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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Wissenswertes zum Hospiz und zur Hospizarbeit
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

13.11.2005 10:23
Wer hier sterben will, dem wird geholfen antworten

Wer hier sterben will, dem wird geholfen

In deutschen Hospizen werden jährlich 30 000 Menschen in den Tod begleitet. Ganz legal. Hier soll aktive Sterbehilfe überflüssig bleiben

Mia Eidlhuber

Nur ein Zimmer weiter steht eine brennende Kerze vor der verschlossenen Türe. Wenn jemand im Hospiz stirbt, wird ein Licht vor dessen Türe gestellt. »Als Symbol, dass wir des Toten gedenken«, erklärt Pfarrer Wolfgang Weiß, Leiter des Berliner Lazarus-Hospizes, in seinem Büro. Knapp zwei Monate hat Elenore Schulz in diesem Hospiz verbracht, bevor sie am frühen Morgen des Ostersonntags verstorben ist. Dieter Geuß war der Hauptbetreuer der 64-jährigen krebskranken Frau. Er hat gemeinsam mit einer Kollegin Frau Schulz am Morgen gewaschen und angezogen. Am Vormittag kam dann ihr einziger Sohn. 24 Stunden bleiben die Toten im Hospiz in ihren Zimmern aufgebahrt, um Angehörigen, Freunden und auch den Betreuern Raum zu geben, sich von den Toten zu verabschieden, mit ihrer Trauerarbeit zu beginnen. Ein paar Hausschuhe aus Plastik stehen noch unter ihrem Bett. »Sie hat es geschafft«, sagt Geuß und schließt die Türe.

Den Ausdruck Sterbehaus mag Pfarrer Weiß nicht. »Das Hospiz ist eine Lebensstätte für Sterbende«, sagt Weiß, das trifft für ihn die Sache eher. In Hospize kommen Menschen mit einer terminalen Krankheit, wie es im Fachjargon heißt. Menschen also, die sterbenskrank sind. Der Hospizgedanke lässt sich am besten mit zwei Worten umschreiben: versorgen und umsorgen - bis zuletzt, wenn eine Pflege und Sterbebegleitung in den eigenen vier Wänden nicht mehr möglich ist.

Mit der Diskussion um das Sterbehilfegesetz in den Niederlanden denkt man nun auch in deutschen Hospizen abermals über die eigene Aufgabe nach. Pfarrer Wolfgang Weiß ist vehement gegen eine aktive Sterbehilfe, wie sie in Zukunft in den Niederlanden erlaubt sein wird. Die Hospizarbeit als eine mögliche Alternative? Keine Alternative, denn »mit einer ausreichenden und guten Hospizarbeit stellt sich die Frage nach aktiver Sterbehilfe erst gar nicht«, sagt Weiß. Zu dieser Überzeugung ist er in den vergangenen zwölf Jahren gekommen, in denen er Menschen und deren Angehörige beim Sterben begleitet. Wenn man seine Arbeit kennen lernt, versteht man das langsam. Aktive Sterbehilfe ist für ihn keine Lösung. Angesichts »der Geldnot im Gesundheitssystem« sei ein Gesetz wie das in den Niederlanden unverantwortlich.

Das Lazarus ist eines von zwei stationären Hospizen, die es in Berlin gibt. 31 Hospizbetten stehen der deutschen Hauptstadt mit ihren 3,5 Millionen Einwohnern zur Verfügung. Zu wenige für eine Stadt, in der alleine rund 9000 Menschen jährlich an Krebs sterben. Gut ein Dutzend weitere Hospizvereine arbeiten mit ehrenamtlichen Mitarbeitern ambulant und umsorgen die Schwerkranken zu Hause. Die Wartelisten für einen stationären Hospizplatz sind voll, aber manchmal dauert es nicht lange, denn ein Sterbender verbringt hier meist rund 30 Tage - manche auch nur Stunden.

