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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Buch - Vorstellung(en) und Besprechung(en)
Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

16.12.2005 23:31
Schreiner: Buch der Enttäuschungen antworten

Schreiner: Buch der Enttäuschungen

Ohne Hoffnungen und Illusionen

Von Irene Prugger


D as Sterben war mir, verglichen mit meinem Leben, leichter gefallen, als ich gedacht hatte. Zum letzten Mal ausatmen bedarf keines großen Aufwands. Es ergibt sich fast von selbst. Wenn man erst einmal einverstanden ist.

In Margit Schreiners "Buch der Enttäuschungen" berichtet eine Tote über ihr Sterben und erzählt bei dieser Gelegenheit auch gleich vom Leben, und zwar so lebendig, dass man das Buch nicht aus der Hand legen mag, bevor der letzte Satz gelesen ist. Die Lebendigkeit ergibt sich nicht etwa aus Euphorie, denn eine glückselige Bewertung des Lebens ist bei einem "Buch der Enttäuschungen" nicht zu erwarten; die Lebendigkeit rührt vielmehr aus der brillanten Beobachtungsgabe Margit Schreiners, die es versteht, in der detaillierten Beschreibung des Gewöhnlichen und Banalen das Überraschende, ja Unglaubliche zu entdecken und mitzuteilen. Und so liest sich das Buch mit Spannung, obwohl oder gerade weil man schon am Anfang eines jeden Kapitels ahnt, wie es enden wird: Dass die Bemühungen der Protagonistin um mehr Selbständigkeit und Autonomie vehemente Rückschläge erleiden werden, dass die meisten ihrer Hoffnungen und Wünsche unerfüllt bleiben werden, kurzum, dass das Leben sie aufs Normalmaß zurechtstutzen wird.

Dabei fängt immer alles so gut an: Das Krabbelkind begibt sich eines Tages, als die Mutter schläft, auf eine Erkundungstour durch die Wohnung und entdeckt voll Freude und Unternehmungslust, wie geschickt es bereits darin ist, die Geschehnisse nach seinem Gutdünken zu beeinflussen: "Heute ist dein Glücktag. Heute gelingt einfach alles." Die Mutter sieht das naturgemäß anders und beklagt die angerichteten Schäden, statt das Kind zu loben. In diesem Sinne geht es weiter: Überwältigende kleine Wunder der Kindheit, wie zum Beispiel das erste Kennenlernen einer duftenden Gänseblümchen-Wiese, tritt der erwachsene Mensch im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen.

Eine durchaus angenehm verlaufende Krankheit endet mit dem Tod einer Puppe. Ein erstes mitreißendes Schreiberlebnis bei einer Schularbeit wird mit einem Nichtgenügend bewertet. Das Auftauchen einer glamourösen Stiefschwester ändert nichts am biederen Familienalltag. Desillusionierung jederzeit und allerorts – und das soll ein Leben sein?

Ja leider, das ist es, und zwar unser aller Leben, insofern es dem durchschnittlichen Schicksal entsprechend verläuft – ohne große Katastrophen und ohne besonders grandiose Glücksfälle. Und das ist bei weitem noch nicht alles. Denn eigentlich wachsen wir von Geburt an in unser Sterben hinein, und damit wir unseren Abgang auch einigermaßen gut bewerkstelligen, treibt uns das Alter nach und nach alle Hoffnung und Lebendigkeit aus. Margit Schreiner schont uns nicht bei der Beschreibung derartiger Vorgänge, und es kann einen gehörig gruseln beim Blick in den Spiegel, den sie uns vorhält und der unsere Zukunft zeigt.

Am Ende des Lebens fragen wir uns, wofür das eigentlich alles gut gewesen sein soll, vorausgesetzt, dass wir überhaupt noch zu solchen Gedanken fähig sind. Auch körperlich sind wir am Tiefpunkt angelangt: wir sind wieder so tollpatschig und hilfsbedürftig wie ein Kleinkind, müssen womöglich gefüttert und auch gewickelt werden. Aber vielleicht – vielleicht! – helfen uns dann gerade die grundlegenden Erfahrungen der allerersten Lebenszeit – zum Beispiel die staunende Erkenntnis des kleinen Kindes, dass sich ein Vorhang leichter öffnen lässt als eine Tür.

Am Ende des Buches angelangt, fragt man sich erstaunt, wie eine derart schonungslose Geschichte, die keinerlei Hoffnungen macht und methodisch Illusionen zerstört, so tröstlich sein kann. Die Antwort liegt bei Margit Schreiner und ihrer Kunst, trotz aller nüchternen Bestandsaufnahme immer auch von der Großartigkeit des Lebens zu erzählen. Und dann kommt noch der letzte Satz, der uns sozusagen mit einem aufmunternden Klaps in die Realität des eigenen Lebens entlässt.

Margit Schreiner: Buch der Enttäuschungen. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2005, 176 Seiten.

Informationsquelle: http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefau...=wzo&cob=211577

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