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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Wissenswertes zum Hospiz und zur Hospizarbeit
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

13.11.2005 10:10
Freundschaft schließen mit dem Tod antworten

Freundschaft schließen mit dem Tod

Frank Ostaseski im Zen-Zentrum Eisenbuch

Es kann vorkommen, dass du jemanden vor die Tür deines Hauses setzen musst. Aber setze niemals jemanden vor die Tür deines Herzens.

Frank Ostaseski

Don't wait! - warte nicht! Auf den ersten Blick mag diese Verhaltensregel im Zen-Hospiz San Francisco an einen der 70er-Jahre-Kalauer erinnern: "Wir wollen alles und wir wollen es jetzt". Auf den zweiten Blick ist sie schlicht existentiell. Hospiz heißt zwar wörtlich Gästehaus - doch heutige Hospize beherbergen sehr spezielle Gäste. Das Hospiz wird voraussichtlich ihr letztes "Haus" sein, es ist der Ort, an dem sie sterben werden, in Würde sterben. Wer noch Wichtiges erledigen will, wird im Hospiz ermuntert, es auch zu tun, und zwar sofort. Andernfalls könnte "aufgeschoben" eben doch "aufgehoben" heißen. Deshalb: warte nicht.

Das Zen-Hospiz San Francisco wird von einem Mann geleitet, der inzwischen auch in Europa berühmt ist: Frank Ostaseski. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, das angehäufte Wissen auch weiterzugeben; in ganz Amerika und Europa hält er Seminare zum Thema Sterben und Umgang mit Sterbenden. Immer streut er Geschichten aus "seinem" Hospiz ein, im November 2002 im Zen-Zentrum Eisenbuch auch die von "dont' wait". Was Hospizbewohnern "wichtig" ist, ergänzt er, ist fast immer persönlich: Sie wollen ihren Lieben Gutes tun, sie trotz der ernsten Lage nicht traurig sehen oder ihnen noch Dinge sagen, die diese wissen müssen. Oder sie möchten selbst noch etwas genießen - Berührungen oder Vogelgezwitscher, eine bestimmte Musik oder die Spaghetti mit der Lieblingssauce. Einfache, elementare Dinge wünschen sie, nichts von Konsum, auch wenn der uns laut Werbung noch so selig machen soll. Sterbende "dürfen" so denken, und dieses Denken wirkt zurück auf das Personal und seine Arbeit.

Die Hospiz-Bewohner sind krank - sterbenskrank. Ihrer Krankheit gemäß werden sie vom Personal professionell und angemessen gepflegt und versorgt, Angehörige brauchen sich keine Sorgen machen. Sie haben dadurch Energie für das, was zu tun das Personal sie ausdrücklich bittet: "Konzentriert euch auf das, was nur ihr könnt: diesen Menschen lieben - als Person und als Individuum, das ihr gut kennt". Solche Liebe hat eine Geschichte, und es hieße spielen, simulieren, wenn nicht lügen, sähe man in einem professionellen Konzept derartige persönliche Liebe vor. Die seelische Seite allgemein gehört allerdings selbstverständlich zur professionellen Versorgung im Zen-Hospiz San Francisco. Und "seelische Versorgung" verstehen Personal und Leiter Frank gleich: die Patienten unaufdringlich und freundlich um-sorgen, ihnen konzentriert zuhören und in einem allgemeinen Sinn liebevoll "da" sein - auch dann, wenn sie es nicht dringend einfordern. Man könnte sagen: sie begegnen ihnen rundum "achtsam".

Dieses Da-Sein verlangt keine außergewöhnlichen, aber doch ganz bestimmte geistige Fähigkeiten. Diese entwickeln sich selten völlig naturwüchsig, doch psychisch gesunde Menschen können sie lernen, sie ausbilden und üben. Mag sein, dass das frühere Generationen in der allgemeinen Erziehung nachhaltiger gelernt haben als heutige. Wer nämlich heute ohne Spezial-Ausbildung versucht, anderen Menschen in existentiellen Situationen Tag für Tag freundlich zu begegnen und "selbstlos" für sie da zu sein, bedient sich allzu oft dessen, was man die "eigene Substanz" nennen könnte; im Fachjargon reichen die Verhaltensweisen vom Helfersyndrom bis zur pathologischen Selbstausbeutung. Über kurz oder lang sind solche Menschen dann überfordert oder ausgebrannt, verlieren sich selbst und manche werden sogar psychisch krank.