Hund und Katze sind bis zuletzt dabei

Die Hospize wollen auf jeden einzelnen Patienten individuell eingehen, um den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Dafür würden schon 100 Betten in Berlin weiterhelfen. Pfarrer Weiß nennt die schwer kranken Patienten in seinem Haus »Gäste«. Gäste, die sich dennoch zu Hause fühlen sollen. Manchmal gehören Angehörige und Freunde zu diesem Hospizalltag. Für sie gibt es ein kleines Zimmer am Ende des Ganges, mit Bett, Nachttisch und Fernseher. Wenn jemand will, kann er auch im Zimmer seines Angehörigen schlafen und sogar den Hund mitnehmen. Die Angehörigen können im Hospiz mitbetreut werden. Wenn Geuß sieht, wie dankbar viele Familien über die psychologische Hilfe hier sind, weiß er, warum er diesen Job macht.

»Natürlich haben die Schwerkranken den Wunsch nach einem erlösenden Tod«, daraus macht auch Dieter Geuß kein Hehl. Wer in einem Hospiz liegt, hat Schmerzen und Angst. Angst vor dem Tod. Aber nur ganz wenige fragen ihn um Hilfe beim Sterben. Zum Beispiel: Können Sie das nicht beschleunigen? Oder: Ich will nicht mehr. »Das steht nicht in meiner Macht«, sagt er dann. Was er tun kann und auch versucht, ist, immer da zu sein. Den Sterbenden die Schmerzen zu nehmen mit Palliativmedizin. Sie zu pflegen. Wenn jemand mit lebenserhaltenden Maßnahmen wie zum Beispiel einer Magensonde ins Hospiz kommt, dann werden diese weiter benutzt. Aber das wichtigste Ziel der Hospizarbeit: Niemand soll hier alleine sterben.

Wenn man zu Peter Reinicke in sein Wohnschlafzimmer kommt, fallen zwei Dinge sofort auf: die Teddybärensammlung und die Kiste mit den Katzen. Als der Krebs da war, plötzlich im Frühjahr des vergangenen Jahres, waren die Freunde weg - fast genauso plötzlich. »So, als wäre es ansteckend«, sagt Peter Reinicke. »Dabei habe ich mich kaum verändert.«

Sein Leben aber hat sich vor genau einem Jahr ganz schlagartig verändert, als sicher war, dass er sterben wird. Die Arbeit als Musikmanager musste er aufgegeben, er lebt heute von 600 Mark Sozialhilfe im Monat. Seinen Zigarettenkonsum reduzierte er von rund 100 Stück pro Tag auf knapp 20, obwohl die Ärzte ihm gesagt haben, das sei gar nicht mehr notwendig. Um den elektrischen Rollstuhl musste er ein ganzes Jahr lang mit der Kasse kämpfen. Die fünf Stufen vom Aufzug bis zur Haustüre aber bleiben weiter eine Hürde, jedes Mal, wenn er raus auf die Straße will. Noch bewegt er den schweren Rollstuhl selbst.

Seine sozialen Kontakte beschränken sich heute auf die Haushaltshilfe, seine Pflegerin - beide sind täglich da, um beim Einkaufen, Putzen, Waschen, Anziehen zu helfen. Mindestens einmal pro Woche kommt ein Home-Care-Arzt, der ihn mit Schmerzmitteln versorgt, und manchmal auch ein Rentner aus der Nachbarschaft, der sich um die Katzen kümmert, wenn Reinicke zu Untersuchungen ins Krankenhaus muss. Und dann ist da noch Anne Willmann, eine ehrenamtliche Hospizarbeiterin, die einmal pro Woche für ein paar Stunden zu ihm kommt, nur um mit Peter Reinicke über das Leben zu reden.

Hospizarbeiter bewegen sich zwischen Extremsituationen. Denn Sterben wird ein Teil ihres Lebens. Supervision und Fallbesprechungen sollen den Sterbebegleitern helfen, damit umzugehen, dass der Tod immer nahe ist. Anne Willmann hat in ihrer Kindheit viel über den Tod nachgedacht. Nun besucht sie für den Christopherus Hospizdienst schwer kranke Menschen daheim. 98 Prozent der Hospizarbeit machen Frauen. Mit ihren 38 Jahren gehört sie zu den Jüngsten.

