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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Dieses Thema hat 4 Antworten
und wurde 1.573 mal aufgerufen
 Fragen und Diskussionen zum Thema Tod
Ahasveru Offline

Administration Forum
Beiträge: 6.581

14.03.2006 12:38
Kleine Menschen – große Fragen: "Was heißt das, tot, Mama?" antworten

Kleine Menschen – große Fragen: "Was heißt das, tot, Mama?"

Das geliebte Haustier stirbt, auf einmal ist die Oma nicht mehr da, der kleine Bruder kommt nicht aus dem Krankenhaus zurück oder sogar ein Elternteil muss begraben werden – Tod und Trauer können urplötzlich in die behütete Kindheit eindringen und das Leben eines Kindes durcheinander wirbeln. Kinder nehmen den Tod oft viel bewusster wahr als Erwachsene denken. Allerdings ist das Verständnis von Tod und seiner Bedeutung abhängig vom Alter des Kindes und vom Verhalten seiner unmittelbaren Bezugspersonen.

"Opa schläft aber tief!"

Der Thanatologe (Sterbeforscher) Joachim Wittkowski hat die Entwicklung des kindlichen Todeskonzepts in verschiedene Stufen eingeteilt: Kinder bis zum dritten Lebensjahr verstehen den Begriff "Tod" noch nicht. Allerdings empfinden auch Säuglinge und Kleinkinder intuitiv den Verlust eines wichtigen Menschen sehr deutlich. Zwischen dem dritten und dem fünften Lebensjahr entwickeln Kinder begrenzte Vorstellungen vom Tod. Sie halten den Tod aber für eine Art Schlaf oder eingeschränkten Lebens mit Bewegungsunfähigkeit oder Reglosigkeit. Der Tod hat in der kindlichen Vorstellung nichts Endgültiges, sondern ähnlich dem Versteckspiel oder dem Totstellen im Spiel wird dieser Zustand als vorübergehend betrachtet. In dieser Phase schreiben Kinder einer Leiche noch Gefühlsregungen und Lebensfunktionen zu: zum Beispiel erkundigen sie sich, ob es denn dem Großvater nach der Beerdigung im Grab nicht zu kalt sei.

"Ist Oma jetzt ein Engel?"

Grundschulkinder im Alter von 6 bis 9 Jahre erkennen weitere Merkmale des Todes, wie z. B. Atemstillstand und Aussetzen des Herzschlags. Sie beginnen die Bedeutung des Todes und seine Endgültigkeit zu verstehen und erkennen, dass alle Menschen – sie selbst eingeschlossen – sterblich sind. Zum einen lösen Gedanken an den Tod in diesem Alter Angst und Trauer aus und werden mit dem Gefühl der Verlassenheit verbunden. Zum anderen sind Kinder in diesem Alter auch sehr neugierig. Sie wollen wissen, was nach dem Tod kommt und verlangen von ihren Bezugspersonen klare, eindeutige Antworten. Zu abstrakten Vorstellungen vom Leben nach dem Tod sind Kinder allerdings noch nicht in der Lage: Ihre Vorstellung vom Jenseits oder vom Himmel gleicht einer Art Schlaraffenland und ist sehr bildhaft. Fragen wie "Wie kommen denn die Toten aus den Gräbern in den Himmel?" dominieren das Denken und stellen die Erklärungsfindung der Erwachsenen manchmal auf eine harte Probe.

Kleine Erwachsene

Ab neun Jahren werden die Todesvorstellungen bei Kindern allmählich realistischer und detaillierter. Zusammenhänge zwischen Tod, Sarg, Beerdigung und Friedhof werden erkannt. Kinder sind sich auch der Auswirkungen eines Todesfalles in der Familie bewusst und begreifen, dass der Tod radikal und unumkehrbar ist. Mit wachsendem naturkundlichen Wissen wird auch der Zerfall des Körpers nach dem Sterben vorstellbar. Die Vorstellungen von Jugendlichen über den Tod entsprechen denen der Erwachsenen. Mit dem Eintritt in die Pubertät treten mehr und mehr philosophische Aspekte in den Vordergrund. Die Jugendlichen sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und setzen sich mit dem Tod im Zusammenhang mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinander.

