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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Ahasveru Offline

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16.12.2005 23:27
Nachts allein auf dem kalten Balkon antworten

Roman:

Nachts allein auf dem kalten Balkon

VON CHRISTA NEBENFÜHR (Spectrum) 16.12.2005 12:34

Schinnerls Roman "Pluton" fokussiert Alter und Tod.

Vielleicht ist der Tod nicht nur ein literarisches Thema, son dern das Thema der Literatur schlechthin. Denn wo sich Sprache über die bloße Mitteilung zur Bewältigung des Lebens aufschwang zu Reflexion und Transzendenz, ging es ihr vor allem darum, den Tod zu transzendieren. Der Tod aber, der alle gleich macht, hat seine Epochen. War es einmal von Bedeutung, mit Edelmut den Schierlingsbecher zu leeren oder im Kampf zu fallen, wurde ein andermal die Schwindsucht zum Sujet und der Heldentod am Nachmittag nach den Weltkriegen als sinnloses Verrecken geschildert. Die Menschen bannten ihre Furcht.

In der Gegenwart versetzt offenbar das qualvolle Sterben alter Menschen in Angst. Seit Ulla Berkéwicz' 1982 erschienenem Debüt "Josef stirbt" ist es als Stoff immer wieder aufgenommen worden. Der jüngste Roman zum Thema ist nun "Pluton oder Die letzte Reise ans Meer" von Sebastian Schinnerl. Der Name Plutons, des hellenischen Gottes der Reichtum spendenden Erdentiefe wurde auch als Deckname für Hades, den Herrscher des Totenreiches, verwendet. So geben die beiden Götter die Richtung vor wie Mammon, Tod und Teufel.

Heinrich-Herbert Sauvegarder ist ein reicher Investmentbanker und zieht zu Beginn in eine sogenannte Seniorenresidenz. Anfangs voll Spott und Ekel für seine Mitbewohner und stets in Aufruhr gegen die Verhaltensmaßregeln, verliert er mit der Körperbeherrschung und dem Gedächtnis allmählich auch die Spottlust. Die Erinnerungen fallen im Lauf der Erzählung immer weiter zurück in die Kindheit. Wahnvorstellungen von Personen, die nur er sieht, flackern zuerst kurz auf, erklären scheinbar die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit, und verdichten sich allmählich zu einem Realitätsverlust der in seiner Flucht ans Meer kulminiert, die als erste Station nachts auf den eiskalten Balkon führt.

In der Verschiebung des Verhältnisses von Wahn und Realität, dem sich der Leser ebenso ausgesetzt sieht wie der Protagonist, liegt die Stärke des Buches. In der stilistischen Eleganz liegt sie nicht. Aber die ist vielleicht gar nicht angestrebt. Wohldosierte Metonymien und Metaphern öffnen einen Bedeutungshorizont, der sich über das Beschriebene hinaus ausdehnt. Im Übermaß verwendet begrenzen sie diesen wieder.

"Sie ist nach Paris?, leckte die dumme dicke Schachtel mit den esoterischgroßen Rubinsteinen am gefalteten Hals ihr rotlackiertes Mundloch." So genau wollte ich es gar nicht wissen. Noch ein Motiv erschließt sich nicht ganz: Welche Funktion hat der beschworene Reichtum für die Geschichte? Ist der Verlust der Eigenständigkeit tragischer, wenn er einen Mächtigen betrifft? Wird das Sterben des reichen Mannes heraufbeschworen, um uns moralisch darüber aufzuklären, dass sich der Tod nicht befehlen lässt?

Oder sind die Churchills, die Ray Ban und das Bauhaussofa nur szenisches Beiwerk, um den Rahmen aufzupeppen? Das kommt etwas zu dick daher. [*]

Sebastian Schinnerl
Pluton oder Die letzte Reise ans Meer 256 S., geb., € 21,90 (Residenz Verlag, Salzburg)

Informationsquelle: http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?ch...rt=kl&id=526632

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