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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

07.12.2005 21:07
Selbstbestimmtes Sterben durch Patienten-Testament, Vorsorgevollmacht..... antworten

Auszüge aus:

Wilhelm Uhlenbruck,
Selbstbestimmtes Sterben durch Patienten-Testament, Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung.
378 Seiten, DM 39,80, ISBN 3-926445-15-7

1. Medizinischer Fortschritt und Überaktionismus der Ärzte

Dieses Buch ist nicht in erster Linie für Juristen geschrieben. Trotzdem kann der juristische Aspekt der Problematik des Rechts auf den eigenen Tod, die Gegenstand des Deutschen Juristentages 1986 war, nicht ganz ausgespart werden. Tod und Sterben sind, wie der Amerikaner Samuel E. Wallace zutreffend festgestellt hat, ein Problem unserer Gemeinschaft, ein Testfall dafür, wie human unsere Gesellschaft ist. Die teilweise emotional und unsachlich geführte Diskussion zu diesem zweifellos wichtigen, uns alle angehenden Thema ist in Deutschland nicht nur belastet durch die schrecklichen Genocidtaten des Dritten Reiches, sondern oftmals auch durch die mangelnde Kenntnis dessen, was tatsächlich auf den Intensivstationen deutscher Kliniken geschieht. Wie jede Krankheit und jedes Leiden ist auch jedes Sterben anders, ist der psychische und physische Zerfall des Menschen individualisiert und auch das subjektive Erleben des einzelnen trotz aller Gemeinsamkeiten jeweils unterschiedlich. Jeder von uns stirbt einmal seinen eigenen Tod. Der Tod ist unser aller Schicksal. Müssen wir aber deswegen unser Sterben in jedwelcher Form auch dann als schicksalhaft hinnehmen, wenn die moderne Apparatemedizin mit ihren fast unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten imstande ist, den Sterbevorgang auf grauenvolle Weise über Tage, Wochen oder gar Monate zu verlängern? Ärzte sind es gewesen, die eindrucksvoll entsetzliche Endzustände geschildert haben, die deutlich zeigen, wie leicht die immanenten biologischen Toleranzgrenzen unter dem Schutz medizinisch-technischer Möglichkeiten überschritten werden können. Falsch verstandenes ärztliches Ethos, wissenschaftlicher Ehrgeiz sowie eine oftmals kaum verständliche Unempfindlichkeit gegenüber Schmerzen Dritter führen nicht selten dazu, daß trotz infauster, also aussichtsloser Prognose alle Behandlungsmöglichkeiten beim sterbenden Patienten ausgeschöpft werden. Die Folge ist ein qualvolles Sterben, eine protahierte Agonie. Der Schweizer Arzt Urs Hämmerli hat einmal geschrieben, der junge Arzt lerne nicht, mit Sterbenden umzugehen. Er lerne nicht, der Natur ihren Lauf zu lassen. Vor allem lerne er nicht, einmal nichts zu tun bzw. sich auf die Leidenslinderung zu beschränken. Wörtlich heißt es zu den Gründen für diese Mißachtung:

Der Arzt hört seinen Patienten nicht an. Der Arzt hat nicht gelernt, etwas nicht zu machen, weil Nicht-Handeln während seiner Ausbildung mit dem Prädikat "Böse" belegt wurde. Der Arzt hat bisher die Rolle der Maschinen in der Intensivmedizin nicht verstanden, die ausschließlich einem passageren Einsatz vorbehalten sein sollten. Die Maschinerie der Maschinen verleitet dazu, nicht mehr zu denken.

Die Flucht in die medizinische Technik hat nach Aussage des Mediziners Paul Krauss allerdings "den Vorteil, das beruhigende Gefühl zu vermitteln, das "Rechte" zu tun."