Peter Reinicke ist Willmanns dritte Betreuung, seit sie vor zwei Jahren die Ausbildung zum Hospizarbeiter gemacht hat. Ein Jahr dauert die Schulung, in der die ehrenamtlichen Mitarbeiter eine Einführung in Gesprächsführung, Sterbephasen und Trauerritualen bekommen. Und die Hospizarbeiter lernen auch, dass es Zeit braucht, um den Tod von jemandem, den man bis zuletzt begleitet hat, zu verkraften.

Acht Wochen pausieren die ambulanten Hospizarbeiter in der Regel, bevor sie eine neue Begleitung übernehmen. Frau Willmann brauchte sechs Wochen, um wieder stabil zu sein - sie hatte eine starke Beziehung zu ihrem letzten Betreuten. Dann kam er ins Lazarus-Hospiz, wo sie ihn weiter besuchen konnte. Zur Trauerfeier wurde sie nicht eingeladen. »Die Angehörigen wollten durch mich nicht daran erinnert werden, dass sie beim Sterben nicht für ihn da waren«, sagt sie.

Mit Peter Reinicke betreut Anne Willmann wieder jemanden, der eigentlich keine Angehörigen hat. Das »eigentlich« steht für eine Schwester, die zwar in Berlin lebt, aber fünf Kinder hat, »keine Zeit und wenig Verständnis«, wie Reinicke sagt. Und für eine Exfrau und eine Tochter, beide in Frankreich, wo Reinicke auf die Welt kam und aufgewachsen ist. Es braucht viel Kaffee und einige Zigaretten, bis der 43-Jährige auch über diese beiden spricht. Über seine Enttäuschung, dass die Tochter, jetzt, wo sein Geld weg ist, nichts mehr von ihm wissen will. Anne hört sich seine Geschichten oft und immer wieder an, zeigt Verständnis, wenn sich Peter Reinicke beschwert: über das wenige Geld, mit dem er auskommen muss, über die Allergien, die ihn plagen - gegen Lactose oder Nachtschattengewächse; über die Kopfschmerzen, die immer schlimmer werden.

Eine Dosis Morphium alle vier Minuten

Dabei wollte er zunächst die Möglichkeit einer Hospizbegleitung gar nicht in Anspruch nehmen: »Ich dachte, ich muss mit allem alleine fertig werden.« Der 43Jährige hängt an seinem Leben, das kann man daran sehen, wie tapfer er seine Schmerzen wegsteckt und wie sehr er versucht, autark zu bleiben. Er steht auf, um Fotos seiner Katzen vom Regal zu holen. Langsam geht er, etwas gebückt, und sehr, sehr vorsichtig setzt er sich wieder. Werden die Schmerzen, wie jetzt eben, zu heftig, kann er sich eine 15fache Dosis Morphium setzen. Drei Monate schon kommt Anne Willmann einmal in der Woche, den Rest der Woche bleiben die beiden telefonisch in Kontakt. »Reinicke sucht noch viel Zerstreuung«, sagt Anne Willmann, so als könnte man dadurch das Leben verlängern.

»Wer verdrängen will, darf verdrängen«, sagt Johannes Schlachter, der Pflegedienstleiter des anderen Berliner Hospizes namens Ricam. Erst recht den eigenen Tod. Über Ostern sind im Ricam vier Leute verstorben. Das bekommen alle mit, die vielen Kerzen und Blumen. Besonders an solchen Tagen kommt es oft vor, dass die Leute, die hier liegen, sagen: Ich kann nicht mehr. Aber für Johannes Schlachter bedeutet das nicht automatisch einen Wunsch nach aktiver Sterbehilfe. Viele haben nur Angst, andere zu belasten.

