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Bestattung von stillgeborenen Kindern Man kann schon ins Grübeln kommen auf dem Dankes- und Nazareth- Friedhof in Reinickendorf. Da stehen auf einem bunten Gräberfeld viele verschiedenen Namen: Lisa, Sara, Timur, Rosa, Anna und Lucas. Daneben farbenfrohe Windräder, Pflanzen, Steine, Trockenblumen und die wundersamsten Gebilde aus Stein, Holz, Ton oder Metall. Gleich daneben die Skulptur von Susanne Wendland, eine Steinstele mit einem winzigen Kind, das in den Stein eingeschlossen ist. Die Grabstellen teilen sich jeweils mehrere Eltern, deren stillgeborene Kinder hier bestattet sind. Stillgeboren bedeutet: sie haben nicht wie gesunde Kinder nach der Geburt geschrien, sie waren still. Da für Eltern in der Trauer um ihr Kind kein Unterschied besteht zwischen Fehl und Totgeburt, benutzen Selbsthilfegruppen gern dieses Wort "stillgeboren". Wiegt ein stillgeborenes Kind unter 1000g, so ist es nach dem Berliner Bestattungsgesetz nicht bestattungspflichtig. Aber die Kliniken haben dafür zu sorgen, daß das Kind hygienisch einwandfrei und dem sittlichen Empfinden entsprechend einen angemessenen Platz erhält (Viertes Gesetz zur Änderung des Bestattungsgesetzes vom 19. 5. 2004). Viele Kliniken haben sich dafür entschieden, die stillgeborenen Kinder einäschern zu lassen und die Urne wird dann auf einem angemessenen Friedhofsplatz beigesetzt. Für die meisten städtischen Kliniken ist diese auf dem Friedhof in der Gerichtsstraße. Dort steht auf einem Urnenplatz ein Stein mit der Inschrift: Obwohl man sagt, ihr habt noch nicht gelebt, sind eure Spuren in unseren Herzen. Einige Kliniken haben sich entschlossen, den Eltern mehrere Möglichkeiten anzubieten, für ihr Kind eine guten letzten Platz zu finden. Zum Beispiel können die Paare, deren Kind in der Charité, Campus Mitte, stillgeboren und unter 1000g zur Welt kommt, sich entscheiden: Möchten sie es individuell durch ein Bestattungsinstitut bestatten lassen, eine Urnenbeisetzung in Anspruch nehmen oder ihr Kind mit den Kindern anderer trauernder Eltern auf einem Friedhofsplatz beerdigen lassen. Die beiden letztgenannten Möglichkeiten sind durch das Sponsoring von Krankenhäusern, Kirchgemeinden, Friedhöfen und Bestattern für die Eltern kostenfrei. Zur gemeinsamen Beerdigung werden die Eltern, die sich so entschieden haben, eingeladen. Ihr Kind wurde in eine Decke, ein Jäckchen oder ein Tuch eingewickelt, die sie selber herausgesucht und gestaltet haben. Sie werden in der Pathologie vorsichtig darin eingepackt. Briefe und kleine Kuscheltiere liegen dabei. So haben die Eltern eine Vorstellung davon, wie sich ihr Kind jetzt im Sarg befindet. Sehen können sie sie jetzt nicht mehr. Aber viele Eltern haben die Möglichkeit genutzt, im Kreißsaal ihr verstorbenes Kind anzusehen und in den Arm zu nehmen. Die Kinder liegen in einem Sarg, der von der Künstlerin Liz Mields-Kratochwil jedes Mal anders gestaltet wurde. So ist für jeden spürbar: in diesem Sarg liegt etwas sehr kostbares. Sie erleben zur Trauerfeier auch andere Mütter und Väter. Auch wenn sie gefangen sind in ihrer Trauer merken sie, sie sind nicht allein mit ihren Sorgen. In Berlin gibt es etwa 7 Friedhöfe, die sich in ganz besonderer Weise der Problematik stillgeborener Kinder annehmen. Für die Eltern ist dies unendlich wichtig, in ihrer Trauer einen guten Platz für ihr Kind zu wissen und auch den Zugang dazu zu haben. Zugleich ist es wichtig, die Eltern in der Trauer um ihr Kind nicht festzulegen. Am Anfang kommen einige Eltern oft. Sie treffen sich miteinander, manche schließen Freundschaften am Grab ihrer Kinder. Aber wer weiß, wo sie morgen Arbeit und Wohnung haben werden. Darum ist es gut, daß die meisten dieser Grabflächen nicht von den Eltern selber gepachtet werden müssen, um ihrem Kind einen würdigen Platz zu geben. Trauer verändert sich; und wenn das Leben sich wendet, kommen sie an der Grabstelle in einigen Jahren vielleicht mit einem gesunden Geschwisterkind vorbei. Sie können selber entscheiden, wie lange ihnen ein häufiger Besuch dieses Ortes wichtig ist und wann sie ihn wieder etwas mehr aus dem Blick verlieren wollen. Wie gut, daß es da Kirchgemeinden gibt, die Grabstellen zur Verfügung stellen, Friedhöfe, die sich weitherzig auf die trauernden Eltern einlassen, Pathologen, die mit den Kleinen vorsichtig und liebevoll umgehen, Bestatter, die kostenlos helfen: Menschen mit Phantasie und Herz. Den Dank der Eltern, der in unserer Nachsorgegruppe häufig geäußert wird, gebe ich Ihnen allen hiermit gern weiter! Copyright: Ingrid Hamel Krankenhausseelsorgerin Februar 2005
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