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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Umgang und Probleme mit Sterbenden
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

02.10.2005 16:22
Bedürfnisse Sterbender antworten
Bedürfnisse Sterbender ...... kann man nicht einfach aufzählen, sondern man muß genau Hinterfragen. Trotzdem gibt es Orientierungen, die helfen in die Vielzahl ein wenig Ordnung zu bringen. Deshalb werden die sechs Grundbedürfnisse in einer wichtigen, keineswegs willkürlichen Reihenfolge benannt. Sie bilden gewissermaßen eine Hierarchie, wobei die erstgenannten 3 die Grundlage für die letztgenannten 3 sind.

Bedürfnisse des Körpers

Es geht um einen möglichst geringen körperlichen Verfall, um Beherrschung der Ausscheidungsprozesse, Erhaltung des Atems und Freihaltung der Atemwege, das Bedürfnis nach ausreichendem Schlaf, Durststillung, Bedürfnis nach Anregung für die Sinne (Farben, Musik, Wärme u.a.), Linderung der Schmerzen, ausreichende und richtige Nahrung, ebenso wie nach Möglichkeiten, die noch verbliebenen Fähigkeiten und Kräfte einzusetzen und zu nutzen.

Der Respiratorpatient hat vor allem noch das Bedürfnis, die Möglichkeit eines Aussetzens der Beatmung ausgeschlossen zu wissen. Er äußert dieses Bedürfnis vor allem körperlich mit Unruhe und Angst. Dieses ist das Basisbedürfnis, das zur Voraussetzung für alle Bedürfnisse wird.

Bedürfnis nach Sicherheit

Es geht um einen möglichst hohen Grad des ÜBERLEBEN-Könnens, um die Verfügbarkeit von Personen im Notfall. Der Patient möchte, daß die Welt gewissermaßen nicht unter seinen Füßen auseinanderbricht, daß alle quälenden Fragen und Gedanken besonders zur Krankheit, zum Allgemeinbefinden und zum Sterben ehrlich beantwortet werden. Er wünscht bis in die letzte Minute eine gute Versorgung, die Beibehaltung der Dinge, die ihm im Leben gehörten, die sein Leben ausmachten (z.B. die Ringe an der Hand, die persönliche Kleidung). Er wünscht Schutz vor körperlichen Leiden, hofft, daß alles getan wird, was getan werden kann und das zugleich nicht zuviel getan wird. Er möchte spüren, daß er in kompetenten Händen ist.

Bedürfnis nach Liebe

Es regt den Patienten an, zu zeigen, daß er sich Sorgen macht, daß er Gefühle der Sorge und Zärtlichkeit mit anderen teilen und anderen mitteilen kann. Er möchtel Freundschaften bis in den Tod hinein fortsetzen, Liebe verschenken und sich geliebt fühlen. Er verlangt Zuneigung, möchte die wirkliche Sorge des Personals spüren können und möchte sich von diesem akzeptiert fühlen, gleich was er tut.

Der Körper ist sein primäres Organ der Liebe, wenn die Körpersinne eben als letzte schwinden. Die besten Personen der Liebe sind die Familienangehörigen und Freunde. Oftmals müssen diese aber erst befähigt werden, ihre eigenen Qualen zu überwinden und ihre Liebe zu zeigen. Dazu bedarf es der Ehrlichkeit. Wir dürfen von der Familie nicht verlangen und erwarten, unehrlich sein zu müssen. Die sozialen Kontakte der Liebe und Geborgenheit sind der Weg, Vereinsamung zu verhindern.

Bedürfnis nach Achtung

Es gibt keine Patienten, die nicht noch Ziele hätten. Der sterbende Patient hat eines der bedeutsamen Ziele des Lebens, nämlich die Suche nach seinem eigenen Weg, angesichts des Todes. Aber sein Bedürfnis nach Achtung verlangt, daß dieses Ziel auch be- und geachtet wird. All seine Handlungen und Gedanken möchte er als angemessen geltend wissen. Er möchte auch im Sterben eine wichtige Person sein, die Prestige und Status nicht verloren hat, die einen guten Ruf besitzt und dieses auch äußerlich repräsentiert (Kleidung, Frisur, Körperpflege u.a.). Er möchte gewürdigt werden und Anerkennung finden, als Jemand, der allen Anderen seine Nähe zum Tode voraus hat, welche diese "Anderen" eben erst noch finden müssen. Er ringt dabei um Unabhängigkeit und Freiheit, um Respekt als Person. Er möchte aber auch die Selbstachtung, die Beherrschung und Zuversicht nicht verlieren. Deshalb ist der eventuell von ihm geäußerte Todeswille ernst zu nehmen (ohne daß ihm deshalb gleich nachgegeben werden müßte).

