" Totsein kann in der Vorstellung von kleinen Kindern auch bedeuten: weniger lebendig sein. Das ist also kein völlig anderer Zustand - Tote können zwar nicht mehr rennen oder schaukeln, aber vielleicht können sie doch fühlen und denken. Ich erinnere mich da an einen kleinen Jungen, der fünf Jahre alt ist und der seiner Erzieherin im Kindergarten erzählt: "Gestern waren wir auf dem Friedhof und haben dem Papa eine Kerze gebracht, dann hat er es ein bisschen hell und auch etwas wärmer. "Und dann hat er einen Augenblick überlegt und gesagt: Aber ich glaube, er friert nicht, er hat ja einen ganz dicken Pullover an. Außerdem haben Vorschulkinder durch ihre magischen Vorstellungen eine ganz besondere Beziehung zu diesem Toten, und sie glauben dadurch nicht selten, dass sie im Mittelpunkt der Welt sind und alles beeinflussen können. Nicht selten glauben sie, dass ihr Verhalten den Tod verursacht haben kann. Deshalb ist es ganz wichtig, dieses auch den Kindern gegenüber zu verneinen - dass egal, was sie getan haben, auch böse Worte oder Nicht-gehorchen - all dies nicht den Tod verursacht haben kann. Wenn ein Kind sich schuldig fühlt, ist es wichtig, dass man ihm das auch noch mal erklärt und sagt: "Vielleicht hast du dich gerade mit jemandem gezankt, der dann gestorben ist, aber dein Verhalten hat den Tod nicht verursacht und- zum Beispiel- die Oma, die wusste auch, dass du sie lieb hast, selbst wenn du vorher geschimpft hast. Zu den magischen Vorstellungen gehört auch, dass Kinder manchmal glauben, eine ganz enge Beziehung zu dem Toten zu haben. Da hat zum Beispiel ein kleiner Junge das Gefühl, dass sein toter Vater immer vom Himmel herunterguckt und auf ihn aufpasst. Und er meint, er kann einfach über die Straße laufen, weil der Papa schon auf ihn aufpasst und ihm nichts passiert. Aber wenn er böse ist, dann hat der Papa gerade weggeguckt. Wie kann man Kindern helfen, wenn ihre magischen Vorstellungen gefährlich werden? Finger: Also einmal dadurch, dass man sie entlastet von diesem Gefühl, dass sie den Tod verursacht haben. Man sollte ihnen ganz klar sagen: "Das ist nicht deine Schuld, und du hast damit nichts zu tun." Und sie auch entlasten von den Schuldgefühlen, dass man mehr hätte geben können, als man gegeben hat! Außerdem muss man versuchen, magische Vorstellungen, wenn sie gefährlich werden können, zu durchbrechen und dem Kind klarzumachen, dass der tote Papa nicht aufpasst, sondern dass es selbst Verantwortung für sein Leben übernehmen muss. Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, trauernde Kinder zu unterstützen? Finger: Ganz wichtig ist auch, dass man sie an der Trauer der Eltern mit teilnehmen lässt und dass man ihre eigene Trauer anerkennt. Nicht selten glauben Erwachsene, dass Kinder schnell vergessen und leicht auf andere Gedanken gebracht werden können. Erwachsene versuchen deshalb häufig, die Kinder abzulenken; dann kann es sein, dass diese nicht mehr über den Tod sprechen - aber nur weil sie merken, dieses Thema belastet die Umgebung, und sie müssen das, was sie selber denken und fühlen, herunterschlucken. Helfen kann man Kindern auch, indem man die richtigen Worte findet für das, was sie erleben. Kinder werden oft überschwemmt von ihren Gefühlen und wissen gar nicht, was mit ihnen passiert. Gerade kleine Kinder brauchen erst einen Erwachsenen, der versteht, was sie empfinden, und eventuell auch die richtigen Worte dafür findet und diesen Prozess sozusagen mit ihnen durchmacht. Was kann neben dem Sprechen noch helfen? Finger: Ganz oft ist es am besten, einfach dabei zu sein, daneben zu sitzen, die Hand des Kindes zu nehmen, unter Umständen. auch mit dem Kind zu weinen. Gerade für kleine Kinder ist die Sprache oft nicht das richtige Medium und durch die Sprache kommt man ja auch mehr auf Abstand. Trösten kann man zum Beispiel auch ohne Worte. Dass man also nicht immer nur sagt, sondern wirklich dem Kind zeigt: Ich bin bei dir, ich hör dir zu. Zuhören ist auch eine ganz, ganz wichtige Hilfe, weil durch die Fragen, durch das Reden die Kinder der Tatsache dessen, was passiert ist, etwas näher kommen. Und wenn die Kinder klein sind, dann ist auch das Reden nicht möglich, sondern dann ist es ganz häufig so, dass sie diese Situation spielen - immer wieder spielen, um dann damit fertig zu werden. Sehr wichtig ist guter Körperkontakt. In den Arm nehmen signalisiert: Ich bin bei dir, ich halte dich - in der Situation, in der für dich die Welt zerfließt. Viele Kinder malen nach einem Verlusterlebnis Bilder ... Finger: Bildermalen ist wie Spielen eine Möglichkeit, sich abzureagieren - das, was man erlebt, darzustellen. Eine andere Möglichkeit sind auch Kinderbücher, und zwar deshalb, weil dann Gefühle, die den Kindern selbst noch nicht so klar sind, an fremden Gestalten gesehen und erlebt werden und sozusagen auf Distanz gesehen werden können. Können Sie bestimmte Bücher empfehlen? Finger: Das ist gar nicht so