Die menschliche Überforderung vor allem junger Ärzte führt oftmals zu überflüssigen therapeutischen Bemühungen mit der Folge entsetzlicher und unbeherrschbarer Schmerzzustände. Die Angst vor einem qualvollen Sterben ist in der Bevölkerung größer als gemeinhin angenommen wird. Dies zeigt nicht nur die hohe Mitgliederzahl der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, sondern auch der große Anteil der Selbstmorde, die in Deutschland bei etwa 13.000 jährlich liegt. Vorwiegend handelt es sich um Männer über 70 Jahren. Auch hier liegt nicht selten der Grund für die Selbsttötung in der Angst vor einem qualvollen Sterben. Die in modernen Großkliniken herrschende "Kosten-Nutzen-Diktatur" erlaubt den Ärzten und dem Pflegepersonal nur noch wenige Minuten persönlicher Zuwendung. Der Bonner Arzt Paul Martini war es, der gefordert hat, der Patient habe ein Recht, in Würde zu sterben. Es ist immer dem Zufall überlassen, ob der Patient in der Klinik an einen Arzt gerät, der ihm in echter Humanität Sterbebeistand leistet, oder ob er, da medizinisch uninteressant, an das Pflegepersonal oder gar in ein Badezimmer abgeschoben wird.
2. Die Angst vor einem Sterben im Krankenhaus
92 Prozent aller Deutschen wollen zu Hause sterben. Nur für etwa 10 Prozent geht dieser Wunsch aber in Erfüllung. Die meisten erleben ihr Ende im Krankenhaus oder allein gelassen in einem Altenheim. Die Angehörigen sind mit der Sterbesituation mangels Erfahrung und Ausbildung meist überfordert. Die Ausbildung zur Sterbebegleitung steckt in Deutschland noch in den Anfängen. Hospize und Hospizgesellschaften leisten viel uneigennützige Arbeit. Für die Einrichtung und das Betreiben der Hospize scheint aber der Staat kein Geld zu haben.

Die großen Fortschritte der Medizin in den letzten Jahrzehnten sollen hinsichtlich ihrer positiven Ergebnisse hier keineswegs in Zweifel gezogen werden. Dem technisch geschulten und hervorragend trainierten Ärzteteam gelingen heute Eingriffe, die noch vor wenigen Jahrzehnten unmöglich erschienen. Die moderne Chirurgie und Intensivtherapie hat dem Arzt einen enormen Machtzuwachs gebracht. Ärzte sind es aber auch, die auf die schreckliche Ambivalenz des medizinischen Fortschritts hingewiesen haben. Der Arzt Paul Fritsche schildert grauenhafte und qualvolle Endzustände, die die Frage aufwerfen, ob die gewonnene Lebensquantität noch in einem vernünftigen Verhältnis zur Lebensqualität des Patienten gestanden hat. Der Ehrgeiz mancher junger Mediziner richtet sich auf die wissenschaftliche Laufbahn an einer Universitätsklinik, auf hochkomplizierte Eingriffe mit spektakulären Operationsergebnissen. Dabei wird nicht selten heute durch eine qualvolle und finanziell ruinöse Operation lediglich ein pathologischer Zustand durch einen anderen ersetzt. Die totale Machbarkeit im medizinischen Bereich hat oftmals zu grauenhaften Endzuständen infolge überflüssiger therapeutischer Bemühungen geführt. Die Ausschöpfung aller technischen Möglichkeiten bei einem zu Ende gehenden Leben läßt nicht selten die Medizin als Terror erscheinen. Angesichts der heutigen Möglichkeiten der Chirurgie und Intensivmedizin stellt sich ernstlich die Frage, ob die Medizin alles darf, was sie kann oder ob ihr nicht durch die Würde des Menschen gewisse Grenzen gesetzt sind. Die "ars moriendi", die Kunst des Sterbens als bewußte Bewältigung des Sterbevorgangs gerät darüber vielfach in Vergessenheit. Es kommt nicht von ungefähr, daß auf Initiative der Ärztekammer Nordrhein vor einigen Jahren eine Aktion "Mehr Menschlichkeit im Krankenhaus" ins Leben gerufen worden ist. In der Begründung heißt es wörtlich:

Das Unbehagen weiter Kreise der Bevölkerung am Gesundheitswesen resultiert weitgehend auch aus persönlichen Erfahrungen im Krankenhausbetrieb, sei es als Patient oder Besucher.

