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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Ahasveru Offline

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22.01.2006 19:48
Am Ende dieses Lebens antworten

Am Ende dieses Lebens

Judith Pocock spricht vom Sterben als notwendigem Bestandteil des Lebens

Josina Keuskamp-van Schaik, Holland, sprach mit Judith Pocock, Gründerin der Ruby Care Foundation, Wales

Für Judith Pocock ist das Sterben eng mit der Ehrfurcht vor dem Wunder und Geheimnis des Lebens verbunden. Lange Jahre als Krankenschwester und Sterbebegleiterin tätig, rief sie vor drei Jahren die Ruby Care Foundation ins Leben, um ein besseres öffentliches Verständnis des natürlichen Sterbens als Teil des Lebens zu fördern und so den Sterbeprozess zu enttabuisieren und einem besseren Verständnis zu öffnen.

“Eigentlich fing es mit meiner zunehmenden Unzufriedenheit mit den vorherrschenden Einstellungen zum Thema Tod an. Ich hatte jahrelang mit Sterbenden gearbeitet, und oft erlebte ich bei ihnen Verweigerung und Furcht vor dem Tod. Irgendwie erwartet niemand zu sterben. Man möchte nicht übers Sterben reden, man möchte nicht an das Sterben denken, als ob es geschmacklos wäre, dies zu tun.”

Sterben ist eine Realität unseres Daseins und betrifft uns alle. Es ist ein von der Natur festgelegter Vorgang in verschiedenen Phasen. Die meisten Menschen möchten friedvoll mit sich und der Welt sterben, einen würdevollen, sanften Tod haben. Es stellt sich also die Frage, wie wir einen Zustand erreichen können, in dem wir dem Lebensende friedlich und innerlich ruhig begegnen trotz möglicher Schmerzen, Traurigkeit oder Unbehagen?

Judith erklärt, dass erfahrungsgemäß am Ende jeden Lebens ein innerliches Aufräumen und ein Mit-sich-zur-Ruhe-Kommen stattfinden. Diese Prozesse brauchen oft Hilfe und Unterstützung. “Wenn ich jemanden im Sterbeprozess begleite, bemühe ich mich ihm zu helfen über seine Ängste und Sorgen zu reden. Ich beobachte oft, wie sich viele Dinge wie von selbst regeln, wenn der Sterbende in der Lage ist, das was ihn innerlich quält oder beunruhigt, auszusprechen. Darum sind Sterbebegleiter so sinnvoll und wichtig. Entscheidend ist eine sorgfältige Ausbildung des Sterbebegleiters , damit er dem Sterbenden helfen kann, seine letzten Ängste, Sorgen, Hoffnungen und Sehnsüchte auszusprechen, alles das, was sich vor dem Sterben im Innern beruhigen sollte. Dies ist unerlässlich, vergleichbar den letzten Schwangerschaftswochen, wenn die werdende Mutter plötzlich nicht mehr aufhört zu putzen, aufzuräumen und alles für den Neuankömmling vorzubereiten. Genauso geht es dem Sterbenden – es entsteht in ihm der Drang innerlich aufzuräumen. In dieser Aufräumphase beizustehen ist eine der wichtigen Aufgaben des Sterbebegleiters. Der Prozess des Ablebens kann Stunden, Wochen, ja Monate dauern. Dabei kann vieles durchgesprochen werden, praktische Dinge werden geregelt, ein Testament wird geschrieben, man will vielleicht seine Krankheit besser verstehen lernen und wie man sich auf ihr Fortschreiten einstellen kann. Auch ist oft die Frage wichtig, wie die Angehörigen auf das Sterben vorbereitet werden, um mit innerer Zustimmung dem Abschied gefasst entgegenzusehen.
Die Sterbebegleitung stellt hohe Anforderungen an den Berater. Er sollte sich gut auskennen in Religion, Moral und Ethik, menschlichen Lebensfragen im Allgemeinen, Etikette, Psychologie und Verhaltensforschung. Es braucht viele Fähigkeiten, um jemandem an seinem Lebensende in seinen letzten Sorgen und Gedanken helfen zu können. “Man muss die Vorgänge beim Prozess des Sterbens gut kennen”, sagt Judith. “Schmerz und die Auswirkungen einer Krankheit sind Teile der körperlichen Vorgänge. Aber noch vieles andere braucht gleichzeitig Beistand. Sterbende müssen ihren Lebenslauf entlangschauen und ihn für sich akzeptieren können. Jeder Mensch muss für sich wissen, dass sein Leben lebenswert war, damit er am Ende zufrieden zurückblicken und sagen kann: ‘Ja, mein Leben hatte einen Wert.’ Ein Sterbebegleiter kann dabei helfen, das Wichtige zusammenzutragen.’

