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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Religiöses zu Sterben, Tod und Trauer
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

17.12.2005 09:02
Soll das der Wille Gottes sein antworten
„Soll das der Wille Gottes sein?“

Sterbehilfe, amerikanische Fundamentalisten und ein deutscher Papst. Ein Adventsgespräch mit dem Theologen Hans Küng.

Hans Küng, 77, ist einer der streitbarsten Kirchenkritiker. Er wurde 1954 zum Priester geweiht und war bis 1996 Professor in Tübingen. Sein Buch „Die Kirche“ brachte ihm in den 60er Jahren erste Konflikte mit dem Papst. 1979 entzog ihm Rom die kirchliche Lehrerlaubnis. Zuletzt erschien bei Piper: „Der Anfang aller Dinge“.


Interview: Simone Kosog

Herr Küng, die Schlagzeilen, mit denen Sie in diesem Herbst in den Medien waren, sind ziemlich untypisch für Sie. Erst lädt Sie Papst Benedikt XVI. überraschend ein, und anschließend schwärmen Sie beide davon, wie harmonisch das Gespräch war. Wo ist der große Kirchenkritiker geblieben?

Ich bleibe bei meiner Kritik und schwärme nicht. Als ich Papst Benedikt um das Gespräch gebeten hatte, habe ich gleich zwei Einschränkungen gemacht: dass ich nicht käme, um mit ihm über innerkirchliche Streitfragen zu reden, bei denen wir beide sehr genau wissen, dass unsere Auffassungen auseinander gehen, und dass ich nicht die Missio Canonica zurückverlangen wolle.

Die kirchliche Lehrerlaubnis war Ihnen von Johannes Paul II. entzogen worden, nachdem Sie die Unfehlbarkeit des Papstes angezweifelt hatten.

Es hat sich zum Glück schnell gezeigt, dass ich auch ohne kirchliche Lehrerlaubnis innerhalb und außerhalb der katholischen Glaubensgemeinschaft auf der ganzen Welt als katholischer Theologe anerkannt bin.

Joseph Ratzinger galt als einer Ihrer größten Gegner. Dabei hatten Sie ihn 1966, als Sie Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät waren, als Professor für Dogmatik nach Tübingen geholt. Es sind über 20 Jahre vergangen, seit Sie sich das letzte Mal gegenüberstanden. Wie sind Sie sich begegnet?

Wir haben auf große Titel verzichtet. Der Papst hat mir in seinem privaten Studierzimmer herzlich die Hand gedrückt und sich dafür bedankt, dass ich ihm mein Buch „Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion“ zugeschickt hatte.

Haben Sie sich zu Tübinger Zeiten geduzt?

Das war unter Professoren nicht üblich. Wir sind immer beim Sie geblieben, so auch bei unserem jetzigen Treffen.

Auch wir wollen über die Beziehung von Religion und Naturwissenschaften sprechen. Kaum zu glauben, dass Sie beide immer einer Meinung waren.

In den großen Fragen nach dem Ursprung des Kosmos, des Lebens und der Menschheit sind wir uns einig. Aber ich hätte es schon für möglich gehalten, dass der Papst Einwände gegen einige meiner Ansichten hat. Ich habe ja zum Beispiel sehr kritisch über den Umgang der katholischen Kirche mit Galileo Galilei geschrieben, der seine Thesen auf Druck der Kirche widerrufen musste. Darauf ist Papst Benedikt gar nicht eingegangen.

Die Sache liegt weit zurück. Heute bezweifelt niemand mehr, dass sich, wie Galilei beweisen wollte, die Erde um die Sonne dreht.

Noch die „Rehabilitation“ Galileis durch Papst Benedikts Vorgänger war nicht eindeutig. Der Fall hat Auswirkungen bis heute und hat das Verhältnis der Naturwissenschaftler zur katholischen Kirche langfristig vergiftet. Die Geschichte wäre erheblich anders verlaufen, wenn man damals eingesehen hätte, dass Galileis Erkenntnisse nicht im Widerspruch zur Kirche stehen.

Galilei selbst war ein gläubiger Mann. Rom reagierte dennoch radikal. Galilei wurde zeitlebens unter Hausarrest gestellt. Hatte die Kirche so wenig Gottvertrauen?