Hilfe!

Wenn Kinder von einem Todesfall betroffen sind, brauchen sie viel Unterstützung, um gut mit dem Verlust und der Trauer umgehen zu können. Die Einstellung der Erwachsenen zum Tod, bzw. deren Verhalten bei einem Trauerfall, prägt das Verhältnis der Kinder zum Tod. Denn Kinder lernen durch Beobachtung, vor allem kleine Kinder ahmen ihre Eltern nach und handeln dementsprechend. Häufig jedoch fühlen sich Eltern, die selbst durch den Tod eines Angehörigen Betroffene sind, nicht in der Lage, ihren Kindern Wissen über den Umgang mit dem Thema Tod zu vermitteln. Oft reagieren Erwachsene hilflos, wenn Kinder trauern. Sie sind entweder zu sehr in ihrem eigenen Kummer gefangen, um sich auf das Kind zu konzentrieren, oder aber sie versuchen das Kind zu schonen, indem sie es von allen Vorgängen, die mit dem Sterbefall verbunden sind, fernhalten. Mit beiden Verhaltensweisen wird beim Kind jedoch eine effektive Trauerarbeit verhindert.

"Warum weinst du, Mama?"

Kinder bringen je nach Persönlichkeit ihre Trauer anders zum Ausdruck: Von Wutausbruch bis zu scheinbarem Desinteresse. Sie entwickeln irrationale Schuldgefühle – häufig beim Tod von Geschwistern – oder aber sie versuchen stark zu sein, die Eltern zu unterstützen oder ungerührt zu erscheinen, wenn auch die Eltern wenig Gefühl zeigen können oder wollen. Der Trauerforscher Dr. Wolfgang Holzschuh weist darauf hin, dass von einem Todesfall betroffene Kinder vor allem Ehrlichkeit und Unterstützung seitens der Erwachsenen brauchen. Kleinkindern, die emotional den Verlust einer Bezugsperson verkraften müssen, helfen tägliche Rituale wie gemeinsames Spielen oder Vorlesen am Abend mit einer vertrauten Person, wenigstens etwas Geborgenheit und Ruhe zu geben. Psychologen sind sich einig, dass es für ein Kind enorm wichtig ist, dass seine Bezugspersonen – meist die Eltern – ihre eigene Trauer zeigen und damit dem Kind signalisieren, dass es Gefühle und Tränen ungehindert zulassen darf. Kinder brauchen in ihrer Trauer das Gefühl, nicht allein gelassen zu werden.

Wer, wie, was – wieso, weshalb, warum?

Vor allem aber brauchen sie Erklärungen, ehrliche und umfassende Antworten auf ihre Fragen rund um den Todesfall. Weichen Erwachsene aus und versuchen sie, das Kind mit vertröstenden Worten abzulenken, malen sich Kinder in ihrer Fantasie häufig "Ersatzerklärungen" aus – z. B. "der Vater hat die Familie verlassen", "mein Bruder ist weg, weil ich nicht lieb zu ihm war" – was langfristig zu unverarbeiteten Verlustgefühlen und verdrängter Trauer führen kann. Experten raten, Kinder in alle Gefühle, Entscheidungen und Vorgänge, die den Verstorbenen betreffen, miteinzubeziehen, damit sie den Verlust wirklich verarbeiten können. Dazu gehört auch, dass die Kinder über ihre Empfindungen reden dürfen. Kleinen Kindern, die noch Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle verbal auszudrücken, sollte die Gelegenheit gegeben werden, sich kreativ – malend oder durch Rollenspiele – die Last von der Seele zu "reden".

Auf Wiedersehen!