Frank Ostaseski und seine Leute jedenfalls wollen die Fertigkeiten der achtsamen Begegnung in ihre Arbeit einbringen, nur dann erfüllen sie ihre eigenen hohen Ansprüche. Wie vermeiden sie Helfersyndrom, Selbstausbeutung und Ausbrennen? Frank - alle nennen ihn beim Vornamen - malt diese Teufel nicht an die Wand. Er berichtet positiv davon, was er und seine Leute tun, um diese Fertigkeiten in sich zu entwickeln und zu pflegen, ohne sich zu überfordern. Die Fertigkeiten liegen nicht verpackt und verbrauchsbereit in der Vorratskammer, sie müssen leben, und lebendig werden sie nur, während man sich mit Menschen beschäftigt. Nun gibt es genau einen Menschen, dem wir nicht entkommen, mit dem wir ständigen und intensivsten Umgang pflegen müssen: wir selbst. Also übt man die einfühlenden Fertigkeiten am besten an sich selbst ein, sagt Frank lächelnd. Erst wenn ich im Konzept der achtsamen Begegnung auch selbst vorkomme, sind alle gemeint. Dann ist es umfassend, und wenn es umfassend ist, kann es funktionieren. Nur besonders genau hinschauen muss ich, wenn es um mich selbst geht. Das heißt für die Hospiz-Mitarbeiter: in einem Prozess mit tausend Rückmeldeschleifen lernen sie sich immer genauer kennen, sie finden heraus, wo sie automatisiert reagieren, worauf sie besonders empfindlich sind und was sie unweigerlich in Wut oder Weltschmerz stürzt. Ihr Weg dorthin: die Meditation.

Was für die Profis im Hospiz recht ist, ist für Ehrenamtliche billig und für alle anderen nicht minder. Ostaseskis Seminar zum Tod jedenfalls setzt genau da an: an den Teilnehmern selbst. Er trainiert nicht technisch, wie "man" Sterbende am besten "begleitet" oder sie "behandelt". Er trainiert, wie man sich in ihre Bedürfnisse einfühlt.

Die Basis, zu der man immer zurückkehrt, ist die Meditation des Gautama Buddha, vor allem Satipatthana, was heutzutage unter der Überschrift "Achtsamkeit" oder auch "Vipassana" firmiert. Daran schließen sich einige andere Übungen an: Denkübungen, Visualisierungen, Geistreisen. All diese thematischen Übungen kreisen um Leben, Sterben und leiblich-seelische Bedürftigkeit. Einmal teilt Frank Schwarz-Weiß-Photos im DIN-A-4-Format aus, Porträtaufnahmen, Menschen, Menschengruppen. Fünf bis sechs davon schauen wir jeweils sehr genau an. Wir machen uns klar, dass sämtliche Aufnahmen Menschen darstellen, die bereits verstorben sind. "Den Tod zu mir einladen", nennt Frank das. Am nächsten Tag eine Art Visualisierungsübung: ich habe Krebs, die Ärzte prognostizieren noch ein Jahr, aber schließlich werden es nur fünf Monate. Ganz langsam erzählt Frank die Geschichte. Und fragt in jedem Stadium: Was machst du jetzt? Und der Schluss: wenn dir eine Begegnung, ein Gespräch, eine Versöhnung, irgendetwas so wichtig ist, dass du dich im Angesicht des Todes, in diesen fünf Monaten dazu aufraffst - warum nicht gleich? "Don't wait" für Gesunde.

So springen die Teilnehmer direkt und persönlich in das Thema Tod, sie erinnern sich an scheinbar entschwundene Erfahrungen, schälen Ideen und Vorstellungen über Jugend, Alter und Hinfälligkeit heraus und stellen fest, wie alte Geschichten mitwirken, wenn sie Bilder wahrnehmen. Unversehens schaut man sich nicht mehr cool zu, sondern steht mitten drin. Gefühle lassen sich nicht leugnen, Tränen bleiben nicht aus, und wem es zu viel wird, der kann immer einen Vier-Augen-Termin bei Frank bekommen.