Es fehlte an beidem: Gottvertrauen und Wissenschaftsvertrauen. Wenn eine Behörde in einem autoritären System beinahe allmächtig ist, wie die katholische Kirche dies eine Zeit lang war – mit Inquisition, Bücherverbot, Absetzung von Professoren und so weiter – dann ist es schwer, ihr mit Vernunft beizukommen. Angst machte sich breit, im Übrigen auch unter den Philosophen: Descartes, Galileis Zeitgenosse, hat sofort die Veröffentlichung seiner Schriften gestoppt. Im 19. Jahrhundert wurden dann Darwin und seine Lehre von der katholischen Kirche verurteilt. Seine Evolutionstheorie wurde erst 1950, also fast hundert Jahre nach ihrer Veröffentlichung, anerkannt.

Manche Gläubige bezweifeln sie bis heute. Zurzeit werden hitzige Debatten um das „Intelligent Design“ geführt. Dessen Anhänger sind hauptsächlich amerikanische Christen. Aber auch der Wiener Kardinal Christoph Schönborn erklärt, dass Gott als Schöpfer – oder Designer – die Entwicklung der Welt, deren Krönung der Mensch sei, gezielt lenke.

Es ist ja auch tatsächlich verblüffend, wenn man sich vorstellt, dass wir, zumindest so weit unsere heutigen Teleskope reichen, allein im Universum sind. Und dass der Mensch am bisherigen Ende eines ungeheuren Evolutionsprozesses von 13,7 Milliarden Jahren steht. Da kommt natürlich schon die Frage nach dem Warum auf.

Weil Gott es so gewollt hat, sagt Schönborn.

Damit macht er den großen Fehler, dass er Gott für wissenschaftlich beweisbar hält. Das ist prinzipiell unmöglich! Bereits Immanuel Kant hat bewiesen, dass die reine Vernunft außerhalb von Raum und Zeit nicht zuständig sei. Gottes Existenz kann man also nicht mit logisch zwingenden Argumenten begründen, sondern nur in einem vernünftigen Vertrauen annehmen.

Immer wieder gab es Theologen, die Gott beweisen wollten, und umgekehrt Wissenschaftler, die beweisen wollten, dass es ihn nicht gibt. Der britische Physiker Stephen Hawking zum Beispiel war lange Zeit davon überzeugt, dass er die Weltformel finden würde, die alles erklärt und Gott überflüssig macht.

Hawking verkündete, er wolle in den Geist Gottes eindringen, das wäre mir als Theologe nie eingefallen. Aber er hatte auch den Mut, seinen Irrtum einzugestehen. Im Jahr 2004 erklärte er in einer Vorlesung in Cambridge, dass er es für unmöglich halte, eine Weltformel zu finden.

An Gott glaubt er deshalb wohl trotzdem nicht.

Das ist die freie Entscheidung jedes Menschen. Aber wer zugibt, dass er nicht hinter den Vorhang gucken kann, sollte auch nicht behaupten, dass nichts dahinter ist! Viele Wissenschaftler sträuben sich gegen die Auseinandersetzung mit dem, was „vor dem Urknall“ liegt, und lehnen grundsätzlich ab, was sie nicht beweisen können. Sie handeln richtig, wenn sie Gott innerhalb ihrer Forschung außer Acht lassen: Da gehört er nicht hin! Aber ich möchte sie einladen, Gott zumindest als Hypothese zuzulassen. Es gibt einfach Fragen, die die Wissenschaft nie beantworten wird, weil sie mit wissenschaftlichen, also an Raum und Zeit gebundenen Methoden nicht beantwortbar sind.

Das sagen die Anhänger des „Intelligent Design“ auch und berufen sich auf die Bibel.

Wenn man die Bibel ernst nehmen will, dann darf man sie gerade nicht wörtlich nehmen. Es geht ja auch in diesen weihnachtlichen Tagen nicht darum, den Stern von Bethlehem aus naturwissenschaftlicher Sicht zu betrachten, sondern darum, dass Gott dem Menschen nahe gekommen ist und dass das Kind von Bethlehem den Menschen den Frieden auf Erden bringen soll. Die Bibel ist Gotteswort in Menschenwort, sie deutet Wirklichkeit in Bildern und Metaphern, aber sie will nicht Fakten naturwissenschaftlich beschreiben. Selbst Kardinal Schönborn geht nicht davon aus, dass die Welt in sechs Tagen entstanden ist. Das wäre „absurd“, sagt er.