Die Medizin bemüht sich verständlicherweise am meisten darum, die körperlichen Schmerzen zu mindern. Der Körperschmerz darf jedoch nicht den mentalen, emotionalen und seelisch-spirituellen Schmerz überdecken und maskieren. Sehr leicht wird ansonsten der innere Schrei hinter dem physischen Schmerz überhört. Sogar für den Sterbenden ist es oft schwer über seinen Schmerz hinauszusehen. Deswegen sollte der Sterbebegleiter vor dem Einsetzen allzu großer Schmerzen seine wichtige Arbeit beginnen, dann kann die Schmerzphase in größerer innerer Ruhe und Gelöstheit verlaufen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass oft die Schmerzphase verkürzt wurde, wenn der Sterbende bereits seinen inneren Schmerz gelindert hatte. Innere Schmerzen können durch Dinge verursacht sein, die jemand bedauert getan zu haben oder die er geordnet sehen möchte. Der Begleiter ermöglicht dem Sterbenden, dass Groll oder Ängste nach oben kommen können, manchmal auch jahrzehntealte Geheimnisse, von denen er sich nun loslösen möchte. Judith weiß aus Erfahrung, daß Sterbende über höchst Schockierendes berichten können. Zum Beispiel kann eine 90jährige Frau plötzlich anfangen, über einen Inzest im Alter von zehn Jahren mit ihrem Vater zu reden, oder jemand beging ein Verbrechen oder sogar einen Mord - und dies drang noch nie an jemandes Ohr. Es können auch kleine Dinge die Vergangenheit belasten, wie jeder von uns bestätigen kann. Und die ganze innere Unruhe drängt gegen Ende des Lebens ans Licht, damit der Mensch Gelegenheit hat, sich davon zu reinigen.

Ärger, Scham oder Schuldgefühle sind emotionale und mentale Rückstände, Kräfte, die einen nicht loslassen wollen. Judith betont, wie wichtig es ist, dass eine Person durch einen Prozess des Vergebens und Sich-Selbst-Vergebens geht, damit sie aufgeräumt und alles erledigt hat und bereit ist weiterzuziehen, wohin auch immer es geht, wenn sie den Zustand dieses Lebens mit einem anderen Zustand tauscht.