einfach. Es kommt immer auf die Altersstufe an, und es gibt persönliche Vorlieben. Ein Buch, was ich persönlich sehr schön finde -es ist aus einem christlichen Standpunkt heraus geschrieben -heißt "Großvater und ich und die Geschichte von dem kleinen Kätzchen ". Da wird zunächst einmal erzählt, wie eine Katze stirbt, wie das Kind dann sehr viele Fragen stellt, und später stirbt der Großvater. Wenn ein geliebtes Haustier stirbt, kann dies für ein Kind ein recht dramatisches Erlebnis sein ... Finger: Das kann Kinder sehr belasten. Und oft ist es so, dass Eltern aus der Angst heraus, dass das Kind so sehr belastet wird, das tote Tier schnell ersetzen. Das ist gefährlich, weil dem Kind dann keine Möglichkeit gegeben wird zum Abschiednehmen, sondern es wird im Grunde diese Lücke, die immer entsteht und die notwendig ist - denn aus dieser Lücke kommt ja wieder neues Leben - die wird dann einfach zugeschüttet. Außerdem kann der Tod eines Tieres auch helfen, später eine andere Trauersituation besser zu bewältigen. Man spricht dabei von einer psychologischen Immunisierung. Der Begriff Immunisierung kommt ja aus der Medizin; da werden Antikörper in den gesunden Körper gespritzt und der gesunde Körper entwickelt Abwehrkräfte gegen diese Krankheit. Und so ist es auch, dass kleine Verlusterlebnisse wichtig sind für das Kind, sozusagen als Vorbereitung und zur Stärkung, um mit großen Verlusterlebnissen fertig zu werden, von denen wir nicht wissen, ob und wann diese sie treffen. Was ist, wenn die Erwachsenen, die dem Kind am nächsten stehen, selbst stark betroffen sind und deshalb nicht sehr auf das Kind eingehen können? Finger: Manchmal ist es so, dass die unmittelbaren Bezugspersonen in ihrer eigenen Trauer so gefangen sind, dass sie einmal keine Zeit und keine Kraft für das Kind haben, auch für seine Fragen und für seine Art zu trauern und dass sie eventuell mit ihren Gefühlen das Kind auch noch zusätzlich belasten oder zu sehr überschwemmen. Und da ist es oft sehr sinnvoll, jemanden für das Kind zu haben, mit dem das Kind eine gute Beziehung hat, der aber nicht so sehr betroffen ist durch diesen Tod, der jetzt betrauert wird. Soll man kleinere Kinder denn überhaupt mit zur Beerdigung nehmen? Finger: Die Frage kann nicht generell verneint oder bejaht werden. Die Beerdigung ist fast eins der letzten Rituale, die wir haben; es ist eine Möglichkeit, Abschied zu nehmen und von daher ist es auch für das Kind ganz wichtig, denn es ist das Letzte, was es für den Verstorbenen tun kann - an seinem Abschied teilzunehmen. Gerade kleine Kinder sollten, wenn sie mitgenommen werden, jemanden haben - und das sollten nicht die Leute sein, die sehr betroffen sind, sondern irgendeine Person, mit der das Kind gut kann und die die ganze Zeit während der Beerdigung nur für das Kind da ist - seine Fragen beantwortet, Erklärungen gibt, bei ihm ist, so dass das Kind in dieser für es so fremden und emotional aufgeladenen Situation einen Rückhalt hat. Und dann sollte das Kind auf die Beerdigung vorbereitet werden - auf alles, was es dort erlebt - auf die schwarzen Kleider, auf das Weinen, auf das, was passiert ... damit es einfach nicht so sehr überrollt wird von all dem. Sollte das Kind den Toten noch einmal sehen? Finger: Normalerweise ist es wichtig, dass das Kind den Toten sehen kann, wenn er nicht sehr entstellt ist, weil das Letzte-Mal-Sehen auch ein Abschiednehmen ist. Gerade kleine Kinder haben ja noch nicht die Vorstellung: der Tote ist für immer weg - und von daher ist es wichtig, dass sie den Toten als Toten gesehen haben. Außerdem ist es oft so, dass Kinder dann, wenn sie den Toten zum letzten Mal sehen, auch ihre Form des Abschieds finden können. Die Sterbeforscherin Kübler-Ross zum Beispiel geht immer mit den Geschwistern zu den toten Kindern und lässt die Geschwister einen Abschiedsbrief schreiben oder ein Geschenk mitbringen, was man in den Sarg legen kann, so dass das Kind auch dort seinen Abschied vollziehen kann. Aber auch da, bei dem Letzten-Mal-Sehen des Toten, braucht das Kind unbedingt eine Begleitung. Es sollte nicht alleine sein, und es sollte nur das tun, was es möchte. Also so Fragen wie: den Toten anfassen, den Toten küssen, ..., das sollte nicht gemacht werden. Gibt es Befunde darüber, inwieweit Kinder, die einen schweren Verlust erlitten haben, in ihrem späteren Leben stärker gefährdet sind? Finger: Es gibt Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass Kinder, die ihre Eltern verloren haben, eher zu Depressionen neigen im Erwachsenenalter. Das kann man aber auch nicht generalisieren. Es hängt wohl vor allem davon ab, wie das Kind unterstützt worden ist in seinem Leben. Mit Gertraud Finger sprach Ursula Weigert. Frau Weigert stellte uns freundlicherweise dieses Interview zur Veröffentlichung zur Verfügung. Informationsquelle: http://www.veid.de/psyche_immunisierung.0.html
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