Ist es nicht auch absurd, dass in den USA laut einer Umfrage 45 Prozent der Bevölkerung glauben, dass Gott den Menschen innerhalb der letzten 10 000 Jahre geschaffen hat?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens ist ein fundamentalistischer Protestantismus in den USA weit verbreitet, der die Bibel tatsächlich wörtlich nimmt, zweitens haben viele Menschen dort in ihrem Leben noch keinen wissenschaftlich fundierten Biologie-Unterricht bekommen, und drittens haben viele Menschen – nicht nur in den USA – Angst vor bestimmten Entwicklungen der Naturwissenschaft und der Technologie, die uns wahrhaftig nicht nur Segen gebracht haben.

Das klingt so, als sei aus dem Religionskritiker Küng ein Kritiker der Naturwissenschaften geworden.

Beide Seiten haben Fehler gemacht, indem sie sich jeweils absolut setzten. Nachdem die Kirche über viele Jahrhunderte eine Vormachtstellung hatte, begann die große Zeit der Naturwissenschaften, ihre Sturm-und-Drang-Phase. Der alles beherrschende religiöse Glaube wurde von einem ebenso dominanten Glauben an den unbegrenzten wissenschaftlich-technischen Fortschritt abgelöst. Nun befinden wir uns abermals in einer neuen Zeit, der Nachmoderne, in der es um eine Neubestimmung, ein neues Gleichgewicht geht. Natürlich sind Vernunft, Wissenschaft, rationale Philosophie und demokratische Staatsauffassung weiterhin hochzuhalten und zu verteidigen, gerade auch gegenüber religiösem Fundamentalismus, aber vielen Menschen heute genügt diese Sicht der Wirklichkeit nicht mehr allein. Einerseits haben sie Angst vor dem Missbrauch naturwissenschaftlicher Forschung und deren technologischer Realisierung, von der Atomtechnik bis zur Gentechnik, andererseits spüren sie, dass sie, wenn sie ihr Leben nur auf der Wissenschaft aufbauen wollen, mit den existenziellen Problemen nicht fertig werden.

Also ist die Religion wieder gefragt.

Die Naturwissenschaften sind das Fundament und ich plädiere dafür, dass dieses auch unter Theologen sehr ernst genommen wird. Wer Theologie losgelöst von den wissenschaftlichen Erkenntnissen betreibt, ist weltfremd und wird scheitern. Aber ich bitte zugleich die Naturwissenschaftler, dieses Fundament nicht als das ganze Haus zu betrachten.

Man hat den Eindruck, dass sich mehr und mehr Naturwissenschaftler wieder zu ihrem Glauben bekennen, ob es nun der Astronaut Ulrich Walter ist oder der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr.

Das halte ich für erfreulich, denn es zeigt, dass sich die beiden Interpretationen der Wirklichkeit nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Wie muss ein moderner Glaube aussehen? Sie selbst sprechen davon, dass der Kinderglaube erwachsen werden müsse.

Gerade unter gebildeten Wissenschaftlern findet man immer wieder welche, die einen sehr schlichten Glauben haben. Ich kenne einen Klinikchef, der heute noch betet „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Man sollte seinen Glauben weiterentwickeln. Natürlich kann ich immer noch das Vaterunser beten, es bleibt nun mal das Grundgebet der Christen, aber ich sollte wissen, dass mit diesem „Vater“ auch die „Mutter“ gemeint ist. Die personalistisch ausgerichteten Begriffe für Gott müssen durch überpersonale ergänzt werden: Gott ist der Unendliche, der Unermessliche, der Unerforschliche.

Ist es dieses Gottesverständnis, dass Sie und der Papst mit dem Begriff „Vernunft des Glaubens“ bezeichnen?

