Der erste Schritt auf dem Wege, ein Sterbebegleiter oder eine Sterbebegleiterin zu werden, wird von dem Prinzip der Wahrnehmung gekennzeichnet. Einmal das Wahrnehmen der Bedürfnisse und Wünsche des sterbenden Menschen, andererseits das Wahrnehmen bei mir selbst, also mich selbst wahrzunehmen in der Begleitung sterbender Menschen. Auch meine Wahrnehmung, wie ich mit dem Wissen um meinen eigenen Tod, meinem eigenen Sterben umgehe.
Was ist also diese Wahrnehmung bei uns, was nehmen wir wahr, in der Begleitung Sterbender, in uns selbst und bei einem sterbenden Menschen?
schon geraume Zeit zieht mich das Thema Sterbebegleitung an. Ich glaube, dass es ein besonderes Vorrecht ist, Menschen auf ihrem letzten Weg einfühlsam und liebevoll zu begleiten, so wie wir es uns alle wahrscheinlich wünschen, wenn es einmal soweit ist.
Was ich mich schon lange frage ist: Gibt es eine Tätigkeit in der Sterbebegleitung wirklich nur ehrenamtlich bzw. in Vollzeit, wenn man Alten-/Krankenpfleger ist?
Habe ich mit einem Büroberuf wirklich nur die Möglichkeit, ehrenamtlich in meiner Freizeit in diesem Bereich tätig zu sein? Ich fasse das ins Auge.
Dennoch: Welchen Hintergrund hat es, dass Sterbebegleitung traditionell ehrenamtlich durchgeführt wird? Weist unsere Gesellschaft dieser Tätigkeit so wenig Wert bei? Oder ist das Thema so tabuisiert, dass zu wenige bereit sind, dieser Tätigkeit auch Geldwert zuzumessen? Oder ist bisher einfach noch kein professioneller Beruf dafür entstanden? Oder wäre man überfordert damit, ausschließlich als Sterbebegleiter tätig zu sein?
Viele Fragen eines "Unwissenden" und außen vor Stehenden. Vielleicht habt Ihr Antworten für mich? Würde mich freuen.
Du fragst: "Was ist also diese Wahrnehmung bei uns, was nehmen wir wahr, in der Begleitung Sterbender, in uns selbst und bei einem sterbenden Menschen?"
Ist das eine rhetorische Frage? Oder sonst: Wie denkst DU darüber? Du bist bereits in der Sterbebegleitung tätig, wenn ich richtig gelesen habe.
Was nimmst Du wahr in Bezug auf die eigene Sterblichkeit und in der Begleitung solcher, die an der Schwelle stehen.
In Antwort auf:Was nimmst Du wahr in Bezug auf die eigene Sterblichkeit und in der Begleitung solcher, die an der Schwelle stehen.
Nun, einmal bin ich mir selbst sehr bewusst darüber, das ich eines Tages sterben werde, bin es sogar mal fast, aber das ist eine andere Geschichte, auf welche ich hier nicht näher eingehen möchte,:). Für mich persönlich gehören das Sterben als ein Lebensprozess und der Tod als Ende dieses Prozesses zum Leben dazu. Sterben ist nichts anderes, als zu leben, denn solange ich lebe, lebe ich eben. Ich habe keine Angst vor meinem eigenen Sterben oder Todeseintritt, denn diese gehören für mich zur Natur des Menschen dazu, wie auch die Geburt. Geburten werden in den meisten Fällen begrüsst, aber das Sterben und der Tod werden tabuisiert und gefürchtet. Und das halte ich persönlich für falsch, weil keiner von uns weiss, ob der Tod nicht ein Übergang in eine andere Existenz, wie diese auch immer beschaffen sein mag, ist. Somit ist die Angst vor dem Tod für mich auch bei den meisten Menschen als Angst vor dem Unbekannten anzusehen,:)
Die Wahrnehmung in der Sterbebegleitung ist in jedem Fall immer individuell auf den betreuten schwerstkranken und sterbenden Menschen fokussiert, womit ich sagen möchte, es gibt bei jedem Menschen in dieser Phase auch die individuellsten Wahrnehmungen. Jeder Mensch ist ein Individuum, und in meiner Wahrnehmung nehme ich diesen Menschen in seinem individuell Wahrzunehmenden wahr. Man kann das nicht pauschalisieren, was ich wahrnehme, es gibt da kein Muster. Wahrnehmen bedeutet, ich nehme in der Begleitung mein Gegenüber insoweit wahr, wie ich an Wahrnehmung in mir einlasse und für mich zulasse,:)
Zitat von MarionWelchen Hintergrund hat es, dass Sterbebegleitung traditionell ehrenamtlich durchgeführt wird? Weist unsere Gesellschaft dieser Tätigkeit so wenig Wert bei? Oder ist das Thema so tabuisiert, dass zu wenige bereit sind, dieser Tätigkeit auch Geldwert zuzumessen? Oder ist bisher einfach noch kein professioneller Beruf dafür entstanden? Oder wäre man überfordert damit, ausschließlich als Sterbebegleiter tätig zu sein?