Kritisch auch der Arzt Markus von Lutterotti

Es gibt viele Menschen, denen die moderne Medizin das Leben gerettet hat. Aber hat sie den Menschen wirklich immer und überall zum Heile gereicht? Sind die Menschen im ganzen gesehen wirklich gesünder als früher? Hat der überwältigende Fortschriftt der Medizin auch zu einer Zunahme an Menschlichkeit geführt?......Die Aufforderung, unsere sterbenden Mitmenschen ernst zu nehmen, kann sich nicht nur an Ärzte und Pflegepersonal richten. Die ganze Gesellschaft ist angesprochen.

In der Erklärung von Sidney des Weltärztebundes (1968) heißt es: "Das klinische Interesse zielt aber nicht darauf, einzelne Zellen lebensfähig zu erhalten.; es geht vielmehr um das Schicksal eines Menschen." Der Arzt Paul Fritsche schildert folgenden Fall:

Im Jahre 1965 Einlieferung des kräftigen dreizehnjährigen Junden nach einem Schulsportunfall mit Sturz auf den Hals. Luxation zwischen dem dritten und vierten Halswirbel. Zunächst lediglich Paraplegie beider Beine mit Einschluß von Blase und Mastdarm. In den folgenden Stunden Übergreifen der Lähmung auch auf Arme und Zwergfell. Nach Intubation künstliche apparative Beatmung. Trotz vieler Bedenken operative Freilegung des Halsmarks im Bereich der Luxation. Erwartungsgemäß jedoch keine Besserung. Das Bewußtsein des Jungen war völlig erhalten. Täglich wurde von der geistig sehr hoch stehenden Mutter der Wunsch geäußert, den Jungen und auch sie selbst von dem qualvollen Zustand zu erlösen mit dem Hinweis: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende". Aus begreiflichen Gründen Fortführung der künstlichen Beatmung über ein Tracheostoma, bis der Junge zehn Monate nach dem Unfall den Folgen einer aszendierenden Zystopyilonephritis erlag.

Fritsche weist darauf hin, daß solche entsetzlichen Konfliktsituationen heute leider keine Seltenheit mehr sind, da eine Überbrückung einer zentralen oder peripheren Atemlähmung durch adäquate künstliche Beatmung kein außergewöhnliches technisches Problem biete und damit der Eintritt des Todes hinausgeschoben weden könne, falls nicht schwerwiegende Komplikationen hinzuträten. Im vorstehend geschilderten Fall seien die Ärzte täglich der Versuchung ausgesetzt gewesen, dem Hungen den weiteren Leidensweg zu ersparen und dem Wunsch der Mutter zu entsprechen. Trotz des verständlichen Wunsches der Mutter haben die Ärzte weiter therapert bis ein gnädiges Schicksal den Jungen von seinem Leiden erlöste. In unseren hervorragend ausgerüsteten und spezialisierten Kliniken ist vor allem der junge Arzt allzu leicht versucht, das gesamte Repertoire der heutigen Medizintechnik auszuschöpfen und über einer illusionären Fortschrittsgläubigkeit den eigentlichen ärztlichen Auftrag des Helfens und der Leidensminderung zu übersehen. Teffend auch insoweit Paul Fritsche:

Die konsequente Verfolgung des Prinzips der "Lebenserhaltung mit allen Mitteln, um jeden Preis, mit allen Konsequenzen" kann uns nur allzu leicht auf den Weg des Inhumanen führen, wenn z.B. der Zeitpunkt der Irreversibilität im Sterbeprozeß bereits erreicht ist und nun nur noch eine sinnlose Verlängerung des Sterbens, vielleicht sogar nur um Minuten oder Stunden und unter kaum behebbaren Qualen, erreicht werden kann. Der Selbstsuggestion kann dabei der Arzt unterliegen, nunmehr alle Möglichkeiten der heutigen Medizin bis zum letzten Atemzug oder bis zur letzten Herzaktion des Patienten eingesetzt zu haben, in der Wiederbelebung und Intensivtherapie sogar noch über diesen Zeitpunkt hinaus.