Wir waren uns in unserem Gespräch einig, dass der Dialog zwischen der Vernunft der Naturwissenschaften und der Vernunft des christlichen Glaubens geführt werden müsse. Natürlich ist Glaube ein Akt des Vertrauens auf eine unsichtbare Wirklichkeit, die sich nicht rational beweisen lässt, aber man kann doch vernünftige Gründe dafür anführen. So wie ein junger Mann durchaus vernünftige Gründe dafür haben kann, dass er die Frau seines Lebens gefunden hat, auch wenn er diese große Liebe etwa seiner Mutter gegenüber nicht mit Logik beweisen kann.

Aber genauso wenig, wie ich beschließen kann: Heute verliebe ich mich!, kann ich sagen: Ab jetzt glaube ich!

Sie haben Recht: Wenn ich anderen den Glauben nicht beweisen kann, dann auch mir selber nicht. Es gibt viele Arten, zum Glauben zu finden. Manche Menschen schaffen es, den Glauben ihrer Kindheit neu zu definieren, andere haben vielleicht in einem Orgelkonzert eine andere Dimension gespürt, andere treffen auf einen Menschen, der überzeugt ist und gleichzeitig überzeugend. Letztlich ist es mit dem Glauben wie mit dem Schwimmen: Ich muss mich irgendwann ins Wasser werfen und hoffen, dass es mich trägt.

Wie können sich nun eine vernünftige Religion und eine vernünftige Naturwissenschaft sinnvoll ergänzen? Kardinal Karl Lehmann spricht davon, dass sich „eine Art Gleichgültigkeit“ entwickelt habe: „Man tut sich nichts, man hat sich aber auch nichts Rechtes zu sagen.“

Kardinal Lehmann hat Recht, dass die entscheidenden Fragen oft nicht diskutiert werden. Deshalb plädiere ich für ein Komplementärmodell von Naturwissenschaft und Glaube, bei dem es um eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung geht, in der beide Seiten versuchen, gemeinsame Lösungen zu finden.

Wie kann das konkret aussehen, beispielsweise bei einem Thema wie Sterbehilfe?

Ich meine, dass im konkreten Sterben die Ärzte, die Verwandten und vor allem natürlich der Sterbende selber, soweit das möglich ist, zusammenarbeiten sollten. Es gibt ja ungezählte Fälle, in denen die Ärzte um die Probleme eines Dahinvegetierens wissen und helfen, aber eine gesetzliche Lösung ist hier unbedingt erforderlich. Die Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe ist aber zu simpel. Ich kann nicht sehen, warum es passiv sein soll, eine Apparatur abzuschalten, aber unter Umständen unverantwortlich, zum Sterben eine erhöhte Dosis Morphium zu geben.

Sowohl Gegner als auch Befürworter beziehen sich bei ihrer Argumentation auf die Bibel: „Du sollst nicht töten“, sagen die einen, vom „Gott der Gnade“ sprechen die anderen. Welchen Sinn hat die Bibel, wenn man sie in alle Richtungen auslegen kann?

Die Bibel nimmt an keiner Stelle direkten Bezug zu diesem Thema, aber es geht aus der Bibel hervor, dass die Verantwortung des Menschen für sein Leben im Sterben nicht aufhört. Ich meine, man sollte sich an biblischen Gedanken orientieren, aber gleichzeitig auch die Vernunft gebrauchen, also auch die jeweiligen Ergebnisse der Medizin ernst nehmen. Es gibt Menschen, die so ungeheure Schmerzen haben, dass auch die Palliativmedizin nicht mehr helfen kann und man ihnen praktisch das Bewusstsein nehmen müsste, um sie weiterleben zu lassen. Soll das etwa der Wille Gottes sein?

Würden nicht ethische Richtlinien ausreichen, um solche Fragen zu beantworten?

Nur die Religion kann die Frage beantworten, woher wir kommen und ob mit dem Tod alles aus ist. Zwar gibt es immer wieder Menschen, die von Nahtod-Erlebnissen berichten, aber auch sie standen nur an der Tür des Todes. Insofern ist es für jeden von uns eine absolute Entscheidungsfrage, ob er glaubt, dass wir in ein Nichts hinein sterben, oder ob er glaubt, dass wir in eine allerletzte Wirklichkeit jenseits von Raum und Zeit, in Gottes Ewigkeit hinein sterben. Ich meine, das ist die vernünftigere Alternative.

Informationsquelle: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/18.12.2005/2140916.asp

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