Auch Kinder brauchen die Möglichkeit, sich von dem Verstorbenen zu verabschieden, um den Tod akzeptieren zu können. Vor allem ältere Kinder sollten – vorausgesetzt, sie möchten es – den Toten aufgebahrt sehen und an der Beerdigung und dem Friedhofsbesuch teilnehmen dürfen. Werden sie von diesen Ritualen des Abschiednehmens ausgeschlossen, fühlen sie sich doppelt verletzt – durch den erlittenen Verlust und durch das Gefühl, von den Lebenden nicht in die Trauergemeinschaft einbezogen zu werden. Es ist jedoch sinnvoll, den Kindern die Abläufe einer Beerdigung zu erklären, damit sie verstehen können, was passiert. Kinder, die trauern, brauchen ein Erinnerungsstück an den Toten – sei es ein Taschentuch der Oma, das Kuscheltier des verstorbenen Bruders, einen Pullover der Mutter – das sie festhalten können, während sie langsam emotional loslassen. Und sie brauchen vor allem eins: eine enge Bezugsperson an ihrer Seite, die ihnen Halt und viel Liebe gibt!

© März 2006 - Grünes Presseportal / CMA

Informationsquelle: http://www.ratgeberbox.de/ratgeber/artik...st-das-tot-mama

teresa Offline


Beiträge: 12

26.04.2006 16:52
#2 RE: Kleine Menschen – große Fragen: "Was heißt das, tot, Mama?" antworten

Deinem Betrag zu Kinder und der Tod kann ich nur zustimmen.

Meine beiden Kinder (9 1/2 und 7 1/2) haben auch Mitte März ihre Lieblingsoma verloren, aber sie hatten Zeit sich langsam und liebevoll von ihr zu verabschieden.
Sie waren seit 10/2005 im Krankenhaus viel mit, sie waren im Reha-Zentrum stets mit und zuhause dann, ab 12/2005 waren sie auch oft bei ihrer Oma.
Sie fütterten sie, sie massierten ihre "Wasser-"Beine, sie erzählten ihr ihren Alltag, sie streichelten sie, sie massierten sie, sie küssten sie,... und sie sahen auch, wie schwer die letzte Zeit für sie war. Und deshalb konnten sie sie auch gehen lassen.
So wie einen alten Mantel, den sie nicht mehr braucht, so hat sie ihren Körper abgelegt, habe ich ihnen erklärt. Und ich glaube, sie haben es verstanden.
Sicher, ihre Oma fehlt ihnen manchmal noch schrecklich, ist ja verständlich, sie weinen auch öfters. Aber dann kuscheln wir uns zusammen und sie nehmen die Polster von Oma (die ich bisher nicht waschen durfte, denn sie hat sie die letzten Tage zuhause benutzt) und kuscheln so mit ihrer Oma, denn ihr Geruch ist noch immer dran. Und dann, wenn wir so kuscheln, dann spüren wir (das ist unsere Meinung), dass sie uns nicht verlassen hat, sondern immer noch bei uns ist.
Die Kinder waren auch beim Begräbnis mit dabei, ebenso bei der Aufbahrung. Und sie haben es gut überstanden. Ich glaube, es wäre schlimm für sie gewesen, sich nicht "direkt" von ihr verabschieden zu dürfen und so konnten sie ihr noch einmal über die Wange streicheln. Es war ihre Oma und es bleibt ihre Oma, auch wenn sie körperlich nicht mehr anwesend ist.
Aber am wichtigsten aber finden sie, dass wir über viele Sachen lachen können, über die wir auch mit Oma so gelacht hatten. Und wenn wir etwas essen, dass sie besonders gerne gemocht hat (ich habe die letzten 5 Jahre für sie mitgekocht), dann fühlen wir sie ganz nah bei uns und freuen uns für sie, dass sie es endlich geschafft hat.

Lg
Barbara

Irene L. Offline


Beiträge: 34

05.05.2006 19:40
#3 RE: Kleine Menschen – große Fragen: "Was heißt das, tot, Mama?" antworten

Hallo!