Im Zweifel halten sich die Ärzte an das technisch machbare, wenn im Einzelfall Erfahrung und Reife fehlen. Vor allem für die Krankenhausärzte ist es verhältnismäßig komplikationslos, alle möglichen Maßnahmen der Medizintechnik zwecks Lebenserhaltung und Lebensverlängerung anzuwenden. In solchem Fall brauchen sie den Staatsanwalt nicht zu fürchten. Gerade aber diese Einstellung, bei der die Machbarkeit und technische Durchführbarkeit alleinige Veranlassung zum Einsatz aller verfügbaren Geräte und einer Vielzahl letztlich überflüssiger Laboruntersuchungen führt, hat die Angst vor dem Krankenhaus in weiten Kreisen der Bevölkerung begründet. Zwar ist ein hohes Alter niemals für sich allein ein Grund, von Bemühungen um Lebenserhaltung und Lebensverlängerung Abstand zu nehmen. Auch diese Lebensabschnitte haben ihren Sinn und ihren Wert, solange der Patient imstande ist, ein umweltbezogenes Leben zu führen. Bei den folgenden Ausführungen geht es nur um solche Fälle, in denen die Lebensuhr des Patienten abgelaufen ist und die Erkrankung bzw. der Zustand ein Stadiu, erreicht hat, in dem bei aussichtsloser Prognose das Leben nur noch ein Martyrium darstellt.

Der schwedische Jurist Gerhard Simson hat 1973 darauf hingewiesen, daß viele Menschen sich überhaupt nicht vorstellen können, welch unstillbare Qualen manche unheilbare Krankheiten mit sich bringen können. Man gebrauche oftmals das Wort "unerträglich", verlange aber ungerührt das Ertragen. Viele Ärzte hätten sich daran gewöhnt, auch die unerträglichsten Schmerzen mit nicht engagierter Kühle als normales Symptom nicht mehr therapiefähiger Krankheitsbilder zu registrieren. Ärztliche und theologische Sinndeutungen des Sterbens als der "großen Sinnerfüllung" oder als der "personalen Höchstleistung des Menschen" werden angesichts der grauenhaften Umstände, unter denen viele Menschen ihr Leben beenden müssen, zur reinen Farce. Man könnte mir entgegenhalten, dies seien Grenzfälle. Der Tod benehme sich im allgemeinen höchst ritterlich und anständig, wenn der Mensch ihn gewähren lasse und nicht ins Handwerk pfusche. Jeder von uns Lebenden kann aber zu dieser Ausnahme, zu diesem Grenzfall, werden. Es sind nicht nur Patienten, sondern vor allem auch Ärzte, die auf teilweise unhaltbare Situationen in deutschen Kliniken hingewiesen haben. So z.B. der Kölner Arzt und Klinikchef Hans Schulten:

Zahllose Krebsoperationen oder Bestrahlungen bringen keine Heilung, sondern nur eine Verlängerung eines qualvollen Daseins.

Es war ein Arzt, der gesagt hat, man solle nicht immer so tun, als wenn die moderne Technik der Medizin nur Gutes brächte und als wenn alles ärztliche Heil von einem diagnostischen oder therapeutischen Perfektionismus käme. Leicht werde darüber vergessen, daß der Patient nicht in erster Linie ein interessanter Fall von Margenkarzinom, sondern ein leidender Mensch sein, ein homo patiens, für den ein ruhiger Tod vielleicht wertvoller sei als eine hervorragende Diagnose und eine technisch ausgezeichnet gelungene, aber für seinen subjektiven Zustand doch letzten Endes unwirksame Operation. Es kommt nicht von ungefähr, daß zahlreiche hochangesehene Ärzte, wie z.B. die Professoren Christian Barnard, Rudolf Frey und Rudolf Kautzky öffentlich bekundet haben, sie wollten nicht auf der Intensivstation eines Krankenhauses ihr Leben beenden.