Bedürfnis nach Selbstverwirklichung

Der Patient möchte sich möglichst auch im Tode noch als Person voll entfalten können. Deshalb sucht er nach Übereinstimmung mit den Gefühlen Anderer und benötigt zugleich ein Verständnis seiner gegenwärtigen Krise. Er will Verantwortung für sich selbst übernehmen, ringt um Sinnerfüllung dieses Lebensabschnittes. Er braucht dabei mindestens eine, für ihn wichtige Person, welcher er seine Erlebnisse und Gefühle mitteilen kann und welcher er diese Gefühle auch spüren lassen darf.

Dabei kämpft er um die volle Annahme seines nahenden Todes, um die persönliche Todesprägung. Er sucht nach Klärung und Bewertung seiner religiösen Überzeugungen, nach einem sicheren Gefühl des Friedens und der Erfüllung. Jedes Sterben ist als persönliches Sterben ein Produkt aus Wahrhaftigkeit und Individuation seitens der Helfer, sowie Entscheidungsfähigkeit über die Gestaltung des Sterbens und Todes auf Seiten des Patienten. Damit dieses aber möglich wird, muß die besondere Situation des einzelnen Krankheitsfalls weiter Beachtung finden.

Bedürfnis nach Begegnung

Diese Selbstverwirklichungsskala hätte einen entscheidenden Fehler, wenn die Beachtung des menschlichen Strebens über sich hinaus fehlen würde, wie in den meisten diesbezüglichen Darstellungen. Schon das in der Hierarchie der Bedürfnisse die Achtung höher bewertet wird als die Liebe muß sehr nachdenklich stimmen. Gerade der sterbende Mensch strebt ja aus sich heraus auf eine andere Existenzweise zu. Er will die Enge (Angst = Enge) seines Lebens sprengen, Einswerden mit der Menschheit, der Welt und Gott.

Deshalb wenden sich Sterbende besonders stark ihrer Umwelt zu oder wirken fast dämonisch auf diese ein. Sie treten aus den Fesseln von Raum und Zeit hinaus, entsenden Botschaften bis zu fernen Bekannten, lassen die Phantasie auch der dumpfesten Mitmenschen aufblitzen. In gewisser Weise stellen sich Sterbende auch der Verantwortung für die Lebenden. Manchmal auch dadurch, daß sie Helfer ihrer hilflosen Helfer werden. Mit diesem Akt der Zuwendung zu den Lebenden sind sie dann integrierter Teil der Zukunft, der Welt und Menschheit.

Bedürfnisorientierter Sterbebeistand

Körper - Bewältigung der Schmerzen

* dem Sterbenden möglichst die Schmerzen nehmen, aber Leid zulassen, soweit er es braucht
* Schmerzen nicht nur lindern, sondern ihnen zuvorkommen und ggf. auch mit dem Sterbenden gemeinsam zu ertragen versuchen
* Beschwerden nicht nur behandeln, sondern erträglich gestalten
* dem Sterbenden helfen, sich Schmerz, Trauer und den drohenden körperlichen Tod anzueignen; der Körper als Freund, der sich verabschiedet
* den Klagen geduldig zuhören, ob aus ihnen vielleicht ein unmittelbarer Hilferuf, eine Bitte um Interesse, ein Ausdruck innerlich akzeptierten Sterbens herauszuhören ist.
* Inkontinenz als schwächer werdenden Körper begreifen und die seelischen Leiden behutsam aufgreifen
* auf den Körperrhythmus des Sterbenden Rücksicht nehmen (Schlafgewohnheiten, Essenszeiten u.a.)
* jede Lageveränderung vorbereiten und beim Patienten verweilen, bis er sich an die neue Lage gewöhnt hat
* jede Verlegung auf eine andere Station oder in einen anderen Raum möglichst vermeiden oder mit Gespräch vorbereiten und begleiten

Sicherheit - Erkennen der Ängste

* Zulassen, daß sich Freude, Wut, Ängste, Furcht, Haß und Trauer ausleben wollen
* Ängste auf ihre Ursachen prüfen und diese Ursachen beeinflussen, aber dem Menschen die Kraft zur Furcht bewahren
* Gelegenheiten schaffen, daß der Patient über seine Gefühle offen sprechen oder sie lebendig zeigen kann
* das Bekämpfen von Unruhe, Angst, Gesprächsbegehren, Anwesenheitsverlangen mit Hilfe von Medikamenten oder Disziplinierungen weitgehend ausschließen
* die Angst, als Persönlichkeit nicht ernst genommen zu werden, durch Minderung der Krankheitszentrierung des pflegerischen Betrachtungsfeldes nehmen
* berechtigte Angst in geborgene Angst wenden, also konkret beängstigende Anlässe entfernen
* die Angst vor dem Alleinsein durch die gewohnte Schwester, Mitpatienten ect. mildern
* Sicherheit geben, daß die Sterbestunde nicht allein erlebt werden muß