Hallo Marion, bei Hospizen ist es so das jeder Begleiter immer nur eine Person betreut und das ja nicht jeden Tag, sondern im Schnitt 2 mal die Woche a 2 Stunden und nach dem Ableben der betreuten Person hat man dann bis zur nächsten Begleitung mind. 4 Wochen Pause. All das ist auch wichtig, denn Sterbebegleitung ist ja auch eine emotionale Sache, da eine Sterbebegleitung oft länger als 3 Monate geht. Desweiteren wird ja auch viel Wert auf Fallbesprechungen und Supervisionen gelegt, da man schnell an seine Grenzen kommen kann und ein gewisser zeitlicher Abstand auch wichtig ist. Kurzum, ein Hospiz lässt einen Ehrenamtlichen viel Zeit zum Verarbeiten und zur Abschiednahme und zur Trauer.
Beruf heisst ja auch professionelles arbeiten und darin leigt eigentlich auch schon das "Problem". Professionalität entwickelt Routine und genau die führt unweigerlich irgendwann in mechanisierte Abläufe und diese sind im zwischenmenschlichen Bereich, und Sterbebegleitung ist in erster Linie genau dieses zwischenmenschliche, fehl am Platze.
Routine lässt einem schnell mal essentielle und wesentliche Dinge übersehen. Bei einem Beruf SterbebegleiterIn hätten wir irgendwann "Sterbebegleitung am Fliessband". Es wäre dann ja nicht mehr möglich immer nur eine Person zu begleiten und man würde auch jeden Arbeitstag mehre begleiten und man hätte keine Zeit mehr sich auf jeden individuell einzustellen. Desweiteren würde dann auch Zeit zum Verarbeiten, zur Abschiedname und zur Trauer wegfallen. Das Pflegepersonal ist doch gerade deswegen schnell an seiner Grenze, weil sie eben keine Zeit zum Verarbeiten des Gesehenen und Erlebten haben. Es fehlt da ja auch an Fallbesprechungen und Supervisionen.
Ein Beruf SterbebegleiterIn ist mit den Bedingungen, die zum Beispiel das Pflegepersonal haben, so nicht zu machen.
Ich bin auch der Meinung, dass das Sterben zum Leben gehört und finde es schade, dass es tabuisiert wird, aber ich denke, dass die meisten Angst vor ihrem eigenen Tod und auch vor der Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit haben, so dass das Tabu die Folge dieser Ängste ist.
Da ich bisher die Praxis der Sterbebegleitung nicht kenne, bin ich besonders froh über den Einblick, ingoborm. Über das von Dir Gesagte möchte ich noch in Ruhe nachdenken.
Allerdings gibt es für mich gute Beispiele für "professionelle" Tätigkeit in der Sterbebegleitung. Ich denke da an Frau Kübler-Ross oder auch eine Ärztin aus der Palliativ-Station eines Pariser Krankenhauses, die ein Buch darüber schrieb (weiß den Titel und ihren Namen grad nicht). Die Erfahrungen dieser Personen haben mich sehr beeindruckt. Aber vielleicht gibt es nicht viele Menschen, die in dieser Tätigkeit "gut" bleiben können, wenn sie tagtäglich damit zu tun haben, die es schaffen, dass keine Routine für sie draus wird. Daher mag die stundenweise Tätigkeit von Sterbehelfern ein Schutz sein.
Aber offensichtlich ist doch auch für diese stundenweise Tätigkeit niemand bereit zu bezahlen, oder? Ich reite auf diesem Thema nicht herum weil es mir beim Thema in erster Linie um Geld ginge. Ich bin immer schon ein Idealist gewesen und wie ich mich fühle sowie Lebensqualität ist mir wichtiger als wieviel auf meinem Konto liegt. Und das eine muss vom anderen nicht abhängen. Aber ich frage mich, warum für die körperlich und emotional anspruchsvolle Tätigkeit der Kranken- und Altenpflege (vergleichsweise) wenig gelöhnt wird und die Sterbehilfe gänzlich kostenlos geleistet wird? Ob das nicht doch mit der Wertigkeit zu tun hat, die die Gesellschaft im allgemeinen bereit ist einer Tätigkeit zuzuweisen?