Die Angst vor dem Sterben im Krankenhaus kommt nicht von ungefähr. Viele Menschen haben beim Sterben ihre Angehörigen erleben müssen, wie schwer ihnen das Sterben mit der modernen Medizintechnik gemacht wurde, weil die medizinischen Maßnahmen nicht der Lebensverlängerung, sondern der Sterbensverlängerung dienten. Angesichts der technischen Möglichkeiten im modernen Medizinbetrieb ist dem Arzt im Hinblick auf die Humanität eine enorme Aufgabe zugewachsen, für die er nicht ausgebildet wird. Darüber hinaus ist die ärztliche Beistandspflicht im Sinne von Sterbebegleitung nicht nur Standespflicht, sondern zugleich auch Rechtspflicht des Arztes. Standesrechtlich hat der Arzt Hans Neuffer die ärztliche Pflicht zur Sterbebegleitung feinsinnig beschrieben:

In den Fällen, in denen er das irdische Leben nicht verlängern und die Krankheit nicht heilen kann, sollte der Arzt dadurch Helfer bleiben, daß er als der weise Handlanger Gottes und der hilfsbereite Begleiter des Kranken wenigstens den Schmerz lindert und mit dem Kranken bis an das dunkle Tor des Todes geht, hinter dem ein neues Leben in neuen Formen unserer wartet.

Eindringlich hierzu auch der Theologe H. Thielicke:

Wir können nur wünschen, darum bitten und dann auch danach tun, daß in der großen Endabrechnung der Geschichte der Herr des Jüngsten Gerichts einmal zu uns sagt: Ich bin krank gewesen, und Ihr habt mich besucht.

Wir haben heute kaum Zeit, uns um den sterbenden Mitmenschen oder Angehörigen in ausreichendem Maße zu kümmern. Diese Situation ist für den Sterbenden ibesonders bedrückend, denn er ist meist hilflos. Die Bewegung ist eingeschränkt. Zur Körperreinigung bedarf er der Hilfe ebenso wie beim Essen. Die Unfähigkeit, nicht einmal eine Toilette aufsuchen zu können, verursacht qualvolle Peinlichkeiten. Der Sterbende wird sich seiner Schwäche und damit seiner Hilflosigkeit bewußt. Deshalb darf die Hilfe der Gesunden und Starken niemals als Gnadengeschenk erfolgen, sondern als Erfüllung einer von hohem Ethos getragenen Rechtspflicht. Zutreffend weist der Theologe Volker Eid darauf hin, daß Sterbende Solidarität brauchen. Menschliche Würde könne durch keinen noch so erbärmlichen Leidzustand in Frage gestellt werden und verletzt werden. Wohl aber könne die Menschenwürde verletzt werden durch ein nicht-solidarisches, durch ein repressives und autoritäres Verhalten von Mitmenschen. Kommunikation und Sterbebegleitung setzt aber voraus, daß der Helfer sich nicht auf plakative Äußerungen wie etwa "Es wird schon wieder" oder "Nur nicht die Hoffnung aufgeben" beschränkt. Hilfe beim Sterben will gelernt sein. Seit der grundlegenden Arbeit von Elisabeth Kübler-Ross, Interviews mit Sterbenden, wissen wir, daß der Sterbevorgang von verschiedenen Phasen geprägt ist: Nicht Wahrhabenwollen und Isolierung, Zorn, verhandeln, Depression und schließlich Zustimmung. Nicht jeder Sterbende reagiert gleich. Mitleid allein genügt nicht. Vielmehr muß dem Sterbenden auch das Gefühl vermittelt werden, verstanden zu werden. E. Kübler-Ross:

Mag er um Ruhe, Frieden und Würde flehen - man wird ihm Infusionen, Transfusionen, die Herz-Lungen-Maschine, eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) verordnen - was eben medizinisch notwendig erscheint. Vielleicht sehnt er sich nur danach, daß ein einziger Mensch einmal einen Augenblick bei ihm stillhält, damit er ihm eine einzige Frage stellen kann - doch ein Dutzend Leute macht sich rund um die Uhr an ihm zu schaffen, kümmert sich um seine Herz- und Pulsfrequenz, um Elektrokardiogramme und Lungenfunktionen, um Sekrete und Exkremente - nur nicht um ihn als Persönlichkeit.