Liebe - soziale Zärtlichkeiten im Babeisein üben

* beim Sterbenden sein, ihn aber nicht mit der Liebe erdrücken
* zärtlich sein, ohne Aufdringlichkeit
* sich bewußt sein, daß jeder Handgriff durch liebende Einfühlung Bedeutung gewinnt (Waschen, Betten, Essen reichen u.a.)
* stets objektiv (nicht subjektiv einseitig), aber niemals gefühllos sein (z.B. Wahrheit aufdrängen)
* verfügbar sein, soweit es eben geht; die Einschränkungen rechtzeitig mitteilen
* die eigene Zeiteinteilung an der Zeit des Sterbenden orientieren (die Zeit der Lebenden im Dienst der sterbenden Zeit)
* künstliche Abstände abbauen, auch äußerlich nahe sein (z.B. nicht Essen reichen mit ausgestrecktem Arm)
* die Mitteilungen des Sterbenden über seine Erlebnisse und Gefühle behutsam wahrnehmen und geduldig darauf eingehen
* dem Sterbenden Verbindungen über den Tod hinaus zusichern
* beachten, daß der Sterbende Liebe und Zärtlichkeit auch dann noch erlebt, wenn er dies nicht mehr mitteilen kann
* Angehörige, Freunde, Bekannte ins Sterben des Sterbenden einbeziehen (tatsächlich oder durch die Erinnerung)

Achtung - der Sterbende darf sich anerkannt wissen

* versuchen, die charakteristische Persönlichkeit des Sterbenden zu begreifen (Biographie, Gespräch, Beobachtung) und zu wahren (kleine Marotten zugestehen u.a.)
* den Sterbenden nie mit seinem Zustand, seiner Krankheit, seinen Verwirrtheiten gleichsetzen
* Unabhängigkeit und Selbstachtung nicht in Mißkredit bringen (z.B. Beachtung der Intimität bei der alltäglichen Hygiene)
* äußersten Respekt erkennen lassen, bis in die Sprache (Duzen)
* Sonderwünsche akzeptieren und weitgehend erfüllen (z.B. beim Betten, bei der Nahrung, auch Alkoholgenuß)
* das adrette, gute Aussehen ermöglichen (Kleidung, Haare, Kosmetik, Schmuck u.a.)
* den Sterbenden nicht anders behandeln als den Lebendigen (Fortsetzung der Normalität in abnormer Situation)

Selbstverwirklichung - persönliche Todesprägung ermöglichen

* den Sterbenden noch kleine Verantwortungen für sich und für andere Menschen übernehmen lassen
* den Sinnfragen nicht ausweichen, sondern sie in ihrem ganzen Spannungsbogen wirken lassen, ernst nehmen
* zurückdrängen jeglicher Hierarchien am Sterbebett. Der Sterbende lenkt und leitet diese Lebensphase und bestimmt, wer ihm wie zu seiner Wahrheit verhilft
* mit Gesprächen und Gefühlen beruhigen, nicht mit Medikamenten
* den Sterbenden über seine Veränderung reden lassen, so gut er es vermag
* Mithilfe bei der Ordnung der letzten Dinge (persönliche Beziehungen, Testament, letzter Wille, Erinnerungen)
* Wahrhaftigkeit üben durch Dosierung der Wahrheit, der Wahl des rechten Zeitpunktes, der rechten Form, des rechten Ortes. Die eigenen Informationen und diagnostischen Kenntnisse von der Wahrheit des sterbenden Menschen unterscheiden. Wahrheit braucht Einbettung in die Liebe.
* respektieren, wenn der Kranke über seinen Zustand schweigen will. Stille als Raum lebendigen Sterbens.

Begegnung - den Sterbenden über sich hinausschreiten lassen

* durch eigene Bereitschaft, den Sterbenden loszulassen, ihm helfen, sich selbst loszulassen
* Ekstase wahrnehmen und erlauben, denn Ekstase ist eine Form der Selbstüberschreitung des Menschen auf dem Weg zu den ganz anderen Dingen und zu Gott
* sich vom Sterbenden bei der Hilfe und im Beistand helfen lassen, zulassen, daß der Sterbende von seinem Sterben mehr weiß und kann, als alle beruflichen Helfer zusammen
* dem Menschen zugestehen, daß sein Sterben Bedeutung hat, weil mit ihm geschieht, was der ganzen Menschheit als Ziel bestimmt ist, sich nicht zu genügen, sondern zu überschreiten
* mit der Sprache der Sterbenden die Grenzen der Kultur und Zeit überwinden. Symbole, Musik, Farben, Zärtlichkeiten, Lachen, Weinen usw. sind immer und überall verständlich
* singen, beten, streicheln, küssen, stützen, anwesend sein, schweigen, still sein, denken, träumen

Informationsquelle: http://www.lebensgedanken.de

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