Die Tabuisierung der Themen Sterben und Tod beruht darauf, das unsere Gesellschaft sich Vitalität, Leistung, Fitness, Macht, Streben, Ehrgeiz, usw. auf die Fahnen geschrieben hat. Alles, was diesen Ansprüchen nicht genügt, wird an den Rand der Gesellschaft gedrängt, tabuisiert und verleugnet. Es darf halt soetwas wie Sterben, Tod oder Krankheit nicht in einem solchen Leistungsanspruch unserer Gesellschaft geben, weil das zersetzend und störend auf dieses Leistungsprinzip wirkt. Und für etwas, was die Gesellschaft ausgliedert und nicht will, zahlt sie eben auch nicht, das würde ja ihrem Anspruch widersprechen. Ausser, es rentiert sich für sie in bare Münze, siehe der wahnwitzige Ausbau der Apparatemedizin, womit letztendlich Leben erhalten wird, obwohl es längstens schon gestorben ist. Es zählt nicht der Mensch in der Institutionalisierung, es zählt Management, Marktwirtschaft und Konkurrenz. Dort, wo nichts zu erwirtschaften ist, macht man es sich einfach und bringt kostensparende Mittel wie die aktive Sterbehilfe ins Spiel. Ein Becher Gift kostet nur die klitzekleine Menge an Euronen, welche eine sonst angemessenen Betreuung, Pflege, Behandlung und Begleitung kostet.
Und somit zahlt die Gesellschaft auch nicht für ein für sie nicht rentables Feld, und das gilt für alles, was sie zu Randgruppen dieser macht. Hospize finanzieren sich in der Hauptsache durch Spenden, z.B. braucht das Kinderhospiz in Olpe jährlich 600 000€, um bestehen zu können, nur ganz wenige % davon werden durch Krankenkassen getragen, der Rest durch Spenden. Und es sind ja gerade Idealisten in der Hospizbewegung, welche diesen Dienst machen, weil sie solche Umgangsweise und Sichtweise der Gesellschaft zu oben angesprochenen Themen bekämpft, einfach, damit hier nach ethischem und menschenwürdigem Verhalten verfahren wird. Der Gesellschaft ist es egal, sie hat ja nichts damit zu tun, warum soll sie Idealisten bezahlen, wenn diese es doch aus Mitgefühl, ethischem Verhalten, Liebe, usw. doch umsonst tun?
Krankenkassen geben nur Zuschüsse bei Begleitungen zu Hause. Begleitungen die im Krankenhaus oder Pflegeheimen beginnen werden nicht unterstützt. Ich sehe es aber schon als Fortschritt an, das Krankenkassen Hospize überhaupt schon finanziell unterstützen.
Ich meinte jetzt aber die Bezuschussung der Krankenkassen bei stationären Hospizen, und für diese wird so knallhart gerechnet, das der prozentuale Anteil sehr gering ausfällt. Und zwar wird hier nach der sogenannten Sockelfinanzierung verfahren.
Natürlich kann man die Bezuschussung der Krankenkassen als Fortschritt ansehen, aber Fakt ist nun mal, das ohne das Spendenwesen viele Hospize und Hospizdienste ihre Tätigkeit einstellen müssten, wenn nicht von hilfsbereiten Bürgern gespendet würde.
Die Finanzierung des Hospizwesens ist nichts als ein Almosen der Gesellschaft zur Beruhigung der Bürger, sie soll suggerieren: Seht her, wir tun doch was für die Menschen. Nur, es ist ja gerade ebenso Fakt in unserem Staate, das das Sozialwesen, was ja nicht mal den Namen mehr verdient, hier drastisch abgebaut wird. Und dieser Abbau trifft doch gerade all die Randgruppen, von denen ich in einem meiner vorigen Postings sprach. Wir erleben doch immer stärker und tiefer die Kluft zwischen Arm und Reich, und hier wird der Reichtum aufgrund des selbsterwählten Anspruches der Gesellschaft gefördert und die Armut vergrössert. Und wen sich etwas vergrössert und schlimmer wird, heisst das nichts anderes, das sich um diese Felder nicht gekümmert wird.