»Die schlechten Gedanken sind schnell da«, formuliert es Gabriela Buttgereit, 50 und Mutter zweier 15-jähriger Mädchen. Gaumenkrebs war die Diagnose vor drei Jahren. Jetzt ist der Krebs fast überall in ihrem Körper, ihre Muskeln haben sich auf der einen Körperseite verkürzt, weil sie über Monate eine Schonhaltung einnehmen musste, um die unerträglichen Schmerzen besser zu ertragen. Sie ist eine, die von den Ärzten gesagt bekommen hat: Wir können nichts mehr tun. Dann kam sie auf eine Pflegestation mit 60 anderen bettlägerigen Patienten. »Da durfte ich nicht einmal eine Frage zu Ende stellen«, Gabriela Buttgereit spricht langsam und schwer verständlich. »Da wäre ich eingegangen.« Seit einer Woche liegt sie im Ricam. »Schreiben Sie ruhig, dass es mir hier besser geht!« Jetzt, da sie von den Ärzten des ambulanten Ärztedienstes Home Care (der auch die stationären Hospize betreut) täglich mit Morphium versorgt wird, kann sie auch mit ihren Kindern über die Krankheit reden. Anstrengend sind für sie die selbstverständlichsten Dinge geworden. Am Vormittag hat sie mit einem Pfleger sitzen geübt, am Nachmittag werden ihr dann die Haare im Bett gewaschen. »Hier bin ich nie alleine«, sagt sie und zieht die Mundwinkel ein bisschen nach oben.

»Immer mit den Patienten im Gespräch bleiben«, sagt Schlachter. Das sei das Wichtigste. Was derzeit in den Niederlanden passiert, hält er für gefährlich. Natürlich haben Patienten gute und schlechte Tage, aber noch nie hat ihn jemand tatsächlich um die Giftspritze oder eine Todespille gebeten. Und so kommt auch er zu einem einzigen Schluss: »Bei guter Betreuung ist der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe kaum da.« Sterbehilfe wird und soll, geht es nach Johannes Schlachter, ein schwieriges Thema bleiben, das ein hohes Maß an Sensibilität erfordert. Wann ist Sterbehilfe aktiv, wann passiv? Wie sehr greift man ein, wenn man Schmerzdosen erhöht oder lebensverlängernde Maßnahmen setzt oder absetzt? Fragen, auf die er gar keine Antworten haben will.

Peter Reinicke hat längst seine Patientenverfügung unterschrieben. »Keine Herz-Kreislauf-Maschine, keine künstliche Ernährung«, zählt er auf. Aktive Sterbehilfe? »Bin ich dafür«, sagt er sehr kurz, würde er sofort machen, wenn es das hier gäbe - solange er noch bei klarem Verstand ist.

Verlässlich gibt die Pumpe, die an seinem Gürtel hängt, alle vier Minuten eine Dosis Morphium ab. Wenn es still ist, kann man das leise Surren hören. Die Schmerzen sind trotzdem groß. Eigentlich brauchte Reinicke schon die dreifache Dosis, um annähernd schmerzfrei zu sein. Das wiederum würde ihn in einen Dämmerzustand versetzen. Reinicke will aber klar im Kopf bleiben, will noch rausfahren mit dem Rollstuhl. Wenn es einmal so weit ist, will er, dass der Kater mitkommt: »Der geht ein, wenn ich nicht mehr da bin.« Steppi wird eingeschläfert werden. Für die drei kleinen Katzen, die erst in den vergangenen Wochen gekommen sind, muss er dann neue Besitzer finden. Bis es aber so weit ist, möchte er in seinen vier Wänden hier bleiben, das hat er auch schriftlich verfügt.

Peter Reinicke blickt hinaus in den Regen. Von seinem Balkon im fünften Stock aus hat er eine schöne Aussicht: »Auf die Charité, das Virchow-Klinikum und die Schering-Werke«. Er lacht: »Alles, was ich brauche!«

Informationsquelle: http://www.zeit.de/archiv/2001/18/200118...ze.xml?page=all

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