“Was bedeutet es eigentlich, wenn wir vom Sterben sprechen?”, fragt Judith. “Sterben ist nicht einfach nur ein Augenblick, - soeben hat man noch geatmet und plötzlich atmet man nicht mehr. Verschiedene Körperorgane arbeiten z.B. noch weiter, während andere bereits ausgesetzt haben. Allmählich kehrt dann unser physischer Körper dahin zurück, woher er gekommen ist, zur Erde. Aber was passiert mit den geistigen Anteilen des Menschen? Goethe hat gesagt: “Kein Wesen kann zu nichts zerfallen.” Den Unterschied zwischen tot und lebendig sehen wir am Auge: Nach dem Tod ist da nichts mehr, das uns aus den Augen heraus ansieht. Etwas ging woandershin, etwas, das Judith als “die Lebenskraft” bezeichnet. “Es handelt sich um reine Kraft, und sie ist wunderschön. Man sieht sie in den leuchtenden Augen eines Babys. Jeder ist davon fasziniert, und es hat und bleibt etwas Wunderbares und Wundersames. Ich habe bei Geburten und bei Toden beigestanden, beides kann wunderschön sein. Nach der Geburt geht diese Kraft durch eine Zeitperiode, die wir Am-Leben-Sein nennen. Sie geht durch alle Erfahrungen, die einer bestimmten Person geschehen, von gut bis furchtbar und allem dazwischen. Wenn dann das Ende naht, muss alles sortiert und abgeworfen werden, und man bleibt mit derselben reinen Lebenskraft, die hier ankam. Kurz nach dem Augenblick des tatsächlichen Dahinscheidens fühlt man oft eine außergewöhnliche Gegenwart und Schönheit, die ich fast als Euphorie bezeichnen möchte. Ich frage mich, ob diese Anmut und Präsenz einfach jene Lebenskraft im Reinzustand ist, ohne die Erfahrungen, durch die die Person ging. Sie ist jetzt von Physischem getrennt, in ihrem Reinzustand präsent.
Das Erkennen dieser Lebenskraft in einem Baby macht keine Probleme. Aber auch jeder Sterbebegleiter sollte dafür offen sein, denn wirklich, es ist wunderbar zu erfahren, dass diese Kraft in einem sehr alten Menschen genauso lebt wie in einem Baby. Die Gegenwart dieser Kraft zu erleben kann ich nur als Privileg bezeichnen. Wenn wir verstehen, dass am Lebensende Schönheit, Herrlichkeit, Wundervolles erscheint, dann könnte das auch helfen, zu Sterbenden zu sprechen und zu sagen, dass ein Augenblick eintreten wird, wo jene Lebenskraft in ihm wieder in jenem wundervollen Reinzustand erfahrbar wird. Dann können alle aufs gleiche Ziel hinarbeiten, und Trennen und Abschied nehmen, Vergehen und Weiterziehen werden zu einem normalen Teil eines ganzheitlichen Leben.

Zur Sterbezeit können Zeremonien sehr hilfreich sein. “In einem Altersheim haben wir bestimmte Zeremonien eingeführt. Wenn jemand stirbt, darf jeder Bewohner den Körper des Dahingeschiedenen besuchen. Man verbringt Zeit im Gedenken. Dann zündet man eine Kerze an für das Licht, das jenes Leben darstellte und das nunmehr erloschen ist. Die Anwesenden sprechen über den Verstorbenen, über die Qualitäten, die er in seinem Leben verwirklicht hat, vielleicht über seine Geduld, sein Verständnis, sein Mitgefühl oder Ähnliches, und sie schreiben diese Qualitäten auf bereitliegende Karten, die sie dann auf einen Tisch vor der Kerze legen. Diese Zeremonie ist eine Quelle der Kraft für die Teilnehmenden, denn jeder weiß nun: ‘Wenn ich sterbe, wird man sich meiner auch auf diese Weise erinnern.’ Die Einführung dieser Zeremonie bewirkt, dass die Heimbewohner eine völlig andere Einstellung zu ihrem eigenen Tod entwickeln.”

“Eine schlichte Zeremonie kann eine tiefe emotionale Wirkung haben. Sie bringt Klärung, Stärkung und läßt uns besser akzeptieren, was geschieht. Derzeit denke ich an eine Art ‘Gemeinsame-Klärungs-Zeremonie’. Wenn eine Familie weiß, dass ein Mitglied bald stirbt, versammelt sie sich mit engen Freunden um den Sterbenden und alle haben die Gelegenheit, ihm noch einen Gruß zu erweisen und Dinge auszusprechen wie: ‘Du hast mir in deinem Leben viel Geduld, Verständnis und Zuwendung entgegengebracht, und dafür danke ich dir.’ Jeder kann so zu dem Sterbenden treten, um ihm seine Qualitäten zu bestätigen. Man kann auch fragen: ‘Gibt es etwas, was dich sorgt, womit ich dir vielleicht helfen kann, bevor du gehst?’ Es ist eine sehr einfache Zeremonie, die jeden stärken kann. Sie bietet dem Sterbenden Bestätigung und Vergewisserung sein Leben betreffend und hilft ihm in allen noch offenen Sorgen und Nöten. Familie und Freunde machen sich nützlich und gleichzeitig hilft es ihnen auch. Anstatt eines riesigen emotionalen Aufruhrs kann jeder bejahender, ruhiger und beruhigter sein. Dies ist eine Zeremonie speziell für daheim Sterbende, wo die Familien oft so durcheinander sind, dass sie nicht mehr ein noch aus wissen. Ich war öfters Zeugin, wie eine Familie sprachlos um das Bett eines Sterbenden herumstand, wie ihr die Worte fehlten. Dabei brauchen nur alle zusammenzukommen, um das Leben des Sterbenden zu feiern und zu würdigen, und so kann er die Bestätigung erfahren: ‘Ja, mein Leben war der Mühe wert’. Und so ist auch der Familie geholfen, weil sie helfen konnte.