Die Ohnmacht und Hilflosigkeit derHelfer äussert sich nicht selten in einer unbegrenzten Anwendung der modernen Diagnostik und Apparatemedizin, weil sie den drohenden Tod nicht sehen wollen oder ertragen können. Die "Hilflosigkeit der Helfer" wirkt sich oft schlimmer auf den Patienten aus als Desinteresse und Zeitmangel. Nicht selten ist es der Sterbende selbst, der dem menschlich überforderten Arzt oder Pflegepersonal durch sein Verhalten die Kraft gibt, die schreckliche und für den Gesunden unheimliche Situation gemeinsam mit ihm durchzustehen. Vielfach ziehen sich in der Sterbephase die Schwestern und Ärzte zunehmend von dem Patienten zurück. Oftmals wird versucht, eine Entlassung in die Wege zu leiten, weil der Patient austherapiert ist. Ist ein Patient austherapiert, so sollte er nicht ohne eingehende Prüfung der Umstände, in die er entlassen wird, zum Sterben aus der Klinik entfernt werden. Vielmehr sollten die Ärzte sich dessen bewußt sein, was in Ziffer I. des Entwurfs der Richtlinie der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung und den Grenzen zumutbarer Behandlung von ärztlicher Seite festgelegt ist:

Ärzte sind verpflichtet, Sterbenden bis zu ihrem Tod zu helfen. Die Hilfe besteht in Behandlung, Beistand und Pflege. In der Sterbephase treten pflegerische und schmerzlindernde Maßnahmen an die Stelle von Lebensverlängerung und Lebenserhaltung. Das Ziel hierbei ist, dem Sterbenden so zu helfen, daß er bis zu seinem Tode in Würde zu leben vermag. Er hat Anspruch auf menschenwürdige Unterbringung, bestmögliche Pflege und intensive menschliche Zuwendung.
3. Das Recht des Patienten auf einen menschenwürdigen Tod
Wie aber sieht die ärztliche "Hilfe im Sterben" aus? Jeder Patient hat das Recht auf seinen, ihm gemäßen würdigen Tod. Was aber ist aber der individuelle Tod? Gibt es die Menschenwürde als absolutes Maß? Die juristische Formulierung, Menschenwürde bedeute den inneren und zugleich sozialen Wert und Achtungsanspruch, der dem Menschen um seiner selbst willen zukomme, besagt wenig. Richtig ist, daß die Menschenwürde verfassungsrechtlich geschützt und weder aufhebbar noch verzichtbar ist. Schwieriger gestaltet sich allerdings die inhaltliche Bestimmung. In der philosophischen Tradition steht ein Zusammenhang mit dem Würdebegriff Kants. Achtung der Würde ist danach Achtung der sittlichen Selbstbestimmung der autonomen sittlichen Person. Neuere Sozialtheorien sehen dagegen in der sittlichen Autonomie des Objekts allein keinen hinreichenden Grund zur Anerkennung der Menschenwürde. Sie verstehen Menschenwürde als Mitgliedschaftswürde in einem Sozialsystem. Jedes Individuum habe einen Symbolwert zur Darstellung des Gesamtsystems, der ihm unabhängig von seinem Leistungs- und Nutzwert zukomme. Die theologische Begründung der Menschenwürde hängt dagegen eng mit dem theologischen Verständnis der menschlichen Person zusammen. Das "Ja" Gottes schenke dem Menschen eine unverwechselbare Einmaligkeit als Person. Darin liege der letzte Grund seiner Würde. Nach F. Böckle heißt menschenwürdig sterben und in Menschenwürde sterben lassen, diesen Bezügen Beachtung zu schenken. In der rechtswissenschaftlichen Literatur ist von Stratenwerth, Engisch, Deutsch, Laufs und Möllering immer wieder darauf hingewiesen worden, daß die Achtung der Menschenwürde zunächst Achtung der Personalität des Menschen bedeutet. Der niederländische Moraltheologe Paul Sporken hat in der Schweizerischen Ärztezeitung das Problem treffend umrissen:

Das Recht auf menschliches Sterben, d.h. auf ein Sterben, das nicht auf sinnlose Weise verlängert oder abgekürzt wird, sondern dem Sterbenden die Möglichkeit läßt, menschenwürdig zu sterben. Die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben schließt aus, daß jedes Menschenleben bis ins Absurde verlängert werden muß. Das Verhüten eines menschenunwürdigen Sterbens ist ein wichtiger Bestandteil der Verantwortung gegenüber dem menschlichen Leben.

Zur Beachtung der Menschenwürde gehört auch die Respektierung der zeitlichen Endlichkeit menschlichen Lebens. Der Arzt Paul Fritsche hält eindeutig den Preis für zu hoch, wenn er in der Verlängerung oder Verursachung schwerer Qualen für den Patienten besteht, oder wenn das Selbstbewußtsein und das Kommunikationsvermögen, die Möglichkeit mitmenschlichen Kontaktes und zur Selbstverwirklichung als maßgebliche Indizien menschlicher Existenz irreversibel verloren gegangen sind.
4. Vom Nutzen des modernen Krankenhausbetriebes für Sterbende
Einigkeit besteht darüber, daß der Mensch nicht lediglich Objekt medizinischer Möglichkeiten sein darf, und daß die Ärzte nicht alles tun dürfen, was sie können. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch erlaubt. Über Einzelheiten herrscht aber auch in der juristischen Literatur Streit, wie im nachfolgenden noch aufgezeigt werden soll.

Mich hat vor vielen Jahren ein Beispiel des Kölner Arztes Hans Schulten besonders beeindruckt, das die Problematik eindrucksvoll aufzeigt:

Da ist ein alter Mann in einem einsamen kleinen Dorf. Trotz seiner 70 oder 80 Jahre hilft er immer noch etwas im Haus und auf dem Feld. Seit einigen Monaten ißt er noch weniger als gewöhnlich, er magert ab, der Leib schmerzt ihn oft so, daß er die Nacht kaum zum Schlafen kommt. Es lohnt sich nach Ansicht der Kinder nicht, da für den Arzt aus dem Nachbardorf kommenzu lassen. Die alte Muhme rät zu heißen Kompressen und Kräutertee. Schließlich kann der alte Mann nicht mehr aufstehen, er dämmerte einige Wochen dahin und stirbt.

Sein Altersgenosse in der Stadt bekommt ähnliche Beschwerden. Er sucht bald den Arzt auf, bekommt Leber- und Traubenzuckerspritzen. Als es nicht besser ist, weist man ihn ins Krankenhaus ein. Hier untersuchen ihn eine Reihe von Ärzten. Er wird vielen, nicht immer angenehmen Untersuchungen unterworfen, geröntgt und gespiegelt. Endlich entschließt man sich, den Bauch aufzumachen. Man findet das erwartete, nicht mehr radikal zu operierende Karzinom, nimmt einiges heraus und macht eine Anastomose. Für einige Zeit treten zu den Tumorschmerzen auch noch solche durch die Operation. Ist man in dem Krankenhaus sehr aktiv, bestrahlt man ihn auch noch und gibt ihm allerlei weitere Spritzen, Zytostatika,Vitamine usw. Bald muß man auch Narkotika hinzufügen. Die chirurgische Abteilung des Krankenhauses kann und will ihn nicht halten; die Innere nimmt ihn auch nicht wieder, und so wird er, elender als zuvor, nach Hause entlassen, jetzt an die Pflege des Krankenhauses gewöhnt, die ihm zu Hause kaum geboten werden kann. Schließlich erlöst auch ihn der Tod.

Informationsquelle: http://patiententestament.de/uhl_inh.htm

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