Nehmen wir als Beispiel den Verbrauch von Morphium in der Palliativmedizin: Der Morphiumverbrauch bei uns liegt bei 30 %, das heisst, 70 & der Bürger gehen in der Palliativversorgung und Schmerzbehandlung also weitgehend leer aus. Deutschland liegt laut der WHO an einer der letzten Stellen in der Liste des Morphinverbrauchs der Länder, Vorreiter meines Wissens sind die Schweden, welche 70 % Morphiumverbrauch leisten. Und Deutschland nennt sich als eines der fortschrittlichsten Länder, aber vernachlässigt die Rechte seiner Bürger auf eine angemessene Behandlung im Finalstadium tödlicher Krankheiten. Und selbst die WHO bemängelt dieses Verhalten Deutschlands und kritisiert es, aber was wird getan? Nichts, warum auch, Menschen, welche sterben und dann tot sind, kosten doch die Gesellschaft nichts mehr. Und wie und auf welche Art und Weise Menschen sterben, interessiert doch die Gesellschaft nicht, das sehen wir doch beim Sterben in den Institutionen und ihrer Apparatemedizin.
Nein, die Gesellschaft verschliesst die Augen vor solchen Tatsachen, daher tabuisiert sie ja eben Themen wie Sterben und Tod.
Hier mal die Liste des Morphinverbrauchs der Länder, ist zwar von 2002, sieht heute aber für Deutschland nicht besser aus:
Eine Umrechnung der INCB-Angaben auf die Einwohnerstatistik der betreffenden Länder ergibt bei der nachfolgenden Länderauswahl folgende Werte: Morphin-Bedarf für 2002 in kg pro 1 Million Einwohner: 16,7 in Brasilien 17,9 in Israel 22,2 in Deutschland 26,0 in Luxemburg 31,6 in Polen 42,4 in der Schweiz 67,8 in Kanada 70,2 in Italien 75,5 in Australien 86,0 in Frankreich 90,9 in Schweden 92,3 in Dänemark 116,3 in Portugal 137,9 in Japan 152,5 in Österreich 158,0 in den Niederlande 212,5 in Spanien 291,2 in Südafrika 315,0 in Belgien 353,5 in Großbritannien 411,2 in den USA 577,0 in Ungarn Die Zahlen belegen das vergleichsweise niedrige Niveau des bisherigen Morphinverbrauchs in Deutschland.
Morphium gilt ja als Droge und Drogen machen süchtig(so die allgemeine Meinung). Deshalb wird von vielen Morphium ja noch total abgelehnt. Gerade hier muss mehr aufgeklärt werden. Morphium macht den Gesunden körperlich abhängig, wirkt bei Krebskranken z.B. aber anders als bei Gesunden und das wissen die meisten ja nicht.
Ja, das ist ja richtig, was Du sagst, das ist so die Meinung von manch schlauen Zeitgenossen. Aber es ist auch Fakt, das wenn ein Mensch, sagen wir mal als ein Beispiel, nur noch zwei Wochen zu leben hat. Nehmen wir an, er hätte zum Beispiel Knochenkrebs mit etlichen Metasrasen im Körper. Ein Tumor bricht ihm so ganz langsam einen der grossen Röhrenknochen. Er hat also unsagbare und unaussprechliche Tumorschmerzen.
Und wenn dieses Beispiel vorliegt, gebe ich diesem Patienten oder dieser Patientin Morphiom, so das ihre Schmerzen annähernd eingedämmt werden und sie noch Lebensqualität, wenn auch im verminderten Maße, geniessen können. Und ich mache mir bei 2 Wochen mit der allergrössten Sicherheit keine Gedanken, ob der Patient / die Patientin noch süchtig wird oder als eine Nebenwirkung von Morphium Verstopfung bekommt. Letzterem kann mit der allergrössten Sicherheit durch Zugabe von Medikamenten für diesen Bereich vermindert und verhindert werden. Und ich weiss jetzt durch die Morphingabe eines: Der Patient oder die Patientin wird nicht unter unaussprechlichen Schmerzen sterben.
Die davon reden, das Patienten durch Morphin in ihren letzten Tagen noch süchtig werden könnten, lassen aber genau dieses Sterben unter wahnsinnigen Schmerzen zu. Und was man davon zu halten hat, kann sich durch das oben angegebene Beispiel jeder selbst ein Urteil bilden.