Egal, welche Übung, im Anschluss gibt's ein Plenum: wer eine Idee, eine Geschichte, einen Kommentar dazu mit allen teilen will, kann das dort tun. Direkt nach der Übung allerdings schickt Frank grundsätzlich alle in die Metaschleife: einmal muss ich der Nachbarin zur Linken, ein andermal dem Nachbarn zur Rechten erzählen, was sich ereignet hat – und den Erzählungen der beiden konzentriert zuhören. Konzentriert zuhören – das ist ein Schlüsselwort. Frank illustriert, woraus es besteht: 1. präzise hören, was wirklich gesagt wird, 2. sanft reagieren, 3. auf Kommentare verzichten; "entsagen" nennt er das. Das minimiert, was alle gerne austeilen, aber niemand gerne empfängt: Ratschläge jeder Art. Gezielt üben wir auch das, jeweils zu zweit auf durchaus gewöhnungsbedürftige Weise. X-mal stelle ich die immergleiche Frage, mein Gegenüber antwortet jedes Mal anders. Ich darf immer nur zuhören und die gleiche Antwort geben: "Danke". Dann Rollentausch - und ich bemühe mich, keine Wertungen und Einschätzungen ab-, sondern nur unmittelbare Empfindungen wiederzugeben. Franks Fragen wechseln. Diesmal lauteten sie – in der Übersetzung unserer Zweiergruppe: "Wie geht es dir, wenn du dich aufgehoben fühlst?" und "Wie geht es dir, wenn du dich verloren fühlst?"

Meditation allerdings ist für Frank Beginn, Mitte und Ende der Selbstausbildung. Meditation, lehrt der Buddha, bedeutet: systematisch den Atem beobachten, Empfindungen beobachten, Gefühle beobachten, Gedanken beobachten, Schwierigkeit ansteigend. Deshalb lernt und übt man es der Reihe nach. Schon einfach den Atem beobachten ist nicht unbedingt einfach, oft genug tanzen die Gedanken Tango. Richtig schwierig wird es, wenn wir Gedanken beobachten: wie beobachtet man etwas, was einen am Beobachten hindert, weil es auch schon da ist? Es gibt Krücken. Beim Atem heißen sie: wo spürst du die Atemluft? In der Nase, in der Brust oder im Bauch? Beim Beobachten von Empfindungen und Gefühlen spannen wir das Denken ein: wir benennen die Empfindung, das Gefühl, etwa Schmerz oder Ärger. Dann können wir den Schmerz beobachten oder den Ärger, wie sie sind, was sie tun, wie sie uns innerlich beschäftigen - und als nächstes, wie sie vergehen. Und die Gedanken? Man konzentriert sich nicht auf ihren Inhalt, sondern auf den Vorgang "ich denke". Manchmal wird das dann für kurze Zeit einziger Inhalt. Nur eines muss man bleiben lassen: Wertungen; sonst funktioniert all das nicht.

Bestandteil der Meditation ist das "achtsame" Gehen; es ist die Methode, über die Sinnlichkeit die Welt zu er"fahren"; da trifft die Meditation die deutsche Sprache – schließlich bezeichnete das Wort "fahren" früher jede Art der Fortbewegung, auch das Gehen. Wir gehen oft draußen und immer extrem langsam, lassen die Füße bewusst abrollen, weil nur das gewährleistet, dass wir nicht über das "hinweggehen", was die Füße spüren, wenn sie die Erde berühren.