Danke für den tollen Beitrag, Ahasveru!
Wie schlimm der Tod eines geliebten Menschen die Kinder treffen kann, beobachte ich immer wieder bei den Cousinen (ca.6 und 10 Jahre alt) meines Lebensgefährten. Besonders die ältere der beiden leidet stark unter dem Verlust ihres Vaters vor etwa 4-5 Jahren. Sie hatte und hat bis heute ein Gefühl des Ungeliebt- und Ausgegrenztseins, weil sie dadurch ihre wichtigste Bezugsperson verloren hat. Noch heute weint sie regelmäßig um den Verlust ihres Papas, manchmal drückt sie ihre Trauer allerdings auch in enormen Wut- und Aggressionsausbrüchen aus, was es dann für ihre Familie besonders schwierig macht verständnisvoll zu bleiben.
Wenn sie hie und da mit ihrer Schwester ein Wochenende bei der "Papa-Oma" verbringt, dann möchte sie immer das Grab ihres Vaters besuchen - mitunter bricht sie allerdings schon auf der Fahrt zum Friedhof derart in Tränen aus, daß sie dann lieber im Auto sitzen bleibt, während Oma und ihre kleine Schwester das Grab besuchen.
Die kleine Schwester versucht dann immer besonders lieb und rücksichtsvoll mit der Großen zu sein und meint dann: "Schau, ich hab doch auch den Papa verloren." sie möchte ihr dadurch ihre Anteilnahme ausdrücken, was die Große dann damit erwidert: "Aber du hast ihn gar nicht so lange gekannt. Für dich ist das nicht so schlimm." Daraufhin die Kleine mit tröstenden Worten: "Ja, siehst du - ich hab gar nicht soviel von ihm gehabt wie du."

LG
Irene

Ahasveru Offline

Administration Forum
Beiträge: 6.581

05.05.2006 19:56
#4 RE: Kleine Menschen – große Fragen: "Was heißt das, tot, Mama?" antworten

Hallo Irene,:O)

In Antwort auf:
Noch heute weint sie regelmäßig um den Verlust ihres Papas, manchmal drückt sie ihre Trauer allerdings auch in enormen Wut- und Aggressionsausbrüchen aus, was es dann für ihre Familie besonders schwierig macht verständnisvoll zu bleiben.

Das von Dir beschriebene Kind erfährt in seinen Reaktionen auf den Verlust des Vaters hier seine ganz individuelle Trauer im Sinne eines Traurigseins. Bei Deiner Beschreibung zeigt sich, das die Gefühle des Schmerzes wie des Verlustes hier nicht optimal kanalisiert werden und sich gegen das Kind selbst richten im Sinne eines Schuldempfindens und damit geglaubten Schuldigseins.

Ein Verständnis seitens der Familie sollte hier auf jedemfall gegeben sein. Man sollte in aller Ruhe und Liebe mit dem Kind bei einer Bereitschaft von ihm über seine Gefühle zum Verlust des Vaters sprechen. Wichtig ist, das das Kind im Vertrauen ausdrücken kann, was es an Gefühlen und Gedanken empfindet. Es sollte in seiner Trauer und dessem Ausdruck ernst genommen und akzeptiert werden, man sollte seine Trauer nicht durch Floskeln konterkarieren.

Angesagt ist in diesem Falle also ein begleitender Beistand und ein dem Kind gegenüber erbrachtes ehrliches Verständnis wie ein Eingehen auf seine Gefühle und Empfindungen. Das kann durch die Familie, aber auch durch eine Trauergruppe für Kinder erbracht werden.

Lieber Gruss,:O)

Ahasveru
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Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schliessen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.

Ahasveru Offline

Administration Forum
Beiträge: 6.581

05.05.2006 20:09
#5 RE: Kleine Menschen – große Fragen: "Was heißt das, tot, Mama?" antworten

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Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. Ein Begleitbuch für Kinder, Eltern und Erzieher.
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Kurzbeschreibung

Der Verlust eines nahen oder geliebten Menschen ist für Kinder schockierend und unbegreiflich. Eine Erfahrung, deren Bedrohlichkeit dadurch noch gesteigert wird, das es Erwachsenen oft schwerfällt, sich auf dieses Thema kindgerecht einzulassen. Zwei erfahrene Autorinnen helfen einfühlsam, Tod und Sterben als natürlichen Teil des Lebens anzunehmen und zeigen, wie wir Kinder in ihrem Schmerz und ihrer Trauer behutsam begleiten können

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