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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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Ahasveru Offline

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Beiträge: 6.581

26.11.2005 12:08
Omalotte darf nicht sterben antworten

Omalotte darf nicht sterben

von Silke Böttcher

Omalotte ist gegangen, einfach so. Sie, die Greta und Julian immer ins Bett gebracht hatte, ist fort. Und die beiden Kinder verstehen die Welt nicht mehr. Omalotte fehlt ganz furchtbar. Ein bißchen Trost findet Greta, wenn sie abends zu ihrem großen Bruder ins Bett schlüpft. Aber nur ein bißchen. Denn bald ist Weihnachten, und das ist ohne Omalotte einfach undenkbar! So undenkbar, daß Greta einen kühnen Plan schmiedet. Sie und Julian sollen sich ab sofort einfach dermaßen daneben benehmen, daß Omalotte gar nicht anders kann, als nach Hause zu kommen. Julians Einwand, daß die Großmutter doch im Himmel ist, läßt Greta nicht gelten - und, na ja, so ganz abwegig findet auch der große Bruder den Plan nicht. Fortan bemühen sich die beiden nach Kräften, so frech wie nur möglich zu sein. Was gar nicht so einfach ist. Greta läßt im Kindergarten ihren Mantel einfach fallen, statt ihn aufzuhängen, malt Bilder in düsteren Schwarz-Grau-Tönen und rührt mittags ihr Essen nicht an. Und schweigt. Julian schmeißt sein Frühstücksbrot in den Müll und schwänzt ein paar Schulstunden.

Und Omalotte? Sieht dem Treiben ihrer Enkel kopfschüttelnd zu. Sie ist mit ihrem Engel, Gustav dem Siebten, im Zwischenhimmel. Von dort kann sie ihre Familie beobachten. Allerdings bleibt sie unsichtbar, wie sie grollend feststellt. Denn sie würde zu gern eingreifen. Zwar findet sie es im Zwischenhimmel gar nicht so übel - schließlich kann sie Gustavs Aussehen nach Belieben verändern und auch sich selbst immer wieder anders einkleiden -, aber daß Gustav nicht begreifen will, daß ihre Enkel sie dringend brauchen, das ärgert Omalotte schon ziemlich. Sie kann einfach noch nicht in den Himmel, das muß er doch verstehen!

"Der Himmel soll warten" heißt denn auch Katja Henkels Kinderbuch, das sich auf kluge, warmherzige Weise mit dem schwierigen Thema Tod auseinandersetzt. Greta und Julian mögen sich sowenig wie ihre Großmutter damit abfinden, daß sie nicht klammern dürfen. Der Schmerz ist zu groß. Julian faßt schließlich einen lebensgefährlichen Plan. Er wünscht sich so sehr, daß seine geliebte Omalotte wieder kommt, daß er sie persönlich aus dem Himmel zurückholen will.

"Der Himmel soll warten" ist eine behutsame, kindgerechte Lektion darüber, daß man manchmal loslassen muß, wenn man jemanden festhalten möchte. Ohne falsches Pathos, aber mit viel Gefühl erzählt Katja Henkel die herzerwärmende Geschichte. Der Leser schmunzelt zwar über die verrückten Einfälle, mit denen die beiden Kinder ihre Großmutter zurückholen wollen, doch er verliert ganz nebenbei auch ein bißchen die Angst vor dem Tod. Und nicht nur für Kinder ist die Vorstellung des Zwischenhimmels, den der geliebte Mensch eine Zeitlang bewohnt, bevor er sich endgültig vom irdischen Dasein löst, sehr tröstlich. Es ist aber auch eine Mahnung, den Verstorbenen in den "richtigen" Himmel zu entlassen. Einen Himmel, den Gustav der Siebte als durchaus angenehm beschreibt. Katja Henkel gelingt es, das alles glaubwürdig und humorvoll zu vermitteln.

Für noch jüngere Leser ist ein Buch gedacht, das sich auf ganz andere Weise mit dem Tod beschäftigt. "Und was kommt nach tausend?" fragt die kleine Lisa in Anette Bleys liebevoll erzähltem gleichnamigem Buch den greisen Otto, ihren liebsten Freund. Mit dem zählt sie. Bis 16 sind die beiden schon gekommen, als Lisa die Sterne am Himmel entdeckt. Tausend sind es, mindestens. Sagt Otto. Und baut ihr, wenn er nicht zählt, zwischendurch eine Schleuder, erzählt ihr alles über den Garten, tanzt den großen Indianer-Siegestanz mit ihr oder gibt ihr von seinen geliebten Notkeksen ab. Otto, lernt Lisa, weiß alles. Doch dann wird der alte Herr sehr krank und kann nicht mehr zu Lisa in den Garten kommen. Er liegt mit schneeweißem Gesicht im Bett. Weiß, daß seine Zeit gekommen ist und sagt Lisa, daß er sterben muß. Lisa bleibt bei ihm - und muß ihn eines Tages doch gehen lassen. Der Abschied fällt schwer - das kleine Mädchen fühlt sich nach Ottos Tod mächtig alleingelassen. Sie ist mal zornig, mal still, sie weint mit Ottos Frau Olga - und begreift schließlich, daß jemand, den man nicht mehr sehen kann, trotzdem noch da ist. Tief in unserem Herzen.

Einfühlsam erzählt Anette Bley von der ersten Begegnung eines Kindes mit dem Tod und von den aufwühlenden Emotionen, die das Erlebnis bei ihm auslöst. Ottos Witwe Olga, die trotz des großen Kummers offen mit dem Thema umgeht, ist ihr dabei ein liebevoller Beistand. Besonders wichtig: Nichts wird zum Tabu, das Kind fühlt sich ernst genommen. Großartige, anrührende Bilder der Autorin und witzige Kinderzeichnungen am Bildrand tragen auf ihre Weise dazu bei, dem Tod den Schrecken zu nehmen.

Katja Henkel: Der Himmel soll warten. Bloomsbury, Berlin. 157 S., 12,90 EUR. Ab 7 Annette Bley: Und was kommt nach tausend? Ravensburger, Ravensburg. 32 S., 12,95 EUR. Ab 4

Informationsquelle: http://www.welt.de/data/2005/11/26/808663.html?s=2


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