Wer Satipatthana längere Zeit übt, freundet sich mit der Vergänglichkeit als dem grundlegenden Prinzip dieser Welt an. Satipatthana ist die Übung im Loslassen schlechthin, und Frank sagt leise, das sei so etwas wie das Sterben im Leben. Irgendwann, verspricht er, geht es so weit, dass man auch die Furcht loslassen kann – er sagt immer fear, also die konkrete Furcht vor irgendetwas, nicht anxiety, also unspezifische Angst. Lassen wir die Furcht los, können wir das Leben ganz intensiv als zerbrechlich erfahren, ohne dabei in Panik zu verfallen. Das Leben wird weniger selbstverständlich und das ermöglicht uns, es stärker wertzuschätzen als zuvor. Die Furcht loslassen hat nichts mit dem ständigen Gut-drauf-Sein zu tun, das heute erwartet wird. Um "gut drauf" zu wirken, haben wir uns angewöhnt, negativen Gefühlen wie Wut oder eben Furcht genauso zu begegnen wie unangenehmen Empfindungen wie Schmerzen: Wir schieben sie beiseite oder betäuben sie gleich ganz. Die Furcht "loslassen" dagegen heißt in gewisser Weise, dass sie überflüssig wurde, weil wir ja "im Leben gestorben" sind.

Warum meditieren? Frank grinst: aus dem gleichen Grund, aus dem wir die Zähne putzen. Wir "stinken" innerlich, wenn der Schrott nicht per Meditation abtransportiert wird. Meditation, sagt er, "öffnet, was geschlossen ist, sie bringt ins Gleichgewicht, was in Schieflage geraten ist, und sie deckt auf oder erhellt, was verdeckt oder getrübt ist". Dafür braucht man sich nicht auf Satipatthana beschränken. Frank selbst arbeitet zusätzlich in "geführten Meditationen" mit den vier Elementen, aus denen wir bestehen: Feuer, Wasser, Luft und Erde, in der ganzen Welt recht ähnlich konzipiert. Frank fügt ein fünftes hinzu: den Raum. Beobachtet man den Atem, die Empfindungen, die Gefühle, die Gedanken - immer kann man sie damit in Zusammenhang bringen, welches Element gerade vorherrscht. Die Temperatur - Feuer. Körperbestandteile - Wasser. Bewegung - Luft. Festigkeit, Annehmen von etwas Gegebenem - Erde. Was über, unter und neben uns ist - Raum. Die Elemente schließen den Bogen zum Sterben. Im tibetischen Buddhismus betrachtet man Sterben als den Prozess, in dem sich die Elemente, aus denen wir bestehen, wieder trennen. Frank liest vor, was Kalu Rinpoche dazu aufgeschrieben hat; es ist furchtlos und beruhigend.

Wenn sich die Seminarteilnehmer nach einiger Zeit kennen und vertrauen, macht Frank Übungen zum Umgang miteinander, die – auch wenn man sie nicht direkt anwendet – beim Umgang mit Sterbenden nützlich sind. Üben kann man schließlich nur mit Leuten, die grade nicht im Sterben liegen. Im Sterben werden wir empfindlicher, Sterbende hören besser und bekommen intuitiver mit, was Sache ist. Deshalb üben wir genau das. Die Übungs-Partnerin liegt auf dem Boden, wir sitzen auf den Fersen daneben. Wir stellen das eigene Atmen auf sie ein und versuchen, ohne Worte herauszubringen, was sie gerade braucht. Da wird klar, was es helfen kann, stundenlang dem eigenen Atem gefolgt zu sein: plötzlich will und kann man registrieren, was der oder die andere gut oder schlecht findet.

Was bringt die Leute in dieses Seminar? Manche arbeiten im Hospiz, teilweise ehrenamtlich. Sie gehen anders zurück, vielleicht sogar beschwingt. Die meisten hatten kürzlich Nahestehende verloren. Manche hatten sich einfach nur alt genug gefühlt, sich einmal dem Tod zu nähern. Praktisch befassten sich dann alle vorwiegend mit sich selbst, und gaben auf die Schlussfragen einen bunten Strauß von Antworten: "Was hat dich überrascht?", "Was hat dich inspiriert?" "Was hast du über die Liebe gelernt?". Schließlich forderte sie Frank auch noch auf, sich für den Rest des Lebens die Frage zu beantworten: Wie viel ist genug? Genug Arbeit? Genug Konsum? Genug Geld? Genug reisen? Im Tode zählt nur das Einfache.

Es ist nicht die Zeit, die sinnlos vergeht,
sondern der Mensch, der sie sinnlos zubringt.

Eihei Dogen, Shobogenzo Zuimonki

von BK

© Zen-Zentrum Eisenbuch 2003


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