Solche beruhigenden und bejahenden Zeremonien erlebe ich als sehr befriedigend. Das soll nicht heißen, dass es ohne Schmerzen geht, aber zumindest ist dieser Prozess dann eine stärkende Erfahrung für alle Beteiligten. Dann kann man zurecht sagen: ‘Er oder sie hatte einen schönen Tod.’ Und ich glaube, einen schönen Tod, das wünschen wir uns alle einmal.”

Judith fährt mit Erklärungen über Bestattungspraktiken fort, die hilfreich sein können. “Wenn jemand sich auf das Sterben vorbereitet, dann konzentrieren sich die Qualitäten, für die er einstand im Leben. Das erlaubt dem Sterbenden seine Gesamtheit und seine Unversehrtheit zu empfinden. Während der nächsten Tage des Sterbevorgangs braucht es Bestärkung, sowohl für das sich verabschiedende Leben als auch für die Hinterbliebenen. Für die Menschen, die den Verstorbenen sehr gut kannten, ist folgende Zeremonie zu empfehlen: Sie treffen sich und sprechen laut und offen die Bedeutung, die Qualitäten und Stärken jenes Lebens aus. Durch das laute Aussprechen wird all das Gute zurückgegeben an jene Lebenskraft, deren Präsenz und Schönheit vielleicht noch im Raum spürbar ist. Gleichzeitig bestärkt man sich selbst und alle miteinander bei dieser Feier des Lebens, das gibt allen Kraft und Trost, anstatt sich alleingelassen und verloren zu fühlen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, vor allem wenn es als Zeremonie durchgeführt wird. Dies berührt die Beteiligten meist tiefer als ein Beileidsbrief, der allerdings auch helfen kann, wie ich hinzufügen möchte.”

Judith Pocock hat die Vision, dass allen Menschen, die es sich wünschen, einmal so eine würdevolle Begleitung zukommen sollte. Natürlich braucht es dazu eine Menge ausgebildeter Sterbebegleiter. “Ich hoffe, dass Sterbebegleitung, wie wir sie beschrieben haben, einmal so normal und verbreitet sein wird wie die Hilfe und das Wissen einer Hebamme bei der Geburt. Viele junge Frauen kämpfen für das Recht auf eine Hausgeburt, weil sie nicht hospitalisiert sein möchten. Ich möchte am liebsten die Sterbenden, die es wollen, aus den Krankenhäusern holen, nach Hause. Früher fanden Geburt und Sterben zu Hause im Kreis der Angehörigen statt, und ich weiß im Innern, dass dies der richtige Ort ist.”

Die Ruby Care Foundation ist eine internationale nichtkommerzielle Organisation, die Sterbenden und ihren Familien Dienste der Sterbebegleitung und Beratung, Ausbildungen für Sterbegleitung und öffentliche Vorträge über den Prozess des Sterbens anbietet. Sie ist als gemeinnützige Einrichtung in Grossbritannien eingetragen.

Weitere Informationen bei:RubyCare.Deutschland@gmx.de

Informationsquelle: http://www.topazmagazin.de/thema/05/sterben.htm

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