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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Buch - Vorstellung(en) und Besprechung(en)
Ahasveru Offline

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02.03.2006 08:31
Kindern den Tod erklären antworten

Kindern den Tod erklären

Wie Bilderbücher sich einem Tabu-Thema zu nähern versuchen

Die Auseinandersetzung mit dem Tod setzt bei den meisten Kindern im Kindergartenalter ein. Der Reifungsprozess, der nun beginnt, ist von Ängsten begleitet, daher gibt es einen unstreitigen Bedarf an Kinderbüchern über den Tod. Doch kaum ein Kinderbuch nähert sich dem heiklen Thema ohne Sicherheitsabstand. So ist es meistens der Grossvater, der stirbt, und warme Farben suggerieren gerade angesichts des Todes Geborgenheit. Und nie ist von der Todesangst die Rede. Bevor sich der Grossvater in «Abschied von Opa Elefant» auf den Elefantenfriedhof zurückzieht, spricht er mit den Elefantenkindern über das Geheimnis des Sterbens. «Das muss jeder für sich allein erleben, und das ist das Besondere daran.» Das tönt eher, als handle es sich um einen Ausflug. Auf die Frage, was nach dem Sterben komme, hat unsere aufgeklärte Gesellschaft keine verbindliche Antwort bereit, und so zählen die Elefantenkinder einfach alle gängigen Todesvorstellungen auf, von Himmel und Hölle bis zur Wiedergeburt als Schmetterling.

Kaum je verweisen die aktuellen Kinderbücher auf die Religion. Der Opa sei jetzt ein Engel, tröstet die Mutter den kleinen Erik in «Erik und das Opa-Gespenst», doch Erik kann sich einen geflügelten Opa nicht recht vorstellen. Dafür besucht ihn der tote Opa nachts als freundliches Gespenst. Er muss sich von seinem Enkel noch verabschieden, und in der gemeinsamen Erinnerung findet Erik schliesslich Trost.

Dieses Buch (von Eva Eriksson mit zartem Humor illustriert) dürfte der kindlichen Erlebniswelt am nächsten kommen. Anette Bley hat zwar in «Und was kommt nach tausend?» eine berückende Bildwelt geschaffen, wo sie die Leere nach Ottos Tod sensibel in Farbnuancen umsetzt. Doch die Geschichte folgt der Logik der Erwachsenen. Der alte, jung gebliebene Otto nämlich hatte Lisa die Sterne gezeigt und ihr erklärt, dass die Zahlen nach tausend weitergehen. So tritt die Unendlichkeit der Zahlen an die Stelle der Religion, und als Otto tot ist, weiss Lisa: «Mit Otto ist das wie mit den Zahlen, er ist einfach in uns drin und hört niemals auf.» - Peter Schössows kultverdächtiges «Gehört das so??!» zählt zu jenen Kinderbüchern, die sich an die Käufer richten. Ein kleines Mädchen geht dampfend vor Wut durch den Park und schreit sein pseudokindliches «Gehört das so??!» in die sonnigen Gesichter der anderen; in der riesigen Handtasche liegt ein toter Kanarienvogel namens Elvis. Die Ironie der computergenerierten Bilder und der schnoddrigen Floskeln ist symptomatisch für die Peinlichkeit des Todes und die Schwierigkeiten der Erwachsenen, mit ihren Kindern darüber zu reden. Im Gegensatz zu den heutigen Fünfjährigen wissen sie auch noch, wer der richtige Elvis war.

Kinderbücher spiegeln die Tabus der Erwachsenen, doch wer Kinder vor der verstörenden Wahrheit des Todes bewahren will, lässt sie mit ihren Ängsten allein. E. B. White wagte es in seinem Klassiker «Wilbur und Charlotte» von 1952, eine Romanheldin sterben zu lassen. Die kluge Spinne Charlotte hat zwar das Schweinchen Wilbur, das so furchtbar gerne lebt, vor dem Schlachtmesser gerettet, doch ihre eigene Lebenskraft erlischt, nachdem sie ihre 145 Eier gelegt hat. Ein unspektakulärer Tod. Wilbur nimmt den Kokon mit den Spinneneiern in seinen Stall, und im Frühjahr bleiben drei Spinnenkinder bei ihm. Dies tröstet ihn, ohne dass seine Trauer um Charlotte weggewischt wird: «Obwohl er ihre Kinder und Kindeskinder von Herzen liebte, nahm doch nie eine der neuen Spinnen je so ganz ihren Platz in seinem Herzen ein.»

Sieglinde Geisel

Isabel Abedi: Abschied von Opa Elefant. Mit Bildern von Miriam Cordes. Verlag Heinrich Ellermann, Hamburg 2006. 28 S., Fr. 21.90 (ab 3 Jahren).

Kim Fupz Aakeson: Erik und das Opa-Gespenst. Aus dem Dänischen von Dagmar Brunow. Mit Bildern von Eva Eriksson. Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2005. 32 S., Fr. 19.70 (ab 4 Jahren).

Anette Bley: Und was kommt nach tausend? Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2005. 32 S., Fr. 23.60 (ab 4 Jahren).

Peter Schössow: Gehört das so??! Carl-Hanser-Verlag, München 2005. 40 S., Fr. 27.20 (ab 5 Jahren).

Informationsquelle: http://www.nzz.ch/2006/03/01/fe/articleDLZVQ.html

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